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Gießener Zeitung

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Bezugspreis 50 Pfg. monatlich Enthält alle amfl. Bekanntmachungen

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oierteljährlich 1,50 Mt., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig­ausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mt. Erscheint jeden Werktag früh.- Die Illuftr. Weltrundschau" liegt alle 14 Tage einmal gratis bei. Redaktion: Seltersweg 83.- Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b. H.

Nr. 83.

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Telephon: Nr. 362.

Organisation.

Organisation das ist ein Losungswort unserer Zeit. In den großen geistigen und wirtschaftlichen Käm­pfen kommt der Einzelne, kommen auch die vielen als Einzelne nicht zur Geltung. Der wirtschaftliche und gei­stig Starke fann es wohl, gestützt auf großes Kapital oder hervorragende Intelligenz und Charakterstärke, in der Sonderstellung aushalten und Einfluß gewinnen. Aber für den Durchschnitt gilt der Sazz, daß nur der Anschluß an eine feste Organisation Macht und Einfluß verbürgt.

von

So sehen wir auf allen Gebieten des öffentlichen Le­bens, in allen Ständen und Volksschichten das Bestre­ben nach organisatorischen Zusammenschluß. Jn hohem Maße erscheint dies auch geradezu als eine Notwendig­teit. Das alte Rom ging daran zu Grunde, daß es an sozial gesunden Organisationen fehlte. Neben ein paar Latifundienbesitzern stand die unorganisierte Masse der Proletarier und Sklaven. Die Masse war kein wider­standsfähiges Gebilde; sie war ein Hause zusammen­hangsloser Atome. Als der Sturm der äußeren Be­drängnis hineinfuhr, stob die Masse auseinander. Rom brach trotz seiner Legionen unter dem Ansturm außen zusammen. Jm ausgehenden Mittelalter sehen wir das Umgekehrte. Da gab es starke Organisationen, auch in den mittleren, bürgerlichen Schichten. Aber die forporativ zusammengeschlossenen Stände und Volks= schichten standen sich feindlich gegenüber. Jeder Stand suchte seine egoistischen Wirtschaftsinteressen mit brutaler Ausschließlichkeit zu verfechten. Der Zusammenschluß führte zum feindlichen Sichabschließen gegen andere. Es fehlte der Geist der großen nationalen Zusammengehö­rigkeit. So mußten die Korporationen und Stände in wildem Interessenkampf aufeinanderstoßen. Und in die­sem Kampf, dem wilden egoistischen Interessenkampf, verzehrte sich die Gesamtkraft der Nation. Es fehlte der Nation die starke einheitliche Stoßkraft nach außen.

Was lehrt uns diese geschichtliche Gegenüberstellung? Organisationen sind nötig; aber sie müssen vom rechten Geist durchdrungen sein und dürfen nicht einen exklusi­ven Wirtschaftseigennutz und Standesstolz fördern. Sonst wird aus einem an sich segensvollen Gebilde eine Ge­fahr für die Gesamtheit.

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Leider zeigt die Gefahr, daß alle wirtschaftlichen und sozialen Organisationen, namentlich da, wo sie sich stark fühlen, das Bestreben zeigen, ihre eigenen Interessen an Stelle der Allgemeinheit zu setzen und statt der Gleich­berechtigung die Allein- Berechtigung wenn auch nicht in Worten so doch in der Tat zu fordern. Neben dieser Gefahr zeigt sich noch eine andere Schattenseite der an sich so berechtigten Organisationspraxis. Es ist die Gefährdung der Persönlichkeit inbezug auf Wollen und Urteilen. Die Selbständigkeit, der Charakter, wird bedroht. Das ist nicht nur so beim sozialdemokratischen Terrorismus", sondern in milderen Formen zeigt sich die Unfreiheit des Einzelnen auch bei Organisationen auf geistiger Grundlage und zum Zweck der Pflege idealer Interessen.

