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beamtinnen zu erwähnen. In etwa 100 Städten find Frauen städtische Armenpflegerinnen, in über 100 Städten Waisenpflegerinnen, vielfach werden die Frauen zur Vor­mundschaft herangezogen. In Süddeutschland werden Po­Itzelmatronen und in Preußen Polizeiärztinnen angestellt, auch Schulärztinnen gibt es. Auf die Erscheinung, daß es beispielsweise in Berlin einen weiblichen Architekten, in Hamburg einen weiblichen Ingenieur gibt, ist wohl kein be= fonderes Gewicht für die Frauenbewegung zu legen.

Vermischtes.

Ein Studentenstreich vor dem Karlsruher Schlosse. Am Freitag abend gegen 7 Uhr fuhren, wie erst jetzt be­fannt wird, in Karlsruhe sechs angeheiterte Studenten in einer Droschte, in der sie Bier verzapften, nach dem Schlesse, wo sie der Posten an der Hauptwache ruhig durchließ. Ehe jedoch der Wagen vor dem Hauptportal angelangt war, hatte der wachthabende Offizier die Auffahrt bemerkt. Er ließ die Wache ins Gewehr treten, eilte mit mehreren Leib­grenadieren der Droschke nach und befahl dem Kutscher, sofort umzukehren, was dann auch nach einigem Widers tande geschah. Ein Schutzmann, dem die Studenten so­gleich zu trinken anboten, konnte nach langen Verhand­lungen ihre Namen feststellen, während das zahlreich ver­sammelte Publikum beim Abzuge der Droschke seiner Ent­rüstung über den Streich der Studenten lebhaften Ausdruck gab. Diese machten sich aber gar nichts daraus, denn der auf dem Bocke sitzende Bruder Studio schwang sein Bier­glas mit dem Rufe: Es lebe der erste Mai und die Liebe!" Kurz vorher war das Kaiserpaar vom Hauptportal nach bem Hoftheater gefahren, sonst wäre es Zeuge des Vor­falles gewesen.

Die angeblich älteste Frau Deutschlands, die am 1. Mal in Spizendorf im Bayrischen Wald verstorbene Frau Jo­Jepha Eder, ist nicht, wie gemeldet wurde, 117, sondern nur 83 Jahre und 46 Tage alt gewesen. Die Alte glaubte bei­nahe selber daran, daß sie hundertfünf oder

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wenn es

sein sollte auch hundertfünfzehn Jahre alt sei, und be­antwortete die ewiger Fragen nach ihrem Alter sehr ein­fach mit den Worten: Ja, ja... bin halt recht alt," Vor ein paar Jahren öffnete ein gut gemeintes Gedicht des als Erzähler des bayrischen Waldes bekannter Mün­chener Schriftstellers, des selbst 75 Jahre alten Hofrats Maximilian Schmidt, der die Not des alten Weibleins in schlichten, rührenden Worten beschrieb, Herzen und Hände, so daß außer einer Menge anderer nützlicher Geschenke ein Kapital von 3500 M für die Alte zusammenkam. An ei­nem einzigen Tage waren 92 Postanweisungen für sie ein­gegangen; aus fast allen Städten und Orten Bayerns, aus Desterreich- Ungarn und der Schweiz, aus Italien und Frankreich waren Sendungen eingelaufen. Es schied mit ber merkwürdigen Alten eine Frau aus dem Leben, die, als seltene Ausnahme thres Geschlechts, um viele Jahre älter sein wollte, als sie war, aber nur ,, der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe".

Diamantenfunde in Deutsch- Ostafrika? Von angeb­lichen Diamantenfunden in der Nähe Bagamojos weiß die ,, Deutsch- Ostafrikanische Rundschau", das Organ des ost­afrikanischen Gouvernements, zu berichten. Nach einer Meldung des Blattes hat ein Spaziergänger im Sande einige Riesel gefunden, die ihm merkwürdig vorkamen und die von einem Freunde, der früher in Südwestafrika und Kimberley gewesen ist, für Diamanten von reinstem Wasser erklärt wurden. Die glücklichen Finder sollen so­fort weite Streden belegt und die Absicht haben, eine Bagamojo- Diamantengesellschaft" zu gründen. Die Mel­Sung muß vorläufig mit größter Vorsicht aufgenommen werden, bis eine amtliche Bestätigung vorliegt, daß es sich wirklich um Diamanten handelt und daß sie in abbauwür­biger Menge vorhanden sind.

