Ausgabe 
11.2.1911 Zweites Blatt
 
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Nugfnüppel, el, 76 m. am Rubberg. 1911. Linden.

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Gießener Zeitung

( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 50 pfg. monatlich Enthält alle amil. Bekanntmachungen

vierteljährlich 1,50 Mt., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig­- Erscheint ausgabestellen vierteljährlich) 1,20 f. jeden Werktag früh.- Die humoristischen Blätter" Redaktion: hegen wöchentlich einmal gratis bei. Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangrer Manuifripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin Klein& Otto Fischer.

Nr. 36.

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( 2. Blatt.)

Aus dem Reichstag.

Von unserem(*) Mitarbeiter aus dem Reichstag. Nach der achttägigen zweiten Lesung des 3u= wachssteuergesetzes, die sehr reich an Anträgen und Reden war, kam der Verfassungsgesetzentwurf für die Reichslande Elsaß Lothringen zur ersten Beratung. Die sonst selten im Reichstage erscheinen­den Elsässer" und" Lothringer" waren zu dieser Berat­ung fast vollzählig erschienen. Die Begründungsrede zu dem Gesetzentwurf hielt der Staatssekretär des Innern. Der Reichskanzler griff erst am zweiten Beratungstag in die Verhandlungen ein. Im Allgemeinen fand der Ver­fassungsgesetzentwurf im Hause eine leidlich gute Auf­nahme. Die Rechten freilich hatten gegen die Vorlage sehr ernste Bedenken, während sie der Linken nicht de­mokratisch genug war. Einige hätten eine Republik" Elsaß- Lothringen als Bundesstaat gerne gesehen. Aber daran ist ja vernünftigerweise nicht zu denken. Beach­lenswert war, daß der Kanzler das relativ freie Wahl­recht, welches die Vorlage vorsieht, damit begründete, daß man an die traditionelle freiheitlichere Entwickelung des Landes anknüpfen müsse, und daß mit den No= tablen Kreisen in den Reichslanden, die

am

meisten französisch gesinnt seien, eine deutsch- nationale ler nur zu recht. Die Vorlage ist an eine 21gliedrige Politik nicht zu treiben sei. Damit hat der Reichskanz­

Kommission verwiesen.

Nun kam der Zuwachssteuer letter Aft. Zwei Tage währten die Verhandlungen noch. Zwei namentliche Abstimmungen nagelten die Stellung­nahme der einzelnen Abgeordneten in den Reichstags­aften fest. Die erste namentliche Abstimmung erfolgte über die Steuerfreiheit der Fürsten. Das Resultat dieser Abstimmung haben wir schon näher beleuchtet. Es zeigte die völlige Uneinigkeit der Nationalli­beralen und eine gute Geschlossenheit der Wirtschaftlichen Vereinigung. Die zweite namentliche Abstimmung erfolgte am Schlusse über das ganze Gesetz. Diese Abstimmung ist ebenfalls sehr in­teressant, denn sie zeigt wieder die völlige Einigkeit der Liberalen und Geschlos­fenheit der Wirtschaftlichen Vereinig= ung und zugleich das völlige Durcheinan­der der Freisinnigen( Fortsch. Volkspartei). Die Abstimmung ergab folgendes Resultat:

Polen

fehlten

8126617

S

enthalten

Ja Nein

Konservative

10

42

5

Reichspartei

1

15

1

Wirtsch. Vereinigung

16

Zentrum

22

4

58

20

14

43

16

22

44

3

10

5

2

Zusammen: 81

20

198

94

Nationalliberale

Fortsch. Volkspartei

Sozialdemokraten Reformpartei Fraktionslose

,, Hie Giessen

-

-

bie Wetzlar!"

Randglossen zu den Eisenbahn­Projekten. Mittelalterliche Träume- Wechselbeziehung zwischen Stadt und Land-, Bieberlieschen" Friedensschal

meien Gute Wünsche.

