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Gießener Zeitung

( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 40 pfg. monatlich Enthält alle amfl. Bekanntmachungen

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Erscheint Redaktion:

Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b. H.

Nr. 185.

Telephon: Nr. 362.

Ein notstandsjabr.

Schwere Besorgnisse verursacht zurzeit der Ausfall der diesjährigen Ernte. Die letzhin veröffentlichten Saa­tenstandsberichte des Kaiserl. Statistischen Amtes, sowie des Deutschen Landwirtschaftsrates stellten für Winter­getreide noch eine Mittelernte in Aussicht: die nachfolgenden Witterungsverhältnisse, besonders die andauernde tropische Size, haben indessen den Stand der Felder so nachteilig beeinflußt, das beim Gesamtertrage von einer Mittelernte kaum noch die Rede sein kann; höchstens in Flußnie­derungen, auf schweren Bodensorten und einigen durch Regenfall bevorzugten Landstrichen. Das Getreide ist vielfach zur Notreife gelangt und hat unter den Befall stark zu leiden gehabt, sodaß die Erdrutscherträge hinter den Erwartungen zurückbleiben werden. Jedenfalls kann schon heute mit Sicherheit behauptet werden, das der diesjährige Ernteertrag hinter dem der Vorjahre erheblich zurückbleiben wird, und zwar für alle Getreidesorten; und diese Tatsache erscheint um so bedauerlicher, als der durch die Bevölkerungsmehrung bedingte Mehrbedarf an Ge­

treide starke Ansprüche an die Einfuhr ſtellt. Von den

anderen wichtigen Getreide- Produktionsländern verheißt

zurzeit lediglich Urgentinien einen guten Ernteertrag; wohl

aber werden sich auch die Vereinigten Staaten von Ame­rika, sowie Australien an der Versorgung des deutschen Marktes beteiligen. Ueberaus ungünstig lauten- infolge Dürre die Mitteilungen von den europäischen Getreide­ländern, namentlich Rußland, daß nach wie vor dazu aus­ersehen ist, Deutschland in ansehnlichem Umfange mit Ge­treide zu versorgen. Nach russischen Meldungen muß man annehmen, daß in weiten Landesgebieten Rußlands Miß­ernten verzeichnet werden. Auch die Balkanländer dürften Ausfälle zu verzeichnen haben und nur geringfügige Men­gen nach Deutschland ausführen könnnen.

Wenn auch Befürchtungen etwa wegen einer Hungers not nicht am Platze sind, so kann doch mit Sicherheit darauf gerechnet werden, daß die Getreidepreise beträcht lich steigen, möglichenfalls sogar einen besorgniserregenden Hochstand annehmen werden. Fast gewinnt es den An­schein, als ob bezüglich der Preisbildung die Verhältnisse des Jahres 1891 92 wiederkehren sollten, als infolge der Dürre die Ernteausfälle gegen das Vorjahr 20; bis 35 Prozent erreicht hatten. Selbstverständlich wird die Speku­lation zunächst noch die Erdruscherträge während der nächsten Wochen abwarten müssen, bevor sie die Versor­gung des deutschen Getreidemarktes auf lange Fristen ernsthaft in Angriff nimmt. An dieser Stelle mag aber darauf hingewiesen werden, welchen Beschwernissen und Besorgnissen die deutsche Volksernährung ausgesetzt werden kann, wenn er nicht rechtzeitig Vorsorge getroffen wird. Gegenwärtig bewegen sich die Getreidepreise noch in an­gemessenen Grenzen.

des Großherzoglichen Polizei Amtes

der Großherzoglichen Bürgermeisterei sowie vieler anderer Behörden Oberhessens Expedition: Seltersweg 83.

( Haus Brüder Schmidt.)

