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Gießener Zeitung

( Neueste Nachrichten)

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Die Juftr. Weltrundschau" liegt alle 14 Tage einmal gratis bei. Redaktion: Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Verlag der ,, Gießener Zeitung ,, G. m. b. H.

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Telephon: Nr. 362.

der Großherzoglichen Bürgermeisterei

des Großherzoglichen Polizei Amfes Behörden Oberhessens sowie vieler anderer Expedition: Seltersweg 83.

( Haus Brüder Schmidt.)

Donnerstag, den 8. Juni 1911.

( Gießener Tageblatt)

Anzeigenpreis 15 Pfg.

die 44 mm breite Inseratenzeile.- Stellen: gesuche und Familienanzeigen 10 Big.- Die 90 mm breite Zeile im Reklameteil 50 Pfg.- Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungs­zieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Verlag der ,, Gießener Zeitung" 6. m. b. S.

Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

Zum Streit über die Wirkungen der und verzollt, und 1910 hätten auf Grund dieser Ziffern| Es genügt dabei nicht ein einfaches Schreiben des Bür­

neuen Cabaksteuer.

Eine kürzlich veröffentlichte Zusammenstellung der Ein­nahmen des Reiches aus den neuen Steuern und 3öl­len im Jahre 1910, die zweifellos amtlicher Herkunft war, hat der Tabaksteuerfreundlichen Presse erneuten Anlaß zu der angeblich zahlenmäßig erwiesenen" Be­hauptung gegeben, daß es dem Tabakgewerbe wieder ganz gut gehe. Denn die Hereinnahme von Tabak aus den zoll- und steuerfreien Niederlagen in den freien Ver­fehr zum Zwecke der Herstellung von Tabakwaren habe wieder die regelmäßige Höhe erreicht und für Rohtabak würden noch nie dagewesene Preise bezahlt.

Das flingt für den, der nichts von der Sache ver­steht, überzeugend, die Beweisführung ist aber nicht stich­haltig. Die hohen Rohtabakpreise werden nicht bezahlt, weil es dem Tabafgewerbe gut, sondern weil es ihm schlecht geht. Eine Abwälzung der Mehrbelastung von 1909 auf die Verbraucher ist bis jetzt nicht gelungen. Die Zigarrenfabrikanten stecken noch immer in den Ver­suchen, die Kundschaft durch neue, den Verhältnissen an­gepaßte Sorten wieder auf die Höhe des früheren Ver­brauches zu bringen. Dies ist nur durch Verkauf guter Ware möglich, es muß also der durch den gesteigerten Weltverbrauch bei kleinen Ernten der letzten Jahre be­dingten Aufwärtsbewegung der Preise für Rohtabak auf dem Weltmarkte gefolgt werden. Also weil es dem Ta­bakgewerbe unter der Wirkung des neuen Tabaksteuerge­Fetzes schlecht geht, muß es höhere Preise für den Roh­tabak anlegen. Eine Verzollung des Rohtabaks nach dem Handelswerte ist", wie die Regierung in ihrer Vorlage von 1905 sagte, in ihrer Wirkung auf die am Tabak beteiligten Kreise des Handels und der Industrie unberechenbar". Sehr richtig!

