Gießener Zeitung
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Nr. 90.
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40 Jabre Reichsverfassung. Die Präsidialstellung der preußisch. Krone. Noch bevor die Flammen des Kulturkampfes aufloderten, handelte es sich für Bismarck darum, die neue Verfassung des Deutschen Reiches zu sichern. Der fast zweihundertjährige Traum des deutschen Volkes war in Erfüllung gegangen: einem einigen Deutschen Reiche sollte nun unter einer starken und würdigen Leitung eine sichere Bürgschaft für den Frieden Europas, für den geistigen, sittlichen und kulturellen Fortschritt seiner Völfer gegeben werden. Alle früheren Hoffnungen waren durch den ruhmvollen Krieg 1870-71 zur unumstößlichen, festen Gewißheit geworden.
„ Stolz ragt vom Fels zum Meeresboden das hohe Werk, das du vollbracht mit blanker Wehr, im Süd und Norden, die hehre Feste deutscher Macht!"
Mit diesen Worten feierte Emanuel Geibel den unvergänglichen Ruhm Kaiser Wilhelms 1., dem Deutschen Reiche Stellung und Macht erworben zu haben. Jn blutigen Kämpfen war es errungen worden. Doch den sauren Wochen folgten frohe Feste. Siegesgesang ertönte durch alle Lande, und in Deutschland selbst schwoll Jubel am mächtigsten an.
der
Die äußerliche Einheit war geschaffen worden. Noch galt es aber, eine allgemeine Reichsverfassung ins Leben zu rufen. Jene Reichsverfassung, die am 14. April 1871 vom Reichstag angenommen wurde, und von der Kaiser Wilhelm 1. selbst sagte:„ Sie bewahrt Deutsch= land inmitten seiner Erfolge vor jeder Versuchung zum Mißbrauch seiner durch seine Einigung gewonnenen Kraft. Die Achtung, die Deutschland für seine eigene Selbständigkeit in Anspruch nimmt, zollt es bereitwillig der Unabhängigkeit aller anderen Staaten und Völker, der schwachen wie der starken."
Die Verfassungsurkunde sagt in kurzen Worten:„ Die Krone Preußens nimmt die Präsidialstellung in Deutschland ein; der preußische König wird zugleich deutscher
Kaiser."
Geeint ist Deutschland aus der Feuerprobe des heiligen Krieges hervorgegangen. Es bewahrt sich jetzt nach den Bestimmungen der deutschen Reichsverfassung als Erbteil die Ordnung seiner eigenen Angelegenheiten.
Sozialdemokratische Colleranz. Durch die Zeitungen, auch demokratische, wird dazu folgender besonders krasse Fall gemeldet:
„ Wie die Sozialdemokratie eine Firma zu würdigen weiß, welche sich bemüht, den sozialen Forderungen der Arbeiterschaft weitgehend entgegen zu kommen, wird durch den derzeitigen Streik bei der Firma Freese in Berlin grell beleuchtet. Das Verhältnis obiger Firma zu ihrer Arbeiterschaft ist bekannt. Durch das dort eingeführte konstitutionelle Fa= briksystem ist der Arbeiterschaft ein weitgehender Einfluß auf die Arbeits- und Lohnverhältnisse einge räumt. Früher besetzte das Fabrifparlament ( den Arbeiterausschuß) ausschließlich die sozialde mokratische Arbeiterschaft. Die Andersdenkenden mußten sich, wie im Staatsleben, den Beschlüß sen dieser Volksvertretung fügen. Nun wendeten sich in letzter Zeit die Dinge. Durch Mißgriffe der Sozialde mokraten und durch eifrige Agitation der Gewerk vereine wurde politisch besehen der Linksliberalismus im Freeseschen Staate so gestärkt, daß er die Mehrheit der Volksvertretung( Ausschuß) für sich eroberte.
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Das paßte der Sozialdemokratie natürlich nicht. War man vorher in der Sozialdemokratie schon nicht besonders entzückt, daß diese Firma so wenig Angriffsflä chen bot, wodurch die sozialdemokratische Agitation dort eigentlich ihre Bedeutung verlor, so sucht man erst recht nach Gründen zu Differenzen, als sich ein größerer Teil der Arbeiterschaft erlaubte, eine eigene Meinung zu haben.