Diese Kehrseite heben wir hervor, natürlich nicht, um gegen den Organisationsgedanken an sich etwas zu sa­gen; im Gegenteil, wir betonen aus voller Ueberzeug= ung die Notwendigkeit gesunder starker Organisationen; aber wir möchten erinnern, daß man das Organisations= prinzip auch auf firchlichem Boden nicht einseitig überspannen soll, und daß in der organisierten Gemein­schaft doch nicht die sittliche Freiheit der Persönlichkeit und das Wohl des Ganzen leiden darf.

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Reichstagswahlvorbereitungen.

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* Offenbach a. M. Die christlich- und deutsch­soziale Parteileitung hat beschlossen, bei der nächsten Reichstagswahl im Wahlkreis Darmstadt- Groß- Gerau von einer eigenen Kandidatur abzusehen und den tionalliberalen Kandidaten Rechtsanwalt Dr. Osann zu unterstützen. Die Gründe zu diesem Entschluß liegen in der Befürchtung, Dr. Osann könnte im ersten Wahlgang unterliegen, sodaß man sich vor die Notwendigkeit ge= stellt sähe, bei einer dann wahrscheinlich in Aussicht stehenden Stichwahl zwischen Fortschrittlichen und So­zialdemokraten sich für eine dieser Parteien entscheiden zu müssen.

* Kassel. Für den Wahlkreis Hersfeld- Hünfeld­Rothenburg, wo zwei Kandidaten der Fortschrittlichen Volkspartei genannt waren, hat die Provinzialleitung der Fortschrittlichen Volkspartei jetzt den Bahnhofsvor­steher Fiedler in Bebra als fortschrittlichen Kandidaten aufgestellt.

der Großherzoglichen Bürgermeisterei

des Großherzoglichen Polizei- Amtes Behörden Oberhessens Expedition: Seltersweg 83.

sowie vieler anderer

( Haus Brüder Schmidt.)

Freitag den 7. April 1911

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 7. April 1911.

- Von der Po st. Bis auf weiteres werden we­der Anwärter für den höheren, noch solche für den mittleren Dienst der Reichs- Postverwaltung angenom= men, weil der Bedarf zurzeit gedeckt ist. Dagegen sollen in Zukunft in den nachgeordneten Beamtenstellen der kleineren Postämter weibliche Personen als Gehilfinnen oder Schreibhilfen beschäftigt werden. Die Bewerber­innen müssen 16 Jahre alt, gesund und unbescholten sein und eine angemessene Schulbildung mindestens gute Volksschulbildung haben. Es sollen möglichst ortsangesessene Personen eingestellt werden, oder solche, die Familienanschluß am Beschäftigungsorte haben.