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Aber auch die behauptete Zunahme der gesteigerten Verwendung von Rohtabak in der Fabrikation und die unerwartet hohen Erträgnisse der neuen Tabaksteuer schwinden bei Lichte besehen dahin wie Butter an der Sonne. Die Eingangs erwähnte Zusammenstellung ging davon aus, daß im Jahre 1908 für das Reich 91,4 Millionen, im Jahre 1910 aber 141.6 Millionen Mark aus Tabak aufgekommen seien, sich also eine Mehrein­nahme von 50.2 Millionen Mark ergeben habe, wäh­rend man für die Zeit nach Ueberwindung der Schwie­rigkeiten des Ueberganges nur auf 43 Millionen Mark mehr gerechnet und für 1910 sogar nur 35 Millionen in den Voranschlag eingestellt habe. In der Tat sind aber 1908 im Ganzen 102.4 Millionen und 1910 im Ganzen 142.8 Mill. Mk. eingegangen, der Mehrertrag beträgt sonach nur 40.4 Mill. Mt.; es sind also 5.4 Mill. Mt. über den Voranschlag hinaus eingegan­gen und das Mehrerträgnis ist hinter dem für den Be­harrungszustand errechneten Erträgnis um 3 Millionen Mark zurückgeblieben. Auch die 5.4 Millionen mehr über den Voranschlag verwandeln sich in sachverständiger Beleuchtung für die tabaksteuerfreundliche Beweisführung in Nichts, da sie in der Hauptsache auf die Zigaretten steuer entfallen. Diese hat im Jahre 1908 im Ganzen 15.6 Millionen, im Jahre 1910 aber 24.3 Millionen, also 8.7 Millionen Mark mehr erbracht, während sie an Mehrbelastung durch das Steuergesetz von 1909 nur 4.6 Millionen Mt. mehr erbringen sollte. Der kleine Rest des Mehrerträgnisses über den Voranschlag von 1 und ein Drittel Millionen Mark findet seine Erklärung in der bereits erwähnten großen Steigerung der Rohtabak­preise, die selbstverständlich auch in dem Ergebnis des Wertzollzuschlages ihren Ausdruck findet; denn auf rund 600 000 Doppelzentner wertzollzuschlagpflichtigen Roh­tabak machen nur 2 Pfg. Preissteigerung für 1 Pfund bei dem Wertzoll von 40 Proz. nahezu eine Million Mark Mehrzoll aus.

Genau so wie mit dem angeblichen Mehrertrag ver­hält es sich mit der behaupteten Zunahme der Versteu­erung und Verzollung von Rohtabak. Jm Durchschnitt der Jahre 1904-1907, von welchem bei der Ertrags­berechnung der Wertzollsteuervorlage ausgegangen wor­den ist, wurden 718 000 D3. verzollt und 259 000 D3. versteuert, zusammen also 977 000 D3. Rohtabak zur Fabrikation in den freien Verkehr genommen; im Jahre 1910 dagegen nur 712 000 Dz. verzollt und 216 000 Dz. versteuert, zusammen also 928 000 D3. zur Fabri­Fation verwendet; mithin weniger an ausländischem Ma­terial 6000 D3. und an inländischem Tabak 43 000 D3., zusammen also 49 000 D3. weniger. Dazu kommt noch, baß sich unterdessen die Bevölkerung um mehrere Mil­Lionen vermehrt hat, so daß der Minderverbrauch noch stärker wird, wenn man dies berücksichtigt. Jm Durch schnitt der Jahre 1904-1907 wurden auf den Kopf wer Bevölkerung 1.57 Kilogramm Rohtabak versteuert

1 021 000 D3. versteuert und verzollt werden müssen; es sind also 93 000 D3. weniger verbraucht worden. Einen weiteren durchschlagenden Gegenbeweis gegen die tabaksteuerfreundlichen Beschönigungsversuche bringen die chenberichten" mitgeteilten Zahlen über die Gestaltung des von Richard Calwer in ſeinen wirtschaftlichen Wo­Arbeitsmarktes für Tabakbearbeitung, welche eine er= schreckende Zunahme der Arbeitslosen in den letzten Mo­naten ergaben. Selbst das Reichsarbeitsblatt schreibt unter dem 29. Mai 1911 wörtlich: Die Zigarrenfabri­fation war im abgelaufenen Monat etwas besser schäftigt, was darauf zurückzuführen ist, daß während der Osterfeiertage ein lebhafterer Absatz stattfand. Trotz­dem blieben die Verhältnisse, wie aus Sachsen berichtet wird, durch das große Angebot von Waren zu herab­gesetzten Preisen nach wie vor schwierig. Ein Werk aus Norddeutschland weist darauf hin, daß die Nachfrage nach billigen und billigsten Sorten, die nach der Tabak­steuer zum Teil mit Verlust, zum Teil mit nur ungenügendem Verdienste hergestellt werden können, sehr stark gewachsen ist.

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Mit dem von gewisser Seite so gepriesenen Wohler­gehen des deutschen Tabakgewerbes ist es also Essig"; aber das wird gewisse Leute nicht abhalten, die" Wahr­heit als volksverhetzende Angaben" ihrer politischen Gegner auszugeben. Wahrlich das Tabakgewerbe wurde 1909 von der Reichsgesetzgebung mit Geißeln geschla­gen, um dann noch obendrein fortgesetzt von offiziöser und tabaksteuerfreundlicher Seite mit Skorpionen ge= peitscht zu werden!

