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Rundschau vom Cage.

Politisches.

Die Vorbereitungen für den Empfang des deutschen Kronprinzen in Peking werden mit großem Eifer betrie= ben. Der Palast des Regenten, den der Kronprinz bewoh­nen soll, ist nun vollkommen fertiggestellt. Er wird mit den schönsten Werken der chinesischen Kunst geschmückt; Bimmerdekoration und Möbel sollen ausschließlich in chi­nesischem Stil gehalten werden. Auch Japan rüstet sich zum Empfang des Kronprinzen. Drei hohe Würdenträger find beauftragt, den Kronprinzen am 25. April in Yoko­hama zu empfangen.

Der Staatssekretär des Reichskolonialamts von Linde­quist beabsichtigt im Frühjahr d. Js. Deutsch- Südwestafrika zu bereisen. Der Plan besteht schon seit längerer Zeit. Der Termin für den Antritt der Reise hängt von dem Gang der Reichstagsberatungen ab.

Mißtrauen gegen Deutschland in Rußland und Japan zu erwecken, ist der Zweck einer Londoner Zeitungsmel­bung, wonach China sich, nachdem das russisch- japanische Abkommen vom Juli vorigen Jahres zustande gekommen, riner Bündnispolitik zugewandt habe. Verhandlungen in dieser Richtung mit den Vereinigten Staaten hätten aber feinen rechten Fortschritt gemacht, darum habe es sich Deutschland genähert, das, gleich wie Amerika, außerhalb der von England im fernen Osten gebildeten Gruppen­fombination stehe. Den beabsichtigten Erfolg dürfte die englische Presse mit dieser Meldung aber kaum erzielen.

abgeschafft und mit dem Jahre 1913 der ewige Friede be ginnen würde. Carnegie wehrte sich gegen den Vorwurf, mit der Fabrikation von Kriegsmaterial viel verdient zu haben. Der damalige Präsident, so sagte er, habe ihm ge= sagt, er set verpflichtet, durch Lieferung guter Panzer­platten für eine längere Lebensdauer der Kriegsschiffe zu wirken. Tatsächlich hätte er an anderen Eisenfabrikaten mehr verdient, als an Panzerplatten.

Die österreichische Kabinettskrise hat mit der Bildung eines dritten Ministeriums Bienerth geendet. Das neue Kabinett ist vom Kaiser Franz Josef bereits bestätigt wor­den. Den scheidenden Ministern hat der Kaiser hohe Or­densauszeichnungen verliehen.

Wer hat recht? Ein rheinisches Blatt hatte in einer Betrachtung über den Termin der kommenden Reichstags= wahlen Andeutungen darüber gemacht, daß der Kanzler die Parteien überraschen und die Wahlen in den Spätfrüh­ling verlegen wolle. Diese Vermutungen sind nach anderen Blättermeldungen vollkommen unbegründet. Es darf als ausgeschlossen gelten, daß die Neuwahlen an einem so frühen Termin stattfinden werden, da der jezige Reichstag außer dem Etat noch eine ganze Anzahl wichtiger Aufgaben zu bewältigen hat, unter denen die Reichsversicherungs­ordnung an erster Stelle steht. An der Absicht der Reichs­regierung, den jeg.gen Reichstag noch recht tüchtig arbeiten zu lassen, hat sich nichts geändert, infolgedessen auch nichts an dem Entschluß, die Wahlen, wie ursprünglich geplant, im Spätherbst stattfinden zu lassen.

Die reichhaltige Standalchronit der französischen Re­publik ist jetzt um einen weiteren Fall vermehrt worden. Wie aus Paris gedrahtet wird, stellte Senator Perrier in dem von ihm über die Mißbräuche bei dem Neubau des Nationalmuseums erstatteten Bericht fest, daß dieser Bau, dessen Kosten auf etwa 3 Millionen Fr. veranschlagt wa­ren, über 11, Millionen verschlungen habe. Perrier ver­langt unter anderem im Namen des Untersuchungsaus­schusses, daß der leitende Architekt seines Postens enthoben und zur Verantwortung gezogen werde. Wiederum ein Beleg dafür, daß selbst eine Republik mit der Losung ,, Frei­heit, Gleichheit und Brüderlichkeit" nicht gegen unzuläng­lichkeiten gefeit ist.

