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Gießener Zeitung

( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 50 pfg. monatlich Enthält alle amil. Bekanntmachungen

vierteljährlich 1,50 Mt., vorauszahlbar, frei ins Haus.. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig­ausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mr. Erscheint jeden Werktag früh.- Die Humoristischen Blätter" Redaktion: liegen wöchentlich einmal gratis bei. Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin Klein& Otto Fischer.

Nr. 57.

-

Telephon: Nr. 362.

Aus dem Reichstag.

( Spezialbericht der Gießener Zeitung".)

( Militär Etat.)

Zum Militär- Etat, dessen Beratung noch die ganze letzte Woche in Anspruch nahm, sprachen von der Wirt­schaftlichen Vereinigung die Abgg. Liebermann v. Son­nenberg, Raab, Roth, Vogt- Hall, Kölle und Behrens. Abg. Vog t- Hall führte u. a. aus: Meine Herren, ich möchte bei diesem Titel einige Wünsche wiederholen, die ich schon mehrmals und namentlich auch im letzten Jahr bei der Beratung des Militäretats vorgetragen habe, nämlich, daß doch dafür gesorgt werden sollte, unseren aktiv dienenden Soldaten am Sonntag besonders auch am Vormittag, etwas mehr freie Zeit zu geben, sie dienstlich weniger in Anspruch zu nehmen. Ich weiß ja, daß es nötig ist, auch an diesem Tage gewisse Ap­pelle vorzunehmen, von denen vielleicht auch verschiedene unterbleiben können. Aber ich meine hier eine andere Beschäftigung, eine Arbeit, die ich schon wiederholt_ge= rügt habe, nämlich die des Häckselschneidens, des Fut­terzurichtens und alles, was damit zusammenhängt; das sollte doch billigerweise am Sonntag unterbleiben. Es ist mir wiederholt bekannt geworden, daß die Mann schaften immer wieder an den Sonntagvormittagen zum Häckselschneiden kommandiert werden.( Hört! hört!) Meine Herren, ich halte das für absolut unzulässig und vom Standpunkt des Christen aus, der seinen Sonn­tag halten will, muß dieses außerordentlich beklagt und verurteilt werden. Ich möchte nun gerade bei diesem Titel, wo es sich um die Seelsorge für unsere Soldaten handelt, derartige schon wiederholt vorgebrachten Wün­sche nochmals recht unterstreichen, und zwar, weil ich glaube, wenn sich die Militärgeistlichen etwas mehr um diese Sache bekümmern wollten, die jedenfalls eine Art praktischer Seelsorge ist, dann wird es vielleicht eher ge­lingen, in dieser Richtung dem gewünschten Ziele näher­zukommen und die verlangte Aenderung zu erreichen. Während man sonst in anderen Betrieben, im Gewerbe, in der Industrie, in der Landwirtschaft und auch bei unseren Beamten bestrebt ist, schon den Samstag Nach mittag etwas freizumachen, ihnen Gelegenheit zu geben, sich auf den Sonntag einzurichten, ist es bei unserer Militärverwaltung gerade umgekehrt der Fall. Da wird fortgearbeitet, und da muß fortexerziert werden bis zum späten Abend, und dann am Sonntag sollen diese Ar­beiten gemacht werden, die eigentlich billigerweise Werktag geschehen müßten. Was lernen dadurch unsere jungen Leute für ihr späteres Leben? Jedenfalls nicht, wie man sich am Sonntag geschäftlich einrichtet. Nein, gerade das Gegenteil. Sie lernen beim Militär, den Sonntag zu mißachten und denselben für alle möglichen oft unnötigen Arbeiten zu benutzen."

Reichstagswahlvorbereitungen.

am

der Großherzoglichen Bürgermeisterei

sowie vieler anderer

*

=

des Großherzoglichen Polizei Amtes Behörden Oberhessens

Expedition: Seltersweg 83. ( Haus Brüder Schmidt.)

Mittwoch den 8 März 1911

Friedberg. Die Vertrauensmänner- Versamm­lung, zu der der Bund der Landwirte, die Nationalli­beralen, das Zentrum und die Wirtsch. Vereinigung Vertreter entsandt hatten, stellte einstimmig Medizinal­rat Dr. V og t- Butzbach als Reichstagskandidat auf.