Jm großherzoglichen Schloß zu Schwerin, so berichtet das Gewerkvereinsorgan„ Die Eiche", sollten Jalousien montiert werden. Da nicht genügend Einsetzer vorhanden waren, sollte ein Schreiner aus der Werkstatt mit auf Montage fahren. Da dieser Schreiner dem Gewerkverein der Holzarbeiter angehörte, weigerten sich die sozialdemokratischen„ Verteidiger der Koalitionsfreiheit", mit dem Gewert vereinler auf Montage zu fahren. Im Weigerungsfall wollten sie die Arbeit niederlegen. Dies geschah, da Freese das Ansinnen ablehnte. Auf dieses unqualifizier bare Verlangen antwortete Herr Freese mit Entlassung der soz.- dem. Gewerkschaftler. Das war der erste Aft.
der Großherzoglichen Bürgermeisterei
des Großherzoglichen Polizei- Amtes sowie vieler anderer Behörden Oberhessens Expedition: Seltersweg 83.
( Haus Brüder Schmidt.)
Dienstag den 18. April 1911
Nun kam der Transportarbeiter- Verband und setzte ebenfalls einen Streit in Szene. Dieser Verband legte Herrn Freese ein Schreiben vor, in welchem er durch seine Unterschrift erklären sollte, daß er gegen die 3 u- gehörigkeit seiner Arbeiter zu den sozial demokratischen Gewerkschaften nichts einzuwenden habe. Herr Freese erklärte sich unter der Bedingung bereit, daß die sozialdemokratischen Verbände sich verpflichten, seinen Arbeitern, welche in anderen Drganisationen organisiert sind, keine Schwierigkeiten mehr zu machen. Im übrigen verwies er den Antrag an den Fabrikausschuß, welcher die Anschauung der Arbeiter zu dieser Frage vertreten sollte. Nun geschah das Unglaubliche! Anstatt die Entscheidung dieses Aus= schusses, wie bisher üblich, abzuwarten, lehnten die Transportarbeiter den Ausschuß ab und traten in Streik. Solange also die Sozialdemokratie in diesem Ausschuß die Mehrheit hatte, mußten sich Andersdenkende dessen Beschlüssen fügen. Heute, wo die Sozialdemokratie die Mehrheit in dem Ausschuß verloren hat, pfeift sie auf das konstitutionelle System und zieht die Gewalt dem Recht vor.
Also nicht um Lohn oder sonstige materielle Dinge fämpft die Sozialdemokratie bei Freese, sondern um den Arbeitern einen wirtschaftlichen Fortschritt zu zertrümschaft" zur Koalitionsfreiheit zu bekunden. mern, und ferner wieder einmal ihre offene„ Freund-
ist ein Frevel an der Arbeitersa che. Dies Was die Sozialdemokratie hier treibt, empfindet sogar die sozialdemokratische Presse. Das merkt man ihren Berichten über diesen Fall deutlich an, wenn man beobachtet, wie man sich dort Mühe gibt, durch falsche Darstellung des Sachverhalts der Bewegung einigermaßen Untergrund zu geben. In der Tat handelt es sich um nichts anderes als die Koalitionsfreiheit für andere als die sozialdemokratischen Arbeiterpolitische Fortschritte vernichtet werden und sozial denorganisationen zu vernichten, auch wenn dabei sozial tätigung verekelt wird! Oder will die Sozialdemokra fenden Unternehmern die Lust zu fernerer sozialer Befratie überhaupt keine soziale Ausgleichspolitik? Auf alle Freese ihre helle Freude haben, denn nur auf ihre MühFälle werden die Scharfmacher an diesem Streik bei len wird hier das Wasser von der Sozialdemokratie geleitet."