Eine Verschärfung der bestehenden Strafbestimmungen gegen den Schmutz in Wort und Bild fordert ein Gesezent­wurf, der nach Blättermeldungen von der Stadt Hamburg dem Bundesrate zugegangen ist. Nach dem Entwurfe soll der Verkauf von zu Verbrechen anregender Schundliteratur an die schulpflichtige Jugend unter Strafe gestellt werden. Dem Gesetzentwurfe ist eine ausführliche Begründung bei­gegeben. Der Bundesrat wird voraussichtlich Anfang Feb­ruar darüber Beschluß fassen, so daß es nicht ausgeschlossen wäre, daß noch der jezige Reichstag sich mit dem Ent­wurfe befassen wird.

Kleine Nachrichten.

Für die Afrifaexpedition des Herzogs Adolf Friedrich von Mecklenburg hat der Kaiser aus seinem Dispositions­fonds 50 000 Mark bewilligt. Nach den letzten telegraphi­schen Meldungen, die bis zum 28. November reichen, be­fanden sich sämtliche Teilnehmer der Expedition wohlauf. Die Haupterpedition unter Führung des Herzogs dürfte sich gegenwärtig in der Nähe des Tschadsees befinden.

Neue Wachdienstvorschriften zum Schutze der Ver­teidigungsanlagen arbeitet die Heeresverwaltung gegen= wärtig aus. Anlaß hierzu dürfte die Spionageaffäre ge= geben haben. Die neuen Vorschriften beziehen sich sowohl auf den Wachdienst für Festungen wie auch für die Küsten­bemachung und enthalten besondere Vorschriften für den Luftschiffperfehr. Luftschiffstationen dürfen nur außerhalb der Geftungsanlagen angelegt werden. Das Festungsge= lände soll durch weithin für den Luftschiffer sichtbare Merk­male fenntlich gemacht werden. Zum Schutz der Nordsee­füffte fritt während der Badezeit eine verschärfte Küsten­bewachung in Kraft! 1lbndn

Briefe bittet der Unglückliche, seinen Bruder, den Oberleh­rer Brinkmann in Minden i. W., und seine in Soest i. W. lebende Mutter zu benachrichtigen.

Ein furchtbares Familiendrama hat sich in Aalen in Württemberg abgespielt. Am Sonnabend abend hatte sich der Landwirt Schöneck von Sandberg nach voraufgegange= nem Streit mit seiner Frau in den nahegelegenen Wald begeben, um seinem Leben ein Ende zu machen. Die Frau folgte ihm und wollte ihm das Gewehr entreißen. Dabei entlud sich die Waffe und traf die Frau so unglücklich, daß sie bald darauf starb. Der Mann brachte seine Frau nach Hause und erhängte sich dann.

Die zweitgrößte Stadt Preußens bleibt Breslau. Nach der letzten Zählung schten es, als obBreslau von Köln über­flügelt worden sei. Nun verkündet das statistische Amt der Stadt Breslau, daß die Revision der Zählungslisten ergab, daß bei der vorläufigen Feststellung die Bevölkerung um 962 Personen zu niedrig eingeschätzt worden war. Nach end­gültiger Feststellung habe Breslau aber 511 891 Einwohner, während Köln nur 511 042 aufweist.

un bend Etat der preußischen Eisenbahnverwaltung für 1911 befindet sich den B Lot.- Anz." zufolge eine Mehr­einstellung von heinahe einer halben Million. Mit die­sem, Betrage; soll all denjenigen pensionierten Eisenbahn­beamten, die nommen

Artikel 11 dem privaten Eisenbahndienste über­

Eine planmäßige Heze gegen den Gemeindearzt veran stalteten die Bauern in Riedau in Oberösterreich. Der Arzt hatte pflichtgemäß einen Typhusfall zur Anzeige gebracht, weshalb die geplante militärische Einquartierung unter­blieb. Dem Arzt wurde der Kauf von Lebensmitteln ver­weigert; die Patienten blieben aus. Gegen sein Haus wur­den Steinwürfe gerichtet. Infolge der Aufregung ist er jetzt einem Herzschlag erlegen.