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Saatenstandsbericht vom 1. April. Nach den bei der Preisberichtsstelle des Deutschen Land­wirtschaftsrats Ende März eingelaufenen Berichten haben die Saaten unter den Einwirkungen des ziemlich wech­selvollen Winterwetters im allgemeinen nur wenig ge­litten, wohl aber haben, wie dies zu erwarten war, Mäuse und Schnecken den Roggen- und Kleesaaten zum sen Fruchtarten vielfach die Notwendigkeit größerer Um­Teil erheblichen Schaden zugefügt, so daß sich bei die­pflügungen herausstellt. Infolge des trockenen Herbst­wetters und der wegen des massenhaften Auftretens von Mäusen vielfach spät erfolgten Bestellung waren die Saa­ten ziemlich schwach in den Winter gekommen. In den Wintermonaten behielt das Wetter indes überwiegend milden Charakter, und während der zeitweise, aber im­mer nur kurz auftretenden strengen Fröste waren die Saaten ausreichend geschützt. Jedenfalls haben sie un­ter Mangel an Schnee nirgends gelitten, wohl aber stellenweise dadurch, daß der Schnee auf ungefrorenen Boden kam und, wo er zu lange liegen blieb, die Bil­dung von Schimmel begünstigte. Im übrigen sind aber eigentliche Winterschäden, wie eingangs erwähnt, nur in vereinzelten Fällen zu verzeichnen, wenigstens geht aus dem bei der Preisberichtstelle eingelaufenen Berich ten hervor, daß notwendige Umpflügungen nur selten auf Auswinterungen, vielmehr in der Hauptsache auf den Einfluß tierischer Schädlinge zurückzuführen sind. Einen wie großen Umfang der durch Mäuse und Schne­den angerichtete Schaden vielfach erreicht hat, geht da­raus hervor, daß in manchen Gegenden, namentlich in West- und Süddeutschland, die Roggensaaten bis zu 50 Prozent umgepflügt werden mußten. Günstiger lau­teten die Berichte im allgemeinen über die Weizensaaten, die in der Entwickelung Ende März zwar noch etwas zurück waren, durch Fröste oder tierische Schädlinge in­des nicht sonderlich gelitten zu haben scheinen, so daß Umpflügungen nur in Ausnahmefällen und auch dann nur in bescheidenem Umfange erforderlich sein dürften. Jm allgemeinen war der Stand der Weizensaaten, wenn auch stellenweise etwas schwach, so doch derart, daß bei entsprechender Witterung eine günstige Entwickelung zu erhoffen ist. Von den Roggensaaten haben namentlich die spät bestellten, die diesmal einen großen Teil Gesamtfläche bilden, den Winter weniger gut überstan­den und anscheinend auch durch die Märzfröste gelitten; nahezu aus allen Landesteilen wird berichtet, daß die Roggensaaten sich etwas dünn gestellt und nach dem Witterungsrückschlag um den 20. v. Mts. eine unge­sunde Färbung angenommen haben. Kräftige Roggen saaten sah man meist nur auf zeitig bestellten Feldern, aber gerade diese sind durch Mäuse und Schnecken viel­fach arg in Mitleidenschaft gezogen worden. Wenn die Roggenfelder sonach im allgemeinen kein sonderlich gün­stiges Bild boten, so hofft man doch, daß bei vorteil­haftem Frühlingswetter mancher Schaden ausheilen wird und Umpflügungen im Norden und Osten des Reiches zu vermeiden sein werden. Die Bestellung, die auf leichten Böden ziemlich frühzeitig in Angriff genom­men werden konnte, war zur Zeit der Berichterstattung überall im Gange und nimmt bei günstiger Witterung einen normalen Verlauf.

der

* Gießen, 7. April. Zur Erleichterung des Lö­sens von Fahrkarten ist in der Vorhalle des hiesigen Bahnhofs seit kurzem ein dritter Fahrkartenautomat auf­gestellt, der gegen Einwurf von drei 10 Pfennigstücken Fahrkarten 4. Klasse nach Reiskirchen und Wetzlar selbsttätig verkauft. In unmittelbarer Nähe befinden sich wie seither die beiden Automaten für Bahnsteigkarten zu 10 Pfg. und für Fahrkarten 4. Klasse nach Garben­teich, Großen- Buseck, Langgöns und Lollar zum Preise von 20 Pfg.

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Gießen, 7. April. Die Kreislehrerkonferenz des Kreises Gießen vereinigte etwa 300 Volksschullehrer und Lehrerinnen in Steins Garten. Es war die erste Kreis­konferenz unter dem neuen Kreisschulinspektor Professor Dr. Alles. Er machte Mitteilungen über die Verein=

( Gießener Tageblatt)

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die 44 mm breite Petitzeile oder deren Raum, auswärts 20 Pig.; die 90 mm breite Petitzeile im Re flameteil 50 Pfg., auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit 50% Aufschlag. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungs­zieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b. H.

Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

fachung des schriftlichen Verkehrs zwischen Lehrern und Behörden und über den Beschluß der Kreisschulkommis­sion, nach welchem für die Oberklassen der Fortbildungs­schule Zeugnisse eingeführt werden sollen. Lehrer Bert­Gießen sprach über Die Fortbildungsschule für Mäd­chen". Seine Hauptforderung, die Einführung der all­gemeinen obligatorischen Mädchenfortbildungsschule, fand einmütige Zustimmung. Ueber Die französische Frem­denlegion" hielt Lehrer Keil- Klein- Linden einen Vortrag. Er fordert Vereine, Volksbibliotheken, Fortbildungsschu= len und Volksschulen zur Aufklärung der deutschen Ju­gend als einem echt nationalen Werk auf.

