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Fünf Personen im Tegeler See ertrunken. Nicht went­ger als fünf Menschenleben hat der Tegeler See bet Ber in an den beiden letzten Tagen gefordert. Die Unfälle ereigneten fich fämtlich an solchen Stellen des Sees, an denen das Baden verboten ist. Obwohl des Schwimmens unfundig, wagten sich zahlreiche Personen an gefährlichen Orten ins Wasser und fünf der Unvorsichtigen sollten dabet ben Tod in ben Fluten finden. So ertrant gestern, unweit der Badeanstalt, der achtzehnjährige Kaufmann Arthur Sost aus Pankow, faft zur gleichen Beit fand ein unbekannter, etwa sechs Jahre alter Knabe den Tod im Wasser. Der Kleine hatte in der Nähe von Baumwerder gebadet. Fer­ner ertranken, wie schon berichtet, im Tegeler See der fieb­zehn Jahre alte Schlofferlehrling Friz Schwedler, der fünfzehnjährige Mechanikerlehrling Walter Stößer, beide aus Berlin, und eine unbekannte etwa 25 Jahre alte Frauensperson, die sich weit über ihre Kräfte in den See hinausgewagt hatten.

Einen furchtbaren Selbstmord hat bet Epernay in Frankreich ein zwölfjähriger Schuljunge, Sohn eines Et­fenbahnbeamten, verübt. Er sollte die Aufnahmeprüfung für die höhere Bürgerschule machen. Während der Pause verschwand der Junge, der wahrscheinlich seine Zurüdwet­Jung befürchtete, aus der Anstalt und eilte in der Richtung nach einer nahegelegenen Ortschaft das Eisenbahngleife ent lang; hter legte er seinen Kopf auf die Schienen und war­tete einen Bug ab. Jm nächsten Moment braufte ein Er­preßzug heran. Der Maschinist, der den Knaben Itegen sah, versuchte mit aller Mühe zu bremsen, es war aber erfolg los, und der Knabe wurde buchstäblich geköpft.

Ein Opfer des Hosenrodes. Der Hosenrock hat in Bu­larest ein blutiges Opfer gefordert. Um ihren Bräutigam zu ärgern, erschien Wassilt Monroi zur Nachmittagspro­menade mit dem modernsten" Kleidungsstück. Als ihr Bräutigam Rovanesco ste kommen sah, zog er aus Wut einen Revolver und streckte sie durch einen Schuß nieder. Dann stellte er sich selbst der Polizei. Hier erklärte er, es set ihm unmöglich, ein Mädchen zu heiraten, das fo wenig Scham" befize, daß es sich mit einem Hosenrock auf der Straße zeige. Einem andern dürfte Wassili aber auch nicht angehören; daher habe er sie erschossen. Er erwarte gleichfalls den Tod, und die Todesstrafe für seine Tat werde für ihn die Erlösung setr.

Ueber ein Großfeuer in Blau enese bei Hamburg, wo erst vor kurzem einige Häuser Brandstiftern zum Opfer gefallen sind, wird dem Berl. 2.-A. gemeldet: In dem Ham­burger Ausflugsort Blankenese brach gestern mittag kurz vor 12 Uhr ein Brand aus, der bis jetzt dret Häuser ver­nichtete. Fünf andere Häuser stehen in Flammen. Es herrscht augenblicklich großer Wassermangel, so daß die Be­fürchtung besteht, daß die ganze Ortschaft niederbrennt. Die Feuerwehren der Umgebung sowie die städtische Wehr aus Altona sind zur Hilfeleistung an Ort und Stelle.

Furchtbares Automobilunglüd. Ein schwerer Auto­mobilunfall ereignete sich, nach einer Meldung aus Lissa­bon, bei Miranda do Corvo in der Provinz Beira. Ein Auto- Omnibus mit 16 Insassen, die zu einer Feier des republikanischen Wahlsieges fahren wollten, stieß kurz vor Miranda auf der Chaussee mit einem Privatautomobil zu­sammen, das mit gebrochenem Steuer in wahnsinnigem Tempo angefahren fam. Fünf Personen waren auf der Stelle tot. Zehn sind lebensgefährlich verletzt und nur einer blieb, wie durch ein Wunder, unverletzt. Der Chauf­feur des Privatautomobils wurde gegen einen Baum ge= schleudert und brach das Genid.