Der reichste Mann der Rheinprovinz, Rittergutsbesitzer und Kommerzienrat Karl Puricelli, ist am Sonntag auf Rheintaler Hütte bet Bingen gestorben. Der bereits 87= fährige hat sich ein Denkmal gesetzt durch Errichtung eines großen Blindenheims, sowie durch seine zahlreichen Wohl­tätigkeitsafte. Er war Ehrenbürger von Bingen.

find, und denen als Kriegsteilnehmern nach Pensionsgesetzes vom 27. Mai 1907 ein Mehrbetrag an Pensionen zusteht es handelt sich um diet betannten 5/60- die künftig als Pensionszulage auf rund eines hierzu zu stellenden Antrages ausgezahlt werden. Den einzureichenden Anträgen soll die Geneh­migung nur erteilt werden, wenn Bedürftigkeit neben der Würdigkeit der Antragsteller nachgewiesen ist. Alle Ge­suche sollen mit besonderem Wohlwollen geprüft werden. Damit ist ein lange gegter Wunsch der Eisenbahnpensio­näre, die aus dem privaten Eisenbahndienst übernommen werden, erfüllt worden.

Eine Stiftung von einer Million Mark für Bildungs­und Wohltätigkeitszwecke machte der verstorbene Kommer­zienrat Winterheld der Stadt Miltenberg in Unterfranken.

Ohne Kopf begraben wurde im Zillertale ein Mann namens Rieser. Er hatte seinen abnorm großen Kopf bei Lebzeiten einem Gelehrten für 1500 Kr. verkauft, und dt, ser Handel ist jetzt, beim Tode des Mannes, perfekt ge worden.

Ein Brand im Reichskolonialamt alarmterte am Sonn­tag nachmittag die Berliner Feuerwehr. In einem im 1. Stock belegenen Bürozimmer war aus bisher noch nicht er= mittelter Ursache ein Papierforb in Brand geraten. Das Feuer hatte bei Eintreffen der Wehr sich bereits auf den Fußboden und einen Schreibtisch ausgedehnt, konnte aber in kurzer Zeit gelöscht werden.

Eine Friedensrede Carnegies. In einer Rede im re­publikanischen Klub in Neuyork prophezeite Carnegie, daß, wenn der neue Schiedsgerichtsvertrag zwischen Deutschland und Amerika zustande käme, tatsächlich der Krieg damit

Der Familienschmuck der Wallutjeffs.

Kriminalroman von Freifrau G. v. Schlippenbach. ( Nachdruck verboten.)

2)

Die Aviatik hat ein nenes Opfer gefordert. In Belgrad unternahm gestern der Aviatiker Rusijan einen Flug über die Festungswälle. Bei einer Wendung verlor der Apparat infolge eines Windstoßes das Gleichgewicht und stürzte ab. Rusijan erlitt einen Schädelbruch und starb während des Transports nach dem Spital.

Der Nordpolfahrer Peary erschien am letzten Sonn­abend vor einer Kommission in Neuyork, um Beweise für den Erfolg seiner Nordpolfahrt zu erbringen. In einer längeren Darlegung gelang es Peary, die Mitglieder der Kommission zu überzeugen, daß er tatsächlich den Nordpol entdeckt habe. Nunmehr wird ihm ohne Widerspruch der Tt­tel eines Kontreadmirals zuerkannt werden.

Der belgische Kohlenarbeiterstreik dehnt sich über das gan­ze Land aus. Die Zahl der Ausständigen übersteigt beretts 25 000. Die Hauptursache der Bewegung liegt in der Herab­setzung des Lohnes infolge des neuen Berggesezes, das die Arbeitszeit von 10 auf neun Stunden vermindert.