Donnerstag, den 17. August 1911.

des Volkes ernstlich gefährdet ist und daß wir mit der[ Wahrscheinlichkeit einer großen Fleischteuerung rechnen müssen. Es kann deshalb nur mit Genugtuung begrüßt werden, wenn das bayrische Ministerium des Innern öffentlich vor einem überstürzten Viehverkauf warnt und gleichzeitig gewisse Maßnahmen zu haushäl­terischer Verwertung der Futtervorräte empfiehlt. Das bayrische Beispiel sollte überall in Deutschland zur Nach­eiferung anspornen; denn nur so können wir ohne die schwersten Verluste für Volksvermögen über den Notstand hinwegkommen!

Der Ausblick in die nahe Zukunft ist deshalb, was die Preise für die wichtigsten Nahrungsmittel betrrifft, wenig erfreulich. Neben hohen Preisen für unser Brot­getreide haben wir eine Fleischteuerung zu erwarten, die vermutlich alle vorausgegangenen Teuerungsperioden in bezug auf Preishöhe übersteigen wird. Daß sie gerade in die Zeit der Reichstagswahlen fällt, dürfte den radi­kalen Elementen zustatten kommen.

Installations- und materialmonopole bei Errichtung elektrischer Ueberland­zentralen.

Von der Vereinigung elektrotechnischer Spezial­fabriken wird uns zu diesem Thema folgendes geschrieben:

Fast alle größeren deutschen Bundesstaaten haben Maßnahmen ergriffen, um dem Monopolunwesen bei der Errichtung elektrischer Ueberland­zentralen zu steuern. Unter anderem haben die Regierungen von Preußen, Bayern, Sachsen, Baden, Elsaß Lothringen, Württemberg, Sachsen Meiningen die Verwaltungsbehörden angewiesen, in dem mit dem Unternehmer der Ueberlandzentrale abzuschließenden Konzessionsverträgen Vorsorge gegen etwa beabsichtigte Stonzessionsverträgen Vorsorge gegen etwa beabsichtigte Installations- und Materialmonopole zu treffen. Auch Installations- und Materialmonopole zu treffen. Auch der Finanzausschuß der zweiten hessischen Kammer hat gelegentlich seiner Beratungen über die Provinz Oberheffen am 5. Mai ds. Js. seiner Meinung dahin Ausdruck gegeben, daß den Monopolbestrebungen der elektrotechnischen Großfirmen bei der Errichtung von Ueberlandzentralen mit aller Straft entgegengewirkt werden müsse.

Die Großh. hessische Staatsregierung dagegen verhält sich den immer weiter um sich greifenden Monopolen der Rheinischen Schuckert: Gesellschaft gegen: über absolut untätig.

( Gickener Tageblatt)

Anzeigenpreis 15 Pfg.

die 44 mm breite Inseraten zeile.- Stellen gesuche und Familienanzeigen 10 Pfg.- Die 90 mm breite Seile im Reklameteil 50 Pig. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommit bei Ueberschreitung des Zahlungs. zieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b. H.

Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 17. August 1911.

* Es herbstelt. Die Natur hat schon ihr Spät sommerkleid angezogen, das bereits mit herbstlichen Farben durchsetzt ist. Die Bäume haben schon lange nicht mehr ihren frisch grünen Schmuck, die Blätter sind gelb und fahl und hängen müde und matt an dem Geäft. Die sommerfrohen Farben in Wald und Feld haben diesmal gar schnell und frühzeitig dem herbst­lichen Gelb Platz machen müssen. In der Vogelwelt merkt man am deutlichsten, daß die Sommergäste schon daran denken, sich auf die Reise nach dem wärmeren Süden zu rüsten. Dabei ist die junge Gesellschaft noch gar nicht so recht vertraut mit dem wetten Fluge, um schon unbeschadet zur Südenreise aufbrechen zu können. Tariffreiheit für Grundstüdsübertragungen. Von der im Reichsstempelgesetz vorgeschriebenen Abgabe für Grundstücksübertragungen sind nach dem Tarif befreit Ueberlassungsverträge zwischen Eltern und Kindern oder deren Abkömmlingen. Diese Befreiung gilt nach einer Endscheidung des Reichskanzlers für alle Verträge, an tinder oder deren Abkömmlingen betreffen, gleich­

*

die die Uebertragung von Grundstücken von Eltern biel ob diese Verträge sich als vorweggenommener Erbgang darstellen oder nicht.

