Ausgabe 
7.10.1911 Erstes Blatt
 
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Gießener Zeitung

Bezugspreis 40 pfg. monatlich

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( Neueste Nachrichten)

Erscheint Redaktion:

oferteljährlich 1,20 Mt., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig­ausgabestellen vierteljährlich 90 Pfg. Dienstags, Donnerstags, Samstags. Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b. H.

Nr. 207.( 1. Blatt.)

Feldmarschall v. d. Goltz und die Jugend.

,, Einen Beitrag zur Frage der Jugendpflege" nennt der Feldmarschall Freiherr v. d. Goltz bescheiden einen Aufsatz, den er soeben unter obiger Ueberschrift in dem Oktoberheft der Deutschen Rundschau" veröffentlicht hat. Er ist aber mehr, nämlich ein Weckruf an die Nation,

die im Fluge reich geworden ist, deren Verwöhnung und Verweichlichung dabei naturgemäß zugenommen hat und die infolgedessen eines Tages die wenig erfreuliche Entdeckung machen könnte, daß sie in Kriegstüchtigkeit und Wehrhaftigkeit von anderen Völkern überholt wor­den ist.

Dem zu begegnen, tritt der Feldmarschall lebhaft und mit ausführlicher Begründung für eine gründliche Vor­bereitung der heranwachsenden Jugend für den Waf­fendienst ein. Daß sie eine liberale oder sogar eine so­zialdemokratische Forderung sein könnte, zeigt Freiherr

von der Goltz in seinen Darlegungen, wie er persön­lich übrigens nicht erst heute dazu gekommen ist, sich für den Gedanken zu erwärmen. Aus den Erfahrungen des Krieges 1870-71, in dem die berühmte kaiserliche Armee Frankreichs in einem Monat aus dem Felde geschlagen wurde, das republikanische Heer aber noch 5 Monate dem deutschen Heer zu schaffen machte, ergab sich für den damals jungen Offizier eine Abmessung der Kraft stehender Heere im Vergleich zu Milizen und improvi­sierten Volksbewaffnungen. Er kam zu dem Ergebnis, daß beide Systeme Vorteile hätten, und daß es darauf ankommen müsse, die beiden ineinander zu verschmelzen. Als er dann im Kreise seiner Kameraden mit solchen Jdeen hervortrat, machte er sich damals geradezu ver­dächtig. Er teilt jetzt mit, daß ihn solche Ketzerei fast um seine militärische Laufbahn gebracht hätte, und daß er nur dem Feldmarschall Moltke persönlich es zu dan­ten hatte, daß er mit einem blauen Auge davon kam. Wer für die militärische Jugenderziehung damals ein­frat", so schreibt er u. a.,, mußte es sich gefallen lassen, auch als ein politisch bedenklicher Charakter starker Hinneigung zur äußersten Linken und ihrem Doktrinarismus zu gelten. Militärische Jugenderziehung hätte aber ebensogut etwas stark Konservatives wie et­was Ultra- Liberales sein können, je nachdem die eine oder andere Partei sich der Frage annahm. Etwas po­litisch- neutraleres fann es im Grunde nicht geben; denn die Pflicht der Vaterlandsverteidigung ist das einzige, was alle deutschen Männer verbündet, mögen sie der einen oder anderen politischen Partei angehören."

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Das ist unweigerlich die Wahrheit. Gerade wer ein Volksheer will, müßte doch wohl die militärische Aus­bildung auf eine möglichst breite und tief wurzelnde Grundlage stehen wollen. Fast alle anderen Völker gehen in der Heranziehung der irgend noch tauglichen Mannschaften zum Waffendienst zum Teil auf Grund eben der militärischen Jugend erziehung weiter als Deutschland. Da wir das stehende Heer aus nahelie­genden Gründen nicht vergrößern wollen, was liegt da näher als die Einrichtung einer militärischen Jugenderziehung, die allen, auch denen, nicht dienen, wenigstens Grundlagen militärischer Brauch­barkeit gibt? Feldmarschall von der Golz legt den Hauptwert bei einer solchen Ausbildung nicht auf das eigentlich Militärisch- Technische. Er will die Sinne der Jugend, Auge und Ohr namentlich, ver= schärfen, Entschlußfähigkeit heranzuziehen, und vor allem Stärkung der sittlichen und moralischen Eigenschaften, sowie Belebung einer verständigen Vaterlandsliebe und den vielfach gerade in unserer Jugend von heute so we­nig entwickelten Gemeinsinn durch eine wohlüberlegte und vollständige, nicht allein die wirtschaftliche und be­rufliche Vorbildung pflegende Jugenderziehung herbei­führen.

Das ist ein Programm, dem sich heute jeder Deut­sche, wenn er die Lage der Nation vorurteilslos ins Auge faßt, ohne Bedenken anschließen kann.

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Parteipolitisches.

Reichstagswahlen 1912.

