Ausgabe 
18.4.1911 Erstes Blatt
 
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Vermischtes.

Die neuen Sundertmarkscheine haben bekanntlich be züglich Ausführung und Format viel berechtigten Tadel gefunden. Ein abfälliges Urteil hat nun in ganz unbe­wußter und naiver Weise, auch ein Schwarzwaldbäuerlein über sie gefällt, das dieser Tage an einer Kasse in Donau­eschingen einige hundert Mart in Scheinen ausbezahlt be= tam und dabei auch einen von den Neuen" erhielt. ,, Er legte," so erzählt der Frankf. 3tg." der betreffende Kassen­beamte ,,, die Scheine zusammen und versuchte sie in seinem Geldbeutel unterzubringen; der eine größere Schein geniert ihn aber offenbar dabei. Da sieht er mich hilfesuchend an und sagt, auf den neuen Schein deutend, wo das eine Ende so ziemlich unbedruckt ist und nur das Bild Kaiser Wilhelms I. in Form eines Wasserzeichens enthält: Sie, fennt mer des net abehaue?"

Eine sonderbare Wohltäterin, die die größte Zeit ihres Lebens im Gefängnis zugebracht hat, eine 63 Jahre alte geschiedene Frau eines Sprachlehrers aus Albrechtshofen, ist neuerdings in Würzburg verhaftet worden. Sie hatte fich für 8000 M Stoffe erschwindelt, die sie als angebliche Sauftererin faufte, zu Spottpreisen wettergab und den Er­lös den Armen schenkte. Für sich hat sie nichts behalten. Ein Kaufmann in Würzburg, den sie wiederholt zu betrü­gen versucht hatte, ließ die sonderbare Wohltäterin ver­haften.

Verhaftung eines Erpressers. Eine in Schlachtensee bei Berlin in einer etwas abseits stehenden Villa woh­nende reiche Dame erhielt dieser Tage einen Drohbrief, in dem von ihr eine große Summe Geldes verlangt wurde unter der Androhung, daß sie eines fürchterlichen Todes Sterben werde, wenn die Summe nicht an einem bestimmten Berliner Postamt hinterlegt werde. Die Dame benachrich­tigte sofort die Polizei, und dieser gelang es nach zwölf­stündigem Warten, einen jungen Menschen zu verhaften, der nach der angegebenen Chiffre fragte. Es stellte sich heraus, daß der Verhaftete der Schreiber des geheimen Drohbriefes gewefen ist. Er wurde als 21jähriger Metall­arbeiter aus Friedenau festgestellt, ein entfernter Ver­wandter seines Opfers.

Rettungsmedaille für eine Schülerin. Der Großher­zog von Mecklenburg hat der Schülerin der höheren Löch­terschule zu Güstrow, Ursula Stuter, die Medaille für Rettung aus Lebensgefahr verliehen in Anerkennung thres mutigen Eintretens im Februar d. J., wobei sie zwet Primaner des Gymnasiums zu Güstrow auf dem Inselsee von dem Tode des Ertrinkens unter Gefährdung des eige­nen Lebens rettete. Die Medaille wurde dem tapferen Mädchen anläßlich des Geburtstages des Großherzogs in der Aula der höheren Töchterschule in Gegenwart der Mit­glieder des Kollegiums und der Schülerinnen überreicht.

Die Fußwaschung in München. Die berühmte Feier­lichkeit der Fußwaschung der zwölf ältesten Männer Bayerns durch den Prinzregenten fand am Gründonners­tag im Herkules- Saal der Residenz statt. Prinzregent Luitpold begab sich zu jedem der zwölfe, genannt die Apostel, begoß ihnen nacheinander die Füße und trocknete fte mit einem Tuche ab. Der Stiftsprobst füßte dann die gewaschenen Füße. Sterauf erhielten die Apostel vom Brinzregenten eine Geldspende, die er ihnen selbst in weiß­blauem Beutel um den Hals hing. Die Männer, deren ältester 98 ist, haben zusammen ein Alter von über 1100 Jahren. Der Feierlichkeit wohnten der gesamte bayrische Hof, alle in München weilenden Minister, Reichs- und Staatsräte und Kämmerer bei.

