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Gießener Zeitung
( Neueste Nachrichten)
Bezugspreis 50 Pfg. monatlich vierteljährlich 1,50 Mt., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den ZweigErscheint ausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mr.
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jeden Werktag früh.- Die„ Humoristischen Blätter“ Redaktion: liegen wöchentlich einmal gratis bei. Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin Klein& Otto Fischer.
Nr. 30.
( 2. Blatt)
So sind die nationalliberalen!
( Spezialbericht der„ Gießener Zeitung".)
dritte Am 31. Januar 1911 fand im Reichstag die Lesung des Wertzuwachs steuergesetzes statt. Ein konservativer Antrag hatte die Steuer:
Enthält alle amfl. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen Bürgermeisterei
sowie vieler anderer
des Großherzoglichen Polizei- Amtes Behörden Oberhessens
Expedition: Seltersweg 83.
( Haus Brüder Schmidt.)
Samstag den 4. Februar 1911
von der bösen Wertzuwachssteuer definitiv gerettet. Aber der moralische Sieg bleibt diesmal den„ Be fiegten"
Was ist nun daran wahr?
Wahr ist, daß die nationalliberalen Abgeordneten Dr. Weber und Dr. Jungt gegen die Steuerfreiheit
( Gießener Tageblatt)
Anzeigenpreis 15 Pfg.
die 44 mm breite Petitzeile oder deren Raum, auswärts 20 Pfg.; die 90 mm breite Petitzeile im Re flameteil 50 Pfg., auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit 50% Ausschlag. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungszieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlich! eit. Gesamtleitung: Albin Klein.
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
| die Nationalliberalen! Sind sie nun Sieger oder Besiegte?
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Ueber die Schlußabstimmung über das ganze Zuwachssteuergesetz berichten wir morgen. Auch diese Abstimmung ist interessant.-
freiheit der Fürsten von der Zuwachssteuer der Fürsten hielten. Die Abstimmung ergab jedoch laut Die Nationalliberalen und das Handwerk.
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amtlicher Abstimmungsliste folgendes Resultat: Von den 49 Nationalliberalen stimmten mit„ Ja“ 18, mit" nein" 27 und 4 Abgeordnete, unter diesen Basſermann, fehlten.
der zum Gegenstand. Für diesen Antrag trat Staatssekretär des Reichsschazamtes Wermuth mit seiner ganzen Autorität und Beredsamkeit ein. Der Antrag und wurde in namentlicher Abstimmung angenommen Unwahr ist, daß auf der„ Rechten" kein roter somit die Steuerfreiheit der Fürsten beschlossen. Das Berliner Hauptorgan der Natio- Farbenfleck das Unschuldsweiß" trübte,( rote Stimmzetnalliberalen, die National3eitung" bringt tel sind„ Nein“, weiße Zettel„ Ja“), denn von den 17 am Abend des 31. Januar über die Reichswertzuwachs- Mitgliedern der Wirtsch. Vereinigung stimmten 14, unter diesen die christlich- sozialen Abgeordneten mit steuer vor der Entscheidung" einen Leitartikel, in dem es inbezug auf Debatte und Abstimmung über die" nein"( also gegen die Steuerfreiheit der Fürsten), Steuerfreiheit der Fürsten wörtlich folgendermaßen heißt: der Abg. Vogt- Hall fehlte, da er als Württembergischer Landtagsabgeordneter im Landtag zu tun hatte und „ Mit Spannung wird dann den ersten Worten des nur 2 Abgeordnete stimmten mit„ Ja“. Ferner stimmAbgeordneten Weber( natl.) gelauscht, und als ten die auf der Rechten sitzenden Abgg. Böhme, Hilflärt, daß er seine Ansicht über die Steuerbefreiung der pert, Gräfe, Bruhn und Werner ebenfalls mit„ Nein“. Fürsten seit der zweiten Lesung nicht geändert habe, erDer Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß von den 49 tönt von den Bänken der Linken ein lebhaftes Bravo. Mit sehr wirkungsvollen Worten entkräftet der natio- Freisinnigen 41 mit„ Nein" stimmten und 8 Abgeordnalliberale Redner die Verlegenheitsargumente des Staats- nete fehlten. Von den 51 Sozialdemokraten stimmten 44 mit„ Nein“ und 7 Abgeordnete