Ausgabe 
4.11.1911 Erstes Blatt
 
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Das Flugzeug im Tripolis- Krieg.

Die Unterzeichnung der ganzen deutsch- französischen Bereinbarung dürfte nächsten Sonnabend erfolgen. Damit sind die deutsch- französischen Verhandlungen nun endgültig aum Abschluß gelangt.

Ein furchtbarer Zyklon, verbunden mit einem hef­tigen Gewitter, ging am Mittwoch über ganz Sardinten gen nieder. Besonders schwer hatte die Provinz Cagliaro unter dem Unwetter zu leiden. Ein vollbesetzter Per­sonenzug wurde in der Nähe der Stadt Cagliaro um geworfen, wobet zahlreiche Reisenden Verlegungen er Titten.

Räuber unter sich. Sollos, einer der Banditen, die den Ingenieur Richter gefangen genommen hatten, wurde im mazedonischen Bergrevter von Räubern ge fangen genommen und ihm seine ganze Habe abgefagt, darunter auch sein Anteil am Lösegelde Richtera.

Gewaltige Ueberschwemmungen haben in Algier große Verheerungen angerichtet. Ein Steinmeslager mit 48 Personen ist vom Boden verschwunden. 24 Let chen sind an verschiedenen Stellen aufgefunden worden. Eine Herde von 200 Rindern ist mit weaoeschwemmt worden.

Der allgemeine Vertretertag der nationalliberalen Bartet, welcher zum 19. November nach Berlin beru­fen ist, wird eingeleitet werden durch eine Stzung des Bentralvorstandes am vorhergehenden Tage. In dieser Sizung wird nicht nur eine gründliche Aus­sprache über die allgemeine politische Lage erfolgen, fondern auch zu den bevorstehenden Netchstagswahlen burch einen Wahlaufruf Stellung genommen werden. Ein Wahlaufruf der Fortschrittlichen Volkspartet tst als erster der partetamtlichen Wahlaufrufe erfchte­nen. Er läßt sich it. a. also vernehmen: Ein heftiger Wahlkampf ist im Gange. Der Wahlausfall wird von entscheidendem Einfluß auf die politische und wirtschaft­fiche Entwicklung des deutschen Boltes sein. Es gilt, dte dem Gemeinwohl schädliche Herrschaft der reaktio­nären Mehrheit zu brechen und dem liberalen Bürger­tum eine starke Vertretung im Reichstage zu verschaf­fen. Die taftische Verständigung mit den Nationallibe­ralen fichert in ren metsten Wahlkretsen den einheitli­chen Aufmarsch und die gegenseitige Unterstübung der liberalen Parteten. Die Aufklärungs- und Werbearbeit muß mit allem Nachdruck betrieben werden. Große Mittel sind erforderlich, zumal die Gegner rechts und links zu ungewöhnlich hohen Aufwendungen für die Wahlrüstung entschloffen sind. Wir vertrauen auf die Opferfreudigkeit der Parteifreunde in Stadt und Land und erbitten tatkräftige Unterstüßung.

Bon militärischer Sette wird uns geschrieben: So beklagenswert auch der blutige Krieg um Tri polis vom allgemein menschlichen Standpunkt aus ist, btetet er doch dem Militärfachmann eine erwünschte Gelegenheit, die neuesten Kriegsmaschinen auf ihre praktische Brauchbarkeit zu prüfen. Dies gilt vor allem von den Flugmaschinen, die hier zum erstenmale zur Verwendung gelangen. Ein endgültiges Urteil über ihren Wert wird man freilich auch aus diesem Kriege noch nicht gewinnen können. Denn einmal tft durch die gesamte Kriegslage der Verwendungsmöglich= feit der Flugmaschinen eine ziemlich enge Grenze ge­zogen, und sodann sind beide Kriegführenden im Flug­wesen nicht auf der Höhe. Insbesondere fehlen den Türfen nicht nur die Flugmaschinen gänzlich, sondern fie verfügen auch nicht einmal über geeignete Abwehr­waffen gegen einen Angriff aus den Lüften. Die ita­Itenischen Flieger können dadurch die ihnen gestellten Aufgaben wie im Manöver erledigen. Denn durch das feindliche Gewehrfeuer brauchen sie sich nicht stören zu laffen. Die Erfahrungen, die man in dieser Hinsicht in Tripolis gemacht hat, sind nur eine Bestätigung der von den Sachverständigen auf Grund theoretischer Be­rechnungen abgegebenen Urteile.