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rollte sich dieser Tage vor einem der Friedensrichter Pe­tersburgs. Dionora Schabat flagt ihren Mann an, sie ge­schlagen und verstümmelt zu haben und beansprucht von ihm 150 Rubel. Abdul bekennt sich nicht als schuldig. ,, Aber Sie haben Ihre Frau geschlagen?" fragt der Rich­ter. Ich habe sie geschlagen." ,, Und Sie haben ihr den Arm ausgerentt?" Ich habe ihr den Arm ausge­renkt." So sind Sie also doch schuldig!" Nein, ich bin nicht schuldig. Ich habe das wegen der Scheidung ge­tan. Bei uns Tartaren ist es sehr schwer, fast unmöglich, die Scheidung zu erhalten. Mit mir ereignete sich nun fol­gende Geschichte. Ich lebte in Petersburg an die fünf Jahre als Fuhrmann. Im vergangenen Jahr rief mich mein Vater heim, um mich zu verheiraten; er sagte, daß er für mich die Tochter des Mullah ausgesucht habe. Wir Tartaren sehen die Braut erst nach der Hochzeit. Ich wußte aber, daß der Mullah zwei Töchter hatte, die ich noch als Kinder gesehen hatte; die jüngere Marjaka, sehr hübsch, die ältere- nun, Sie sehen ja selbst Herr Richter", und der Tartar blidte verächtlich auf seine Frau; schief, schieläugig.... übel wird einem, sie zu sehen! Ich be­gann mit dem Mullah zu verhandeln. Für die Marjaka wollte er 300 Rubel, die Dionora wollte er für 100 ab­geben, aber ich hätte sie nicht einmal geschenkt genommen. Wir wurden auf die Marjata mit 150 Rubel einig, aber bei der Trauung schob man mir diese hier unter. Als ich den Schaden besah, brannte mein Herz vor Wut. Ich schickte sie zum Vater zurück, aber sie geht nicht. Da nahm ich die Knute und ging. Aber der Vater nahm ste nicht auf, und sie fehrt wieder zu mir zurück. So plagte ich mich zwei Monate; ich habe sie am ganzen Leibe braun und blau ge­schlagen, schlimmer als ein wildes Tier bin ich geworden. Aber der Vater nimmt sie nicht auf. Ich begann, ihn zu bitten, er solle uns scheiden, aber er scheidet nicht. Da be­schloß ich, sie zu verkrüppeln, weil ich das Recht habe, eine andere Frau in das Haus zu nehmen, wenn die Frau ein Krüppel ist. Und wenn sie nicht gehen wird, so schlage ich ste noch tot." Schweigend steht Dionora ihrem Manne gegenüber. Der Richter verurteilt Schabat zu drei Mona­ten Gefängnis und spricht der Frau 150 Rubel zu.

Die Schäße der Kaiserin- Witwe von China. In Pe­fing erhält sich andauernd heimlich das Gerücht, daß Gold­barren im Werte von 120 Millionen Mark heimlich nach England gebracht worden seien. Sie sollen aus dem Be­sttze der verstorbenen Kaiserin- Witwe, langjährigen Re­gentin des chinesischen Reichs, stammen, die es in langen Jahren ihrer Regierung verstanden hat, mit einer an Geiz grenzenden Sparsamkeit dem großen Vermögen thres Hauses ungezählte Schätze hinzuzufügen. Der Wert der Juwelen allein, die die Katserin- Witwe sammelte, wird auf mehr als 300 Millionen Mark geschätzt.

Ueber die Heiratsaussichten der sogenannten Berufs­frau macht Käthe Schirrmacher in der Deutschen Frau" unter Berufung auf die Statistik Mitteilung. Es han= delt sich nicht darum, ob die Frau Beruf und Ehe dauernd miteinander verbinden kann und soll, sondern nur darum, ob die im Beruf stehende Frau mehr Aussichten auf Heirat hat als die sogenannte Haustochter". Mit letzterem Wort ist die Frage schon auf die bürgerlichen Schichten beschränkt. Von den Berufsfrauen heiraten am seltensten die Lehre­rinnen. Wären Bildung und sittliche Tüchtigkeit wirklich So entscheidend, dann müßten ja die Lehrerinnen, und be­sonders die erziehlich- mütterlich veranlagten Lehrerinnen, den höchsten Ehekurs" erreichen. Das ist aber nicht der Fall; die besten Eheaussichten haben nicht einmal die Ver­fäuferinnen, sondern die Chortstinnen und Tänzerinnen. Unsere Statistik berichtet von 380 Choristinnen und Tän­zerinnen, die sich( aus einer Zahl von 500) nicht nur ver­heiratet, sondern sich alle über ihren Stand verheiratet hatten: 150 mit Aristokraten, 200 mit begüterten Indu­striellen. Auch die Handlungsgehilfin heiratet öfters über ihren Stand. So waren laut fener Statistit von 400 Ver­fäuferinnen 83 mit früheren Offizieren und 12 mit wohl= habenden Kaufleuten verheiratet. Ueberhaupt sind es Industrielle und Kaufleute, die bet der Wahl ihrer Frau­en den wettesten Spielraum haben, da sie wirtschaftlich am unabhängigsten und am wenigsten in enge Standes­vorurtelle eingeschnürt sind und oft nicht auf Geld zu sehen brauchen.