Der Kampf um die Linienführung Wetzlar Hohensolms Gladenbach- Friedensdorf- Biedenkopf fontra Gießen- Rodheim- Gladenbach- Biedenkopf ist entbrannt. Preisend mit viel schönen Reden" wurde auf der Rodheimer Versammlung die weltbewegende Be­deutung Gießens für das südliche Hinterland erörtert. Der ganze Verkehr neige mehr zu Gießen wie zu Wetz­Lar. Zahlreiche Gießener Geschäftswagen belebten die Landschaft, und es fehlten nur noch die Ritter und Rei­figen, dann könnte man meinen, im Mittelalter zu leben. Und dürfte man hineinschauen in die Geschäftsbücher der Gießener Handelswelt: es ließe sich mit Leichtigkeit her­auslesen, welch' innige, gewinnbringende Wechselbezieh­ung zwischen der Stadt Gießen und dem südlichen Hin­terlande bestände. Was man von Wetzlar hier drau= Ben" gesehen habe, das sei in letzter Zeit nur ein ganz Fleiner schäbiger Handelswagen gewesen.( Na, na!) Vielleicht hätte man zur Illustrierung noch einige mähere Angaben gemacht: flappernde Speichen und Rei­fen, löchrige Seitenteile, aus denen die Ware" neugie­

der Großherzoglichen Bürgermeisterei

sowie vieler anderer

des Großherzoglichen Polizei Amfes

Behörden Oberhessens

Expedition: Seltersweg 83. ( Haus Brüder Schmidt.)

Samstag den 11. Februar 1911

So sieht die Geschlossenheit der Fort­schrittlichen Volkspartei in Wirklich= feit aus. Trotzdem es sich hier um eine wirkliche Besitzsteuer, die vom unverdienten, nicht erarbeiteten Gewinn erhoben werden soll, han­delt, stimmen die Freisinnigen wie Kraut und Rüben durcheinander. Die Sozialdemokraten stimmen eben­falls gegen diese Besizsteuer!! Es ist interes sant zu untersuchen, wer sonst noch gegen diese Besitzsteuer stimmten. 22 Freisinnige, sämtliche Sozial­demokraten, ferner Graf v. Kani, Rittergutsbes. v. Bonin, Rittergutsbesitzer v. Oldenburg- Ja­nuschau, Graf von Schwerin- Löwitz, Fi­deikomißbesitzer Dr. v. Saldern, Rittergutsbesizer v. Treuenfels. Von den Freisinnigen nennen wir nur die Berliner Stadträte Fischbeck und Wiemer, Ter­raininteressent, Stadtältester Kämpf, Bankdirektor Momm­sen u. s. w.

( Gießener Tageblatt)

Anzeigenpreis 15 pig.

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die 44 mm breite Petitzeile oder deren Raum, auswärts 20 Pfg.; die 90 min breite Petitzeile im kettameteil 50 Pig., auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit 50° o Ausschlag. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungs zieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konfurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlich eit. Gesamtleitung: Albin Klein.

Telephon: Nr. 362.