- Zum sozialdemokratischen Reichs= tagskandidaten für den 5. nassauischen Wahl­kreis Dillenburg- Oberwesterwald wurde der Genosse Marote aus Frankfurt a. M. gewählt.

- Die Verschmelzung der deutsch- sozialen Partei und der deutschen Reformpartei ist, nachdem die beiden Führer der Deutschsozialen und der deutschen Re­formpartei, die Abgg. Liebermann von Sonnenberg und

Enthält alle amfl. Bekanntmachungen

der Großherzoglichen Bürgermeisterei

des Großherzoglichen Polizei Amtes

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sowie vieler anderer Behörden Oberhessens Expedition: Seltersweg 83.

( Haus Brüder Schmidt.)

Samstag, den 7. Oftober 1911.

| Oswald Zimmermann, verstorben sind, seitens der Ver­trauensmänner der beiden Parteien in die Wege ge= leitet.

Hessische Landtagswahlen 1911.

§ Jm Wahlkreise Gießen- Wieseck stellten die Nationalliberalen den Zigarrenfabrikanten Adolf Kling­spor als Kandidaten auf.

feld- Land ist von der sozialdemokratischen Partei der § Als Kandidat für den Landtagswahlkreis Als Stadtverordnete Sattlermeister Jakob Eder in Alsfeld aufgestellt worden.

§ Die nationalliberale Partei beabsichtigt für das dritte Darmstädter Landtagsmandat den Direktor der Landeshypothekenbant, Regierungsrat Bastian, als Kandidaten aufzustellen.

§ In einer Vertrauensmännerversammlung der na­tionalliberalen Partei wurde für den Landtagswahlkreis

Wöllstein Bürgermeister Schott- Uffhofen als Kandidat für

die Landtagswahl einstimmig aufgestellt.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 7. Oktober 1911.

*) Der in den letzten Wintern vorgenommene Ver­such, frost empfindliche Eilstückgüter, 3. B. Wein, frisches Obst, Gemüse und dergl., während des Transportes auf der Eisenbahn vor der schädlichen Ein­wirkung der Kälte zu schützen, wird auch in diesem Win­ter fortgesetzt. Zu diesem Zwecke verkehren wieder in den Monaten Oktober bis März auf den Strecken

Frankfurt( Main)-Eisenach- Berlin Anh. Bf., Frankfurt( Main)-Kassel- Hamburg H. und Köln- Koblenz- Mainz- Frankfurt( Main) besonders gebaute gedeckte Güterwagen, die für Dampf­und Preßkohlenheizung eingerichtet sind. Die Wagen dienen zur Aufnahme der frostempfindlichen Eilstückgü­ter von und nach allen an der Zugstrecke und Ab= zweigestrecken liegenden Stationen und verkehren in be­stimmten Kursen regelmäßig an allen Tagen. Die Eil­gutabfertigungsstellen sind angewiesen, über die ein­zelnen Kurse und die zweckmäßigsten Aufgabezeiten für die frostempfindlichen Eilgüter Auskunft zu erteilen.

Ab

* Die Erneuerungslose sowie die Freilose zur 4. Klasse der 225. Preußischen Klassenlotte= rie sind bis zum 9. Oktober, abends 6 Uhr, einzulö= sen. Die Ziehung der 4. Klasse wird am 13. Oktober ihren Anfang nehmen.

Ein interessantes Datum wird uns der diesjährige 11. November bringen. In 3iffern ge­schrieben lautet es: 11. 11. 11. Die Briefmarkensamm­ler werden sich dieses Kuriosum wohl nicht entgehen lassen.

n) Ueber die in der Chirurgischen Universitätsklinik in Gießen ausgeführte 2000. Gallenblasen= Operation, seit Prof. Dr. Poppert die Leitung der Klinik hat, wird noch bekannt, daß durch die außeror­dentlich hohe Anzahl dieser Operationen und die dadurch bedingte Schulung des Aerzte- und Pflegepersonals er­reicht worden ist. Zu erwähnen ist ferner, daß in den letzten Jahren durchschnittlich 200 Patienten jährlich an diesem schweren Leiden operiert wurden.

n) Am 5., 6. und 7. Oktober wird an der Univer­sität ein altphilologisch- archäologischer Ferienkursus für Oberlehrer abgehalten.

n Das 70jährige Arbeitsjubiläum fei­erte in Duisburg der in der Tabakfabrik von Ar­nold Böninger beschäftigte Arbeiter Wilhelm Simon. Dem Jubilar ist die nur selten zur Verleihung kom­mende Krone zum Kreuz des Allgemeinen Ehrenzei­chens" verliehen worden. Kommerzienrat Dr. Böninger erwähnte u. a., daß der Jubilar nicht weniger als 5 Generationen seiner Familie kennen gelernt habe.

n) Bei der Anlagenmusik morgen Sonntag, vormittags 11% Uhr, wird gespielt: 1. Kaiser Fried­rich- Marsch von Friedemann, 2. Duverture 3. Operette Die schöne Galathe" von Fr. v. Suppee, 3. Fantasie a. d. Oper Faust"( Margarete) v. Gonnod und 4. Parademarsch von Möllendorf.