Wie man Millionär wird. Bei den amerikanischen Multimillionären hat ein in Neuyork erscheinendes Blatt eine interessante Rundfrage veranstaltet, um von den Dol Tartönigen das Geheimnis zu erfahren, wie man sicher und unabwendbar Millionär wird. Als erster antwortete Carles Rouß, der Besitzer eines Vermögens von mehr als 100 Millionen. Das Vermögen hängt einzig und allein pom Individuum ab. Je größer das Arbeitsfeld, je größer die Ernte. Arbeit, Ehrlichkeit, Sparsamkeit und Pünkt­Itchkeit sind die sicheren Grundlagen des Reichtums. Die Kreditertellung und die Zusammenarbeit mit Partnern And die gefährlichsten Feinde des geschäftlichen Lebens. Kaufe und verkaufe schnell und begnüge dich mit einem Heinen Gewinn: das führt dich sicher zum Ziel." Der Mil­Itonär Collins P. Huntington erklärt: Man soll nie an­beren seine eigenen Projekte erläutern oder erzählen. Vor allem aber Höflichkeit gegen alle, mit denen man in Ver­bindung steht. Ein Geschäft vorher eingehend von allen Seiten betrachten, dann aber direkt und energisch dem Siele zusteuern: das sind die Mittel des Erfolges." Der steinreiche Finanzmann Russel erteilt den Rat: Um Er­folg zu haben, muß man ehrlich sein, arbeitsam und vor allen Dingen die allerftrengste Sparsamkeit zum Prinzip machen." Ausführlicher äußert sich der Bankier D. O. Wil­Its, Bestzer eines Vermögens von 400 Millionen: Acht Stunden schlafen, 12 Stunden arbeiten und den Rest des Tages zur Berstreuung des Geistes verwenden; alle Wech­fel und Schulden einen Tag vor der Fälligkeit bezahlen, bon 5 verdienten Dollars immer einen beiseite legen: das Ist der wahre Weg zum Reichtum." Auch Carnegie, der Stahlkönig, verrät sein Geheimnis und belehrt alle, die Millionär werden wollen: Das Geheimnis des Reichtums Itegt restlos geschlossen in folgenden fünf Grundsätzen: Bünttlichkeit, schnelles Handeln, Kaltblütigkett, Sparsam­fett und in dem unerschütterlichen Prinzip, sich niemals zu überhasten."

Zehn Millionen für die Bekämpfung der Tuberkulose. Der befannte Weizen- und Baumwolltönig James Patten in Chicago hat eine großartige Stiftung zur Bekämpfung ber Tuberkulose errichtet. Er hat sich entschlossen, sein gesamtes Vermögen dem Kampfe gegen die Tuberkulose zu widmen. Der Tod seines Bruders an dieser Krankheit hat, pole man sagt, ihn zu diesem Entschlusse gebracht. Patten hat bereits 2% Millionen Mark für diesen Zweck veraus­gabt, die er der Universität von Evanston( Illinois) über­pies. Er hat dieser Summe jetzt weitere zehn Millionen Mart hinzugefügt. Ein Sittenbild aus dem tartarischen Leben. Eine harakteristische Episode aus dem Leben der Tartaren ent­