Bietet sich somit infolge der türkischen Inferiorität auf dem Gebiete des Flugwesens feine Möglichkeit, fest­zustellen, wie weit eine Flugmaschine auch gegen die modernen auf Autos montierten Stellfeuergeschütze oder auch gegen feindliche Flugmaschinen gesichert ist, so ist der tripolttanische Krieg auch nicht geeignet, öte Frage zu entscheiden, ob die Flugmaschine oder der Lent ballon den Vorzug verdient, denn durch das französische Beispiel angesteckt, haben die Italiener ihre militärische Luffchiffahrt zugunsten der Flugmaschinen Sie verfügen daher in Tripolts arg vernachläfftgt.

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Ein Sechzehnjähriger als Mörder. In Nürtingen ( Württemberg) wurde Donnerstag nachmittag in et nem Feldhäuschen die Letche des 15jährigen Bäcker­lehrlings Noll aus Oberndorf entdeckt. Die Unter­suchung ergab, daß Noll von dem 16 Jahre alten Lehr­Iing Schemm aus Oberndorf am letzten Sonntag an­geschoffen und dann mit einem großen Stein, der ne­ben der Leiche Tag, erschlagen worden tft.

Die patriotischen Amerikaner. Aus Neuyork wird gemeldet, daß der Marineminister am Mittwoch der Parade von 102 amerikanischen Artensschiffen im Hud­son beiwohnte. Bu gleicher Bett nahm Admiral Tho­mas die Besichtigung von 24 amerikanischen Kriegs­schiffen in Los Angeles vor. Nachher waren die Schiffe zur Besichtigung des Publikums offen; in Neuvort sol­len über 100 000 Personen die Schiffe besucht haben. Später bemerkten die Offiziere, daß die patriotischen Amerikaner alles, was nicht niet- und nagelfest war, als Andenken mitgenommen hatten. Von dem wertvol­len Silbergeschirr, das die Stadt Utah dem Kriegs gleichen Namens geschenkt hatte, waren nur die größ­fen Stücke geblieben.

liber keinen einzigen Lenkballon. Sicherlich hätte ein solcher gerade in Tripolis mit Erfolg Verwendung fin­ben können, da ta den Luftschiffen so gut wie den Flug­zeugen die Vernachläfftgung der Luftverteidigung durch die Türken zugute gekommen wäre. Vor den Flugma­schinen hätte ein Lenkballon jedenfalls den großen Ver­tell voraus gehabt, daß er auch bei Windstärken zu fahren vermag, bei denen der Aeroplan versagt, und dazu kommt noch, daß er seine Meldungen durch Funk­spruch übermitteln und deshalb dauernd im Vorge­lände bleiben kann. Aber wenn auch zweifellos unter den gegebenen Berhältnissen ein Lenkballon den Ita lienern gute Dienste leisten könnte, so bliebe doch noch immer die Frage offen, ob auch einem ebenbürtigen Gegner gegenüber das Luftschiff erfolgreich angewandt werden könnte.

Kleine Nachrichten.

Bei einem Schaufliegen stürzte in Pilsen der Avia­tifer Schimunek ab und erfttt tödliche Verlekungen, denen er bald erlag. Sein Apparat wurde vollständig zertrümmert.

Volkswirtschaftliches.