Diebstahl im englischen Königspalast. Ein mysteriö­fer Diebstahl wurde im St. James- Palast entdeckt. Der Verwalter der Juwelen und der Privatschatulle der Kö­nigin Alexandra hatte in dem sog. Botschafterzimmer des Palastgebäudes die Juwelen der Königin aus ihrem Schrein genommen. Er entfernte fid darauf furze Zeit, und als er zurückkehrte, fand er den Juwelenschrein voll­ständig leer. Die verschwundenen Diamanten sind ein Prt­vatgeschenk des verstorbenen Königs Eduard und haben einen großen Wert. Unter den verschwundenen Diaman ten befand sich auch ein in Diamanten gehaltenes Bild­nis des Königs Eduard.

Eine Ballonlandung mitten in der Stadt. Auf der Elbinsel Peute bei Hamburg war am Sonntag der Luft­Schiffer Wilson mit einem Freiballon aufgestiegen und über bie Elbe gekommen. Der Wind trieb ihn über Altona und bann wieder an die Elbe zurück. Der Luftschiffer getraute sich nicht über den an dieser Stelle breiten Strom hinüber und zog die Reißleine, so daß der Ballon mitten in Al­tora auf dem Fischmarkte im Häusergewirr landete. Tau­[ ende und aber Tausende von Zuschauern strönten von al­len Seiten herbei, so daß die Polizei Mühe hatte, die Ord­nung aufrecht zu erhalten. Die Landung erfolgte glatt. Eine Tat des Jähzorns.. Auf dem Hofe eines Hauses in der Liebenwalder Straße zu Berlin spielten die beiden 10 und 11 Jahre alten Töchter der Frau Port mit der 12 Jahre alten Berta Warse Die Kinder erzürnten sich, und dte Töchter der Frau Port eilten in die Wohnung, um der Mutter ihr Leid zu klagen. Darüber geriet die Frau in eine so sinnlose Wut, daß sie den auf der Fensterbank ste= henden Blumentopf ergriff und nach der im Hof spielenden fleinen Warse warf. Der schwere Topf, aus dem vierten Stockwerk geschleudert, traf leider sein Ziel. Bultüber­strömt brach das Kind zusammen. Es liegt hoffnungslos danieder, da die Schädeldecke zertrümmert ist. Gegen die jähzornige Frau ist die Untersuchung eingeleitet worden.

Schreckensszenen im Belfaster Irrenhaus. In der Jr­renanstalt zu Belfast( Irland) spielten sich gestern aufre= gende und blutige Vorgänge ab. Einer der Patienten, der als harmlos galt, und mit anderen ungfährlichen Geistes­franken Gartenarbeit verrichtete, verftel plötzlich in Raserei und griff seine Genossen mit einem Spaten an. Ehe man ihn hindern konnte, spaltete er einem jungen Mann den Schädel, so daß dieser augenblicklich getötet wurde. Die entsetzten Irren flohen mit Angstgeschrei nach allen Rich­tungen. Doch der Rasende schlug noch zwei von ihnen nie­der; beide erlitten Schädelbrüche; die Aerzte haben sie auf= gegeben. Ein Wärter stürzte sich schließlich mutig auf den Rasenden und rang mit ihm, bis andere Wärter herbei­ellten, deren vereinten Anstrengungen es endlich gelang, den Tobsüchtigen zu überwältigen.

Eine Rangerhöhung der Herzogin von Hohenberg? Erz­Herzog Franz Ferdinand ist unerwartet vor zwei Tagen in Budapest eingetroffen, um eine Unterredung mit dem Kaiser zu haben. Es traten mehrfache Kombinationen hier­über auf. Wie nun verlautet, handelt es sich bei dieser Unterredung neuerlich um die Etikettenfrage bezüglich der Gemahlin des Erzherzogs, der Herzogin von Hohenberg. Bekanntlich hat der Thronfolger die Reise zu den Krö­nungsfeierlichkeiten des Königs von England in Vertre­tung des Kaisers abgelehnt, weil es nicht möglich war, die Mangfraae seiner Gemahlin so zu regeln, daß sie bei den

Krönungsfeierlichkeiten in London den Blab an seinerseite hätte haben können. Die nun bevorstehenden Hoffestlich­feiten in Budapest, bei denen der Kaiser die Anwesenheit des Erzherzogs Franz Ferdinand gewünscht hat, gaben diesem neuerlich Veranlassung, auf die Rangfrage seiner Gemahlin zurückzukommen. Es heißt, daß bereits in der allernächsten Zeit, schon für die bevorstehenden Hoffestlich­feiten in Budapest, eine neuerliche Rangerhöhung der Her­zogin von Hohenberg stattfinden werde.