-p- Oberndorf, 5. April. Am Sonntag nach= mittag ging ein schweres Gewitter mit starkem Hagel und wolkenbruchartigem Regen nieder. Die Straßen gli­chen einem See. Der Blitz schlug an zwei Stellen ein, in die neue Schule und in einen Kirschbaum.

- Herborn( Dill), 6. April. Auf dem heute ab­gehaltenen 3. diesjährigen Markt waren aufgetrieben 201 Stück Rindvieh und 281 Schweine. Es wurden be­zahlt für Fettvieh und zwar Ochsen 1. Qualität 88 bis 92 Mt., 2. Qualität 86 bis 88 Mt., Kühe und Rinder 1. Qual. 84 bis 86 Mt., 2. Qualität 80 bis 82 Mt. per 50 Kilo Schlachtgewicht. Auf dem Schwei­nemarkte kosteten Ferkel 50 bis 65 Mt., Läufer 70 bis 90 Mt. und Einlegschweine 95 bis 125 Mt. das Paar. Der nächste Markt findet am 24. d. Mts. statt.

== Lollar, 7. April. Bei der Beigeordnetenstich­wahl wurde Gemeinderat und Gastwirt Karl Ger= I a ch mit 207 Stimmen gewählt. Der Gegenkandidat Geißler erhielt 93 Stimmen.

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Frankfurt.( Milchkrieg.) Als Ersatz der hei­mischen Milch wird nun dänische Milch täglich ein­treffen und zwar vorläufig ein Waggon, der acht bis neuntausend Liter enthält. Die Milch wird in Kannen, die fünfzig Liter enthalten, transportiert. Es ist nicht ausgeschlossen, daß bei späterem größerem Bezug der Transport in Tankwagen erfolgt. Die Milch war auf Veranlassung des Milchhändlervereins und der beteilig= ten Großfirmen von dem Chemiker des Vereins und dem bekannten Gerichtschemiker Dr. Popp untersucht worden. Dabei war festgestellt worden, daß der Fett­gehalt denjenigen, den die Milch der hiesigen Gegend zu enthalten pflegt, übersteigt, und was von besonderem Wert ist, daß der Säuregrad ein geringerer ist. Daraus ist zu schließen, daß die Milch auch eine wärmere Wit­terung verträgt und sobald nicht sauer wird.

für

-e Bad Orb, 6. April. Schon seit Jahren wird für das 18. Armeekorps ein Artillerie- Schießplatz ge­sucht. In Aussicht genommen ist auch das Gelände des dem Bade Orb benachbarten Weilers Villbach. Der Wei­ler Villbach liegt von Bad- Orb in der Luftlinie 5 Ki­lometer entfernt. Wird es zur Anlage eines Schießpla­yes kommen, so ist der erfreulichen Entwickelung, die das Bad Orb in den letzten Jahren hatte, Einhalt ge­boten, ja es wird von interessierten Kreisen nicht mit Unrecht befürchtet, daß das Bad durch Anlage eines Schießplazes vernichtet wird. Seit einer Reihe von Jahren hat das Bad eine Hauptanziehungskraft Herzkranke, die natürlich den Donner der schweren Ge­schütze nicht vertragen würden. Auch wäre eine Abhol­zung in den Staatsforsten um Orb und damit eine Be­nachteiligung der klimatischen Verhältnisse zu befürchten. Jm letzten Jahrzehnt sind Millionen hier angelegt wor­den. Abgesehen von der Neugründung des Bades vor 11 Jahren, das einen Kostenaufwand von 2 Millionen erforderte, sind eine Reihe von Neugründungen und Kurunternehmen jeder Art erfolgt, die an der Entwicke lung des Bades Orb im höchsten Grade beteiligt sind. Sinkt die Besuchsziffer, so ist der Untergang einer Reihe von Unternehmungen besiegelt. Das Baugewerbe, die ganze Geschäftswelt von Bad- Orb ist an der ungestör­ten Weiterentwickelung des Bades Orb beteiligt und würde eventuell mit Prozeßklagen an den Militärfiskus herantreten.

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