Schotten. Ueber die Stellung des Bundes der Landwirte zur Reichstagskandidatenfrage liegen die Re­sultate der Vertrauensmännerversammlungen aus den drei Kreisen vor: Jm Kreis Alsfeld wurden für die von nationalliberaler Seite vorgeschlagene Kandidatur Ha­berkorn- Windhausen 8 Stimmen, für den seitherigen Ab­geordneten Bindewald 22 Stimmen; im Kreise Lauter­bach für Haberkorn 1, Bindewald 15 Stimmen und im Kreise Schotten für Bindewald alle Stimmen abgegeben. Der Wahlkreis ist vorwiegend ländlich, demnach sind die Aussichten für den seitherigen Abgeordneten Binde­wald günstig. Haberkorn wird daraufhin, wie auch schon berichtet, nicht kandidieren.

*

Aus Stadt und Land

Gießen, den 8. März

noch

=

Gießen, 8. März. Das Bezirkskom mando erläßt folgende Bekanntmachung. Vom 10. März ab erfolgt die Zustellung der neuen Kriegsbeor­derungen und Paßnotizen durch die Ortsbehör= den und nicht durch die Post. Alle bis jetzt nicht zur dienstlichen Kenntnis gebrachten Wohnungs= Veränderungen sind sofort dem Hauptmeldeamt zu mel­den. Jeder Mann, der bis zum 25. März abends keine Kriegsbeorderung oder Paßnotiz erhalten hat, ist ver­pflichtet, dies sofort seinem Bezirksfeldwebel schriftlich oder mündlich zu melden. Die alten roten Kriegsbeor derungen behalten Gültigkeit bis einschl. 31. März. Am 1. April sind die neuen gelben Kriegsbeorderungen und Baßnotizen( letztere mit gelber Umränderung) von den Inhabern selbst zusammengefaltet in den Pässen mit dem gummierten Rande an der linken inneren Seite des vorderen Deckels einzukleben und die alten zu vernichten. Die richtige Ausführung dieser Anordnun­gen wird sowohl bei den Kontrollversammlungen durch Einziehung der Pässe kontrolliert.

als

in

== Gießen, 5. März. Der Bezirk Darmstadt des Verbandes der unteren Post- und Telegraphenbeamten Deutschlands hatte nach der historischen Lutherstadt Worms seinen 3. Bezirk stag einberufen, auf dem Vertreter aus allen Teilen des Großherzogtums an­wesend waren. Die im Jahnsaale Zu den 12 Apo­ſteln" stattgehabte Tagung beschloß u. a. als nächsten Bezirkstag Bad- Nauheim festzulegen; als Delegierter für den im Juni in Berlin stattfindenden Verbandstag ist Oberpostschaffner Free s- Gießen gewählt worden. In der anschließend stattgefundenen Generalversamm= lung wurde über geschäftliche Punkte und Anträge ver­handelt. Verbandsbeirat Döringer- Frankfurt legte weiter kurzen Umrissen die Ziele des Verbandes dar, stellte er an Hand einer Reihe Zahlen fest, daß trotz der mancherlei Verbesserungen in den letzten Jahren noch a= Holzheim, 8. März. Hier sollte gestern abend eine freisinnige Versammlung stattfinden, zu der Herr viele Unterschiede innerhalb einzelner Beamtenklassen be­Pfarrer Korell als Redner angesagt war. Die Verstehen, deren Beseitigung dringend nötig sei. Mit einem Hoch auf's Vaterland schloß die Tagung. sammlung war auf Uhr angekündigt, doch war bis 9 Uhr kein freisinniger Redner erschienen. Nunmehr wurde die Versammlung durch die Wirtschaftliche Ver­einigung eröffnet und der Parteisekretär Albertsmeier von der christlich- sozialen Partei ergriff das Wort, um in ungefähr einstündigem Vortrage darzulegen, daß au­ßer den rein materiellen Dingen es auch noch höhere Richtlinien in der Politik gebe, die leider beim Libera­lismus zu kurz kommt. Mit der gespanntesten Aufmerk­samkeit lauschten die ungefähr 400 Anwesenden den kla­ren, einfachen Ausführungen des Redners. Daß sie zu Herzen gingen, bewies der minutenlange stürmische Bei­fall der Versammlung. Einstimmig fand folgende Ent­schließung unter lebhaftem Beifall Annahme:

Die von ungefähr 400 Personen besuchte Wähler­versammlung, in der Herr Pfarrer Korell reden wollte, aber nicht erschienen ist, verurteilt die volksverhezzende Agitationsweise der freisinnigen Presse und ihrer Agi­tatoren. Auch in dem Auftreten des Herrn Pfarrer Korell vermag die Versammlung kein Mittel zu er­blicken, welche die Gegensätze zwischen Stadt und Land, hoch und niedrig auszugleichen und zu ver­söhnen in der Lage ist. Im Gegenteil, seine historisch gewordene Liebe zur Sozialdemokratie und sein stetes Hin- und Herpendeln zwischen Kanzel und Redner­tribüne, zwischen Altar und Wirtshaus sind vielmehr geeignet, weite Kreise unseres Volkes dem Vaterlande und der Kirche zu entfremden.- Die Versammlung ist deshalb der Auffassung, daß alles getan werden muß, eine Wahl des Herrn Pfarrer Korell zu hindern und wird deshalb auch weiter unermüdlich für die Wahl des Herrn Dr. Werner eintreten."

ver=

*

Gießen. Der Vertretertag des Kriegerverban­des Hassia in Friedberg ist auf den 25. Juni fest gelegt worden.

- Gießen. Einen wichtigen Schritt zur Einigung der deutschen Studentenschaft bedeuten die Beschlüsse des ersten deutschen Hochschultages zu Gie­Obschon sie zum größten Teil aus Vertretern e n. zweikampfgegnerischer Verbände bestand, lehnte die Ver­sammlung doch antiduellistische Tendenzen ab. Sie sah vielmehr ihre Aufgabe darin, die Ehrauffassungen der Zweikampfgegner und-Anhänger, die durchaus nicht diametral entgegengesetzt sind, zu versöhnen, einen Weg zu finden, der beiden Anschauungen gerecht wird. Ein solcher Weg scheint im Göttinger Ehrenrat bereits gefun­den zu sein. Der erste deutsche Hochschultag beschloß an möglichst allen Hochschulen Deutschlands sofort Ehren­schutzausschüsse ins Leben zu rufen, die ihrerseits Gründung von Ehrenräten nach Göttinger Vorbild( Aus­gezeichnet berichten dafür die Blätter aus dem Schwarz­burgbunde" 1, 3) ins Werk setzen. Den Zentral- Aus­schuß wird der Göttinger Ehrenrat bilden. Man hofft in diesen Ehrenräten die Grundlage sehen zu dürfen für allgemeine studentische Arbeitsausschüsse zur Besprechung und Vertretung studentischer Standesinteressen. Die Ver­sammelten verpflichteten sich überall und besonders in ihren Verbänden für Zusammenschluß zu allgemeinen studentischen Arbeitsausschüssen zu wirken.

*

die

Gießen. In Steins Garten wird der Turn­gau Hessen am 12. März seinen Gauturntag abhalten. Biedenkopf, 8. März. In der letzten Sitz­

( Gießener Tageblatt)

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die 44 mm breite Petitzeile oder deren Raum, auswärts 20 Pfg.; die 90 mm breite Petitzeile im Reklameteil 50 Pfg., auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit 50% Aufschlag. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungs­zieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Gesamtleitung: Albin Klein.

Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg

ung beschloß der Kreistag für eine staatliche Nebenbahn von Wetzlar über Naunheim, Hohensolms, Gladenbach über Wilsbach, Rodenhausen und Weidenhausen einzu­treten.

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Friedberg. Die Wetteraugemeinde Bönstadt wird mit Wirkung vom 1. April ab vom bisherigen Amtsgerichtsbezirke Altenstadt losgetrennt und dem Amts= gerichtssprengel Friedderg zugeteilt.

Kassel. Dem kurhessischen Kommunallandtag ist eine Vorlage zugegangen, die zehntausend Mark fordert, damit in dem im Bau begriffenen Landesmu seum eine Ehrenhalle zur Erinnerung an die furhessische Armee eingerichtet werden kann.

-n= Lauterbach, 7. März. Kommenden Sonn­tag, den 12. März, nachm. 2 Uhr, findet hier im Konfirmandensaal Gottesdienst für Taubst um me statt. Unbemittelte Taubstumme mögen sich zwecks Er­langung von Fahrpreisermäßigung an Oberpfarrer Mül­

ler- Lauterbach werden.

