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brötchen zu knabbern. Da kam er bei dem jungen und temperamentvollen Anwalt aber schlecht an; dieser hörte mitten im Plädoyer auf und erklärte, daß eins der Se­natsmitglieder während der Verhandlung esse; das sei für fein Plädoyer so störend, daß er eine Pause machen wolle. Der Oberlandesgerichtsrat bemerkte, er habe ,, nur einen Bissen genommen", da von 9 bis 1 Uhr ohne Pause ver­handelt worden sei. Der Gerichtshof zog sich zur Bera­fung zurück und nahm den Anwalt in eine Geldstrafe von 80 Mart wegen Ungebühr vor Gericht. Bei dieser Ge­legenheit sei ein Vorkommnis erwähnt, das sich vor Jah­ren im Straffammersaal ereignet hat. Justizminister Be­( e: weilte auf dem Gericht und hörte aufmerksam einer Verhandlung zu. Da zog plötzlich ein Herr seiner Be­das Früh gleitung ein älterer Frankfurter Jurist

stüdsbrötchen heraus und verzehrte es hinter der vorge­haltenen Hand mit großem Behagen. Das stundenlange Führer: hatte den Juristen hungrig gemacht. Der Vorfall hatte keine weiteren Folgen. Der Justizminister sah nichts Savon oder wollte vielleicht nichts sehen.

Eine mysteriöse Mordgeschichte beschäftigte augenblid­lich die Polizei in Hannover lebhaft. Vor einigen Tagen wurde berichtet, daß in dem Vororte Wülfel ein zehnjähri­ger Schulfrabe den Tod auf den Schienen gesucht habe, weil er die Strafe für eine von ihm begangene Brand­tiftung fürchtete. Der Knabe sollte das Schuldbekenntnis auf einen Zettel niedergeschrieben und diesen seiner Mut­ter gesandt haben. Der Zettel ist vorhanden, aber es ist durch Schriftvergleich bereits festgestellt worden, daß er nicht von dem Knaben geschrieben ist. Ferner hat man feststellen können, daß der Brand der Strohdieme, um die es sich dabei handelt, später stattgefunden hat als der an­gebliche Selbstmord des Knaben. Es bleibt also nur die Annahme übrig, daß der Knabe ermordet ist und der Tä­ter, um die Tat zu verdecken, den Brand verursacht und auch den Zettel geschrieben hat. Man nimmt an, daß es sich um einen Lustmord handelt und die Nachforschungen werden nach dieser Richtung eifrig betrieben.

Die Opfer von Hamborn. Von den bei der Gruben­tatastrophe auf Zeche Deutscher Kaiser" in Hamborn ver­unglüdten Bergleuten sind wieder zwei gestorben, so daß die Zahl der Opfer jetzt sechzehn beträgt. Die Schlagwet­tererplosion auf der Zeche Deutscher Kaiser" erfolgte am 28. Januar. Am 29. Januar starben vier der Schwerver­letzten, in der Nacht vom 29. zum 30. weitere sechs. Im Laufe des 31. erlagen wieder zwei Mann ihren Wunden, ebenso starben zwei am nächsten Tage. Am letzten Diens­lag war die Zahl der Opfer auf dreizehn gestiegen.

Das Wüten der Pest. Aus Peking wird gemeldet: Gämtliche ausländischen Gesandtschaften haben sich voll­tommen isoliert. Die Stadt ist mit Proviant für drei Monate versehen. Der Geschäftsverkehr mit der chinesi­schen Regierung wird durch einen Vertrauensmann auf­rechterhalten. Aus Charbin wird telegraphiert: Der vor­gestern an der Pest erkrankte Arzt Dr. Michel ist gestorben. Die Injektion mit Ehrlich- Hata, die er sich selbst gemacht hatte, war ohne Erfolg. Gestern starben vierzig Personen, darunter zwei Europäer, an der Pest. Jm Chinesenviertel Fudsjadian sterben täglich hundertfünfzig Personen, so daß die Einwohnerschaft von 40 000 auf 6000 zusammenge= schmolzen ist. Die chinesischen Behörden haben etwa 2000 Leichen verbrannt. Der Verbrennung harren aber noch etwa 4000. Die Meldungen aus anderen Städten schil­dern die Lage nicht weniger schrecklich. In Hulan haben sich Berge von Leichen angesammelt, ein Teil von ihnen ist auf dem Eise des Hulan, einem Nebenfluß des Sun­gari, aufgehäuft worden, offenbar in der Absicht, sie mit dem Eisgang im Frühjahr forttreiben zu lassen.