* Zur Verhütung von Waldbränden hat das hessische Ministerium bestimmt: Das Rauchen in allen Waldungen und in deren Nähe im Umkreis von 20 Metern ist verboten, ferner ist jedes Feueranzünden außerhalb von Gebäuden im Walde und im Umkreis von 20 Metern zelnen Falle mit einer Geldstrafe von 90 Mark bestraft. berboten. Zuwiderhandlungen werden in jedem ein­Alle Bürgermeistereien find durch die Kreisämter ersucht worden das Polizei- und Feldschußpersonal entsprechend zu verständigen.

* Die Anlage musik findet am Sonntag Vorm. 11 an dem Lindenplatz mit folgendem Programm statt: 1. Festreveille! Mit dem Choral" Nun danket alle Gott" v. J. Bolde, 2. Eriksgang u. Krönungs­marsch a. d. Op. Die Folfunger" b. Stretschmar, 3. Tscherkessischer Zapfenstreich v. W. Wachts, 4. Pariser

Einmarsch 1815.

* Das Ende der Hize. Da das Hochdruckge­biet sich ganz nach Nordosteuropa berlagert hat und von Süden und Westen höherer Druck fich auszubreiten beginnt, tann jetzt mit dem Ende der Trockenperiode gerechnet werden. Kühleres Wetter hat bereits am Dienstag eingesetzt.

t. Alein Linden, 15. Aug. Die im Jahre 1896 gegründete Kleinkinderschule feiert am Sonntag nachmittag ihr Jahresfest. Der Posaunenchor er­schonte durch einige Vorträge sowie durch Begleitung der Gesänge die Feier.

0 Großen Linden, 17. Aug. Der Krieger­verein veranstaltet Samstag abend in der Traube eine Gravelotte feier.

e Friedberg, 16. Aug. Die Arbeiten an den Schloßgebäuden, die seit Anfang des Jahres zeitweise sehr rasch betrieben wurden, werden jezt langsam bol lendet. Ursprünglich sollte alles bis zum 1. Auguft fertig sein, während jetzt gar kein bestimmter Zeitpunkt ins Auge gefaßt ift.

In dem Vertrage, da die linksrheinischen Gemeinden mit der Rheinischen Schuckert- Gesellschaft( R. S. G.) Anfang Februar 1910 abgeschlossen haben, war das Schwerer noch als auf dem Getreidemarkt, dürfte der N. S. G. eingeräumte Monopol auf die Lieferung von Elektromotoren wenigstens noch zu Gunsten der in Rheinhessen bestehenden Elektromotorenfabriken ein­geschränkt worden. In den Verträgen, die die N. S. G. neuerdings mit Gemeinden in der Provinz Starken burg abgeschloffen hat, ist jedoch auch diese Einschränkung gefallen, sodaß das Monopol der St. S. G. in der Provinz Starkenburg für Elektromotoren ein absolutes ist, zu dem sich dann noch ein faktisches Monopol auch für Installationsmaterialien gestellt. Anstatt daß also die Hessische Regierung die Monopolbildung in den neu mit der N. S. H. zum Abschluß gelangenden Vertägen verhindert, läßt sie die Ausdehnung der Monopole zu. In wohltuendem Gegensaze hierzu steht das Verhalten = r- Albshausen, 16. Aug. Am Samstag ereig­der badischen Behörden, die der N. S. G. in den Ge­meinden, die neu an das ihr gehörende Elektrizitätsnete sich auf Georgshütte in Burgsolms ein bedauerns­wert Achern angeschlossen werden, fein Installations­werter Unfall. Der Steinabnehmer Friedrich Velten oder Materialmonopol mehr gewähren. Es ist dies gertet mit beiden Händen in die Schlackensteinpresse auf den Erlaß des Großherzoglich Badischen Ministeriums und zog sich eine schwere Verlegung zu. des Innern bcm 20. März ds. Js. zurückzuführen, der sich auf das Schärfste gegen die Gewährung von der artigen Monopolen an Privatunternehmer ausspricht.

