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Gießener Zeitung

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( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 40 pfg. monatlich oferteljährlich 1,20 Mif., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig­ausgabestellen vierteljährlich 90 Pfg. Dienstags, Donnerstags, Samstags. Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b. H.

Nr. 179.

Erscheint Redaktion:

Telephon: Nr. 362.

Agadir oder- Olmütz

Der Reichs- und Landtagsabgeordnete Dr. Arning, ehemaliger Stabsarzt in der Schutztruppe in Ostafrika und einer unserer besten Kenner des schwarzen Erdteils, ist dieser Tage von einer längeren Studienreise kreuz und quer durch Marokko zurückgekehrt und gibt Tanger aus der Rhein.- Westf. 3tg." eine Schilderung der Verhältnisse in Südwest- Morokko, wie sie besser nicht

gedacht werden kann:

von

Ich habe nach den Studien und Erkundigungen, die mir möglich waren, und die ich eifrig betrieben, be­reits angenommen, daß Marokko ein sehr wertvolles Land sei. Jetzt sage ich, daß nur der den wirtschaft­lichen Wert dieses Stückes Erde ermessen kann, der es selbst gesehen. Die Mineralschätze sind sicher ganz ge= waltig, sind mindestens so, wie es der froheste Opti­mismus angenommen hat. Trotzdem sind sie nur ein ganz geringer Teil des Wertes. Man muß auf lang dauerndem Ritt durch das Land gesehen haben, welche landwirtschaftlichen Aussichten hier für eine wirklich ar= beitende Bevölkerung gegeben sind, um glauben zu kön­nen, daß so etwas überhaupt denkbar ist. Man begreift, wieso Afrika die Kornkammern des kaiserlichen Roms sein konnte. Klimatisch übertrifft dieses Land nicht allein jedweden Teil des afrikanischen Erdteils, sondern es ver­dient eine Stellung vor den besten Gebieten der süd­europäischen Halbinseln.

Es ist für jeden, der halbzivilisierte Länder kennt, ein selbstverständliches Axiom, daß in einem Reiche wie Marokko wirtschaftlicher und politischer Einfluß ein un­trennbares Ganzes sind. Hier wird der augenfälligste Beweis erbracht, daß das deutsch- französische Ab Abkommen vom Februar 1909 eine Unmöglichkeit ist, denn man sieht es, wie der wirtschaftliche Gewinn mit dem poli­, ischen Einfluß zusammenfällt. Rücksichtslos nutzen die Franzosen diese Lage der Dinge, und sie würden können, selbst wenn sie die bestehenden Verträge achte­ten: hundert und tausendfältig aber ist der Bruch der Algecirasakte an Ort, und Stelle zu konstatieren.

es

Verhaßt sind die Franzosen den Eingeborenen, auch denen, die sie mit ihrem, oder besser: mit dem Gelde des Machsen für sich erkauften. Mit offenen Armen wird der Deutsche aufgenommen, nicht allein deswegen, weil man glaubt, er sei ein politischer Gegner des französi schen Einflusses, sondern weil man ihn rein persönlich höher schätzt. Trotzdem wendet man die wirtschaftlichen Vorteile denen zu, die die Macht in den Händen haben, oder wird unter fortgesetzter Verletzung der Algeciras­afte gezwungen, es zu tun.

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Wie eine Erlösung ging es durch die Reihen der Eingeborenen ich war noch im Innern des Landes, da es geschah als die Nachricht von der Anwesen= heit deutscher Kriegsschiffe durch die Lande flog. Der Augenblick, welcher gewählt wurde für das Eingreifen, war der letzte nur denkbare einen Monat, 6 Wo­chen später, und auch der ganze Süden mit Marrakesch wäre dem Drucke der Macht gefolgt gewesen. Jetzt ist ein Halt geboten für die Wünsche Frankreichs, das un­übersteiglich ist und rückwirken wird weit hinein in das Land.