Ein schweres Eisenbahnunglück ereignete sich in der Nacht zum Sonnabend vor den Toren Konstantinopels. Ein Personenzug stieß mit einem Güterzuge zusammen, der etwa 12 Waggons mit Heu mitführte. Das Heu fing Feuer, so daß alle Waggons verbrannten. In Konstan­tinopel glaubte man an eine Feuersbrunst bei der in der Nähe gelegenen Pulverfabrik. Schuld an dem Unfall ist ein Weichensteller. Zwei sofort entsandte Hilfszüge brach­ten Aerzte und Verbandsmaterial. 14 Personen sind sehr schwer verletzt worden. Mehrere Tote wurden unter den cauchenden Trümmern hervorgezogen.

Die

Tödliche Mihhandlungen eines Kindes durch seine eigenen Eltern. Am Donnerstag abend starb der vier­fährige Sohn Johannes der 24 Jahre alten Arbeiterin Johanna Stanek in Berlin. Da der Arzt die Todesur­sache nicht feststellen konnte und im Totenschein vermerkte, daß an der Leiche Verlegungen sichtbar seien, so wurde eine polizeiliche Besichtigung der Leiche vorgenommen, wobei es sich herausstellte, daß der Körper des Kindes über und über mit alten und neuen Wunden bededt war. Stanek, die mit dem Vater des Kindes, einem Arbeiter Sollanet, in wilder Ehe lebt, gab zu, daß das Kind von dem Vater häufig mißhandelt worden sei. Der Kleine soll u. a. von dem Vater mit dem Kopf auf den Fußboden geschlagen worden sein. Die Mutter will den Knaben nur zuweilen gezüchtigt haben. Während man die Leiche des Kindes dem Schauhause übergab, wurden die Raben­eltern festgenommen.

Der Schuß auf eine Taufgesellschaft. In Hohensalza in der Provinz Posen wurde auf eine geschlossene Droschte, in der eine Familie zur Taufe fuhr, ein Schuß abgegeben. Die Kugel schlug durch das Verdeck, drang einem Insassen durch den Paletot, das Jackett und die Weste und prallte am Schulterknochen ab. Sie wurde später im Strumpf gefunden. Die Verlegung ist glüdlicherweise nicht gefähr­lich. Mehrere halbwüchsige Burschen hatten mit einem Tesching hantiert und der Schuß war losgegangen. Die Waffe wurde einem Kaufmannslehrling abgenommen.

Eine Ohrfeigenszene beim Lunch ereignete sich am Freitag in einem vornehmen Berliner Hotel. Das Opfer dieses nicht alltäglichen Refonters wurde der in letzter Beit vielgenannte Sohn eines rheinischen Großindustriel­len. Der betreffende Herr war mit seinem Rechtsanwalt seit einiger Zeit in Differenzen geraten. Der Rechtsan­walt fühlte sich beleidigt und verschaffte sich Genugtuung, indem er dem gerade frühstückenden Millionärssohn einen Schlag ins Gesicht versezte. Der Vorfall, der unter den Gästen begreiflicherweise lebhafte Erregung hervorrief, dürfte ein ehrengerichtliches Nachspiel haben.

Das Eisenbahnkind. Die Direktion der Petersburg mtt Moskau verbindenden Nikolaibahn, der ältesten der russischen Eisenbahnlinie hat in diesen Tagen den zehn­ten Geburtstag ihrer Adoptivtochter Ludmilla Nikolajew­na mit einer glänzenden Festfeies begangen. Das Ge­burtstagsfind wurde vor zehn Jahren als neugeborener, in schmutzige Windeln eingepackter Säugling in einem Wagen dritter Klasse aufgefunden. Der Stationsvor Steher, der sich des Findlings angenommen, hotte unver­