Das Schicksal des Ingenieurs Richter. Ein türkischer Beamter, der früher eine hohe Funktion in den Grenz­Wilajets bekleidete, äußerte sich über das Schicksal des von griechischen Räubern entführten Jenaer Ingenieurs Rich­ter wie folgt: ,, Richter befindet sich meiner Ansicht nach nicht mehr in den Bergen, sondern auf dem Meere, und zwar nahe der thessalischen Ostküste nördlich von Zagora, wahrscheinlicher aber im Jonischen Meere. Nach Erfah­rungen, die wir früher mit derartigen Banden machten, dürften die Räuber ihre Beute in Eilmärschen über das Pindosgebirge und nahe dem Golf von Arta auf eine der zahllosen Barken gebracht haben, die dort Grenzschmuggel betrieben; die dortigen kleinen Wasserpiraten stehen mit den Bergpiraten seit jeher in enger Fühlung. Erst, wenn Richter auf dem Meerc und seine Entführer in vollster Sicherheit sind, wird irgend ein Mitglied der Bande von einem Orte aus, der heute auch nicht annähernd zu ver­muten ist, sicher aber nicht auf türkischem Boden liegt, mit genau firierten Forderungen hervortreten. Werden diese erfüllt, dann wird man Richter auf einer Barke entweder in die Nähe von Salamvria am Salonikigolf oder wahr­scheinlicher in die Gegend von Bojana an der montenegri­nischen Meeresgrenze bringen und ihn dort, wo ihm Hilfe erreichbar ist, in einer Barke zurücklassen. Die glänzende Vorbereitung des Gaunerstreiches scheint mir auch eine gute Durchführung im Sinne der Unternehmer, damit aber auch die glückliche Wiederkehr Richters zu gewährleisten." Erdbebentatastrophe in Megits. Um 4 Uhr morgens erfolgte gestern in der Stadt Mexiko ein Erdbeben, wel­ches mehrere Gebäude zerstörte, darunter die Artillerie­faserne. 70 Soldaten wurden unter den Trümmern be= graben. Die Zahl der Toten und Verwundeten wird auf 180 geschätzt. Es herrscht eine große Panif. Tausende durcheilen die Straßen; einige rufen, das ist Gottes Rache für die Vertreibung Maderos. Wie eine spätere Meldung der Associated Preß" besagt, hatte sich in der Artillerie­faserne furz vor dem Erdbeben eine Gasexplosion ereignet. Auch die Kraftstation der Straßenbahn stürzte ein, wobei mehrere Personen getötet wurden.

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Eine zugkräftige Reflame weiß eine Roßschlächterei in Weißenfels a. S. für ihre Ware zu machen. In einem Weißenfelser Blatte findet sich folgende Anzeige: Eine hochangesehene Dame in Naumburg hat laut Testament verlangt, daß ihre beiden Kutschpferde erschossen werden müssen. Die Tötung ist heute vormittag im Schlachthofe zu Naumburg erfolgt, und wird das Fleisch als etwas ganz Vorzügliches der werten Kundschaft empfohlen."

Unhöfliche Gastgeber. Aus Budapest meldet der Draht: Nach einem Fußballwettspiel zwischen dem Franzstedter Turnerklub und dem englischen Fußballklub Blackburn Ro­vers, der mit 8: 1 siegte, fam es zu groben Ausschreitungen gegen die Engländer, deren Wagen auf der Rückfahrt in thr Hotel mit Steinen beworfen wurde. Mehrere Insassen des Wagens wurden leicht verletzt. Die Polizei bereitete der Demonstration ein rasches Ende.

Große Heidebrände in Norddeutschland. Wie in der Provinz Hannover wüten auch in Schleswig- Holstein sehr große Heidebrände. Der Brand der Leutföhrder Heide wü­fet nun schon seit einer Woche. Man hat das Generalfom­mando in Altona um Hilfe ersucht und dieses hat vom Pio­nierbataillon in Harburg 125 Mann zur Verfügung ge stellt. Die Mannschaften rückten nach Barmstedt ab, von wo aus das am meisten gefährdete Försterhaus geschützt wurde. Es sind große, herrliche Waldbestände, die bereits über dreißig Jahre stehen im ganzen schätzungsweise 300 bis 400 Settar- vernichtet. Der Hauptschaden trifft den Forstfiskus. Auch hier dürfte wie bei allen

