Ausgabe 
14.10.1911 Zweites Blatt
 
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Manila.

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Straßen sind die Chinesenläden. Die Zahl der Zopf­männer hat heute in der Stadt schon fast das zwanzigste Tausend erreicht und steigt durch alle möglichen Paßmani­pulationen trotz aller Sperrmaßregeln der Regierung noch immer. Den Hauptstock der Bevölkerung bilden die Filippinos, vielfach mit spanischem Blut untermischt und, in der Stadt, mit mancher spanischen Ge­wohnheit in Kleidung und Lebens­

weise. Bei einer Gesamtbevölke­

rung von nicht ganz einer

Viertelmillion zählen sie

fast 200000. Amerika­

ner gibt es über 5000,

Europäer etwas we­niger als 1000. Es wäre unendlich viel zu erzählen von der seltsamen Mischung im Leben und Treiben der großen Stadt, die sich durch das an­stürmende Erneuern der

rische Leben zu Wasser ab, das eines der reizvollsten Kapitel für den Besucher Luzons ist. In kühner Wölbung über­deckte lange Boote ziehen träg mit den Wellen auf dem Pasig, in den Kanälen spiegeln sich die leis bewegten Palmen­wipfel, die regungslosen Hütten, das ganze kleine Leben des Filippinotags.

Es ist nicht Raum, von allen Schönheiten zu sprechen. Da ist der ungeheure Hafen der Manila Bai, durch den der größte Dampfer stundenlang fährt, da sind die denk­würdigen Inseln mit ihren Forts, da liegt Cavite, die alte Schutz- und Trußfeste, die gegen die Amerikaner so schmählich versagt hat. Da ruht auch im seichten Wasser, ein trübes Zeichen von Vergangenheit, das Wrack des spani­schen Admiralschiffes, der ,, Reina Christina", die im Angriff vor dem übermäch­tigen Feuer der Unionpanzer ver­sant. Die Bai- Barkassen streifen fast das zermorschte Deck, da sie es pas­sieren. So sinkt alle Herrlichkeit, denkt man. Wie wird es dieser ganzen weißen Größe mit jedem Schritt in eine andere Zeit. Man wechselt von heute im Osten einst ergchen... Nahe der Stadt, an die Jahrhunderte nach Willkür und zitiert die Gegen der Laguna, liegt, durch die elektrische Tram erreichbar, das sätze, wie es sonst kaum anders im Märchen ist. Neben Truppenlager Fort William Mc. Kinley. Es ist nach diesem uralten Europa und zeitlos jüngsten Amerika Aldershot daß größte der Welt. Mit seinen Baracken steht das Milieu der Eingeborenen. Sie wohnen vor zwischen Gärten, den Bungalows und Klubhäusern an den nehmlich in den Vorstädten. Dort hausen sie, halb im Ur- gepflegten Wegen sieht es mehr einer Villenvorstadt ähnlich zustand, in ihren Hüttchen, die aus Nipapalmblättern ge- als einem Truppenbiwak. Vor allem aber mag man nicht flochten sind und auf Stäben stehen, zwischen denen, im versäumen, sich einen Hahnenkampf anzusehen. Die Ameri­Schlamm, die dunklen Kinder und die schwarzen Schweine kaner haben diese schrecklichen Kämpfe sehr eingeschränkt. Heute in zärtlichem Vereine wühlen. Dort spielt sich das träume- dürfen sie nur mehr an Sonn- und Festtagen abgehalten werden.

Amerikaner ergeben hat und

dem Widerstand der alten

Mauern und der alten Art, die

vielfach ihren Platz mehr als behauptet hat. Und das ist wohl der Hauptreiz dieses Stückchens Menschenerde. Man tritt

Philippinisches Landschaftsbild.

Am Pasigsluß( Manila).

Versiegelt.

Versiegelt.

Aus dem breiten weißen Schulhause, das mit seinem braunen Solztürmchen wie ein Schloß auf der Dorfstraße steht, rennen mit hellem Geschrei die lustigen Buben und Mädel her­aus zur Frühstückspause.

Das Apothekerlein, gerade gegenüber, hört den Lärm in seinem Laboratorium. Schnell schiebt er den Mörser beiseite und stapft auf den kurzen, rheumatischen Beinchen durch die Apotheke bis dicht an die blanken Fenster der Auslage. Dort, hinter der Blechdose mit der Inschrift Suste nicht!" stellt er sich auf, um zu beobachten. Schon einmal haben sie ihm eine Scheibe eingeschlagen, und nachher war es niemand gewesen. Merkwürdig, was für eine Anziehungskraft die buntbeklebten Flaschen und Schachteln im Ladenfenster auf die Schelme aus­

üben.