züglich der Direktion von dem Funde gemeldet, die im Ein­verständnis mit den Angestellten das Kind zu adoptieren beschloß und es der Familie eines ihrer Oberingenieure in Pflege gab. Alle Angestellten der Gesellschaft vom Schrankenwärter bis zum Direktionschef haben seither re­gelmäßig ihr Scherflein zu einem Fonds beigesteuert, der als Erziehungs- und Aussteuerkasse der kleinen Ludmilla bestimmt ist. Alljährlich gelangt ein Rechenschaftsbericht über die Verwendung der dem Fonds entnommenen Sum= men zur Veröffentlichung und Verteilung an jeden der Bahnbeamten. Der verbleibende Bestand wird am Jah­resschluß dem Aussteuerdepot zugeführt, das zurzeit be­Heuschreden und Schnaken als Ballonpassagiere. Im Januarheft des Kosmos" schildert Dr. Weinland, wie er und seine Gefährten bei einer am 7. Juli 1908 von Man­zell nach dem bayerischen Algäu ausgeführten Ballonfahrt nach dem Zichen der Reißleine auf der oberen Hälfte des langsam sich zur Seite neigenden Ballons zu ihrem nicht geringen Erstaunen Wanderheuschrecken entdeckten, die sich als ihnen die zusammenfallende und Falten bildende Hülle den weiteren Aufenthalt unmöglich machte, durch ei­nen Sprung zur Erde flüchteten. In welcher Höhe die Heuschrecken auf die Ballonhülle, wie ermüdete und hung­rige Zugvögel auf ein vorüberziehendes Schiff, sich nieder­gelassen hatten, war vom Korb aus nicht beobachtet worden ( der Ballon hatte eine Höhe von 4830 Meter erreicht). Die Frage, ob ein Heuschreckenschwarm bei der Schärfe der Kauwerkzeuge dieser Tiere und ihrer unheimlichen Freẞ= Inst gelegentlich einen Ballon beschädigen und so einen Un­Erwähnens­fall herbeiführen kann, mag offen bleiben. wert ist auch die Tatsache, daß bei einer am 19. Juni 1910 von Stuttgart nach Radolfzell unternommenen Nachtfahrt die Teilnehmer, nachdem die schwäbische Alb in der Richtung Reutlingen- Pfullendorf sowie die Donau überflogen wa ren und der Ballon sich dem badischen Bodenseegebiet bet Ueberlingen näherte, gegen 2 Uhr nachts in 1200 Meter Höhe von Schnafen gestochen worden.

Das gestörte Kannibalenmahl. Der französische Oberst Moll der vor kurzem in Wadai als tapferer Soldat auf dem Felde der Ehre fiel, konnte auf seinen Urlaubsreisen nach Paris manches wunderliche Erlebnis aus dem schwar­zen Erdteil erzählen. Ein Blatt berichtet von einem die­ser Abenteuer, das Moll selbst erzählte. Eines Tages ge­riet ich im Kongo mitten unter einen Kannibalenstamm. Der Häuptling war gestorben, die Trauerfeier sollte be= ginnen. Die Frauen des Verschiedenen standen trauernd beisammen, ihr ganzer Körper war mit Maniokmehl dicht bedeckt, sie sahen so weiß aus, wie Fische, die in die Brat­pfanne sollen. Man lud mich ein, am Leichenschmause teil­zunehmen, und als ich fragte, was es zu essen gebe, wies man gemütlich auf die in Mehl gebadeten Witwen. Nun begriff ich den Ausdruck trostloser Verzweiflung im den Mienen der gepuderten Damen. Ich lehnte sofort die Ein­ladung ab und erklärte, daß ich mich mit aller Kraft dieser Hinopferung der Witwen widersetzen würde. Der Koch konnte das nicht begreifen, ganz verzweifelt lief er umher und wiederholte ein übers andere Mal: Was soll ich nun den Gästen vorsetzen? Ich gab ihm zum Ersatz ebenso viel Ochsen, als er Witwen schlachten wollte, aber die Kanni­balen zeigten sich höchst unzufrieden mit dieser Programm­änderung, und wirklich sagten eine ganze Reihe von No­tabeln ab. Sie wollten am einem so prosaischen Leichen­mahl nicht teilnehmen und lehnten es ab, sich wegen einer solchen Bagatelle zu bemühen.

Im Vertrauen. Die Nachbarin:... Aber erzählen Ste es ja nicht weiter, daß meine Tochter heimlich verlobt ist nicht einmal ihr Bräutigam weiß es!"

Große Männer und der Schlaf.