anderen Heidebränden Funkenflug aus Lokomoti ven die Entstehungsursache sein. Auch bei Hoya in Hanno­ver ist ein großer Waldbrand ausgebrochen, der infolge des heftigen Windes bedeutende Ausdehnung annahm. 500 bis 600 Menschen waren aus der ganzen Nachbarschaft er­schienen, um unter Führung des Landrats v. Diepholz die Löscharbeiten vorzunehmen. Ein großer Komplex Heide und Wald ist vernichtet. Man hat sehr viele verkohlte Rehe und Hasen aufgefunden.

Festmahlzeiten für Blinde. Die verstorbenen Eheleute Kaumann haben der Stadt Berlin ein Vermächtnis von 75 000 Mart für die städtische Blindenanstalt hinterlassen. Es sollen davon jährlich gegen die Weihnachtszeit 100 bes dürftige Blinde eine Mahlzeit, für die ein Preis von 4 bis 5 Mark für das Geded bestimmt ist, und ein Geldge­schent von 20 Mart erhalten. Der Magistrat hat die An­nahme des Legats beschlossen.

Aus dem Kloster auf die Bühne. Der Sprung vom Kloster auf die weltbedeutenden Bretter hat eine junge englische Schauspielerin gewagt, die gegenwärtig im Lon­doner Adelphitheater in dem erfolgreichen Stüd Das Quäfermädchen" auftritt. Miß Maud Harris hat elf Jahre thres jungen Lebens in einem Dominikanerkloster in ei­nem ffeinen belgischen Ort zugebracht. Erst seit sechs Mo­naten übt sie den Beruf einer Schauspielerin aus. Die Künstlerin ist 18 Jahre alt und von großer Schönheit. Allgemein ist man der Ansicht, daß ihr eine glänzende Büh­nenlaufbahn in Aussicht steht.

Studenten als Kellner. Eine Hotelbesitzerin am Plat tensee in Ungarn war auf den Einfall gekommen, armen Studenten der Budapester Hochschulen für die Sommermo­nate, in denen sie keinen anderen Verdienst fänden, ein Engagement als Kellner in dem bekannten ungarischen Badeorte Keszthely anzubieten. Trotz des Einspruchs des Universitätsrettors werden jetzt tatsächlich zahlreiche Stu denten ihre Kellnerstellung antreten. Darunter sind elf Studenten der Medizin, ein Philosoph, dret Juristen. Als cester meldete sich zu Pfingsten ein Mediziner. Die Bade­gesellschaft ist taktvoll genug, den jungen Mann seine Armut nicht entgelten zu lassen. Die städtischen Behörden haben beschlossen, den Studenten- Kellnern die Benutzung des Badehauses unentgeltlich zu überlassen. Sie werden mit Arbeitsbüchern ausgestattet und treten der Landesar­beiterfrankenkasse als Mitglieder bei.

Der sprachenkundige Schuhmann. Eine interessante Neueinrichtung hat die Stadt Leipzig zugunsten der Frem­den, die alljährlich zur Zeit der Messen dort weilen, ge schaffen: den Schuhmann- Dolmetscher". Wie der Conf. mitteilt, hat der Rat der Stadt Schuhleute in englischer und französischer Sprache ausbilden lassen, sowie russisch und polnisch sprechende Unteroffiziere zu Schuhleuten aus­gebildet. Diese Schuhleute sollen bereits während der nächsten großen Herbstmesse Dienst tun, und zwar werden ste in den Hauptstraßen der inneren Stadt postiert werden, um den des Deutschen unkundigen Meßbesuchern auf An­Tragen in den genannte fremden Sprachen in eben diesen Sprachen Auskunft geben zu können. Die Dolmetscher wer­den als Kennzeichen Armbinden in den Farben des Lan­des tragen, dessen Sprache sie beherrschen.

Wissenschaft, Kunst and Literatur.