Der Clown in der Ehrenlegion. Eine nicht alltägliche

eine eigentümliche Ablenkung und Verdrehung erfährt. Diese Auffassung ist ziemlich verführerisch, weil sie aufs leichteste erklären würde, warum der Durchgang von Ko metenschweifen durch die Erdatmosphäre bis auf die Ent stehung eines Sternschnuppenfalls gar keine Folgen hat. Die Mehrzahl der Astronomen wird sich aber damit doch nicht einverstanden erklären, weil die Untersuchung des Spektrums der Kometenschweife einen solchen Schluß nicht zuläßt.

Zeremonie wird demnächst in Paris stattfinden; der be- Prinzessin Luise als Erbschaftsklägerin.

fannte Clown des neuen Zirkus, der Neger Chocolat, der 27 Jahre lang die Pariser durch seine Späße amüsierte und lachen gemacht hat, zieht sich ins Privatleben zurück und soll bei diesem Anlaß zum Ritter der Ehrenlegion ernannt und mit dem Purpurbändchen geschmückt werden. Aber nicht, weil der lustige Chocolat ein ausgezeichneter Clown ist, sondern weil er auch ein mildherziger Philantrop ist. In seinen Mußestunden pflegt er nämlich seit vielen Jahren in den größeren Krankenhäusern der Seinestadt arme let­dende Kinder durch Vorführungen seiner Kunst zu erhet­tern, und auch, als er sich zum Abschied vom Publikum ent­schloß, behielt er sich diese Tätigkett ausdrücklich vor. So­bald die nötigen Vorbereitungen getroffen, wird in Paris zu Ehren des Clowns eine große Volksversammlung statt­finden, der zwet schwarze Mitglieder der Deputiertenfam­mer präsidieren werden. Bei diesem feterlichen Anlasse soll Chocolat die Ernennung zum Ritter der Ehrenlegion über­mittelt werden.

Der Polizeihund als Heiratsvermittler. Eine origi nelle Geschichte wird aus einem kleinen dänischen Grenz­städtchen berichtet. Bemerkt da ein wohlhabender Hausbe­fiber, wie nachts auf seinem Kirschbaume ein Gesell hockt, der erhebliche Anstrengungen macht, möglichst nahe an das Haus heranzukommen. Nichts Gutes ahnend, macht sich der Hauswirt auf und begibt sich so leise wie möglich in den Garten. Als er ins Freie tritt, verschwindet die Gestalt ge­rade über den Zaun nach der Straße. Am nächsten Abend dasselbe Manöver. Beunruhigt wendet er sich an den Nachtwächter, der ihm verspricht, am nächsten Tage mit dem neu angeschafften Polizeihunde die Spur aufzunehmen. Am nächsten Morgen weiß es natürlich die ganze Stadt: bei Feddersen soll ein Spitzbube durch den Polizeihund ge= sucht werden. Die ganze Nachbarschaft bildet Spalter, als " Fricka" die Witterung aufnimmt und die Spur durch den Garten nach der Hintertür und von da über die Straße weg verfolgt. Vor dem Gehöft eines der reichsten Bürger macht er Halt und stellt bald darauf den Sohn des Hauses, der blutrot vor Verlegenheit den Hut in der Hand dreht. Da geht es wie Sturm durch die Zuschauer, ein Lachen über des Rätsels Lösung: der junge Bursch, ben man schon lange heimlich mit Feddersens bildhübscher Tochter im Verdacht hatte, war vom Vater auf der Brautsuche erwischt worden. Der alte Feddersen, der von der Sache nichts hat wissen wollen, knirschte vor Wut. Blieb ihm doch, wenn er seine Tochter nicht ins Gerede bringen wollte, nichts übrig, als zu allem Ja und Amen zu sagen. Niemand aber war dem Polizeihunde jemals dankbarer als das junge Paar, bas ohne seinen Spürsinn vielleicht erst nach langen Kämpfen sich hätte haben können.