Die Umfäße der großen Warenhänser. Dent Cons fectionär" wird mitgeteilt, daß von den verschiedenen großen Warenhäusern Frankreichs der Umfaß des Bon Marché im vorigen Jahre ca. 217 Millionen Franken betragen hat, davon wurden für 58 Millionen Waren ins Ausland verschickt. Der Umsatz des Louvre betrug im vorigen Jahre ca. 145 Millionen Franken. Die nachfolgenden Umfäße beruhen auf Schäzungen, die aber der Wirklichkett nahe kommen sollen. Der Umsatz der Galeries Lafayette erreichte im vorigen Jahre die Höhe von ungefähr 100 Millionen Franken, der Umsatz von La Samaritaine 160 Millionen Franken. Der Umfaß der Grands Magazins du Printemps betrug vor dem Umbau 80 Millionen Franken, nach dem Umbau ca. 100 Millionen Franken. Der Nettoverdienst des Bon Marche betrug im vorigen Jahre 13 Millionen Fran­fen. Von deutschen Warenhäusern ist offiziell nur der Umsatz der Firma Leonhard Ttet, Köln bekannt, da diese strma als Arttengesellschaft geführt wird. Er be­trug im Jahre 1910 in Köln und sämtlichen deutschen Filialen der Firma 39,09 Millionen Mark.

Die nengelieferten D- Rugwagen erster bis dritter Klasse haben gegenüber den settherigen recht schmalen Gepäckneßen nunmehr solche von 40 Zentimeter Aus­ladung erhalten. Während es bet den schmalen Negen feine Seltenheit war, daß ein größerer Handkoffer, eine Hutschachtel usw. während der Fahrt herunterftet, ist dies bei der jetzigen Brette und Tiefe der Neve kaum noch möglich.

Das Luftschiff Schwaben" unternahm am Don nerstag zwet längere Rundfahrten über Berlin und feiner näheren Umgebung. Bet der zweiten Fahrt be­fanden sich in der Kabine des Luftschiffes 14 Perso­

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August Wilhelm, Minister von Brei­tenbach und Staatssekretär Delbrück.

Einen neuen Explosivstoff hat der Neuyorker Pro­feffor Wright erfunden. Die Wirkung soll dreimal so start sein, wie die des Dynamits. Dieser neue Explo­fivstoff soll den wichtigen Vorzug befizen, daß er ohne Gefahr gehandhabt werden kann, daß keine Erschütte­rung thit zur Explosion bringt und daß er eine Hize von über 130 Grad C. aushält.

Wie man also sieht, kann man aus dem tripolita­nischen Feldzug nur in sehr bescheidenem Maße für den Luftkrieg der Zukunft Lehren ziehen. Die interes­fanteste davon Itegt jedenfalls in der Meldung, daß ein italienischer Flieger in ein feindliches Lager vier Sprengbomben geworfen habe. Zum ersten Mal ist hier ein Flugzeug nicht nur als Aufklärungsmittel, sondern als Waffe verwandt worden. Aber selbst an­genommen, daß durch die Bomben eine Anzahl Türken getötet oder verwundet worden ist, so wäre das auch nur ein Erfolg, der durch eine gute Artillerie ebenso gut, wenn nicht beffer erzielt werden fann. Höchstens vermag infolge der Neuheit der Erscheinung durch die Luftbomben eine größere Bantt hervorgerufen sein. Das wird fich mit der Zeit natürlich geben. Ein sol­cher Erfolg würde jedenfalls auch noch nichts für den Nußen des Flugzeugs im Seefrieg beweisen. Die Er­fahrungen, dte man während des russisch- tapanischen Krieges gemacht hat, haben gezeigt, daß von oben ein­fallende Gefchoffe felbft des schwersten Kalibers den modernen Panzerschiffen verhältnismäßig wenig anha­ben können. So waren die im Hafen von Bort Arthur eingeschlossenen russischen Panzer, obwohl ste tagelang von dem 203 Meter- Hügel aus mit einem Stellfeuer von 500 fund- Gefchoffen überschüttet wurden, zum kleinsten Teil in ihren vitalen Tellen zerstört worden. Die meisten Schiffe wurden freiwillig von den Russen versenkt. Sicherlich würden auch Bomben, die vom Aeroplan aus geschleudert werden, keine bessere Wirkung erzielen, da die Verhältnisse für eine Flug­maschine noch weit ungünstiger liegen.

