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Gießener Zeitung

( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 50 pig. monatlich Enthält alle amfl. Bekanntmachungen

oierteljährlich 1,50 Mt., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig­ausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mk.- Erscheint Mittags 3 Uhr. Die Illuftr. Weltrundschau" liegt alle 14 Tage einmal gratis bei. Redaktion: Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b.§.

Nr. 106.

-

Telephon: Nr. 362.

Zum Blumentag.

Unser modernes Volksleben ist trotz des Festeseierns und trotz der Vereinsseligkeit nicht allzureich an Poesie. Viel Flitterstaat und Aufputz und kein Gehalt dahinter; viel Aeußerlichkeit und wenig ernste Fröhlichkeit.

Es nützt nichts, den Wegen nachzugehen, auf denen wir so arm geworden sind; wir kommen dabei nicht weiter als zu dem ersten Satze des Attinghausenschen Bekenntnisses: Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit." Wer aber will den Weg finden und weisen, auf dem der freu­dige Nachsatz des alten Helden zur Wahrheit wird: Und neues Leben blüht aus Ruinen?" Eines ist ja tröst lich für unsere Zeit. Daß nämlich in ihr so viele Su­cher erstehen und daß hin und her in deutschen Landen die besten Köpfe und die wärmsten Herzen an der Ar­beit sind, das noch spärlich vorhandene Gold deutschen Volkslebens umzumünzen und von Hand zu Hand wei­terzugeben. Immer noch sind wir nicht so arm an Ge­danken, daß wir an der Dürftigkeit des Volkslebens verzweifeln und verzagen müßten, und immer noch sind der ideal Gesinnten in unserem Volke so viele, daß wir an das Schillersche Wort von dem neuen Leben aus den Ruinen" glauben. Rauschende Festlichkeiten lassen die Poesie im Volksleben nicht aufkommen. Alle Poesie wächst in der Stille, wie jeder wahrhaft gute und große Gedanke in der Stille geboren wird. Ge= danken, die schockweise kommen, sind Gesindel. Gute Ge­danken erscheinen in kleiner Gesellschaft. Die besten Ge­danken kommen zunächst allein, aber nicht lange währts, und sie ziehen ein fröhliches Gefolge von Worten und Taten nach sich. So tritt heute in Hessen ein guter, gro­zer und poetischer Gedanke auf den Plan, zum Besten der Mutter- und Säuglingsfürsorge einen Blumentag zu veranstalten.

Der Gedanke an und für sich ist nicht neu. Er kam von einer hochgesinnten Schwedin, der Frau Beda Hallberg. Lange trug sie Leid um den furchtbar sten Feind des Volkslebens, die Tuberkulose, und lange sann sie vergebens, Mittel zum Kampfe gegen die Ver­heerungen der Lungenkrankheit aufzubringen. Von den üblichen Basaren, Jahrmärkten, Strand- und Winter= festen dachte die hochgesinnte Frau nicht allzuhoch; wer denkt davon heute überhaupt noch hoch? Da entwickelte vor etwa drei Jahren die energische und warmherzige Frau eine feine und sinnige Idee zur Tat. Sie ließ aus Zelluloid ein kleines, zierliches Blümchen zum Anstecken Herstellen und am 1. Mai in großen Mengen zugunsten des guten Zweckes auf offener Straße verkaufen. Jede Blume kostete 10 Dere, und im ersten Jahre wurden in Göteborg gegen 140 000 Stück verkauft. Im nächsten Jahre hatte sich die Zahl der Blumen schon auf die stattliche Zahl von 1 435 720 Stück vermehrt, in dem folgenden auf 1 645 627, sodaß die Einnahme 152 384 Kronen betrug. Man nannte die Blume die, Erste Mai­Blume", und es sah wirklich festlich aus, am 1. Mai

der Großherzoglichen Bürgermeisterei

=

des Großherzoglichen Polizei Amtes sowie vieler anderer Behörden Oberhessens Expedition: Seltersweg 83. ( Haus Brüder Schmidt.)

*

Samstag, den 6. Mai 1911.