Wertvoller Goldmünzenfund in Cöln. Auf dem Bau­grundstück der Cölnischen Unfallversicherungs- A.- G.- wurde ein Fund wertvoller Goldmünzen aus dem 18. und 19. Jahrhundert gemacht. Die Goldstücke entftelen einem al­ten Salbetöpfchen, als dtes bet der Arbeit zerschlagen wurde. Ein Archiv des gesprochenen Wortes wurde in der Pa­riser Sorbonne durch den Unterrichtsminister Steeg einge­weiht. Das Archiv soll die Stimmen hervorragender Künft­ler, Gelehrter und Politiker in phonographischer Aufnahme der Nachwelt erhalten. Die Reden des Ministers, des Vize rektors Liard und des Professors Brunot, die bet dieser Gelegenheit gehalten wurden, find vom honographen re­gistriert und dem Bestßstand des interessanten Archivs über­geben worden.

Mascagnis neue Oper Isabeau" wurde zum ersten Male in Buenos Aires aufgeführt und hatte einen großen Erfolg. Mascagni wurde zehnmal hervorgerufen.

Drei neue Planeten. Auf der Sternwarte in Johan­nesburg in Südafrika sind nach einem Kabeltelegramm ge­stern drei neue Planeten entdeckt worden.

Aus den Gerichtssälen.

Der größte Schullastenprozeß, der auf Grund des§ 58 des Kommnunalabgabengesetes bisher zwischen zwet Ge­meinden geschwebt hat, wird seit gestern vor dem Bezirks­ausschuß Berlin verhandelt. Der Magistrat Nixdorf hat den Berliner Magistrat verklagt, für die Jahre 1898 618 1908 als Beitrag zu den Schulunterhaltungskosten die Summe von 1705 000 zu zahlen, außerdem hat Nixdorf für das Jahr 1909 bet der Reichshauptstadt eine gleichartige Forderung in Höhe von 275 000 M angemeldet, sodaß die Ansprüche Nixdorfs fast zwei Millionen Mart betragen. Die Forderung für 1909 unterliegt jedoch noch nicht der Entscheidung des Bezirksausschusses. In seinem ersten Prozeß gegen Berlin erstritt Rixdorf vor dem Oberverwal­tungsgericht ein obstegendes Urtetl; Belin mußte 40 000 M für das Jahr 1897 zahlen.

Berliner Spielklubs.

Ueber Spielklubs in Berlin und die Leichtgläubigkeit mancher Kreise der Reichshauptstadt schreibt die National zeitung":

Es ist allerdings immer in der Reichshauptstadt gespielt worden, und zwar mitunter auch um sehr hohe Summen, und auch Spieltibus hat es vor hundert Jahren schon ge­geben, aber mit fremdem Gelde von Ausländern gegrün­dete Unternehmen dieser Art sind immerhin eine neue Er­scheinung im Leben der Großstadt. Das beweist auch schon die Naivetät, mit der die Berliner Gesellschaft auf derartige Gründungen hereinfällt. Es ist geradezu unbegreiflich, wie sich Leute von Namen und Ansehen in Berlin durch leere Worte wie reicher Amerikaner"," Sohn eines französischen Senators", um ihren nüchternen Verstand bringen lassen. Vollkommen kritiklos hält man alles für bare Münze, was ein ausländischer Abenteurer von seiner Herkunft und set­nen Beziehungen zu erzählen beliebt. Nicht nur etwa der unwissende Parvenü, sondern selbst Angehörige der ersten Familien glauben ihm alles aufs Wort: feine Titel, fetne Reichtümer und seine Verwandtschaft. Niemand hält es für der Mühe wert, sich über den vornehmen Fremden zu er= fundigen, oder, wenn doch einmal leise Zweifel aufsteigen, weiß niemand, wo er sich erkundigen soll. Fast klingt es wie ein boshafter Scherz, wenn man hört, daß einer der Mitgründer des Travallerklubs eine Persönlichkeit war, die sich Seine Durchlaucht der Herzog de la Chartre" tt­tulieren ließ und als solcher in den Mitteilungen des Klubs stolz angeführt wurde, gleichsam als eine Gewähr für Vor­nehmheit und Solidität! Niemand, der auch nur die ge­ringste Ahnung von französischen Adelstiteln hat, kann es fiberraschen, wenn jetzt bekannt wird, daß der Herzog" ein bereits vorbestrafter Hochstavler und Schwindler ist. Nur