Rundschau vom Cage.

Politisches.

nur

Ein Lebensretter töslich verunglückt. Der Tanz­meister Bötsch in Innsbruck wollte ein Kind vor einem Auto retten und wurde hterbet überfahren. An den erlittenen Verlegungen ist er gestorben. Das Kind blieb unverleßt.

Wissenschaft, Kunst und Citeratur.

Eine Berliner Kunstausstellung 1913. In maßge­benden Berliner Kretsen besteht der Plan, zum Regie­rungsjubiläum des Kaisers im Jahre 1913 eine allge­meine große Kunstausstellung zit verausaiteit, die den Auffäwung der deutschen Kunst in den letzten 25 Jah­ren repräsentieren soll. Der Landesausstellungspart am Lehrter Bahnhof soll zu einem neuen Ausstellungs­gebäude ausgestaltet werden, das bedeutend größeren Flächenraum als das heutige Gebäude besitzen würde. Der Kaiser stehe dem Gedanken sympathisch gegenüber,

Ein Opfer feines Bernts. Der frühere praktische Arzt Hermann Garets, Assistent an der königlichen bak­teriologischen Untersuchungsanstalt in München, ist, 36 Jahre alt, an einer im Laboratorium erworbenen Typhusinfektion gestorben.

Der Kaiser wird Anfang Januar nach Breslau fahren und von dort einen Ausflug nach Alt Schmecks unternehmen, wo er und Prinz Heinrich als Gäste des Erzherzogs Friedrich auf Büffel tagen wollen. Der Jagdbesuch des Kaisers beim Fürsten zu Fürstenberg, der in der Zeit vom 5. bis 10. November geplant war, ist auf Mitte November verschoben worden.

Der deutsch- französische Kongovertrag ist Donners­tag abend von dem Staatssekretär von Riderlen- Wäch­ter und dem Botschafter Cambon unterzeichnet worden.

19)

Aus Eifersucht.

Roman von Mar Hoffmann. ( Nachdruck verboten.)

Neue Museumsdiebstähle in Frankreich. Aus dem Museum von Lisieux find größere Mengen von Bil­dern, Münzen und feltenen Büchern verschwunden. Der Diebstahl wurde gestern abend entdeckt, dürfte aber schon vor längerer Zeit verübt sein. Von den Dieben fehlt bis jetzt fede Spur.

Vermischtes.

Das Wetter im November soll, wenn man alten Wetter- und Bauernregeln Glauben schenken darf, vor­bedeutend für den Winter und für das folgende Jahr sein. Wie der November so der März" orakelt man in den östlichen Provinzen, während man im Süden glaubt, daß ein heller, falter November im Ja­nuar Regen und milde Luft bringe. Regen und Gewit­ter im November sieht der Landmann gern, denn im November viel Naß, im Juni viel Gras", und hat der November zum Donnern noch Mut, wird das nächste Jahr recht gut." Speziell am Allerseelentage wünscht man sich in katholischen Gegenden Regen, den Armenseelen zulieb". Auch wenn das Laub früh zur Erde fällt, schließt man auf einen guten Sommer. Da­gegen ist Frost im Wintermonat nicht erwünscht, denn " wenn's im November frostet, es der Saat ihr Leben fostet," dagegen tut Novemberschnee der Saat nicht weh." Der Forstmann glaubt aus seinem Waldbestand, besonders aus den Buchen, auf die folgende Witterung schließen zu können, denn ein alter Spruch lautet: im November die Buche starr und fest, sich große Kälte erwarten läßt, fitzt aber im Holze noch viel Saft, viel' Nässe uns der Winter schafft."