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Als Sir William Ramsay, der Entdecker des Helium, einmal gefragt wurde, wieviel Schlaf er mötig habe, vollständig ausgeruht zu sein, erwiderte er, er begnüge sich in der Regel mit dret bis vier Stunden Schlaf. Diese Antwort des großen Physikers erinnert an das sprichwört­lich gewordene geringe Schlafbedürfnis anderer genialer Männer wie Napoleons und Friedrichs des Großen. Denoch kann die Schlaflosigkeit" nicht als allgemeines Cha­rakteristilim des Genies angesehen werden, ja manche her­vorragende Männer haben geradezu, um sich ihre Arbeits­frische zu erhalten, eine Technik des Schlafens ausgebildet. Goethe zum Beispiel, wenn er auch in der Jugend, wohl vom Geist getrieben, mitten in der Nacht aufsprang, um ein Gedicht aufs Papier zu bringen( lm Mitternacht wohl fang' ich an, spring' aus dem Bette wie ein Toller", beginnt der Ewige Jude"), hatte während des größten Teiles set­nes Lebens einen durchaus normalen Schlaf, und mit zu­nehmenden Alter hielt er die Stunden der Nachtruhe mit fast peinlicher Genauigkeit inne. Von Modernen hat zum Beispiel Bernard Shaw erzählt, er habe jede Nacht sieben bis acht Stunden Schlaf nötig. Schiller pflegte aller­dings häufig einen großen Teil der Nacht durchzuarbeiten; dann holte er aber regelmäßig das Versäumte nach, indem er bis lange in den Tag hinein schlief. Aber es hat auch manche Dichter gegeben, die, ohne daß sie allzu spät sich schlafen legten, doch morgens lange im Bett blieben. Get­bel hat diese Untugend in einem Gedicht launig verteidigt; gerade wenn er bis tief in den lichten Tag hinein im Bette liege, fämen ihm die hübschesten Einfälle und gelängen ihm die glücklichsten Lieder. Auch Musset und Heine erfanden und arbeiteten im Bett. Dagegen ist von anderen genialen Menschen bekannt, daß sie zwar wenig Bettruhe nötig hat­ten, aber imſtande waren, jede freie Minute zu einem er­frischenden Schläfchen auszunußen. Dies wird z. B. von Wellington, von Richard Cobden, von Gladstone berichtet. Auch Kaiser Wilhelm I. besaß, wie Hohenlohe- Ingelfingen in seinen Memoiren erzählt, im Gegensatz zu seinem Bru­der, Friedrich Wilhelm IV., die beneidenswerte Fähigkeit, wo er sich gerade aufhielt, im Lager, in der Eisenbahn oder zu Hause zu schlafen. In demselben Rufe stand der be­rühmte englische Staatsmann Pitt; und besonders seine parlamentarischen Gegner wißelten gern über diese Gabe. Eines Tages hielt im englischen Parlament ein Mitglied des Hauses gerade eine unglaublich lange Rede, als ein anderer Abgeordneter, der glaubte, Pitt mache ein Schläf= chen, laut ausrief: Der Premierminister ist eingeschlafen!" Aber diesmal hatte er sich getäuscht. Onein", rief Pitt, aber ich wünschte beim Himmel, ich wäre es."

Der Bettlerbund von Jerusalem.

Von einer eigenartigen Genossenschaft, die von dem tüchtigen Geschäftssinn der heutigen Bewohner von Jeru­salem Zeugnis ablegt, weiß ein englisches Blatt Interessan­tes zu erzählen. Wohl in feiner Stadt der Welt gibt es verhältnismäßig so viele Bettler wie in Jerusalem. Aber diese Armen" der heiligen Stadt lassen sich durchaus nicht herab, etwa auf den Straßen die Mildtätigkeit der Bassan­tect anzurufen, sie haben ihren Beruf meisterhaft organisiert und arbeiten nur en gros, wobei ihr Arbeitsfeld sich über die ganze Erde erstreckt. Sie haben eine musterhaft organi fierte Genossenschaft gebildet, die mit allen Mitteln und Kunstgriffen das Mitleid quter Herzen hervorzulocken weiß. Der Hauptsitz ist in Jerusalem, wo die Geschäftsführer dieses Verbandes immer neue Tricks ersinnen, die sich aus­gezeichnet bezahlt machen, ein ganzes Bureau ist eingerich­tet, mit anständig besoldeten Beamten, doppelter Buch­führung und einer Reihe von Schreibmaschinen. Ueberall in der Welt unterhält diese Genossenschaft ihre Agenten und Reisenden, die hohe Gehälter beziehen. Die Aufgabe dieser Auslandsvertreter ist es, in allen Großstädten ge­naue Informationen über die vermögenden Versönlichkei­