fehlten. sekretärs. Herr Wermuth wird sichtlich unruhig. Heute steht der Staatssekretär allein im Treffen, ohne Das Gesamtresultat der Abstimmung war mit die Unterstützung seiner Kollegen, und er macht wäh=" Ja" 166 und mit„ Nein" 139 Stimmen. Die Steuerrend leiner Erwiderung, die sofort von dem national- freiheit der Fürsten ist mit 27 Stimmen Mehrheit liberalen Dr. Jung sarkastisch zurückgewiesen wird, keine beschlossen worden. Von den 49 nationallibe glückliche Figur. Dr. Jungt polemisiert in glänzender ralen Stimmen famen also im Ganzen 5 Stimmen gegen die nur( 184-27) Weise gegen den Minister, unter wachsender begeisterter Zustimmung der Linken, während der schwarz- blaue Steuerfreiheit der Fürsten zur Geltung. Und deshalb die bombastischen Reden Block sich in betroffenes Schweigen hüllt." Dann heißt es über die Abstimmung selbst weiter: Herren Abgg. Dr. Weber und Dr. Jungk! Andererseits --Im Zentrum sieht man hingegen manche sind die Nationalliberalen Schuld daran, rote Nein- Zettel leuchten. Auf der Rechten trübt daß die Steuerfreiheit der Fürsten beschlossen wurde. Hätten die 18 Jasager auch mit„ Nein" gestimmt, natürlich fein Farbenfleck, das Un= schuld weiß, das freudige Bejahung so hätte das Abstimmungsresultat sich wie folgt gestaltet: 166( Ja) weniger 18 bleibt 148 Ja. Und 139 bedeutet. Bis auf sieben stimmen alle Na= ( Nein) plus 18 ergibt 157 Nein, sodaß dann die tionalliberalen mit„ Nein". Unter lautloser Steuerfreiheit der Fürsten mit 9 Stimmen Mehr Stille verkündet Präsident Graf Schwerin das Reheit abgelehnt worden wäre. Und nun lese man sultat: 166 Abgeordnete haben für den Antrag Nornochmal das Zitat aus der Nationalzeitung. So sind mann gestimmt, 138 dagegen. Die Fürsten sind also
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In Wetzlars Mauern.
Von Rudolf Wetzlar.
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II.
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Industrie Die Ankunft Die ersten Eindrücke Eine kurze Wanderung- Der Städtische Badeanstalt Dom. Es war nur eine kurze Fahrt, welche mich von GieBen nach Wetzlar brachte. Ein trüber Januarmorgen war angebrochen, der Regen begann allmählich einzusetzen, und mit aufgespanntem Schirme hielt ich meinen Einzug in die altehrwürdige Stadt Wetzlar. Die befannte Weisheit, daß der Eindruck, den man bei dem ersten Betreten eines Ortes gewinnt, in vielen Fällen bestimmend für deren Gesamtbild ist, fand ich auch hier wieder bestätigt.
Das Dröhnen der Fabriken ist der Gruß, Der dich empfängt.
Die Schlote ragen auf wie Stämme, Daraus der Rauch zum grauen Himmel steigt. Jm kurzen Ueberfliegen zählte ich längs der Bahn zirka 20 Schornsteine; ein Aechzen tönte durch die Luft als schrie das Eisen auf in seiner Qual. Hier große zylinderförmige Vakuums und eine aus Eisen konstruierte schiefe Ebene, auf der die Lasten kreischend sich bewegen! Dort hohe, finstere Gebäude, vor denen graue Schlackenberge lagern!- Industrie! Heißes Ringen tausend fleißiger Hände in geschwärzten Räumen um das tägliche Brot!
Ich ging die Bahnhofstraße entlang und bog links in die Stadt ein, überschritt den Schleusenkanal und stand nach wenigen Schritten vor einem prächtigen Gebäude, der städtischen Badeanstalt. Ich konstruierte
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schnell einen Zusammenhang zwischen dem Vorhingeschauten und diesem pompösen Bau. Praktische soziale Fürsorge war hier in wohlgefällige Formen gekleidet. Glückliche Hände, die dieses zu schaffen vermochten! Ein poetischer Tintentropfen scheint sich schon wieder in meiner Feder zu verirren; es ist die höchste Zeit, daß ich weiderschreite. Die Sehenswürdigkeiten drängen sich zu Haufen: Still verträumen auf dem schmalen Wasser kleine Frachtkähne ihre winterliche Ruhe, von der Lahn ertönt ein dumpfes Rauschen, und hoch oben thront als Abschluß der Dom mit seinen wuchtigen Formen. Wie bescheiden nimmt sich die Hospitalkirche dagegen aus!