Aber Mißtrauen üaerall- was nach den gemach­ten Erfahrungen den Eingeborenen nicht zu verdenken ist! Werdet ihr auch wirklich bleiben, werdet ihr nicht wieder fortgehen und uns der Rache der Franzosen preisgeben, nachdem wir eurem Schutz gehuldigt?" Das ist die immer wieder gestellte Frage. Der Temps", glaube ich, war es, der für das Verlassen von Agadir die zukünftige Präponderanz im ganzen Süden uns in Aussicht stellte. Die Rechnung ist schlau: Verlassen wir Agadir, so glaubt uns kein Araber, Berber oder Maure je wieder ein Wort. Trotz aller Versprechungen einer etwaigen bevorzugten Stellung im Süden würden wir wir nie dort festen Fuß wieder fassen können, wenn jetzt zurückweichen, wie wir im Laufe der letzten sechs Jahre schon öfters getan haben. Gehen wir wieder zu­rück, so wäre es für uns unendlich viel besser gewesen, niemals die deutsche Flagge in Agadir zu zeigen.

Agadir, ein Name, kaum bekannt bisher, birgt eine große Entscheidung, groß nicht allein für die Zukunft, die in Marokko sich entwickelt. Hoffen und wünschen wir, daß Agadir nicht ein Olmüz wird!"

Diese Worte eines anerkannten Fachmannes sind zu ernst, als daß sie in Berlin überhört werden könnten. Nachdem der Temps" jetzt schon mit scharf umrissenen ,, Rompensationen im Kongoland" hervorgetreten ist, wenn wir Marokko preisgeben, und nachdem Herr As­quith sich mit jeder Regelung außerhalb Marokkos zufrieden erklärt hat, was also heißt:" Innerhalb

Enthält alle amil. Bekanntmachungen

der Großherzoglichen Bürgermeisterei

des Großherzoglichen Polizei- Amfes Behörden Oberhessens Expedition: Seltersweg 83. ( Haus Brüder Schmidt.)

sowie vieler anderer

Donnerstag, den 3. August 1911.

vor

( Gießener Tageblatt)

Anzeigenpreis 15 Pfg.

die 44 mm breite Inseratenzeile.- Stellen: gesuche und Familienanzeigen 10 Pig.- Die 90 mm breite Zeile im Reklameteil 50 Pfg.- Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungs. zieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Playzvorschriften ohne Berbindlichkeit. Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b.$.

Telephon: Nr. 362.

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23. Jahrg.

unter Wasser gesetzt werden, vielmehr wird ein großer Teil der hochgelegenen Ländereien über 1000 Mor­gen an Flächeninhalt von den Fluten des Sperre­sees verschont bleiben. Unter Berücksichtigung dieser, für viele Leute, die gern an der Scholle haften, erfreu lichen Tatsache, ist nunmehr beschlossen worden, in die­sem hochgelegenen Rest der Bringhäuser Gemarkung ein neues Dorf: Neubringhausen erstehen zu lassen. Die Hauptsache bleibt, daß man gutes Trinkwasser erhält, deshalb sind bereits ausgedehnte Nachforschungen ange­stellt, um geeignetes Quellwasser aufzutreiben, wie es heißt, in den letzten Tagen auch mit Erfolg in den an­grenzenden Waldungen zwischen Kleinern und Gellers­hausen.