Kauft Blumen! Kauft und habt Erbarmen, Gebt guten Worten goldnen Klang, Daß wir die Kleinsten unsrer Armen Erretten von dem Untergang,

Und die Verkümmerten befreien Aus bitterm Elend, tiefem Schmutz, Kauft Blumen! Helft zum Wohlgedeihen Dem Säuglingsheim, dem Mutterschutz!"

Reichstagswahlvorbereitungen.

Liberale Einigung. Es ist jetzt gelun= gen für die Provinz Sachsen ein Abkommen zwischen den Nationalliberalen und der Fortschrittlichen Volks­partei für die nächsten Wahlen zu vereinbaren. Unter Zustimmung der beiderseitigen Lokalorganisationen hat man sich auf folgender Grundlage geeinigt: Die Fort schrittliche Volkspartei erhält die Wahlkreise: 1) Jericho, 2) Wittenberg- Schweidnitz, 3) Halle, 4) Mansfeld, 5) Merseburg- Querfurt, 6) Naumburg- 3eiß, 7) Nordhau­sen, 8) Mühlhausen- Langensalza. Die Nationallibera­len erhalten: 1) Salzwedel- Gardelegen, 2) Osterburg= Stendal, 3) Neuhaldensleben- Wolmirstedt, 4) Wanz­leben, 5) Kalbe- Aschersleben, 6) Halberstadt, 7) San­gerhausen- Eckartsberga, 8) Torgau- Liebenwerda, 9) Er­furt. In der Stadt Magdeburg unterstützen beide Par­teien die Kandidatur. des wildliberalen Abgeordneten Kobelt.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 6. Mai 1911,

Blumentag.

ver=

Es war wohl kein Fleckchen in unserer guten alten Stadt, wo nicht schon in aller Morgenfrühe die jungen Damen, ihre zierlich ausgestatteten Körbchen mit zarten Maßliebchen am Arm, zu sehen waren und anfangs noch recht schüchtern ihre Blumen und Postkarten zum Verkauf anboten. Aber je höher die Sonne stieg, ie wärmer der Tag wurde, desto dringender und herrlicher wurden auch die Angebote. Und eine Sicherheit kam über die schmucken Verkäuferinnen, die ohne zu legen dem guten Werke nur förderlich war. Kein Mensch fonnte ungefragt passieren: immer wieder war eine bit­tende kleine Hand mit dem weißen und rosaangehauch­ten Blümchen, immer wieder fragte ein kleiner rosiger Mund: Noch eine Blume, noch eine Karte gefällig? Nun will ja unser zartes Geschlecht von heute, wo es um jeden Preis die völlige Gleichstellung mit dem Manne erringen will, kaum noch etwas von all den Attributen wissen, die Fragen und Bitten an diesem Blumentage so unwiderstehlich machten. Aber gerade diese Attribute waren es, die der Ausführung des Gedankens den zar­ten Hauch verliehen, die das Ganze gelingen ließen.

Und zu der herzgewinnenden Liebenswürdigkeit gefellte

sich bald auch nachdem das Selbstbewußtsein all­

jedermann mit dem Freundlichen Sternblümchen gemählich erstarkt war eine dem weiblichen Geschlechte

und

den

schmückt zu sehen. In allen Läden, Restaurants Versammlungsorten wurden sie verkauft, Hunderte von jungen Mädchen hielten sie auf den Straßen feil, viele Herren hatten die Rockaufschläge voll der kleinen Blüten und die Damen ordneten sie zu niedlichem Schmuck. Je­des Kind, jede Frau, alle Arbeiter, die an dem Tage ihren alllährlichen Umzug halten, die Kellner in Cafes, kurz, jeder und jede trug das Blümchen. Und über den Straßen und Plätzen lag es wie Sonnenschein: jeder und jede nahm und gab, glücklich über den be­scheidenen Schmuck und glücklich über den großen und guten Gedanken, dem der Schmuck galt. Die Glücklichste aber war Frau Beda Hallberg, die jetzt schon in Göte­borg eine richtige kleine Fabrik errichtet hat, in der die Blumen hergestellt werden.