ten zu sammeln, von denen es sich erwarten läßt, daß eine bewegliche Schilderung der Leiden und Nöte der Armen von Jerusalem eine flingende Antwort finden könnte. Alle diese Adressen laufen zu Tausenden in Jerusalem ein und find von genauen Charakteristiken der betreffenden Persön lichkeiten begleitet, so daß bei dem Bettelbrief, der nun ver faßt wird, die Eigentümlichkeiten und Neigungen des Empfängere berücksichtigt werden können und die richtige Saite seines Herzens getroffen wird.

Gewöhnlich ist der Bettelbrief dann von einer Er­innerung aus dem heiligen Lande begleitet; meist schickt man getrodnete Blumen mit, die im Garten Gethsemane oder in Bethlehem gepflückt sein sollen. Hin und wider schickt man auch billige Olivenholzarbeiten, die ein Bild von den Sachen geben sollen, die die Aermsten der Armen" in Je rusalem mühselig herstellen, um nicht zu verhungern".\ Diese Industrieprodukte kommen gewöhnlich aus Marseille. Trotz aller Warnungen und Aufklärungen blüht das Ge schäft der Bettlergenossenschaft. Ein großer Teil der ausge­fandten Briefe wird beantwortet, und nicht selten damit Ste Bitte verknüpft, für den Spender der mitfolgenden milden Gabe an irgend einer biblischen Stätte ein frommes Ge­bet zu sprechen. Die Zahl der Briefe, die jährlich abgesandt. werden, beziffert sich nach Millionen und es fann feinen merkwürdigeren und interessanteren Anblick geben, als die­fe elegant gekleideten Herren, die die Ankunft jedes Schif­fes in Jaffa erwarten, um die Post und die Geldsummen in Empfang zu nehmen. Die vornehm aussehenden Herren find Bertreter der Bettlergenossenschaft von Jerusalem.

Die Beerdigung Singers

fand Sonntag mittag 12 Uhr vom Geschäftshause des Vors wärts" in der Lindenstraße in Berlin unter gewaltiger Be­teiligung statt. Die Höfe des Vorwärtsgebäudes, die Lin­denstraße sowie alle umliegenden Straßen waren von einer ungeheueren Menschenmenge dicht gefüllt. In den Höfen des Vorwärts- Gebäudes war fast die ganze sozialdemokra= tische Reichstagsfraktion sowie eine große Anzahl von De­legierten aus dem Reiche und dem Auslande erschienen.) Der Abgeordnete Bebel war nicht unter den Anwesenden. Sicherem Vernehmen nach gestattete sein Gesundheitszustand nicht sich zu beteiligen. Die Reiche war in einem Parterre zimmer des letzten Hofes des Vorwärtsgebäudes aufge bahrt und mit einer Reihe von Schleifen und Kränzen ge=) schmückt. Es hatten zu diesem Zimmer nur die näheren Verwandten und die Mitglieder des Partetvorstandes Zus tritt. Dem Sarge voran gingen eine Anzahl Banner- und Fahnenträger sowie ein Musikkorps. Hinter dem Sarge gingen die nächsten Angehörigen, der Parteivorstand und die sozialdemokratische Reichstagsfraktion, die Redaktion des Vorwärts" und die Berliner sozialdemokratische Stadt­verordnetenfraktion. Diesen schlossen sich in endloser Reihe die anderen Teilnehmer an. Durch rote Armbinden kennt­lich gemachte, von der Partei gestellte Ordner sorgten dafür, Die Beteiligung daß die Ruhe nirgends gestört wurde.

fann auf mehr als hunderttausend Personen geschätzt wer den. Die Spitze des Leichenzuges bildeten Mitglieder des 4. Berliner Wahlkreises, den der Verstorbene Jahrzehnte hindurch im Parlament vertreten hat. Der Vorbeimarsch dieses Teiles des Zuges dauerte allein über eine Stunde, der des ganzer Zuges mehrere Stunden. Eine große An­zahl der Zugteilnehmer trug rote Nelken im Knopfloch. Im Zuge selbst wurden außerordentlich viele Kränze ge tragen. Der Verkehr stockte in den Straßen, die der Let­chenzug passierte, fast vollständig. Auf dem Friedhofe zu Friedrichsfelde fand noch eine Trauerfeier statt, mobet die Verdienste Singers gewürdigt wurden. Nur einem ganz fleinen Teil der Leidtragenden wurde der Eintritt zum Friedhofe gestattet, da er die gewaltigen Massen nicht auf­nehmen konnte.