Asthma.

Alle mit diesem läftigen Zustande Behafteten fönnen mit größter Zuversicht ihre Zuflucht zu Aftmol- Aftma- Pulver nehmen. Bringt sofortige Linderung- Reine schlaflosen Nächte mehr.

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( Gießener Tageblatt)

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die 44 mm breite Inseratenzeile. Stellen: gesuche und Familienanzeigen 10 Pfg. Die 90 mm breite Zeile im Reklameteil 50 Pig. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungs­zieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bet Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b. H.

Telephon: Nr. 362.

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23. Jahrg.

o Bad Nauheim. Die staatlichen Badehäuser

2, 5, 7 sind seit 1. Oktober geschlossen; die übrigen Ba­dehäuser, wie das Badehaus des Konitzkystistes des Elisabethenhauses bleiben geöffnet.

und

o Schotten. Der als Nachfolger des Geheimen Regierungsrates Schönfeld zum Kreisrat des Kreises ler hat am 3. Oftober die Dienstgeschäfte übernommen. Schotten ernannte Regierungsrat Dr. Kranzbüh= o Schotten, 4. Okt. Unter dem Vorsitze des Leh­rerheim die diesjährige Hauptversammlung des Vereins rers Ludw. Dern- Offenbach tagte heute auf dem Leh­Lehrerheim Vogelsberg", die aus den drei Provinzen gut besucht war. Die Anmeldungen zum Besuche des Lehrerheims liefen in den Ferienmonaten so zahlreich ein, daß leider viele Anmeldungen keine Be­rüdsichtigung finden konnten. Trotzdem soll aus finan ziellen Gründen zunächst von einer Erweiterung des Lehrerheims abgesehen werden.

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s Am Bahnhof Sprendlingen- Buchschlag wird zurzeit ein Hotel gebaut, das einen Saal für 500

Personen, größere Restaurationsräume und 10 Frem

denzimmer enthält. Es soll Ostern 1912 schon eröffnet werden.

s Rüsselsheim. Die Firma Adam Opel hat allen Feuerwehren, welche bei dem großen Fabrikbrande Hilfe geleistet haben, ein Dankschreiben und ein Geld­geschenk von 100 Mk. gesandt.

s Worms. Eine Urkundensammlung der früheren freien Reichsstadt Pfeddersheim hat Freiherr Heyl zu Herrnsheim der Gemeinde Pfeddersheim zur Einver­leibung in das Gemeindearchiv geschenkt.

! Aus Rheinhessen. Die Ueberlandzentrale des rheinhessischen Elektrizitätsverbandes hat ihren Be­trieb eröffnet; die erste Gemeinde, die dadurch mit Licht versorgt wurde, ist West hofen.

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! Osthofen, 5. Okt. Bei einem Brande, der der Scheune des ehemaligen praktischen Arztes Dr. Rolly ausbrach, wurde unter den Trümern die vollständig verkohlte Leiche der Frau des Genannten gefunden.

):( Dillenburg. Die Mobilmachung in Jtalien macht sich auch in unserer Gegend bemerkbar. Am Sams­tag sind mehrere hundert Italiener, die am Bahnbau usw. beschäftigt waren, unverzüglich abgereist. Von Frankfurt aus bringt ein Sonderzug dieselben auf dem schnellsten Wege nach den für sie bestimmten Plätzen.

):( Limburg. Letzten Sonntag fand hier die Jahresversammlung der hessen- nassauischen Landesgruppe des Hansabundes statt. Auf Anregung des Herrn Fabrikanten Pfeiffer- Wetzlar trat die Versammlung in eine Erörterung ein über den Auszug der Schwerin­dustrie, um dadurch recht nachdrücklich ihre grundsätzliche Zustimmung zu den Maßnahmen des Präsidiums in Berlin zu betonen. Es wurde telegraphisch folgende Resolution an Geheimrat Rießer gesandt:

nimmt

,, Die heute in Limburg a. d. Lahn tagende Ver­sammlung der Vorstands- und Ausschußmitglieder des Hansabundes, Landesverband Nassau, von dem Bericht des Vorsitzenden Herrn Sturm über die Auseinandersetzung Rießer- Rötger Kenntnis und erklärt, daß sie in jeder Beziehung mit der Stellung des Herrn Geheimrats Rießer in dieser Frage ein­verstanden sei und daß sie ihm nochmals ihren Dank für sein unentwegtes Festhalten an den Richtlinien des Hansabundes abſtatte."

Ferner wurde bekannt, daß der Hansabund bei den kom­menden Reichstagswahlen, all die bürgerlichen Kandi­daten unterstützt, die sein Programm anerkennen.

Kathreiners Malzlaffen. Ohrztlich empfohlen.

Das Gehalt mouht' 6!