Eine kostspielige Periode der Heiserkeit hat Enrico Ca­ruso hinter sich. Der gefeierte Tenor ist während der ab­gelaufenen Opernsaison nur achtzehnmal aufgetreten, acht­zehn wettere kontraktmäßig zugesicherte Vorstellungen hat er absagen müssen, weil ein Stimmbänderkatarrh ihm das Auftreten unmöglich machte. Ich kann sagen," erklärte Caruso einem Berichterstatter, daß ich schon heute wieder gesund bin, sonst würde ich mir diese Freiheit nicht erlau­ben." Und dabei zeigte er auf seine glimmende Zigarette. Immerhin werde ich bis September in meiner Vaterstadt Florenz möglichst der Ruhe pflegen. Deshalb habe ich alle Engagements für den Sommer abgesagt. Zuerst werde ich wieder in Wien auftreten und zwar am 2. September. Meine Verpflichtungen führen mich dann nach München, Hamburg und Berlin und im November komme ich wieder nach Neuyork. Hter bindet mich noch ein dreijähriger Kon­traft.

Ein gesetzlich geschütter Fisch. Der letzte Abkömmling einer Riesenfischspezies, den man den Lotsenfisch Pelorus Jad" nannte, ist an der neuseeländischen Küste, halb von Saifischen gefressen, tot aufgefunden worden. Sein Bet­name Lotsenfisch rührt daher, daß er seit zwanzig Jahren alle nach Wellington gehenden Dampfer tags oder nachts am Belorus- Sund erwartete und sie in den Hafen beglet­tete. Ein anderer Name war ,, der einsame Fisch am fran­zösischen Paß". Dampferpassagiere versuchten früher häu­fig, ihn mit ihren Revolvern zu erschießen. Das neusee= ländische Parlament nahm jedoch ein Gesetz an, das den Fisch unter Schutz stellte und den eventuellen Töter zu be­Strafen drohte. Leider konnte dieses Gesetz den Belorus Jad" nicht ver vem Gefressenwerden durch die Saifische be­hüten.

Hauswirt und Mieter. Die Münchener Jugend" er­zählt folgendes Geschichtchen: Der Herr Gerichtsrat Meyer tommt zu seinem Hauswirt und bittet ihn, im Frühjahr die Wohnung für ihn neu dekorieren zu lassen. Der Haus­wirt lehnt dieses Ansuchen ab mit der Bemerkung, daß die Mieten für derartige Extraausgaben zu niedrig wä­ren. Nach dem der Herr Gerichtsrat mit seiner besseren Hälfte eine diplomatische Auseinandersetzung gehabt hat, in der er ihr die Gründe gegen einen Umzug auseinander­setzte, läßt er die Dekoration auf eigene Kosten machen. Stolz bittet er dann den Hauswirt eines Tages, sich die Zimmer nun einmal anzusehen. Der kommt, sieht, staunt und streicht sich schmunzelnd den Bart. Jezt ist die Woh­nug wenigstens fünfzig Mark mehr wert", sagt er, und nom nächsten Termin an war der Herr Gerichtsrat um 50 Mark gesteigert.

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Wissenschaft, Kunst und Literatur.d

Die Kometen- eine optische Täuschung? Das hatte nur noch gefehlt, hätte aber eigenlich früher kommen sollen! Wenn wirklich viele Leute sich im vorigen Jahr um den Bestand der Erde und damit um ihr eigenes fostbares Le­ben geängstigt haben, weil sie von dem Zusammenstoß des Hallenschen Kometen mit der Erde die Zerstörung unseres Weltkörpers befürchteten, welche Erlösung wäre es dann ge= wesen, wenn femand überzeugend nachgewiesen hätte, daß es ein solches Ding wie den Hallenschen Kometen und die Kometen überhaupt gar nicht gibt. Mit dieser Weisheit rückt jetzt ein italienischer Astronom Armellini in den Astronomischen Nachrichten" heraus. Er veröffentlicht 15 Photographien, die eine verblüffende Aehnlichkeit mit photograpischen Aufnahmen von Kometen besitzen, und zwar mit den verschiedenen Formen, wie sie jedem von uns durch die Abbildungen in neuerer Zeit vertraut geworden sind. Die von Armellini hergestellten Bilder sind aber gar keine Kometenaufnahmen, sondern durch ein Experiment auf freiem physikalischen Wege erzeugt. Er hat nämlich Licht­strahlen durch verschiedene Linsen, die in unregelmäßigen Stellungen angeordnet waren, hindurch geschickt und da= durch Lichtbilder erhalten, die den Kometen völlig gleichen. Daraus hat er dann die Schlußfolgerung gezogen, daß die Kometen selbst auch keine körperliche Existenz besigen, son­dern eigentlich nichts anderes find, als optische Täuschun­gen. Diese kämen, seiner Annahme nach, dadurch zustande, daß das Licht der Sonnenstrahlen, wenn es auf linfenför mige Ansammlungen von Meteoriten im Weltraum fällt,