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 8. Juni.

- Landeslehrerverein. Die Vertreterver­

lammlung des Landeslehrervereins war aus 107 Be zirksvereinen mit 184 Vertretern beschickt. Im Anschluß an den Jahresbericht wurde eine Entschließung des Be­zirksvereins Offenbach nahezu einstimmig angenommen, worin die Regierung ersucht wird, die Stelle eines Turninspektors nur auf den Inhaber zu bewilligen. Nachdem die Rechnungsablage genehmigt und der Vor­anschlag mit 14 955 Mark in Einnahme und Ausgabe gutgeheißen worden war, wurde der neue Satzungs entwurf beraten. Hiernach sollen Mitglieder von katho­lischen Lehrervereinen, deren Ziele den Bestrebungen des hessischen Landes- Lehrervereins entgegenstehen, dem Ver­ein nicht mehr als Mitglieder angehören können. Der

Beitrag wurde von 4 auf 5 Mk. erhöht. Aus dem da­durch entstehenden Ueberschuß von 3000 Mark sollen die Lehrerwitwen unterstützt werden. Die Debatte über die Staatsschule zeitigte den Beschluß: Der Vorstand möge die Verstaatlichung der Volksschule als wichtigsten Pro­grammpunkt behandeln. Im Anschluß an die Vertreter­Versammlung fand Mittwoch die Hauptversammlung statt.

Lehrer Sinn- 3wingenberg sprach über die Frage: Welche Forderungen sind an ein zeitgemäßes Schul­gesetz zu stellen?" Er verlangte Herabminderung der Schülerzahl in den Volksschulklassen, volle Durchführung der Simultanschule, gänzliche Abschaffung des Schulgel des, gleiche Ferienordnung mit den höheren Schulen, Beseitigung der Vorschulen, des Präsentationsrechtes, des § 50( firchliche Funktionen) und des Schulvorstandes in seiner heutigen Zusammensetzung. Lehrer Schmidt Gießen sprach dann über die Fortbildungsschule in der Stadt, deren Ausbau er in kaufmännisch- wirtschaftlicher und staatsbürgerlicher Hinsicht verlangt, während Leh­rer Grüm- Weiskirchen über die Fortbildungsschule auf dem Lande referierte, deren Stundenzahl er vermehrt, und die er auf die weibliche Jugend ausgedehnt haben möchte.

* Eisenbahnunfall. Der heute vormittag um 9.39 Uhr von Gelnhausen aus fällige Personenzug stieß im Bahnhof Hungen mit einer fahrenden Lokomo­tive zusammen, so daß zwei Wagen entgleisten, darun­ter ein Personenwagen. Diese und die beiden Lokomo­tiven wurden beschädigt und 4 Personen leicht verletzt. Der Personenzug konnte mit halbstündiger Verspätung weiterfahren. Von Gießen aus ist kurz nach 10 Uhr der Hilfs- Gerätewagen mit Hilfsmannschaften nach der Un­fallstelle abgegangen.

* Neuregelung des Ernteurlaubs der Soldaten. Während die Militärbehörde bisher in weitgehendster Weise den Gesuchen der Landwirtssöhne um Ernteurlaub entgegenkam, sind jetzt die Bestimmun­gen in der Weise verschärft worden, daß nur noch solche Soldaten Urlaub erhalten, in deren Gemeinden großer Arbeitermangel herrscht, der bei Einreichung der Gesuche durch amtliche Bescheinigung nachgewiesen werden muß.

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germeisters, sondern die Polizeibehörde muß direkt die dringende Notwendigkeit der Hilfeleistung durch Solda­ten bei der Ernte feststellen. Abkommandiert dürfen Sol­daten zur Leistung von Feldarbeiten überhaupt nicht werden, die Arbeit ist freiwillig. Auch darf der Ernte­urlaub 14 Tage nicht übersteigen. Bemerkenswert ist die neue Bestimmung, daß die Landwirte, die Soldaten wünschen( was schriftlich durch Vermittelung der Land­wirtschaftskammer zu melden ist) sich verpflichten müssen, dem Manne außer freier Fahrt hin und zurück, freier Wohnung und Verpflegung, mindestens 2 Mark Tage­lohn zu zahlen. Den durch Unfälle entstehenden Scha­den müssen sie gleichfalls übernehmen. Die Gesuche müssen, wenn sie Erfolg haben sollen, frühzeitig genug eingereicht werden.