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 18. April 1911.
e Gießen, 18. April. Das herrliche Wetter der Osterfeiertage hatte so recht eingeladen zum Wandern in Feld und Wald. Nach allen Windrichtungen sah man zahlreiche Spaziergänger die Schritte lenken; Alt und Jung erfreute sich an dem jungen Grün der Natur. Es war Ostern so schön, wie es seit langen Jahren nicht gewesen ist.
Gießen. Junge Leute, die nach der Konfirmation ihren Wohnsitz verlassen, um auswärts in Arbeit oder in ein Arbeitsverhältnis zu treten, seien da rauf aufmerksam gemacht, sich schon in ihrer Heimat mit dem in der Gewerbeordnung vorgeschriebenen Arbeitsbuch zu versehen, da die Ausstellung desselben die Zustimmung des Vaters oder Vormundes bedürfen. Erfahrungsgemäß wird dies vielfach unterlassen und es entstehen dann dem gesetzlichen Vertreter Unannehmlich
feiten.
0 Gießen, 18. April. Diejenigen jungen Damen, die sich am Blumentag als Verkäuferinnen betätigen wollen, sind hiermit nochmals gebeten, morgen Mittwoch, den 19. April, nachm. 3 Uhr, in Steins Garten in der angesetzten Besprechung zu erscheinen. Eine recht zahlreiche Beteiligung aus allen Kreisen der völkerung ist erwünscht.
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Gießen, 18. April. Der hiesige Bäckerverein „ Früh auf" feierte gestern sein 25jähriges Stiftungsfest durch Umzug und anschließender Feier in Steins Garten. Am Abend war Ball. Von Auswärts waren die Brudervereine aus Marburg, Mainz, Hanau, Wiesbaden 2c. mit ihren Fahnen erschienen und pflegten so rechte Kollegialität.
( Gießener Tageblatt)
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23. Jahrg.
Klein Linden. Der Blumentag wird hier am Sonntag, den 7. Mai, recht praktisch durchgeführt. Mädchen im Alter von 15-18 Jahren verkau= fen am Tage die Blumen und der Gesangverein„ Ei n- tract" veranstaltet am Abend im Gasthaus„ zur deutschen Eiche" ein Konzert, zu dem nur die Zutritt haben, welche im Besitz einer der ausgebotenen Blumen sind. Eberstadt( Kr. Gießen). Beim Walzen von Saatfeldern wurden die Pferde des Landwirts Wilh. Sonns scheu und gingen durch. Sonns geriet unter die Walzen und kam ohne nennenswerten Schaden davon. Die rasenden Tiere konnten erst bei den Wettermühlen in der Nähe von Oberhörgern zum Stillstand gebracht werden.
sund.
Friedberg( Hess.). Am 18. Juni findet hier der Delegiertentag des Hassiaverbandes statt. * Bodenheim. Hier warf ein Mutterschwein nicht weniger als 17 Junge; alle sind munter und geUnter Ostern i. D. Von Seiten des zuständigen Amtsgerichts in Reichelsheim wurden durch berichtet die„ Franks. Warte") bei den Bürgermeistereien den dortigen Amtsrichter am Palmsonntag( so in Unter- und Ober- Ostern standesamtliche Prüfungen vorgenommen.
Budenheim. Baron von Waldhausen ließ in der Nähe seines Schlosses 250 000 Quadratmeter Hochwald abholzen. Das gewonnene Feld soll zu Ge= müse-, Obst- und Spargelkulturen verwendet werden. Darmstadt. Der Darmstädter Frühjahrs= pferdemarkt, der vom 15.- 17. Mai stattfinden sollte, ist wegen der noch herrschenden Maul- und Klauenseuche auf unbestimmte Zeit verschoben.
ist hier ausgebrochen, nachdem die hiesigen Meister die Darmstadt. Ein Schuhmacherstreif zent abgelehnt haben. Wiederholte Versuche, die Diffevon den Gehilfen geforderte Lohnerhöhung von 10 ProReichsverbandes gegen die Sozialdemokratie gegen den renzen beizulegen, haben zu keinem Resultat geführt. Mainz, 15. April. In der Klagesache des Redakteur Schildbach von der sozialdemokratischen„ Mainzer Volkszeitung", über die wir s. 3. berichteten, wurde heute früh das Urteil gefällt. Schildbach erhielt 50 Mt. Geldstrafe und die Kosten des Verfahrens. Das Urteil wird publiziert.