Vor dem Brüsseler Ziviltribunal haben die zu einem Verfahren zusammengefaßten drei Prozesse, welche Prin­zessin Luise von Koburg um die Erbschaft ihres Va­ters, des Königs Leopold, angestrengt hat, begonnen. Als Beklagte erscheinen die beiden Barone Goffinet als Ge­schäftsbevollmächtigte und Testamentsvollstrecker des nigs; ferner zwei Direktoren im Finanzministerium; der Koburger Notar Justizrat Dr. Hermann Psorkel und der Koburger Hofbankier Rudolf Schraldt als Vertrauensleute des Königs für die Familienstiftung Nieder- Fullbach bet Koburg; dann der ehemalige Adjutant des Königs, Baron Snoy, und ein Kammerdiener des Königs, welch letzterer Vermögensobjekte König Leopolds in deffen Auftrage nach der Banque Nationale" geschafft haben soll; endlich Ver­treter dieser Bank selber. Elf der ersten Anwälte Brüssels plädieren für und gegen. Der Sachverhalt stellt sich wie folgt dar: Der König hatte seinen Töchtern durch Testament vom November 1907 und bekräftigt durch ein späteres eigen­händiges Testament im Oktober 1908, nur diejenigen 15 Millionen vermacht, welche er von seinen Eltern ge­erbt hatte, und hatte bestimmt, daß alle Summen, welche er durch seine Beteiligung an faufmännischen Unternehmun gen erworben hatte, sowie alle Liegenschaften und Wertsa­chen, nebst drei von ihm gemachten Stiftungen, zum Nutzen seines Landes diesem zufließen sollten. Er motiviert das in einem zweiten Testament mit folgenden Worten: In­folge meiner Funktionen und durch das Vertrauen, welches verschiedene Personen in mich gesetzt hatten, sind bedeuten­de Summen in meine Hände gelangt, ohne jedoch mir zu gehören." Der König ging von dem Gesichtspunkte aus, daß alles, was er als Souverän erworben hatte, nicht seinen Töchtern, sondern dem Lande zufomme, und hat demgemäß die verschiedenen Stiftungen zur Ausführung der schon im Leben von ihm verfolgten Pläne errichtet. Es handelt sich dabei um rund 40 Millionen der Familien­stiftung Nieder- Fullbach und um 8850 Aktien von rund 9 Millionen Wert der Stiftung zur Erhaltung der land­schaftlichen Schönheit Belgiens und der monumentalen Bau­ten Brüssels", um 3290 Aftien der Domänengründung an der Mittelmeerküste und um etwa 4 Millionen Werte in Grundstücken, verwaltet von Baron Goffinet, im ganzen um 54 Miltonen Francs. Diese reklamiert Prin­zessin Luise für sich und ihre Miterben, zugleich erhebt aber auch die belgische Regierung Anspruch darauf mit der Be­gründung, daß diese Vermögen aus der Verwaltung des Kongostaates erworben seien, der sogenannten Kongodo­mäne zugehörten und durch den Vertrag des Ueberganges des Kongostaates als Kolonie an Belgien vom Staate er worben wurden. Prinzessin Luise bestreitet den Anspruch des Staates, weil dies Vermögen schon zur Zeit gewonnen wurde, als der König absoluter Herr des Kongostaates war; ste will ferner beweisen, daß der König auch an seinen zahl­reichen geschäftlichen Transaktionen in Asien viele Millio­nen verdient hat. Die Ansprüche der Prinzessin stüßen sich legal darauf, daß in Belgien Kinder nicht enterbt werden können und auch Schenkungen bei Lebzeiten nicht unter al­len Umständen rechtsgültig sind. Die vom König Leopold der Baronin Vaughan, setner Geliebten, und ihren beiden Söhnen, deren Vater er war, zugewendeten großen Summen fommen in diesem Prozeß nicht in Frage. Die Verhandlungen werden voraussichtlich drei Wochen in An­spruch nehmen.