Prophetische Fernphotographie. Schon wieder ein Schritt weiter auf dem Gebiete des unmöglich Scheinen­den. Nachdem, wie allgemein bekannt, Professor Korn ein Verfahren ausgearbeitet hat, das es ermöglicht, Bilder auf telegraphischen Wege zu übertragen, scheint es einer Berliner Zeitung geglüdt zu sein, fünftige, erst eintretende Ereignisse im voraus im Bilde zu bringen. Am 31. März wurde der Lötschbergtunnel durchschlagen. Schon am 26. Februar konnte das Berliner Blatt seinen Lesern, wie der Berner Bund" meldet, ein Bild mit der Aufschrift zei­gen: Die Vollendung des Lötschbergtunnels. Die Arbei­ter, die von beiden Seiten her den Berg durchbohrt haben, begegnen einander unter der Erde." Auf der einen Seite sind haltnackte Mineure zu sehen, der eine bohrend, ein anderer eben zum Schlag ausholen. In der Höhe ist ein Loch sichtbar, in dem die Mineure von der anderen Seite erscheinen. Erstaunlich, selbst in unseren neuheitsreichen Zeit.

gekommen, so daß er allein dadurch ein beträchtliches Sümm­chen auf die Seite legen konnte. Seitdem konnte man ihn totschlagen", auf den für ihn so einträglichen Verkehr mit den Geistern hätte er nicht mehr verzichtet; er räumte ih­nen im Gegenteil selbst in seinem Theater einen so großen Einfluß ein, daß er die Rollen nie bsetzte, ohne vorher mit den Geistern Rücksprache gepflogen zu haben.

Geistesgegenwart." Ja, meine Herren, faltblütig muaß der Mensch sei"", renommierte der Förster Gamsbichler am Stammtisch. Komm' t' da amal in a' Mordswetter' nei', mitten im Holz draußen. J' hab' mir g'rad' a' Pfeif'n Tabak g'stopft, mirt aber, daß l'koa eaer hab'. Halt, hab' i' mir denkt, hängst d' Pfeif'n an a' allvanstehende Ficht'n hi'.' geh' a' paar Schritt z'ruck und hock' mi' am Boden hi'.' hab' no' net bis sechse' zählt, auf amal tunt's an Krach der Blitz hat in' n Baam ei'g'schlag'n- und wia i' hi'fimm', hat' d' Pfeif'n scho' brennt aa'.- Wenn Sie's net glaub'n, meine Herrn' n sel'n Baam kann i Eahne heut' no' zeig'n."

Das Kunststück. Gattin: Du könntest eigentlich auch einmal' was erfinden! Da schau' zum Beispiel den großen Benjamin Franklin an, der mit einem Schlüssel und einem Drachen den Blizableiter erfunden hat." Pantoffelheld: " Kunststück! Der hatte eben einen Hausschlüssel!"

Die Revolution in der Champagne.

Der Aufruhr in der Champagne, der die Form einer offenen Revolution angenommen hatte, wird jetzt von den Regierungsbehörden energisch bekämpft. Der Präfekt des Marnedepartements verfügt über 16 000 Soldaten, das Aubedepartement soll ebenfalls militärisch besetzt werden. In Ay gelang es den Truppen, die aufrührerischen Winzer zu vertreiben; auf beiden Seiten gab es viele Verwundete. Die Rädelsführer der aufrührerischen Winzer sind verhaftet worden. Am Freitag herrschte im Aufstandsgebiet allge­meine Ruhe.