,, Nein, im Gegenteil, der im Berner Oberlande so angenehm verlebte Sommer scheint mir wohlgetan zu ha­ben." Die Gräfin schwieg und fuhr erst nach einer Weile fort: Ich habe trotzdem ein banges Vorgefühl, als ob ich bald sterben müsse. Nenne es Aberglauben und kin­dische Tozheit ich kann es nun einmal nicht los werden."

Volkswirtschaftliches.

Die Lebensdauer der Frauen in Deutschland. einer amtlichen, sich von 1890 bis 1900 beziehenden Stati­stik aus allen Landesteilen Deutschlands sind zwei Feſt­stellungen von wesentlicher Bedeutung. Nach der ersten ist die Lebensdauer des weiblichen Geschlechts bedeutend grö­ßer als die der Männer. Es beträgt der Unterschied durch­schnittlich sechs Jahre, nach dem zweiten ist die Lebensdauer der Frau in den letzten 20 Jahren bedeutend gestiegen. Sie betrug von 1870 bis 1880 nach der Statistik 42,5 Jahre, jetzt aber ist die mittlere Lebensdauer der Frauen auf 55 Jahre gestiegen. Ein Rückschluß auf verbesserte Lebens­stellung und Lebensweise der Frauen ist danach berechtigt. Die Vergrößerung der Lebensdauer der Männer beträgt nach derselben Statistik 10,7 Jahre gegen 12,5 Jahre der Frauen. Den Unterschied in der mittleren Lebensdauer für Mann und Frau will man auf die größere Anspannung der Männer im Beruf zurückführen. Da sich aber die Frauen in den letzten 10 Jahren der Statistik bedeutend mehr als vorher am Erwerbsleben beteiligten, so scheint daraus hervorzugehen, daß eine maßvolle Tätigkeit der Frau durchaus günstig wirkt. In England übersteigt die mittlere Lebensdauer der Frauen noch die der deutschen, da dort die Frauen ein durchschnittliches Lebensalter von 56 Jahren erreichen.

Ein Todessturz auf der Rodelbahn hat sich in Wilhelms­hagen bei Berlin ereignet. Ein Oberprimaner fuhr mit seinem Rodelschlitten gegen einen Baum. Der Schlitten überschlug sich, und der Gymnasiast wurde mit dem Kopf gegen den Ast eines Baumes geschleudert. Er erlitt dabei so schwere innere Verletzungen, daß er in der Wohnung set­ner Eltern starb.

Jrinja sprach eifrig auf ihre Herrin ein. Sie suchte sie zu überzeugen, daß sie sich mit unnützen Sorgen und Hirngespinsten quäle; aber die Gräfin blieb bei ihrer An­sicht. Berde waren so eifrig in ihr Gespräch vertieft, daß sie die dunkle Gestalt eines Mannes nicht bemerkten, der schon einigemale an ihnen vorübergegangen war. Jezzi verschu and er hinter dem Gebüsch, das im Rücken der Spre­henden, dicht hinter der Bank, worauf sie saßen, lag.

Nach der Mahlzeit schwer erkrankt sind in einer Kut­scherfamilie in Pilsen sieben Personen. Zum Kochen war scheinbar statt Salz ein dem Salze ähnliches, giftiges Pul­ver verwendet worden. Man nimmt Arsenikvergiftung an. Ein schweres Bauunglück wird aus Bremen gemeldet. In der Hammstraße stürzte gestern nachmittag ein im Roh­bau fertiggestelltes zweistöckiges Haus in sich zusammen und begrub 5 Arbeiter unter sich. Einer der Verschütteten wurde als Leiche geborgen, zwei wurden schwer und einer leicht verletzt.

Im Schlamm versunken ist in Kastell( Unterfranken) der Sohn eines Monteurs, der sich auf dem Festungsgraben mit Schlittschuhlaufen vergnügte. Als der Mutter die Unglücks­botschaft überbracht wurde, fiel sie in eine schwere Ohn­macht.