Marokkos wehe Euch!" ist doppelt zu verlangen,| Herzhausen unter Wasser setzt, wird auch das Dorf daß Herr v. Kiderlen- Wächter diese ernste Auffassung| Bringhausen in den Fluten für die Ewigkeit verschwin Arnings zu der seinigen macht und danach handelt! den. Jedoch wird die große Feldgemarkung nicht ganz Es ist gewiß nicht von ungefähr, wenn Prof. Bekker­Heidelberg gerade jetzt( in der Sonnabendnummer des Tag") in einem Artikel unter dem Titel Eine Erinne­rung an Olmüz" an dieselbe preußische Schmach wenig mehr als 50 Jahren anknüpft und daran ge­mahnt, wie sehr diese Erinnerungen mit der Gegenwart, namentlich im Blick auf England, zu tun haben: Da wir zurzeit feinen Bismard mehr besitzen, erscheint die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß die neuen, durch die Besetzung von Agadir veranlaßten Verhandlungen zu einem für uns wenig befriedigenden Ende führen; vielleicht könnte es England unter dem Beistande seiner Schutzbefohlenen und anderer Deutschlandneider wohl gelingen, einen Abschluß zu erzwingen, der dem von Olmüz ähnlich sehe. Vielleicht, aber gewiß, daß dann auch die Folgeerscheinungen, bis zu Königgräz, nicht ausbleiben würden." Das ist möglich. Aber besser iſt schon, wir lassen es nicht dazu kommen, viel kostbare Zeit und Kraft bis zu einem neuen ,, Königgrätz zu verlieren!

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Hus Stadt und Land.

Gießen, den 3. August 1911. Stadtverordnetensitzung. Heute Nachmittag 4 Uhr findet die letzte Sitzung der Stadt= verordneten vor den Ferien statt. Auf der Tagesord= nung stehen u. a. elektrische Straßenbeleuchtung u. Fern­zündung der Straßenlaternen.

der

Die Landes universität läßt der ,, Darm­städter 3tg." nachstehende, von dem Gesamtsenat ein= stimmig beschlossene Erklärung zu Gunsten des humani­stischen Gymnasiums zur Veröffentlichung zugehen: Im Hinblick auf neuerdings wieder hervortretende Bestreb­ungen, den griechischen Unterricht an humanistischen Gymnasien preiszugeben, oder erheblich einzuschränken, erklären wir, daß wir ein solches Vorgehen mit Preisgabe des humanistischen Gymnasiums überhaupt gleichsetzen müßten. So fern es uns auch liegt, die Gleichberechtigung des Realgymnasiums und der Ober­realschule mit dem Gymnasium antasten zu wollen, so müssen wir doch dem humanistischen Gymnasium als Vorbereitung auf die gesamten Universitätsstudien nach wie vor eine besondere Bedeutung beimessen, und er= kennen daher in einer ernstlichen Schädigung dieser Schule zugleich eine schwere Gefahr für unsere eigenen Aufgaben. Dies gilt besonders für alle die weiten und wichtigen Gebiete, für die eine gründliche Einsicht in das Wesen und die Zusammenhänge geschichtlichen Werdens Grundlage und Voraussetzung bildet. Wir erachten es deshalb für unsere Pflicht, gegen jene schädlichen Be­strebungen so frühzeitig und nachdrücklich wie möglich Verwahrung einzulegen. Wir legen außerdem Ver­wahrung dagegen ein, daß die Schule für Schädigun­gen unserer Jugend haftbar gemacht werden soll, die wir nur als allgemeine Folgen der modernen Lebens­gestaltung ansehen können, und wir erklären, daß uns gerade im Hinblick auf den Kampf gegen diese schäd­lichen Folgen jedes weitere Zurückweichen in den An­forderungen der Schule gefährlich erscheint.

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Von der Lahn. Infolge der immer noch anhaltenden Hitze ist der Wasserstand der Lahn gegen­wärtig so niedrig, wie nie zuvor. Während in anderen heißen Sommern der niedrigste Wasserstand 35 Zenti­meter betrug, werden gegenwärtig am Hafenpegel in Diez nur 25 Zentimeter gemessen. Viele Nebenflüßchen der Lahn bringen seit einigen Tagen überhaupt kein Wasser mehr.