Schweden ist weit, aber gute Gedanken sind Samen­körner, die auch über den Sund fliegen. Und so ist der tritt Gedanke bis ins Hessenland geflogen, und heute er bei uns ins Leben, nicht für die Lungenkranken, aber für arme Mütter und verkümmerte Menschenblumen, die viel Licht und Wärme bedürfen. Es ist ein lieblicher Gedanke, der heute hier und in den kleinen Orten mor­sen verwirklicht wird, und es steht zu hoffen, daß die jungen Mädchen nicht Blumen genug haben werden um Röcke, Blusen und Hüte damit zu schmücken. Wer zu danken hat, nicht bloß für das tägliche Brot, son dern vor allem für gesunde Kinder, der wird gern der Aermiten gedenken, und wer unseres Volkes Zukunft auf dem Herzen trägt, der wird am Samstag und am Sonntag die Erfahrung machen, daß das heutige Le­ben nicht aller Jdeale ermangelt.

So geht denn, wenn ihr diese Zeilen gelesen habt, hinaus auf die Straße und kommt nicht heim ohne den Schmuck des Blumentages.

ja auch nicht ganz fremde Keckheit, die uns ja ebenso

bezaubert, und die der Sache ebenso dienlich war.

Ein sehr dankbares Feld der Betätigung boten die

Hauptstraßen, der Bahnhof, der Seltersweg, die An­lagen. Allmählich zog sich der Verkauf auf die Stellen lagen. Allmählich zog sich der Berkauf auf die Stellen zusammen, wo die Regiments musit ihre Weisen ertönen ließ: dem Kreuzplatz und am Liebigdenkmal. Die jun­gen Damen ließen nicht eher nach, bis aus jedem Knopf loch ein Blümchen herausgudte. Und das Publikum

hielt sich auch nicht zurück. Man faufte willig und reich­lich. Selbst die einfachsten Leute opferten ihre Nidel, lich. Selbst die einfachsten Leute opferten ihre Nickel, und ein Menschenkind ohne Maßliebchen war eine Gel trug Blumen und Boſitarten am Hut, Damen hatten Sträuße von Maßliebchen in den Haaren, und schließ

tenheit. Dabei boten sich reizende Einzelheiten. Der eine

lich sah man einen Dackel und Dobermann, Halsbänder mit Blumen geschmückt waren.

deren

Mögen die unermüdlichen Helferinnen heute abend

auch müde und abgespannt nach Hause kommen, Dani

und Bewunderung werden sie schen in den Augen derer gelesen haben, in deren Hände sie die schlichten Blüm­chen legen durften. Und wenn wir bereits jetzt schon diesen Dank öffentlich aussprechen, bevor die Tätigkeit der jungen Damen beendet ist, so erfüllen wir damit nur eine alle unsern Lesern verständliche Pflicht.

*

Wilhelm Raabe Bund. Hans Thoma, Frizz Engel, Johannes Trojan, Professor Sans Fech­ner, Otto Elster und andere haben einen Aufruf zu Bildung eines Wilhelm Raabe- Bundes mit dem Haupt­

Raabe immer noch nicht kennen, sagen, wer er ist, er

( Gießeuer Tageblatt)

Anzeigenpreis 15 Pfg.

die 44 mm breite Inseratenzeile. Stellen gesuche und Familienanzeigen 10 Pfg.- Die 90 mm breite Zeile im Neklameicil 50 Pfg. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungs­zieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Verlag der ,, Gießener Zeitung" 6. m. 6. S.

Telephon: 9r. 362.