sich die Ungunst des Wetters auf dem Fleischmarkte aus­prägen, denn was jetzt über den Stand der Wiesen, Fut­terpflanzen und Hackfrüchte berichtet wird, lautet geradezu trostlos. Die Wiesen sind ausgebrannt, ebenso die Klee­felder: die Futterpflanzen und Hackfrüchte sind nicht nur im Wuchse ganz beträchtlich zurückgeblieben, sondern haben auch unter den Schädlingen, welche sich bei fort dauender Hitze unmäßig vermehrt haben, stark gelitten. Ganz bedeutende Einbußen wird nach aller Voraussicht unsere Zuckerrübenernte zu verzeichnen haben, denn wie uns berichtet wird, sind die Rübenfelder vielfach durch Schädlinge vernichtet worden. Wenn vermutlich auch der Zuckergehalt der diesjährigen Rübenernte hoch sein wird, so kann doch nicht im mindesten damit abgerechnet werden, daß der Ausfall der Ernte durch die Qualität der Rüben auch nur im entferntesten ausgeglichen werde. Der völlig ungenügende Stand der Zuckerrübenernte hat schon jetzt eine Steigerung der Zuckerpreise um etwa 40 Prozent innerhalb weniger Wochen im Gefolge gehabt, und wenn nicht alles täuscht, haben die Zuckerpreise ihre Anfwärts­bewegung noch nicht einmal vollendet; jedenfalls berichten die Zuckerbörsen übereinstimmend von recht lebhaftem Ge­schäft bei steigenden Preisen.

Aber weitaus bedenklicher als das Steigen der Zucker­preise erscheint uns die Futternot, die jetzt bereits dazu geführt hat, daß die Landwirte massenhaft Mast- und sogar Nutzvieh zum Verkauf stellen. Die Berichte von den Schlachtviehmärkten lassen erkennen, daß der Viehauf­trieb den Bedarf bei weitem übersteigt, andererseits ver­lautet, das Vieh vielfach nahezu unverkäuflich sei, nament­lich Schweine. Berücksicht man dazu, daß zurzeit die Maul- und Klauenseuche stark in Deutschland verbreitet ist und erhebliche Opfer fordert, so kann man sich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß die Fleischversorgung

Hoffentlich nehmen die Hessischen Kammern bet ihrem nächsten Zusammentreten einmal Gelegenheit, die Monopolfrage im Hinblick auf die der N. S. G. gewährten Monopole gründlich zu erörtern Sie würden sich damit nicht nur den Dank der elektrotechnischen Spezialfabriken und der Elektroinstallateure, sondern vor all. m auch den der Konsumenten elektrischer Energie berdienen, die in molopol sierenden Bezirken erheblich höhere Preise für Elektromotoren bezahlen müsse als dort, wo freter Wettbewerb herrscht. Eine Gegenüber­stellung der von der N. S. G. für Elektromotoren ge­forderten Preise mit dem im freien Wettbewerb üblichen Preisen dürfte diese allgemeine Erfahrung bestätigen.

I Weilburg, 17. Aug. Der Wasserstand der Lahn ist gegenwärtig so niedrig, daß man an vielen Stellen den Fluß trockenen Fußes überschreiten kann. Eine große Wafferkalamität herrscht im Weiltal, wo faßt alle Brunnen versiegt sind; zum Viehtränken muß Wasser von weither geholt werden. Das Bett der Weil ist völlig ausgetrocknet; überall liegen tote Forellen.

t Weilburg, 16. Aug. Zwischen der Berliner und der Weilburger Sternwarte wurde folgende Wette abgeschlossen: Die Berliner Sternwarte behauptete, daß am 10. August d. I. Regen einsehen würde, während die Weilburger die Behauptung entgegenseßte, daß erst am 15. Auguft die regenlüfterne Welt mit dem er­quickenden Naß erfreut würde. Der launische Wetter­gott hat jedoch feinem Recht gegeben. Noch immer warten wir auf den langersehnten Regen.