die gläubigen Mitglieder des Travallerklubs reiben sich entsetzt die Augen, aufgerüttelt aus dem schönen Traum einer durchlauchtigen Bekanntschaft. Mit der Entlarvung dieses französischen Herzogs, der nicht einmal ein Franzose ist, sondern aus der freien Schweiz stammt, wo es bekannt lich keine Herzöge gibt, scheint die Komödie des Travaller­flubs endgültig ausgespielt, aber es wird allmählich Zeit, daß sich die Berliner über den ausländischen Adel au int formieren suchen, für den sie nun einmal einen Faible zu haben scheinen. Der gewaltige Aufschwung der Reichs­Hauptstadt, ihr Reichtum und ihre Vergnügungssucht locen zahllose fremde Abenteurer herbei. Berlin ist zum Eldo rado ausländischer Hochstapler geworden, die sich als Het ratsschwindler, Falschspieler und jetzt auch als Klubgründer betätigen. Das ist kein Ruhmestitel für eine jung aufstre bende Weltstadt, und es zeugt wahrlich von etwas ganz an derem als von weltstädtischem" Geist, wenn ihre Bewohner auf jeden internationalen" Schwindel hereinfallen.

Das Goldland des Parlamentariers,

wo könnte es anders sein, als in Amerika? In der Tat läßt Onkel Sam sich seine Gesetzgebung etwas fosten; alles in allem mögen es 20 Millionen sein, die er jährlich für die Gehälter und die sonstigen Entschädigungen seinen 391 Mit­gliedern des Repräsentantenhauses und 92 Senatoren zahlt. Mit einigem Neid können die Parlamentarier der alten Welt auf ihre Kollegen jenseits des Ozeans blicken, und auch die Mitglieder des englischen Unterhauses, denen jetzt 8000 Mark zugebilligt werden sollen, müssen sich weit hinter thren Vettern verstecken.

Zunächst erhält jedes Mitglied der beiden Häuser 30 000 Mark pro Jahr, und der Präsident bezieht sogar 48 000 Mark und hat dabei ein Automobil zu seiner ausschließlichen Ver­fügung. Aber mit dieser gewiß reichlichen Entschädigung ist es nicht getan. Jedem amerikanischen Gesetzgeber stehen außerdem 6000 Mark jährlich zu für einen Sekretär; hält er einen solchen nicht, so kommen die 6000 Mark seinem elgenen Bankguthaben zugute. Für Schreibwaren bezieht er mettere 600 Mart und außerdem sind alle seine Brief­sachen. frei, was sicher eine Ersparnis von etwa 200 Mark im Jahre bedeutet. Sogar eine Reiseentschädigung von 40 Pfennig für die englische Meile für die Fahrt von und nach Washington zu jeder Session steht allen Parlamen­tartern zu, und sie ist so reichlich, daß bet längerer Reise strecke wieder ein stattlicher Ueberschuß herausfommt. Ein Abgeordneter z. B., der von San Franzisko nach Washing­ton und zurück fährt, legt gut 4500 Kilometer zurück und bekommt dafür 2500 Mart, während seine Reise, auch wenn er fie in der luxuriösesten Form ausführt, nicht mehr als 800 Mart fostet. Man kann also rechnen, daß dieser Par­Iamentarier aus dem Westen alles in allem über 40 000 Mark bezieht.

Aber nicht nur in der reinen Geldentschädigung, son­dern auch in allen übrigen Dingen unterhält Onkel Sam seine Abgeordneten geradezu fürstlich. Er hat ihnen im Untergeschoß des Kapitol ein Schreibwarengeschäft eingerich­et, das nur den Kongreßmitgliedern zur Verfügung steht und in dem sie dae erlesenste Papier und die prächtigsten Schreibutensilien zu den billigsten Preisen erstehen können. Ja selbst Notizbücher, Handkoffer, Messer, silberne Gegen­stände für den Schreibtisch und ähnliches können die Ab­geordneten hier wohlfeil kaufen, und sie machen davon nicht nur für sich, sondern auch für die ganze Familie reichlich Gebrauch. Jedes Mitglied des Kongresses erhält ferner ein prächtigcs Amtszimmer. Das Repräsentantenhaus wie der Senat hat zu diesem Zwed sein eigenes Amtshaus ge­genüber dem Kapitol, in dem jeder Gesetzgeber sein präch­ftges Privatzimmer, wundervoll ausgestattet mit Mahagoni­schreibtischen und Ledersesseln. mit Telephon zu freter Be­nubung und sogar mit einem Hahn für Eiswasser hat.