23. Jahry.

pieren und einem übermäßigen Abfluß deutschen Kapitals nach dem Auslande vorzubeugen? Die Budgetkommission hat den Marineetat erledigt und wird mit dem Justizetat beginnen. In der Reichs­versicherungskommission wurden zugunsten der Ersatzkassen einige Verbesserungen beschlossen. Vom ersten Buch wur­den die Versicherungsämter und Oberversicherungsämter erledigt. Für den Bergbau, Eisenbahnen und Seeschiff­fahrt wurden besondere Oberversicherungsämter beschlos­sen. Auf Antrag des Abg. Behrens wurde den Knappschafts ältesten das Wahlrecht zu den besonderen Oberversicherungsämtern für Bergbau und den Ausschußmitgliedern für die Eisenbahn= Oberversicherungsämter übertragen. Für Bundesstaaten mit mehreren Oberversicherungsämtern sollen Landesversicherungsämter zugelassen werden. Das Wahlrecht der Arbeiterbeisitzer in den Landes- Versicher­ungsämtern und in dem Reichsversicherungsamt wurde Also die Sozialdemokraten befinden auf Antrag des Abg. Behrens den Vertretern der sich in guter Gesellschaft. Bei der Abstimm- Versicherten bei den Oberversicherungsämtern nach dem ung fehlten von der Wirtsch. Vereinigung Abg. Vogt, Verhältniswahlrecht übertragen. Ferner wurde auf An­der als Landtagsabgeordneter im Württembergischen trag des Abg. Behrens beschlossen, daß im Reichs­Landtag tätig war. Ferner u. a. die Abgeordneten versicherungsamt vier Beisitzer dem Bereich der Landwirtschaft und acht Beisitzer dem Be­Bassermann und Schwabach, Reichsgraf v. Bothmer, Müller- Meiningen, Fürst zu Salm- Reifferscheid- Dyck, Her- reich der Gewerbe, Industrie, Bergbau und Freiherr v. Gamp- Massaunen, Fürst zu Hohenlohe- Deh- schlossen, daß zahnleidende, Krankenkassenmitglieder freie 30g v. Arenberg, Erbprinz zu Hohenlohe- Langenburg, Seeschiffahrt angehören müssen. ringen, Graf Fink v. Finkenstein, Fürst zu Dohna- Schlo­bitten, Legien, v. Vollmar, Dr. Böhme, und fast sämt­Erfreulich ist trok liche Elsässer und Lothringer. alledem, daß die Zuwachssteuer mit zwei Drittel Mehr­heit angenommen wurde. Damit hat das Reich den ersten Schritt auf dem Wege zu einer sozialge­rechten Besteuerung getan. Bezeichnend ist, daß auch dieser sozialpolitische Schritt gegen die Stim men der Sozialdemokraten und der Mehrheit des Frei­finns erfolgen mußte!!

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Nach Erledigung der Zuwachs steuer wurde noch über die Petitionen zur Jmpffrage verhandelt. Am Mon­tag, den 6. Febr., begann die zweite Lesung des Ge­richtsverfassungsgesetzes. Dazu hat die Wirtschaft­liche Vereinigung folgenden Antrag gestellt:

Jm§ 118 4 die die Zulassung der Lehrer als Schöffen beschränkende Bestimmung des Absatzes 2:

Volksschullehrer sollen nur zum Amte eines Schöffen bei den Jugendgerichten(§ 118 30) be­rufen werden"

zu streichen.

Mit der Annahme dieses Antrages würde ein drin­gender Wunsch der Lehrerschaft erfüllt. Graf v. Kanit hat mit Unterstützung der konserva­tiven Fraktion folgende Interpellation eingebracht:

Die Unterzeichneten erlauben sich, an den Herrn Reichskanzler folgende Anfrage zu richten:

Welche Maßregeln gedenken die verbündeten Re­gierungen zu ergreifen, um einer Ueberschwemmung des deutschen Geldmarktes mit fremden Wertpa=

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rig hervorschaut dürrer Gaul mit chronischem Gelent rheumatismus, biblisches Alter, sodaß eventuell bei einem leicht einzutretenden Fall" die Feuerwehr zur Be­seitigung des Verkehrshindernisses hätte alarmiert wer­den müssen. Der Himmel bewahre uns vor solchen Freuden! Liebes Wetzlar, du hast sehenswürdige alte Stadtteile und Gebäude, eine reiche Industrie, regen Handel, eine schöne Umgebung und sonst noch was, aber von einigen deiner Handelswagen scheint mancher keine gute Meinung zu haben. Aber was fümmert's dich!

allein

Gießen sei so wurde weiter ausgeführt- die Stadt, welche für das Hinterland einzig und in Betracht kommen könne. Von der Klinik und der Veterinäranstalt ging es die ganze Stala hinunter bis zum