* Wiesbaden. Die Königin von Griechenland, die wegen eines Augenleidens mehrere Wochen hier Aufenthalt genommen und von dem Augenarzt cafen von Wiser behandelt worden war, hat Wiesbaden wieder verlassen.
-0- Siegen. Die Herren Reichstagsabgeordneten Dr. Burckhardt und Franz Behrens hatten gegen das nationalliberale„ Siegener Volksblatt" wegen des bekannten Friedensdorfer„ Triolenmärchens" Strafantrag wegen Beleidigung gestellt. Am letzten Mittwoch stand in dieser Sache Termin vor der Siegener Strafkammer an. Dr. Burckhardt und Behrens waren persönlich erschienen, ersterer als Zeuge, letzterer als Nebenkläger. Vor Eintritt in die Verhandlung gab Rechtsanwalt Frey, der Vertreter des Abg. Behrens, die Erflärung ab, daß zwischen den Parteien ein Vergleich zustande gekommen sei. Redakteur Oswald Riedel( früher Schriftleiter der„ Vaterländischen Volksblätter" in Wetzlar) gab hiernach folgende Erklärung ab:
Ich verpflichte mich, in dem Siegener Volksblatt innerhalb zwei Wochen nach Annahme dieses Ver= gleiches folgende Erklärung zu veröffentlichen: Ich erfläre hiermit, daß die in unserem Blatt in der sogenannten Triolen- Angelegenheit, die sich in Friedensdorf abgespielt haben sollte, veröffentlichten Behauptungen sich nicht auf die Herren Abgeordneten Franz Behrens und Dr. Burckhardt bezogen haben. Ich habe mich auch überzeugt, daß die Behauptungen, soweit sie Herrn Parteisekretär Ostehr betrafen, auf Unwahrheit beruhen und nehme daher diese Behauptungen mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück.
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Oswald Riedel. Außerdem verpflichtet sich Herr Riedel, nach Kräften bemüht zu sein, daß die obige Erklärung auch in der ,, Nationalliberalen Korrespondenz" veröffentlicht wird. Ferner verpflichtet er sich, die gegen die Herren Franz Gießen. Am 9. April hat die bis 9. Juni Behrens und Dr. Oesterreicher angestrengten Privatklawährende Schon zeit für Fische in allen öffent- gen zurückzunehmen und sämtliche in diesen Klagen und lichen Wassern begonnen, die gesetzlich nicht unter die Forellengewässer" fallen.
Rodheim a. d. B. Der am 4. April hier gegründete Spar- und Darlehenskassenverein hat jetzt schon 35 Mitglieder. Seit diesem Jahre ist auch noch eine Pfennigsparkasse eingerichtet worden, um der Jugend mehr Gelegenheit zur Sparsamkeit zu geben.
in der Strafsache gegen ihn( Riedel) entstandenen und entstehenden Kosten zu tragen. Zu diesen Kosten ge= hören die außergerichtlichen Kosten der Herren Behrens, Dr. Burckhardt, Ostehr und Dr. Desterreicher, soweit sie die gesamte Verfolgung der Angelegenheit betreffen und soweit sie tatsächlich( ohne Rücksicht auf die Notwendigfeit) entstanden sind.
jauchzenden Fittichen Que dem Aberunde der Buke los und
Schädelstätte und der Schmach, ringt sich die Osterbotschaft mit
So wenig es Freiheit gibt ohne Selbstzügelung, Jo menig
gibt es Befreiung ohne innere Einkehr. Auferstehung ohne
lich, ich habe keine Schmetterlinge gesehen, nicht einmal eine ..Das muß ein
Irrtum Jein", meinte Frau Starin nachdenk
Frau Starin,
..und dein Urgroßvater", fragte, wohl etwas enttäuscht,
was hat er bei dem Auferstehungsfeste getan?"