Es sieht furchtbar gefährlich aus, das Apothekerlein, wie es so dasteht und droht. Ganz wie eine Ratte, mit trummem Rücken und roten, hurtigen Äugelchen, eine hellgraue Ratte, die auf dem Schwanze steht. Dabei reibt er langsam die kleinen, kalten, bläulichen Hände. Schlechtes Wetter! Man hat zu lange im Auslande gelebt, man kann sich nicht wieder an diese Temperatur gewöhnen. Dreißig Jahre in Tonkin und vorher gar in Tokio, wo er die kleinen Japaner in der europäischen Kriegskunst unterrichtete... da war's bedeutend wärmer! Frei­lich, fürs Geschäft wär' das Wetter recht gut... die Influenza macht Fortschritte. Warte, du langbeiniger Bursche da draußen, mit deinem Stock! Was fuchtelst du so nah an dem Ladenfenster, Aimé? Man hat seine Not mit den lieben Kindern!" Wauwauwau!" tönt es unter dem Petrolöschen, das mit seiner roten Flamme gegen das nasse Wetter ankämpfen soll, und ein zottiges, altes Affenpinscherchen stößt mit dem buschigen Ropfe gegen die kalten Beine seines Herrn. Médor, was willst du? Es kommt niemand, siehst du? All die guten Frauen und schönen Fräulein stecken in ihren Häusern. Aber wenn's Nacht wird, dann kommen sie angelaufen, alle auf einmal, und jede ist pressiert, und jede bringt ein unleserliches Rezept, daß dein armer, alter Herr den Kopf verliert und kaum einmal Zeit hat, ein Wörtchen zu plaudern."

Ah, da ist jemand. Die Tür geht auf. Das Apothekerlein fährt sich freudig mit den bläulichen Fingern über die bläu­liche Nase.

Guten Tag, Madame Duplessis, ich bin entzückt, sie zu sehen. Was darf ich Ihnen geben? Emulsion Scott, nicht wahr? Eine Flasche? Zwei Flaschen? Eine? Ich sage Ihnen im Ver­trauen, daß ich mich bald gezwungen sehen werde, dies treffliche Präparat teuerer zu verkaufen. Alles steigt, alles, Madame. Was gibt es Neues, Madame?"

Nichts Erfreuliches, Herr Soret... es ist soweit!" And den grauen Kopf mit dem hochbefiederten Hut über den Laden tisch beugend, flüstert Madame Duplessis: Der, Häusliche Herd ist geschlossen."

Der Apotheker läßt beide Hände auf die Glasplatte des Tisches sinken. Seine bläuliche Nase sucht schnuppernd nach mehr Luft. Sind Sie sicher, Madame?"

" Oh, vollkommen sicher, Herr Soret, die Haustür ist zu, die Fensterladen fest verriegelt

,, Aber das ist traurig, Madame!"

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Dem Apothekerlein geht der Atem aus, als er all die Köpfe sieht. Vier Kundinnen auf einmal, und der Bursche, der ihm die Kommissionen besorgt, kommt nicht. Die zornige, rotbackige Madame Bouvier, die ihr Kind auf den Ladentisch gesetzt hat, um mit beiden Armen gestikulieren zu können, macht ihn nervös. Er lächelt versöhnlich:" Wegen der Schulden, Madame, wegen der Schulden."

Madame Bouvier streift ihn mit einem vernichtenden Blicke. Ja, ja, uns Armen zieht man die Haut über die Ohren!" Wieder geht die Tür auf. Sie sprechen über die Wirtin vom, Häuslichen Herd, meine Damen?" fragt eine scharfe Stimme, die Stimme einer sehr langen, mageren, jungen Frau, die sich unhöflich Plaz macht. Es soll ihr kein Centime geblieben sein. Sie hat alles verbraucht. In fünf Jahren ist sie mit einem hübschen Vermögen fertig geworden... so geht's, so geht's. Abstinenz! Temperenz! Firlefanz! Wo ein Cafe beim andern ist!" Ja, das war verfehlt," bestätigte Madame Duplessis; eine Temperenzwirtschaft im Dorfe, das war verfehlt."

Der Apotheker hüstelt verzweiflungsvoll. Meine Damen, die Abstinenzbewegung ist die gesündeste Bewegung unserer Zeit." " Ja!" schreit die Frau mit den zwei Kindern; die Ab­stinenz ist unsere Rettung!" Das, lange Phantom( alle Nach­barinnen nennen im geheimen Madame Pitou bei diesem Bei­namen) lacht spöttisch. Aber Ihr Mann, Madame Bouvier, ist anderer Meinung!" Die zwei Gegnerinnen sehen sich nicht gerade freundlich an. Die Wirtschaft, Zum häuslichen Serd war der letzte Versuch- da hatte sie ja schon kein Geld mehr." - ,, Reinen Centime! Mit nichts hat sie angefangen! Wie eine Heldin hat sie gekämpft!" Madame Bouvier schleudert diese Worte dem langen Phantom" ins Gesicht, aber das Phantom lacht, indem es ſeine wunderschönen, spißen Zähne zeigt. Um so schlimmer. Ein ganzes Vermögen hat sie aufgegessen!" Die Wirtin vom, Säuslichen Herd' aufgegessen?" " Wahrhaftig! Sie hatte den Mann krank. Sie fuhr zu den Ärzten, sie führte ihn in die Kurorte, wie eine Rapitalistin, wie eine Person, die den Kopf verloren hat, wie ein Mensch, der im Traume handelt," sagt Madame Roux, die sich nicht entschließen kann, den Laden zu verlassen, obgleich sie ihre Venus­creme schon längst in der Hand hält.