Kintopp".( Große Heiterkeit.) Ich sehe, auch du lächelst, lieber Leser. Die Sache ist jedoch ernst, bitterernst, darüber bringt uns auch kein Gießener Han­delswagen mit noch so dekorativer Ausstattung hinweg! Auch der Einwand, der von der gegnerischen Seite etwa erhoben werden könnte, wurde bei dieser Gelegen heit gleich zurückgewiesen. Was wollt ihr denn, Bieber­taler? Ihr habt ja schon eine Eisenbahn! Ach was! das Bieberlieschen", das uns zwischen den Bei­nen herumkrabbelt, haben wir satt! Wir benutzen diese Bahn nur ungern; sie ist nicht mehr zeitgemäß; sie ist nicht mehr hoffähig; sie schleicht an der Chaussee ent­

Ferner wurde auf Antrag des Abg. Behrens be­

Wahl zwischen einem approbierten Zahnarzt und einem Zahntechniker haben sollen. Außer den Zahnärz­ten sollen auch in Zukunft noch die eine Prüfung be­standenen Zahntechniker zugelassen werden. Ein Be= schluß der Kommission, die Kosten der Oberversicher= ungsämter den Bundesstaaten aufzuerlegen, hatte " unannehmbar" der Regierung zur Folge. Dieser Be­schluß muß also in der dritten Lesung noch korrigiert

werden.

ein

Das Einführungsgesetz zur Reichsversicherungsord­nung ist ebenfalls dem Reichstage zugegangen.

Der Freifinn in der Vollkraft

seiner Ceistungen".

Ein nationalliberales Blatt, die Dresdener Nachr.", brachte einmal folgende hübsche Darstellung über die fortschrittliche Tätigkeit des Freisinns:

Dieser alles verneinende Freisinn oder die bürgerliche Demokratie hat gestimmt und gearbeitet: 1862 bis 1866 gegen die Armee Reorganisation( Verbes­serung) in Preußen, 1866 nach dem siegreichen Kriege gegen die Anleihe für Heer und Flotte zur Fortführ­ung der deutschen Politik und gegen die Ergänzung des in jenem Kriege erschöpften Staatsschazes. 1866 gegen 1868 die bleibende Heereseinrichtung. gegen den Fortbestand der Flotte. 1869 gegen die Aufrechterhaltung einer starken Wehr­fraft. 1871 gegen die Bildung eines Reichskriegs= schatzes. 1874, 1880, 1884 gegen das Septennat, d. h.

es

| lang und stört den Verkehr; sie macht die Pferde scheu; wir wollen eine normalspurige Vollbahn! Wie ein Spielding, das das Kind in die Ecke wirft, wenn seiner überdrüssig ist, behandelt man das arme Bieber­Ob es sich dieser Zurücksetzung nicht etwa lieschen".- schämt, daß man es nur benutzt, weil gerade nichts besseres da ist.

Scharf ging es über den Gegner her. Das Wetzlarer Projekt sei kleinlich(?), das Gießener großzügig(?), welches schon von vornherein eine Rentabilität verbürge. Man sprach von vollständiger Ueberrumpelung: Wir wußten von nichts. Das Projekt war fertig, ohne daß wir eine Ahnung davon hatten. Aber noch ist es nicht zu spät. Frisch auf zur mutigen Tat!"

Da ertönen Friedensschal meien: Laßt, bitte, die Versammlung in Hohensolms schlafen, es war eine unreife Geschichte; die Versammlung war überſtürzt!" Das war mutig und ehrlich zugleich gesprochen! Aber das Mißtrauen war zu groß, es ließ sich nicht mehr beseitigen. Man beschloß, seinen Weg vorläufig allein zu gehen und später versuchen, eine Verstän­digung herbeizuführen.

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Unsere Wünsche gehen nun dahin, daß es jeder ohne den nachbarlichen Partei vergönnt sein möge seine Interessen zu seinem Vorteil Frieden zu stören zu wahren, und daß später die gemeinsame Arbeit zum = d= Segen gereichen möge für Stadt und Land.