Tragödie eines Schauspielers. Der Schauspieler Hellmann in Bayreuth, ein neunzehnjähriger funger Mann, sollte zum erstenmale eine größere Rolle spie­len, und zwar den Karl Moor. Als man sich in seiner Wohnung erkundigte, warum er nicht im Theater er­schien, fand man ihn im Bett vergiftet vor. Nahrungs­forgen sollen ihn zu dem Selbstmord veranlaßt haben.

Tödlicher tufall beim Gewehrreinigen. As der Schußmann Heinemann in dem anhalttschen Städtchen Bernburg mit dem Reinigen feines Gewehres beschäf= tigt war, entlud sich dieses plöblich. Die Kugel drang seiner Frau in den Kopf, so daß deren Tod auf der Stelle eintrat.

Herr v. Scharfenstein fuhr fort: Es war eine falt- berechnende Frau, die den Mann nur aus äußeren Rücksichten geheiratet hatte, innerlich aber immer noch die verderbliche Leidenschaft für Ste hegte. Sie war sicher, daß fener Mann nicht mehr lange leben konnte, dann mußte sie das hübsche Besitztum und etwas bares Vermögen erben und konnte, wenn sie erst Witwe war, Ihnen etwas ganz anderes bieten, als vor Jahren. Das hatte sie sich genau überlegt."

Doktor Waldow stöhnte tief und nickte. Was dieser Kleine Herr thm hier so ruhig darlegte, war unumſtöß­liche Wahrheit!

Er machte eine Pause, nahm wieder eine Prise, schob die Dose weit auf den Tisch zurück und sah den vor sich hinstarrenden Doktor forschend an.

Möchten Sie sich nicht darüber äußern, Herr Dok­tor?" fragte er fast väterlich.

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Die finderreiche Famille auf der Straße. Aus Ba­rts wird geschrieben: Am Sonntag zog eine merfwür­dige Karawane über die Großen Boulevards und durch das elegante Quartier der Madeleine und des Faus bourg Saint- Honoré. Auf einem elenden Handkarren war das Mobillar einer Arbeiterfamilie aufgeschichtet und thm folgte das Ehevaar Unland mit sieben Söhnen

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tam, nahm ich mir zornbebend vor, nie mehr das Haus jener ehrlosen Verführerin zu betreten. Aber der Kranke zeigte ein so rührendes Vertrauen zu mir, daß tch es bet der Hoffnungsfreudigkeit, mit der er mich jedesmal begrüßte und entiteß, nicht übers Herz brachte, metnem oft gefaßten Vorsatz treu zu bleiben. Und nun begann sie plößlich von Schulden zu sprechen, die ich damals gewiß ihretwegen gemacht haben müsse. Ich konnte mir ihre Wissenschaft nicht erklären, denn ich wußte nicht, daß Grulich bei thr gewesen war; aber sie hatte recht, und nun erklärte sie mtr triumphierend, daß sie in kürzester Zeit in der Lage sein würde, mir alles zurückzuerstatten, denn es set ihre Schuld. So gemüt= und phantasievoll auch das Weib ist, so kann es doch in Fragen, bei denen es sich um ein persönliches Inter­esse handelt, äußerst materiell denken, und das war in hervorragender Weise bet thr der Fall. Sicher glaubte ste, sie könne sich in dieser plumpen Art durch das Geld metne Dankbarkeit erwerben und mich dadurch an ste fesseln. Es kam jener letzte Abend. Ich mußte thr ge­stehen, daß ich mit der ärztlichen Kunst am Ende set und daß die Auflösung in kürzester Zett erwartet werden müsse. Da, als der Kranke im tiefen Morphiumschlaf lag, trat sie an mich heran, sah mich flehend an und bat, indem sie mir ein Kuvert in die Tasche steckte: Nimm das! Ich bin glücklich, daß ich endlich in der Lage bin!" Was es war, wußte ich nicht und wollte es aus der Tasche ziehen und thr wiedergeben; aber sie drängte mich hinaus und füßte dabet so demütig meine Hand, daß ich über dieses sonderbare Verhalten ganz erstaunt war. Es war ein triber, stirmischer Abend, mich fröstelte, und ich eilte, nach Hause zu kommen. Dort angekommen, taumelte ich zurück, als tch das Kuvert geöffnet hatte. Es enthielt zwet Tausendmarkscheine. Ich legte das Geld in meinen Schreibtisch mit der festen Absicht, es thr am nächsten Tage wieder zurückzustellen. Was dann folgte, ist Ihnen bekannt."