,, Wie gern würde ich statt meines Dieners Andrei morgen nach Petersburg reisen," sagte die Gräfin ,,, ich muß noch heute abend an meinen Sohn, den Grafen Jegor Wallutjeff, schreiben und ihm einschärfen, daß er den kost­baren Familienschmuck unseres Hauses sorgsam hütet; er ist ja, wie Du weißt, ein Vermögen wert. Ich wünsche, daß die Gattin meines geliebten Sohnes ihn beim nächsten Hofball trägt. Die Perlen würden sich auf ihrem weißen Halse gut ausnehmen und die Brillantsterne in ihrem dunklen Haar zur Geltung kommen, Maria Nicolajewna ist bildschön die beiden großen Solitaire habe ich als Chrgehänge für sie fassen lassen."

Wegen Geldsorgen hat sich der 23jährige Student Fritz Brinkmann in Berlin erschossen. In einem hinterlassenen

Und doch spricht man noch heute am Petersburger Hof von ihrer Schwiegermutter, als einer der schönsten Frauen im heiligen Rußland," warf Jrinja ein.

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Wissenschaft, Kunst und Literatur.

Professor Ostwald, der bekannte Chemiker und Natur­philosoph, Träger des Nobelpreises von 1909, hat sich auf Ansuchen des Professors Haeckel in Jena bereit erklärt, den Vorsitz des Deutschen Monistenbundes zu übernehmen.

Aus den Gerichtssälen.

Das zweite Nachspiel der Moabiter Krawalle nahm am Montag vor dem Schwurgericht des Berliner Landgerichts I seinen Anfang. 18 Personen, meist im fugendlichen Alter, welche sich sämtlich seit Monaten in Haft befinden, stehen unter der Anklage des Aufruhrs und des Landfriedens­bruches. Es sind diejenigen, die sich in den stürmischen Sep­tembertagen nach den Behauptungen der Anklagebehörde schwerer Verbrechen schuldig gemacht haben. Ursprünglich waren es 19 Angeklagte. Einer von ihnen, der Zimmermann Meden, hat sich inzwischen im Untersuchungsgefängnis er= hängt. Die Aften tragen den Titel Trau und Genossen, nach dem ersten Angeklagten Arbeiter Jakob Trau, einem österreichischen Staatsangehörigen. Die Angeklagten sind damals festgenommen worden, weil sie nach der Behauptung der Anklage faustgroße Steine nach den Beamten gewor= fen haben, Laternen zertrümmert und andere Gewalttaten begangen haben. Einer der Angeklagten soll sogar mehrere Revolverschüsse abgefeuert haben. Die Anklagebehörde wird durch den Oberstaatsanwalt Dr. Preuß, sowie durch die Staatsanwaltschaftsräte Dr. Borstel und Stelzer vertreten. Unter den Verteidigern befindet sich wieder Wolfgang Heine. Nach Eröffnung der Situng erkläre der Vorsitzende, die Verhandlungen würden etwa drei Wochen in Anspruch nehmen. Dann wurde der erste Angeklagte, Trau, vernom­men, der bei der Firma Kupfer gearbeitet hat, bis es zum Streif kam. Trau kann weder lesen noch schreiben. Er be­hauptet, den Stein, der bei ihm gefunden worden ist, nur dazu gebraucht zu haben, um einen Pflock in den Boden zu treiben. Außerdem will er starf betrunken gewesen sein. Auf die übrigen Angeklagten, soweit sie gestern vernom­men wurden, bestreiten die ihnen zur Last gelegten Straf­taten.

Beide Frauen schwiegen eine Weile. Das Alpenglü­hen verblaßte, die Sonne war untergegangen. Die Stelle, auf der Gräfin Anastasia und Jrinja saßen, war verein­samt; die Spaziergänger hatten sich verzogen. Nur weiter unten am Schweizerhofquai in der Nähe der Reußbrücke stauten sie sich, sie warteten auf die elektrischen Scheinwer­fer, die von der Spitze des Pilatus und des Rigi aus ihr blendendes Licht auf das Wasser des Sees warfen. Dieses interessante Schauspiel rief allabendlich die in Luzern wei­lenden Fremden herbei, die Einheimischen beachten es kaum mehr.