Ich überschritt die Lahn und gelangte in den Hauptstadtteil: Alt- Wetzlar. Die Bürgersteige wurden immer schmaler, ich zog meine Ellbogen fest in die Seiten und schob„ halblinks" vorsichtig an den Häusern vorbei, um keine Ladenscheiben einzustoßen. Aber trotz der größten Vorsicht kollidierte ich bald mit einer naseweisen Dachrinne, die durch hohles Geräusch gegen diese Anrempelung feierlichst protestierte. Verschiedene Male sprang ich auf den Fahrdamm, um galant einer mir entgegenkommenden Dame Platz zu machen. Aber schlimm denke ich mir den Fall, wenn zwei starrköpfige Menschen sich in entgegengesetzter Richtung aus diesen schmalen Trottoieren begegnen, von denen keiner Klügeren abgeben und aus dem Wege gehen will. Es könnte dabei zu höchst unliebsamen handgreiflichen Auseinandersetzungen kommen, die aber wohl bei den friedliebenden Bürgern Wetzlars nicht zu befürchten sind. Vorsicht ist aber besser als Nachsicht! Und ich habe es mir zum festen Prinzip gemacht, den breiten Fahrweg zu meinen Wanderungen zu benutzen, da ich wegen der
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Es wird uns darüber geschrieben:
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Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, daß die Herren Nationalliberalen nie rechte Freunde des Handwerks gewesen sind, vielmehr verdankt das Handwerk gerade den Nationalliberalen die unberechenbaren Schägellose Gewerbefreiheit" die die liberale Mehrheit zustande digungen, die frühere Jahrzehnte ihm gebracht. Die„ zübrachte, schuf eine„ zügellose frivole Konkurrenz". Unzählige Existenzen" des Handwerksstandes gingen Grunde. Doch was störte das den Liberalismus. Hatte er doch erreicht, was er wollte, nämlich ein„, liberales endlich wertvoller" sein, als die Existenzfähigkeit vieler Prinzip" durchgesetzt. Das mußte ja dem Lande„ unHandwerker. Dem Liberalismus im Reich folgte der Liberalismus in den Einzelstaaten. Rücksichtslos wurde mit allen vorhandenen Schutzbestimmungen aufgeräumt. Die„ völlige ausschließliche Freiheit des Einzelnen" war gleichsam das Evangelium der damaligen liberalen Aera. Liberalismus einfach mit Hohn beantwortet, zahlreiche Zahlreiche Proteste seitens der Handwerker wurden vom Betitionen von ruinierten Handwerkern wurden von der liberalen Reichstags mehrheit sang- und flanglos unter den Tisch fallen gelassen. Dasselbe Schicksal erfuhren Handwerkerstande zugute kommen sollten. Es handelte Ge= sogar zwei Regierungsentwürfe, die einigermaßen dem sich um einen Gesetzentwurf auf Errichtung von werbegerichten und auf Bestrafung des Kontraktbruches. Doch die Handwerker ließen nicht nach, mit ihren Petitionen den Reichstag zu bestürmen. So standen 1874 Die wieder 240 Handwerkerpetitionen zur Beratung. Nationalliberalen wollten ihr Spiel vom vergangenen Jahr wiederholen und durch„ Uebergang zur Tagesordnung" diese Massenpetitionen wiederum beantworten. Eine konserrfative Interpellation an den Reichskanzler verhinderte es, sodaß schließlich„ Erhebungen" seitens des Reichskanzlers zugesagt wurden. Auch hier handelte es sich im wesentlichen um Abänderung der Gewerbe= ordnung. Unbekümmert um alle Proteste seitens der Handwerker setzte die liberale Reichstags mehrheit es auch 1876 wiederum durch, daß alle wieder eingegangenen Handwerkerpetitionen rundweg abgelehnt wurden bezw. durch Uebergang zur Tagesordnung ihre Erledigung fanden. Dasselbe Schauspiel wiederholte sich Jahr für vielen alten prächtigen Häuser, die jeden Altertumsfreund in Ekstase versetzen müssen, öfter stehen bleibe.
war so
Jch pilgerte über den„ Eisenmarkt" und gelangte durch den„ Brodschirm" nach dem Dom. Der Platz gut wie garnicht belebt. Kein Lärm störte die weihevolle Stille, die unbedingt nötig ist, um ein Kunstwerk zu genießen. Aufwärts wurde ich gerissen, fromme, erhebende Gefühle lösten sich beim Anblick des majeſtätischen Baues in meinem Innersten aus. Ich konnte mich nicht satt schauen! Eine halbe geschlagene Stunde stand ich vor dem Turm und dem neuen Hauptportal, das von leichtem Blätterwerk auf beiden Seiten stilvoll um= rankt ist, und deren Eindruck durch eine Galerie frommer Personen noch bedeutend erhöht wird. Doch auch mit dem Widrigen sich zu vermählen, hat sich die Kunst hier nicht gescheut. Wir sehen viele Teufelsfragen, geheim= nisvolle Spufgestalten, die als Rinnen das Wasser speien. Grotesk und gierig tragen sie den Kopf von Höllenhunden, Drachenköpfen und anderen Fabeltieren. Wie ich hörte, halten beide Konfessionen, wenn auch ab. So sollte es überall sein: friedlich nebeneinander in verschiedenen Schiffen, im Dom ihre kirchlichen Feiern unter einem Dache!
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Jch ging denselben Weg zurück und bemerkte am Einungsperein in dankenswerter Weise aufgestellten gange der Brückenstraße einen vom Verschöner= Lageplan der Stadt. Ich studierte ihn genau und stellte fest, daß es für mich noch ein überreiches Pro= gramm zu erledigen gab. Für heute aber, lieber Leser, muß ich Abschied von dir nehmen, da mein Körper durch die anstrengende„ Entdeckungsreise" auf dem ungewohnten bergigen Terrain einer notwendigen Restaurierung bedarf.
tlid.
in Gießen.