23. Jahrg.

Soldaten 2c. Bibliotheken und andere Mittel den wei­testen Schichten unseres Volkes zugängig machen, Vor­träge und Veröffentlichungen über Raabe veranstalten und die Bestrebungen der Vereine und Gesellschaften, die ähnliche Ziele verfolgen, unterstützen. Als Organ des Bundes ist der im Laufe dieses Sommers in der G. Grote'schen Verlagsbuchhandlung in Berlin erscheinende Raabe- Kalender in Aussicht genommen. Anmeldungen zu dem Wilhelm Raabe- Bund Hauptsitz Berlin a us dem Großherzogtum Hessen nimmt Herr Rechtsanwalt Dr. Max Strauß in Worms ent­gegen, der auch zu jeder weiteren Auskunft bereit ist. Marburg, 5. Mai. Der Gastwirt Rhein, der seine Frau tötete, seine Kinder. durch Leuchtgas zu vergiften suchte und sich dann vier Schüsse beibrachte, ist seinen Verlegungen erlegen.

* Niedernhausen, 6. Mai. Das Interesse an den Eisenbahnprojekten im Taunus ist bedeutend er­höht worden dadurch, daß die Behörden die Vorarbei­ten für die Linie Niederreifenberg- Niedernhausen aufge= nommen haben. Morgen Sonntag, den 7. Mai, nach­mittags Uhr, findet im Saale des Deutschen Hau­ses" in Niedernhausen eine größere Eisenbahnversamm­lung statt, wozu die Interessenten des ganzen Gebietes Einladungen erhalten haben. Es soll über die Weiter­führung der Linie Niedernhausen- Reifenberg nach Usin­gen- Nauheim einer- und Wehen- Langenschwalbach- Lorch andererseits beraten werden. Für die Stadt Wiesbaden dürfte die Verwirklichung des Projekts Nauheim- Usin­gen- Niedernhausen erhöhte Bedeutung haben.

Friedberg, 4. Mai. Wegen der Maul- und Klauenseuche, die in einigen Orten der Umgebung herrscht, konnte der gestrige Viehmarkt nicht abgehalten werden. Bis auf einen und auch nur mit Beschrän­fungen abgehaltenen Markt, konnten dieses Jahr noch keine Märkte hier stattfinden. Der Krämermarkt hatte einige Stände aufzuweisen, aber feine Käufer von aus= wärts. Hätten nicht die Verkaufsstellen der Blumen- u. Gemüsehändler dagestanden, wäre der große Marktplatz öde gewesen.

* Hungen. Das Programm für das am 28. Mai hier stattfindende 32. hessische Kirchengesangfest ist nunmehr festgestellt. Es wirken mit die Kirchengesang­vereine von Gambach, Holzheim, Hungen, Langd, Lich, Rodheim und Södel; die Leitung übernimmt Kirchen­musikmeister Professor Mendelssohn, die Liturgie Dekan Hainer, die Festpredigt Dekan Wagner- Grünberg, das und Orgelspiel Reallehrer Müller- Friedberg Lehrer

Metz. Der Festgottesdienst beginnt um Uhr. Um 4 Uhr wird noch eine gesellige Vereinigung sich an­schließen.

Kopfschmerzen

kommen häufig durch Blutarmut, Bleich­sucht sowie Nervenreiz Wenn das Blut nicht die richtigen Bestandteile besitzt, werden die Nerven nicht ge= nügend gespeist u. durch d. mangelhaften Blutzustand wird immer die Verdauung und Assimilation gestört werden; es muß die Grundursache beseitigt werden, es muß auf das Blut und die Nerven einge­muß wirkt werden und wird hierfür von be= deutenden Aerzten mit hervorragendem Erfolge Leciferrin verordnet, das sehr angenehm zu nehmen ist, den Körper kräftigt und frisches gesundes Blut schaft.

Leciferrin enthält Dvo- Lecithin 0.5, Eisen als Eisenoxybhybrat an 8uder ge bunden 0.75, aromatische Bestandteile in Cognac und Alkohol 40.0. Rest destilliertes Wasser.

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Zu haben in Apotheken, ganz sicher von:

( 218)

ſitz in Berlin erlassen. Der Bund will den vielen, die Universitäts- Apotheke, Gießen will die Raabe'schen Werke und all solche Schriften, die und Engel- Apotheke in Frank­

im Sinne Raabe's den bedrohten deutschen Humor pfie­

gen, durch Ueberweisung an öffentliche Bolfs, Schul, furt a. Main.