Wieder hob ein Seufzer die Brust der Gräfin. Das ist lange her," versetzte sie ernst. Jetzt bin ich eine alte frante Frau, die keinen Anspruch auf Schönheit mehr machen darf."

Wir sind hier ganz allein," begann die Gräfin, in­dem sie sich umblidte. Wir müssen aufbrechen und in die Stadt zurückkehren. Eigentlich wollte ich noch bis zu dem Juwelier Jakob Häuserling gehen, um mir den Fa­milienschmuck anzusehen, dach ich fühle mich zu müde, Andrei mag ihn schon heute abend abholen, morgen um acht Uhr tritt er dann die weite Reise nach Rußland an."

,, Und fürchten Sie nicht, gnädige Frau, daß er unter­wegs beraubt werden könnte?" fragte Jrinja.

,, Nein, meine Liebe! Wer sollte vermuten, daß er einen so kostbaren Schatz, ein Vermögen bei sich trägt?" entgegnete die alte Dame zuversichtlich. Außerdem ist Andrei ein Riese von Gestalt und Kraft; so leicht getraut sich wohl feiner an ihn heran. Obgleich Andrei schon fünf­zig ist, nimmt er es mit jedem auf. Ich will ihm auch einige tausend Rubel mitgeben für eine Wohltätigkeitsan­stalt, zu deren Komitee ich gehöre."

In diesem Augenblick ließ sich hinter den Sprechen­den ein schwaches Geräusch hören. Es klang fast wie das Knacken eines dürren Astes.

es wird Zeit, nach dem Hotel zurückzukehren, es ist zu kühl hier." Sie fröstelte leicht.

Ich werde den Brief an meinen Sohn gleich schrei­ben, Du kannst ihn heute abend noch in den Postkasten werfen." Mit diesen Worten stand nun Anastasia Paw­lowna auf und schritt langsam, auf den Arm der Kammer­frau gestützt, davon.

,, Was war das?" fragte Jrinja erschreckt und ängstlich aufhorchend, sollten wir belauscht worden sein?" fügte sie leiser hinzu.

,,,, Du siehst überall Gefahren," lachte die Gräfin. ,, Wahrscheinlich ist es eine Kaze gewesen. Aber komm,

Die Büsche hinter der Bank hatten sich geteilt. Ein untersetzter Mann in unscheinbarem, grauem Anzug trat herpor. Er trug einen grünlichen Lodenhut und einen derben Knotenstock, sein Gesicht war nicht deutlich zu er­kennen; ein ungepflegter, rötlicher Vollbart bedeckte die untere Hälfte des Antlizes. Er sah den sich entfernenden Frauen nach. Die hohe, stolz getragene Gestalt der vor­nehmen Russin verschwand eben im Dämmerlicht des Herbstabends. Ein heiseres Lachen tönte von den Lippen des Fremden; er setzte sich auf die eben verlassene Bank und sak regungslos da. Offenbar dachte er scharf über etwas nach. Welcher Art mochten seine Gedanken sein?" Nach etwa zehn Minuten stand er auf und schlenderte der Stadt zu. Hier brannten die elektrischen Lampen, tageshell lagen die Straßen da. Es war Samstag. Die Menschen eilten geschäftig hin und her. Die Schaufenster lockten die Fremden an, besonders vor den glänzenden Auslagen der Seiden- und Schmucksachengeschäfte standen die durchreisenden Damen bewundernd still. Häuserling, Häuserling," murmelte der Mann mit dem roten Bart. Wo mag dieser Juwelier wohnen? Ich bin wildfremd in Luzern; eben erst angekommen, weiß ich nicht aus noch ein. Soll ich jemand um die Adresse fragen? Ist das ratsam?- Bah! keine Seele kennt mich hier, ich tue es."

Er musterte mit forschenden Blicken die Vorübergehen­den. Dann trat er auf einen Mann zu, der dem Hand­werkerstande anzugehören schien, und fragte, höflich den grünen Lodenhut ziehend:

( Fortsetzung folgt.)

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