Drabtnachrichten und neuestes.

Der Kaiser in Mek.

0 Metz, 9. Mai. Die große militärische Nachtübung, die gestern abend begonnen hatte, fand heute morgen gegen 9 Uhr ihren Abschluß. Der Kaiser hatte um 6% Uhr das Generalfommando verlassen und war bei der Feste Lothrin gen zu Pferde gestiegen. Nach Beendigung der Uebung nahm der Katser den Vorbeimarsch der beteiligten Trup­pen ab.

Ein Prozeß gegen den Kaiser.

Nom, 9. Mat. Wie die Tribuna" meldet, beabsichtigt die Genueser Familie Giargentini, die mit dem verstorbe= nen Landrat Birkner, des Vorbesitzers des heute dem deut­schen Kaiser gehörigen Gutes Kadinen verwandt ist, das önigliche Hausministerium in Berlin wegen dieses Gutes zu verklagen.

Der elsaß- lothringische Verfassungsentwurf in der

Kommission.

Berlin, 9. Mai. Die Reichstagskommission für den elsaß- lothringischen Verfassungsentwurf begann heute die dritte Lesung. Ein konservativer Redner erklärte, daß das Gesetz in der Fassung der Kommission für die Konservatt­ven unannehmbar sei. Ein freifonservatives Kommissions­mitglied sprach sich gegen die Verleihung der Bundesrats­stimmen aus, ebenso ein Redner der Wirtschaftlichen Ver­einigung. Nachdem Staatssekretär Delbrück die Verleihung der Bundesratsstimmen verteidigt hatte, wurden die§§ 1 und 2 unverändert nach der Kommissionsfassung ange=

nommen.

Einnahme der amerikanischen Stadt Juarez durch die Aufständischen.

Neuyork, 9. Mat. Ein Telegramm aus El Paso meldet: die gesamte Truppenmacht der Aufständischen hat heute morgen gegen 5 Uhr das Feuer auf Juarez eröffnet. Bald darauf drangen die Aufständischen in die Stadt ein, dte sie besetzten.

Neuyork, 9. Mat. Bei dem gestrigen Angriff der Aufständischen auf Juarez sind durch abirrende Kugeln in El Paso vier Personen getötet worden. Die Straßen der Stadt sind von Toten und Verwundeten bedeckt. Der Füh rer der Aufständischen Madero erklärte, der Angriff auf die Stadt sei ohne seine Einwilligung erfolgt.

Eine österreichische Spionageaffäre.

Wien, 9. Mait. Der des Verbrechens der Spionage zu1= gunsten Rußlands überführte Kalkulant beim Wiener Ar­tilleriezeugdepot Alfred Kretschmar v. Kenbusch wurde vom Militärgericht zu neun Jahren vier Monaten schweren Ker­fers verurteilt. Infolge dieser Affäre mußte seinerzeit der frühere russische Militärattachee Oberst Matschenko den hie­figen Posten verlassen.

Blutiger Kampf mit Schmugglern. Budapest, 9. Mai. Aus Agram wird gemeldet: Eine froatische Schmugglerbande wollte an der Grenze nach Steiermark 5 mit Schweinen beladene Wagen nach Dester=" reich hineinschmuggeln, wurden aber dabei von Gendarmen überrascht. Es kam zu einem regelrechten Feuergefecht, wobei auf beiden Seiten etwa 40 Schüsse abgegeben wur­den. Der Kampf dauerte nahezu eine halbe Stunde. Die Schmuggler flüchteten schließlich zurück. Ein Gendarm und) mehrere Schmuggler wurden schließlich verwundet, ein Pferd erschossen.

Unglücksfall bei einem Kirchfeft.

Beru, 9. Mai. Bei einem Kirchfest in der Nähe von Lugano wurden Wallfahrer von einer Steinlamine über­rascht, wobei ein 18jähriges Mädchen an der Seite thres Geliebten durch einen Stein erschlagen wurde..