Besichtigungsfahrt. Im vergangenen Monat wurde von etwa 50 Landwirten aus Hessen und Hessen- Nassau eine Besichtigungsfahrt ins Posensche An­siedlungsgebiet unternommen, die so günstig ausfiel, daß die Teilnehmer entschlossen sind, noch in diesem Jahre dorthin zu ziehen. In diesem Monat findet eine zweite Besichtigungsfahrt statt.

)-( Schotten, 8. Juni. Der Markt konnte in die­sem Jahre nicht in dem Umfange wie in früheren Jah­ren abgehalten werden. Durch die in Wohnfeld ausge­brochene Maul- und Klauenseuche wurde vom hiesigen Kreisamt der Auftrieb von Rindvieh verboten, so daß nur der Krämer- und Schweinemarkt am 6. Juni statt­finden konnte. Auch die Prämiierung und Verlosung mußte infolgedessen vom Marktkomitee verschoben wer­den.

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Beilstein. In unserem Ort ging es am 2. Pfingstfeiertag lebhaft zu. Wohl an 300 Mann aller Altersklassen marschierten mit Musik durch den Ort nach der Ruine, von wo nach kurzer Rast und nachdem ab­gefocht worden war, in der Richtung der Viehweide es weiter ging. Die Ausflügler waren von Friedberg ge= kommen.

- Herborn. Am 24. April 1914 sind 1000 Jahre verflossen, daß Herborn durch geschichtliche Ur­funde genannt wird. Der deutsche Kaiser Konrad 1., der Franke, schenkte mehrere Güter an die Kirche zu Weilburg, sowie die Kirche und seinen Hof bei Haiger, mit allen seinen dazu gehörigen Zehnten 2c. an das Chor: herrnstift daselbst, welches er 912 gegründet hatte. Der Tag soll auf Anregung des hiesigen Geschichtsvereins gefeiert werden.

Herborn, 8. Juni. Am kommenden Sonn­tag feiert Herr Friedrich Wilhelm Deuster und seine Ehefrau Margarethe, geb. Theis, in aller Rüstigkeit und Frische das Fest ihrer goldenen Hochzeit.

Herborn. Unsere Turner mit denen on Sinn, Fleisbach und Merkenbach veranstalteten am 2. Pfingst­feiertag einen Eilbotenlauf zur Erinnerung an den Tag, wo vor 100 Jahren, am 19. Juni 1811 in der Hasenheide bei Berlin der erste Turnplatz durch Friedrich Ludwig Jahn errichtet wurde. Die Kilo­meter lange Strecke vom Rathaus Herborn über Sinn­Merkenbach und zurück zum Auslaufpunkt wurde in 23,58 Minuten durchlaufen.

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Weilburg, 8. Juni. Der König von Sach­sen hat dem Redakteur und Schriftsteller H. Oberwinter von hier, der sich durch seine Schriften und volkswirt­schaftlichen Vorträge einen Namen gemacht hat, den Ti­tel Professor verliehen.

*) Limburg, 8. Juni. Nach längerem Leiden starb in der vergangenen Woche der Erste Staatsan­walt Greffrath im Alter von 53 Jahren. Der Ver­storbene war seit etwa Jahren hier und vorher Er­ster Staatsanwalt in Kiel, wo er seiner Zei, den be fannten Werftprozeß zu führen hatte.

== Haiger. In dem nahen Petersbach wurde am 1. Pfingsttag das nassauisch- bergische Jugendfest gehalten, wozu neben mehreren benachbarten Jünglings­vereinen allein aus Elberfeld 120 Jungen herbeigekom­

men waren.

t Breitscheid, 8. Juni. Eine größere Anzahl auf einer Studienreise befindliche Bergakademiker kamen am Samstag hier durch. Nach kurzer Rast und nach­dem der Ort besichtigt war, wurde der Weg nach Hai­ger fortgesetzt, von wo aus die Weiterreise nach Köln erfolgte.

Hachenburg. Am Pfingstfamstag gab es in unserer Wasserleitung kein Wasser. Der Hochbehälter war leer gelaufen.

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Frankfurt a. M., 8. Juni. Ein hier zu Besuch weilender Diplom- Ingenieur wurde an einer Straßenkurve von der Plattform der Elektrischen ge­schleudert und fand den Tod.