Die Schreckensnacht in Ay und Epernay. Die Ausschreitungen in Ay und Epernay am Mittwoch waren noch viel ausgedehnter und furchtbarer, als es nach den ersten Meldungen den Anschein hatte. Mehrere tausend Winzer hausten den ganzen Tag über wie Hunnen und Ka­nibalen in der Gegend. Sie verbrannten mehr als ein Dutzend Champagnerfabriken, vernichteten tausende von Hektolitern Wein in Flaschen und Fässern, plünderten die Privatwohnungen der Fabrikanten und des Personals voll­kommen aus, nachdem sie fich in Champagner tierisch be­trunken hatten. Geldschränke wurden erbrochen und ent­leert, das Silberzeug gestohlen, Möbel verbrannt, Ge­schäftsbücher vernichtet, das Maschinenmaterial zerbrochen, die Hühner aus den Ställen gezogen und lebend in den Scheiterhaufen geworfen, so daß ganz Ay nach Wein, Brand und geröstetem Fleisch riecht. Der Präfekt des Marnede­partements sagte wörtlich zu den Reportern:" Dies ist der Bürgerkrieg." Die Truppen waren ohnmächtig oder nicht an richtigen Orten und durften von der Waffe keinen ausret­chenden Gebrauch machen. Erst spät abends wurde Ay mi­litärisch besetzt und von den Winzern gesäubert. Es fand ein heftiger Zusammenstoß zwischen den Truppen und den Empörern statt, wobei es beiderseits Verletzte gab. Die Winzer nahmen ihre Verwundeten mit. Das Pfed eines Dragoners wurde durch einen Bombenwurf getötet, der Reiter verletzt. Der Unterpräfekt von Bar- sur- Aube wurde im Dienstgebäude ducch Faustschläge verwundet. Die hen­lende Menge belagerte die Unterpräfektur bis zur Ankunft des Militärs. Die Gendarmen wurden in Ay in die Enge getrieben. Ste mußten durch Infanterie und Kavallerie her­ausgehauen werden. Ay glich einer Stadt nach der Be­lagerung. Ganze Straßen sind niedergebrannt, Die Frauen und Bürger der Stadt protestierten schließlich gegen allzu große Ausschreitungen und riefen: Genug, ge­nug!" Aber die Winzer antworteten, trunken von Wein und Mordbrennerei: Es ist niemals genug, wenn man Revo­lution macht." Patrouillen durchstreifen die ganze Umge­gend, um Ansammlungen zu verhindern. Die Winzer in Venteuil hatten aus Karren, Bündeln von Rebpfählen und Balfen Barrikaden gebaut, die sie in Brand steckten, als Truppen eintrafen. Auch Barrikaden aus Telephon= stangen und Drähten wurden errichtet. Bet den meisten der Verhafteten fand man Bronzen, Gemälde und Uhren, die aus den Privatwohnungen der Fabrikanten gestohlen worden waren.

Der gepfändete Stadtverordnete. Mit einem intereffan­ten Rechtsfall werden sich demnächst die Verwaltungsbehör­den zu beschäftigen haben. Der Stadtverordnetenversamm­lung in Osterode i. Ostpr. gehörte ein Mitglied an, das trob wiederholter Mahnung seine Steuern nicht zahlte. Darauf wurde er gepfändet, aber ebenfalls ohne Erfolg, der Gerichtsvollzieher fand Pfändbares nicht vor. Als diese Tat­sache dem Magistrat bekannt wurde, trat er an den Vor­steher der Stadtverordnetenversammlung mit dem Ersuchen heran, den säumigen Steuerzahler aus der Liste der Stadt­verordneten zu stretchen. Das tat benn auch der Vorsteher, der aber mit dieser Maßnahme den Widerspruch des Steuer­zahlers hervorrief. Dieser hatte inzwischen die rückständi­gen Steuern bezahlt und sah den Schritt des Vorstehers als imberechtigte eigenmächtige Handlung an. Er wandte sich an das Stadtverordnetenkollegium mit einer Beschwerde, der die Versanmlung auch stattgab. Er wurde wieder in sein Amt eingesetzt. In dem Beschluß über den Fall wurde seitens der Stadtverordnetenversammlung noch ausgeführt, daß der Schritt des Vorstehers rechtswidrig sei und daß er bet dem Ausschluß des betreffenden Mitgliedes seine Be­fugnisse überschritten habe. Mit dieser Stellungnahme der Stadtverordnetenversammlung war wieder der Magiftrat nicht einverstanden, der dem Beschluß des Kollegiums die Zustimmung versagte. Die Stadtverordneten blieben aber dabet, daß ste auf dem Rechtsboden ständen und haben be­schloffen, gegen den Magistrat beim Verwaltungsgerichtshof Klage auf Aufhebung des Beanstandungsbeschluffes zu er­heben. Auf diese rechtliche Auseinandersetzung darf man wirklich gespannt sein.