Trotzdem sind die Abgeordneten immer noch darauf be­dacht. threr Bequemlichkeit einiges hinzuzufügen. So war 68 ihnen zu lästig, daß sie zur Kongreßbibliothek einen Platz überschreiten mußten, auf dem es unter Umständen sogar stürmen uns regnen fonnte. Es wurde also ein Tunnel dahin gebaut, und da es schließlich kein Vergnügen tst, fünf Minuten lang unter der Erde zu laufen, so baute man den bequemen Herren auch noch eine kleine Unter­grundbahn, die jetzt eben fertiggestellt ist.

Drahtnachrichten und neuestes.

Schwerer Automobilunfall.

Gotha, 8. Junt. In der Nähe von Finsterbergen explodierte der Motor eines in voller Fahrt befindlichen Automobils. Der Wagen überschlug sich, sämtliche Insassen unter sich begrabend. Alle sollen schwer verletzt sein. Dem Gothaischen Tageblatt zufolge konnten sie sich jedoch mi genauer Not retten.

Durch Klatsch in den Tod getrieben. Neastadt bei Coburg, 8. Juni. In einem nahen Teiche hat sich die unverehelichte Helma Gruber von hier mit ihrem sechs Jahre alten Knaber ertränkt. Die beiden Leichen wurden geborgen. Als Grund zu der Tat wird ein über die Gruber verbreitetes angeblich unwahres Ge­rücht angenommen.

Reine Spur von Richter.

Konstantinopel, 8. Junt. Es ist bisher weder eine Spur von der Bande gefunden worden, die den Ingenieur Richter entführt hat, noch ist irgendwo wegen des Löse­geldes Fühlung gesucht. Richtig ist nur, daß die türkischen Behörden von acht Stellen aus im Geheimen Nachforschun gen anstellen lassen, die bis zur Stunde ergebnislos ges blieben sind.

Sechs Arbeiter durch einen Sprengschuß getötet. O Marseille, 8. Junt. Auf der im Bau befindlichen Bahnstrecke St. Eustache- Miramas explodierte ein Spreng­schuß vorzeitig. Sechs Arbetter wurden von herabstürzen­den Felsmaffen getötet, einer wurde schwer verletzt. Das Erdbeben in Mexiko.

Nenyork, 8. Juni. Ueber das Erdbeben in Merifo wird weiter gemeldet: Um 8 Uhr früh waren elf Leichen aus den Trümmern der Artilleriefaserne geborgen. Ueber 80 verlegte Soldaten liegen im Krankenhaus. In zahl retchen Fällen wurden die Wächter in den Kaufhäusern von den einstürzenden Mauern zerschmettert. In den Wohn­vierteln wurden viele Kinder getötet. Als der Tag anbrach und die Erderschütterungen sich nicht wiederholten, wurde die Bevölkerung ruhiger und begab sich in Maffen zum Bahnhof, um Madero zu begrüßen. Die Dauer des Erd­bebens betrug sechs Minuten und es war die längste in den letzten zehn Jahren.

Merifo, 8. Junt. Wie bis gestern abend festgestellt war, betrug die Zahl der bet dem Erdbeben Umgekommenen 68, die der Verlegten 75. Mehr als die Hälfte der Ge­töteten sind Soldaten. Auch 12 Soldatenfrauen sind in der Artilleriefaserne ums Leben gekommen.

Handel und Verkebr.

Starke Zunahme der deutsch- afrikanischen Baumwoll­produktion. Nach einem jest an amtlicher Stelle einge­gangenen Bericht sind, wie der Inf." mitgeteilt wird, die Erträge des Baumwollbaues in den Kolonien Deutschost­afrika und Togo für das Jahr 1910/11 als sehr erfreulich zu bezeichnen. Nach den vorläufigen Schätzungen wird die Ernte in Deutschostafrika etwa 3800 Ballen betragen, also fast die doppelte Höhe der vorjährigen Produktion( rund 2000 Ballen) erreichen, und in Togo etwa 2500 Ballen, was einer voraussichtlichen Steigerung gegen das Vorjahr( rund 1800 Ballen) um mehr als ein Drittel entsprechen würde.