Wenn man kopflos handelt, trägt man selbst die Schuld; das" kommt davon", zischelt das lange Phantom"." Aber, Madame! Wenn man liebt?", Wenn man liebt?" Drei, vier Stimmen haben gefragt, leise, eindringlich, mit einem Ton der Aufrichtigkeit, der tiefen Überzeugung, der die Gegnerin einen Augenblick stumm macht. Meine Damen," begütigt der Apotheker, Sie haben das richtige Wort gesprochen. Als die zwei Leute, der kranke Mann und die Frau, hier antamen, da hatten sie ja noch so ziemlich Geld, und der Mann- der brauchte eigentlich nichts mehr, er hatte die Krankheit, die kein Erbarmen kennt, er war im letzten Stadium der Tuberkulose. Aber die Frau konnte das nicht glauben, wollte das nicht glauben. Und ich, sehen Sie, ich war selbst in einer recht peinlichen Lage. Sie ging zu den teuersten Ärzten, und wenn einer ihr die Wahrheit sagte, dann bat sie ihn um ein Rezept wie um eine Gnade! Und dann kam sie mit einem Rezept an, acht Franks,

Sehr traurig, mein Herr. An der Tür ist ein Anschlag..." zehn Franks jeden Tag, manchmal zwei an einem Tage. Ich " Aha!"

" Vom Gericht. Mit Siegel."

" Oweh!" Der Apotheker kraut sich bedenklich den Hinter topf, plötzlich fährt er herum. Aimé! Aimé Breland! Ver­zeihen Sie, Madame, aber diese lieben Kinder mit ihren Stöcken es ist dieses neue Spiel, dieses Diabolo jeden Augenblick erwarte ich, daß man mir die Scheibe einschlägt." Er macht ein ganz kleines Fäustchen, gerade, als sich von neuem die Laden­tür öffnet.

Ah, guten Tag, Madame Rour! Madame wird alle Tage hübscher. Und jünger! Ein Töpfchen Venuscreme? Mit Ver­gnügen, Madame. Ein vorzügliches Mittel, nicht wahr? Aber wie mir soeben Madame Duplessis mitteilt, der Häusliche Herd ist geschlossen?"

,, Versiegelt, Herr Scret."

" Ach, die arme Frau! Die Unglückliche! Sie ist sehr zu bedauern!" klingt es dreistimmig durcheinander.

Es ist eine Brutalität! Ein Skandal!" schreit eine neue Kundin, die eben mit einem Kinde auf dem Arme und einem zweiten, das an ihren Röcken hängt, in das beengte Lädchen tritt. Was will man eigentlich? Sie sitzt in der Küche und starrt den kalten Ofen an. Zuschließen? Warum zuschließen? Was für eine Welt! Was für ein Leben! Sie will arbeiten, und man schließt ihr die Bude zu! Warum?"

sah, man handelte nicht ehrlich gegen diese Frau; man nahm ihr das Geld ab für Dinge, die nicht halfen, weil an Rettung überhaupt nicht mehr zu denken war. Sie ruinierte sich und hatte keinen Gedanken an sich selber und an ihre Zukunft." Wenn man liebt!" wiederholte der Chor der Frauen. Madame Bouvier weint schon und küßt stürmisch ihr Kind.

Wenn man liebt!" wiederholt das alte Apothekerlein feier­lich, wie eine Beschwörung. Oft versuchte ich es so mit ihr: ich sagte, ich werde Ihnen ein Mittel geben, das nur zwei oder vier Sous kostet, und das Ihrem Manne ebensoviel helfen wird, wie diese Mixtur für zwölf Franks. Sie schüttelte den Kopf­so einen schönen blonden Kopf hatte sie damals noch-, ihren hübschen blonden Kopf, sie wollte doch lieber das kostspielige Mittel anwenden. Sie begreifen, meine Damen, daß ich ein schlechtes Gewissen dabei hatte, aber was konnte ich tun? Ein Frauenherz, meine Damen, hofft bis zum letzten Augenblick. Es half alles nichts, natürlich. Und der arme Mann ist vielleicht nur um so eher gestorben. Dann hatte sie den, Säuslichen Herd übernommen, ohne Geld, alles auf Borg, ohne Kräfte, ohne Hoffnung, und jetzt ist auch das zu Ende. Ach!"

Ein Seufzer zieht durch den Raum; alle stehen nachdenklich, betroffen durch das Bild dieses Schicksals, das der Alte vor sie hingestellt hat. Was soll sie nun anfangen?" Einen Augen­