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Hessischer Blumentag.

Wie wir bereits mitteilten, findet in den ersten Tagen des Ma i ein allgemeiner Blumentag im ganzen Groß­herzogtum zum Besten der Mutter- und Säuglingsfür­sorge in Hessen statt. Was ein solcher Blumentag bedeutet, wird den meisten unserer Leser bekannt sein. Es soll sich im ganzen Lande einen Tag lang alles in den Dienst der Barmherzigkeit stellen; vor allem anderen aber sollen junge Mädchen und Frauen aller Bevölker­ungskreise eine kleine künstliche Blume, die Blume der Barmherzigkeit vorgesehen ist das Maßliebchen-, auf den Straßen, auf den Bahnhöfen, in den Straßen­bahnen zum Kauf anbieten, Alt und Jung, Arm und Reich soll mit ihr geschmückt, kurz überall, wo man hin­schaut, die Blume der Barmherzigkeit zu sehen sein. Die Jdee ist gewiß gut und schön. Daß sie auch durchführ­bar ist, zeigen die glänzenden Erfolge anderer Blumen­tage.

-

Die Jdee der Blumentage stammt aus dem Norden. Eine edle schwedische Dame verkaufte eines Tages an der Westküste Schwedens Maiblumen zum Besten armer Kinder und sie brachte soviel Geld zusammen, daß viele Leute sich für das schöne Beispiel begeisterten und daß bald die meisten schwedischen Städte am ersten Maitage ein allgemeines Blumenfest zum Besten bedürftiger Kin­der veranstalteten. Auf allen Plätzen, in allen Straßen, in den Theatern, Restaurants, in Bureaus, in Werk- stätten, in allen Häusern werden Blumen verkauft und jeder Mensch betrachtete es als eine frohe Ehrenpflicht, fein Scherflein zu spenden. Speziell die Kopenhagener Blumentage erregten seinerzeit die Bewunderung der ganzen Kulturwelt. Kein Wunder, daß die Jdee auch in Deutschland bald Boden fand. Es würde zu weit führen, alle Blumentage, die schon stattgefunden haben, hier aufzuzählen. Allen war gemeinsam, daß die ganze Bevölkerung ohne Unterschied sich in den Dienst der guten Sache stellte. Auch das pekuniäre Ergebnis war überall über Erwarten gut. In Frankfurt, dessen Blumentag allen denen in froher Erinnerung sein wird, die die alte Mainstadt im Zei­chen der Margerite sahen, erzielte man einen Reinge­winn von 105 000 mt. Der Kölner Blumentag aber brachte 115 445 Mark, Erlangen, eine Stadt 23 000 Einwohnern, erzielte über 14 000 Mt., und der letzte deutsche Blumentag, der am 12. Februar in Leip­zig stattfand, brachte gar an 160 000 Mark.- Nach den einlaufenden Nachrichten steht zu hoffen, daß auch der hessische Blumentag unter freudiger Teilnahme der gesamten Bevölkerung verlaufen wird.

Aus dem Gerichtssaal.

Schwurgericht.

von nur

Gießen, 7. März 1911. Gegen den vielfach bestraften Händler Heinrich berg verheiratet war, aber geschieden ist, wurde wegen Rupp enthal aus Köddingen, der in Rocken­Meineides unter Ausschluß der Oeffentlichkeit ver­handelt. Von früher ist bekannt, daß er mit einer Frau zu Bad- Nauheim in unsittlichem Verkehr stand, und von deren Manne gelegentlich eines Besuchs geschlagen wur­de, was eine Schöffengerichtsverhandlung zur Folge hatte, bei der von dem Angeklagten beschworen wurde, er habe keinen Ehebruch getrieben. Der Angeklagte war gestän dig. Die Geschworenen bejahten die Frage nach der Schuld und auch diejenige, ob sich der Angeklagte bei Angabe der Wahrheit einer strafbaren Handlung selbst beschuldigen hätte müssen. Auf staatsanwaltlichen An­trag erkannte das Gericht auf Jahre Zuchthaus und Jahre Ehrverlust. Das Geständnis des Angeklagten berücksichtigend, wurde ihm ein Monat Untersuchungs= haft in Anrechnung gebracht.