Der Doktor holte tief Atem und sagte dumpf: Da Ste ja doch alles wissen, so will ich es tun. Obwohl ich fühle, daß Ste vermöge einer Art Hellseheret auch das Fehlende noch darlegen könnten, denn für Ste scheinen die Herzen der Menschen von Glas zu sein.... Fraut Regierungsrat Marleben begleitete mich nach meinen Besuchen gewöhnlich bis an die Tür des Korridors, ja, sie sprach oft noch in dem Verandavorbau auf mich ein. In der ersten Zeit nur über den Kranken. Dann aber begann sie auch andere Dinge zu berühren und kam auf die früheren Zeiten zu sprechen. Ste gestand mir unter Tränen, daß sie den Regierungsrat, der nichts von dem früheren Verhältnis wußte, nur aus Liebe zu mir ge= Heiratet hätte, um mir dereinst alles vergelten zu kön­nen, was ich an ihr getan hatte. Obwohl das eine offen­fundige Uebertreibung war, blieb sie doch stets dabet. Ste verstand sehr gut, rasch und sicher zu reden, und wußte meinen Vorhaltungen und Einwänden mit Ge­wandtheit zu begegnen. Schon wenige Monate, nach­dem wir uns getrennt hatten, hatte sie den Regierungs­rat im Theater kennen gelernt, und dieser hatte sich so schnell in sie vergafft, daß er sie sehr bald heiratete. Schon die Schnelligkeit dieses Schrittes, so versuchte ste mir einzureden, wäre ein Bewets dafür, daß sie nur an mich dabei gedacht hätte. Du warst damals arm sie duzte mich heimlich immer noch trotz meines Pro­testes dagegen!- ich wäre Dir bei meinen Lebens­anspritchen nur hinderlich gewesen; jetzt aber bist Du schon ein geachteter Arzt, und wenn ich erst fret bin, dann komme ich nicht mit ganz leeren Händen. Zu sol­chen unerhörten Aeußerungen verstieg sie sich, und te= desmal, wenn ich nach solchen Geständnissen nach Hause

Der Untersuchungsrichter nahm eine große Prise und fuhr fort:" Die Dame vermutete nun, daß Ste gleich wieder in ihr Netz gehen würden. Da aber wurde ste gewahr, daß sie sich in ihrer Annahme getäuscht hatte. Und nun begann der geheim gehaltene, aber deshalb nicht minder heftig geführte Kampf des Welbes um den Besitz des geliebten Mannes. In Gesellschaft waren Ste nte offen für sie zu erreichen, was blieb ihr also übrig? Sie mußte sich an Ste als Arzt wenden. Einer solchen Aufforderung würden Sie sich bei Ihrem Pflicht­gefühl nicht entziehen, das wußte sie. Und nun glaubte sie ihrer Einwirkung durch ihre Schönheit auf Sie wie­der sicher zu sein. Das aber war zu kühn von ihr, Ste blieben fest und ließen durch Ihr ganzes Verhalten mer­ken, daß die frühere Zett für Sie begraben war. Da verschlimmerte sich der Zustand des Kranken, und um diese Zeit herum erfuhr sie durch jenen Grulich von Ihrer Schuld. Sie hat zu Ihnen darüber gesprochen. Was es war, soweit geht allerdings mein Kombinations­vermögen nicht."

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