Drahtnachrichten und neuestes.

Ermäßigung des Reichsbankdiskonts. Berlin, G. Februar. Der Reichsbankdiskont ist auf , der Lombardziusfuß auf 5%% herabgesetzt worden. Zugzusammenstoß auf einem Berliner Vorortbahnhof. Berlin, 6. Februar. Auf dem Bahnhof Baum schulenweg stießen heute früh zwei Züge zusammen. Sechs Personen wurden schwer, elf leichter verletzt. Eine Loko­motive und vier Wagen entgleisten. Der Materialschaden ist bedeutend.

Die Affäre Thyssen.

Berlin, 6. Februar. Die Erflärung des Herrn Thys= sen jr., in der er seinen früheren Generalbevollmächtigten Dr. jur. Borchardt für seine jetzige finanzielle Lage ver antwortlich macht, hatte eine Duellforderung zur Folge. Sonnabend morgen sollte sie im Grunewald ausgetragen werden. Im letzten Augenblick wurde Thyssen durch die Kriminalpolizei in Schußhaft genommen.

Auf der Flucht verhaftet.

Berlin, 6. Februar. Als der Dampfer Zeeland" auf der Fahrt von Amsterdam nach Argentinien in La Coruna an der spanischen Nordküste cinlief, ging der deutsche Konsul mit Polizisten an Bord, um auf Grund eines Steckbriefes den Kassierer Aleris Tonndorf, der mach Unterschlagung von 90 000 Mark als Direktor der Berliner Hotelgesellschaft Kaiserhof geflüchtet war, festzunehmen. Es wurden bei ihm 2000 Francs und hochelegantes Gepäck beschlagnahmt. Da rauf wurde er dem Gefängnis zugeführt, bis die Formalt täten der Auslieferung erledigt sind.

Die Pockenfälle in Duisburg. Duisburg, 6. Februar. Anläßlich eines dritten Bockenfalles haben sich mehrere hundert Personen der Schutz­impfung gegen Boden unterzogen.

Tödlicher Rodelunfall.

Wien, 6. Februar. Beim Bobsleighfahren auf dem Semmering verunglückte infolge der löcherigen Bahn ein Schlitter mit fünf Insassen. Ein Herr und eine Dame wurden getötet und alle übrigen schwer verletzt.

Ein Dienstmädchen als Mörderin.

o Petersburg, 6. Februar. Ein Dienstmädchen er­schlug hier eine 58jährige Frau im Schlaf mit einem Stein.j Dann durchsuchte die Mörderin die ganze Wohnung nach Geld, fand aber nichts, obwohl in einem Geheimfach 10 000 Mark lagen. Die Polizei entdeckte den Mord und verhaf tete die Ferbrecherin.

Brand im türkischen Parlamentsgebände. Im Gebäude der Konstantinopel, 6. Februar. Pforte hat in der vergangenen Nacht ein Brand gewütet. Das Feuer war in dem im Hause befindlichen Telegraphens zimmer ausgebrochen und vernichtete die Räume des Staatsrates fowie des Ministeriums des Innern und der Justizverwaltung. Auch die Archive des Staatsrates und des Ministeriums des Innern verbrannten. Die beiden Flügel der Pforte, in denen sich das Mimisterium des Aus wärtigen und die Kanzlei des Großwesierats befinden, sind infolge rechtzeitigen Eingreifens der Feuerwehr von de Brande verschont geblieben. Die Ursache des Brandes s noch nicht festgestellt.

Deutsche Bastoren in England. Loudon, 6. februar. Der König empfing gestern im Buckinghampalast den Professor Harnack, den Präsidenten des Berliner Zentralausschusses für innere Mission, Spiecker und die Deputation der in London anwesenden deutschen Pastoren in Audienz. Die Herren überreichten dem Könige ein auf den Besuch der englischen Geistlichen in Deutschland im Jahre 1900 bezügliches Erinnerungs werk. Der König hieß die deutschen Theologen in Eng land roillkommen. Die Audienz, der auch zwei Parlamen! tarier beiwohnten, trug einen privaten Charakter.