Der einträgliche Spiritismus. Der verstorbene Berli ner Theaterdirektor Karl Weiß war ein überzeugter Spiri­tist. Warum er aber so zähe an seiner Ueberzeugung hing und durch keinerlei Vernunftgründe davon abzubringen war, tft weniger bekannt. Der Grund war ein recht mate­rieller. Als nämlich Karl Weiß noch nicht lange Geister­seher war, und noch an Rückfällen in die Zweifelsucht der oberflächlichen Weltfinder Ittt, träumte er eines Nachts ron einem bedeutenden Lotteriegewinn mit solcher Nachdrücklich­tett, daß er sich beim Erwachen noch der Nummer entsinnen konnte. Er machte den Versuch, und siehe da, das Los ge= wann. Das ist ihm, wie er selbst erzählt hat, im Laufe der Jahre häufig passiert und jedesmal sind die Nummern, öte ihm seine Getster augetragen, mit einem Gewinne heraus­

3wei Worte, die 8000 Mark foften.

Aus Paris wird der Inf." geschrieben: Ein inter­essanter Prozeß wurde vor einigen Tagen hier verhandelt. Der Kläger war Professor le Théry, einer der bekanntesten Chirurgen der Seinehauptstadt. Seine Klage wandte sich gegen den russischen Großkaufmann Wladimir Lubowitsch und das Objekt der Klage waren 10 000 Francs. Der rus­fische Großfaufmann, dessen Gattin schwer erkrankt war, hatte den Chirurgen vor einigen Wochen in Paris aufgesucht, um mit ihm eine Operation seiner franken Gemahlin zu verabreden. Professor le Théry riet, diese Operation sehr bald vornehmen zu lassen, da er aus den Angaben des Ehe­mannes entnahm, daß es sich um ein gefährliches Leiden bet seiner Frau handele. Der Russe hingegen wünschte den Tag der Operation erst dann festzusehen, wenn er von sei­ner Auslandsreise zurückgekehrt sein würde, und man fam überein, daß ein Telegramm den Professor nach Petersburg rufen sollte. Professor le Théry hatte jetzt einen Depeschen­wechsel mit seinem russischen Bekannten, und das lehte Te­legramm, das der Arzt erhielt, lautete: Kommen Sie nicht zu spät!" Der Professor, der seit einigen Monaten in Lyon wohnt, glaubte nach Empfang dieses Telegramms nicht mehr eine Minute zögern zu dürfen und bestieg den näch ften Expreßzug nach Berlin, um sich von hier aus sofort nach Petersburg zu begeben. Als er Sier im Hause der Patientin ankam, erfuhr er zu seinem Erstaunen, daß die Patientin vor einigen Tagen verstorben und schon beerdigt war. Bei dem Wortlaut des Telegramms war ein Irra tum allerdings möglich, da zwischen dem Satz: Kommen Sie nicht" und der Fortsetzung zu spät" ein Komma hätte stehen müssen, oder da der volle Satz hätte heißen müssen: Es ist zu spät." Der Professor hat durch die Reise nicht nur Auf­wendungen gehabt, sondern er hatte neben der Mühe auch einen so bedeutenden Honorarausfall, daß er wohl berechtigt war, zu fordern, daß der Russe ihm das ausbedungene Honorar von 10 000 Francs bezahle. Die Schuld an dem Mißverständnis lag nur auf seiten des Kaufmannes, der aus Sparsamkeitsrücksichten zwei Worte zu wenig telegra­phiert hatte und dadurch den Gelehrten in große Aufregung und Strapazen versetzt hatte. Der Kaufmann weigerte fich, zu zahlen, darum sah sich Professor le Théry veranlaßt, ihn in Petersburg zu verklagen. Da der Verklagte kurze Zeit nach dem Tode seiner Frau nach Paris übersiedelte, so wurde hier der Prozeß noch einmal gegen ihn anhängig gemacht. Das Gericht entschied, daß der Professor wohl be= rechtigt sei, sein Honorar in voller Höhe zu beanspruchen. Es kommt bei einer solchen Konsultation die Autorität in Betracht, ebenso wie die großen Anwälte ihre Zeit sich be= zahlen lassen können, gleichviel, ob der Prozeß stattfinder oder nicht. Bei einer so wichtigen Angelegenheit, wie es die Herbeirufung eines Professors in eine so entfernte Stadt tst, sei es nicht mehr Sparsamkeit, sondern geradezu Leicht­finn, wenn man bei der Verschickung eines Telegrammes mit zwei Worten, die das Telegramm weniger fostet, spart. Wladimir Lubowitsch mußte also zahlen, und er konnte nun darüber nachdenken, wo die Sparfamkeit richtig angewendet ist, und wo nicht.