Die hellen Nächte haben jetzt ihr Ende erreicht. In unserer Breitenzone tritt der mitternächtige Dämmerungsbogen am nördlichen Horizont zuerst am 15. Mai auf. Am 22. Juni hat er seine größte Inten­sivität erreicht, und am 29. Juli verschwindet er wie­der. Die Erscheinung erklärt sich daraus, daß die Son­ne am 15. Mai weniger wie 18 Grad unter den Hori­zont tritt, am 22. Juni bei ihrem Untergange den höch sten Stand erreicht und am 29. Juli wieder zum ersten Male volle 18 Grad unter den Horizont sinkt, womit auch für den Norden völlige Dunkelheit eintritt, sofern nicht der Mond mit seinem schwachen Licht diese Dun kelheit mildert. Das Ende der hellen Nächte läßt all­mählich den Herbst vorahnen.

Von der Edertalsperre, 3. Aug. So­bald der große See der Edertalsperre in einigen Jahren das ganze Talbecken zwischen den Dörfern Hemfurth und

Klein- Linden, 2. Aug. Beim Getreide- schneiden erlitt gestern vormittag die 29jährige Frau des Landwirts A. Schäfer einen Herzschlag. Nach einer anderen uns zugegangenen Mitteilung soll der Tod durch Hitzschlag hervorgerufen sein.

== Lich, 1. Aug. Gestern wurde unter allgemei­ner Anteilnahme der Arbeiter Neumann, der Ende vori­ger Woche der schrecklichen Hitze zum Opfer fiel, zur letzten Ruhe bestattet. Der jäh aus dem Leben Geschie­dene war Vater von 11 Kindern.

-t- Buzzbach, 3. Aug. Emil Spiro begeht am 6. August sein 25jähriges Jubiläum als Lehrer und Kantor der hiesigen israelitischen Gemeinde.

Bad Nauheim, 3. Aug. Trotz aller, ver­mutlich von Konkurrenzbädern ausgestreuten, gegentei­ligen Nachrichten kommt der Zar mit Familie in näch­ster Zeit zur Kur hierher. Die 3arin soll abermals 30 Bäder nehmen. Die Venen- Entzündung, an der die Za­rin leidet, hat in der letzten Zeit eine atute Wendung genommen, sodaß ihr Leibarzt Dr. Botkin sich energisch für weiteren Gebrauch der Nauheimer Bäder ausge­sprochen hat. Nach einem Aufenthalt von 6-8 W0­chen in Bad- Nauheim, für den jetzt umfangreiche Vor­fehrungen getroffen werden, beabsichtigt der 3ar mit seiner Familie nach der Krim zu gehen.

-S= Alsfeld, 2. Aug. Auf unserem Pferde- und Prämienmarkt herrschte ein äußerst lebhafter Geschäfts= verkehr. Es waren aufgetrieben 224 Pferde, 68 Rinder, 155 Schweine und 141 Ziegen. An Prämiierungsmit­teln wurden für die Pferde 1400 Mark, für Rinder, Schweine und Ziegen 1300 Mt. verausgabt. Mit dem Markt war eine stark beschickte Ausstellung von land­wirtschaftlichen Maschinen, Mähmaschinen, Heurechen, Wagen, Geschirren und Geräten verbunden.

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Darmstadt, 3. August. Wie die Großher­30gliche Kabinettsdirektion mitteilt, ist in einer gestern abgehaltenen Besprechung mit Genehmigung des Groß­herzogs beschlossen worden, im Sommer 1913 eine große Ausstellung der Künstlerkolonie in Verbindung mit der Kunstindustrie und dem Kunstgewerbe zu ver­anstalten. Die Ausstellung soll in erster Linie künstle­rische Wohnungseinrichtungen für Miet­wohnungen von Familien mittleren Einkommens zeigen. Die Regierung wird eine Anzahl Staatsmedaillen zur Prämiierung von Firmen zur Verfügung stellen. Die gesamte Leitung der Ausstellung hat auf Anordnung des Großherzogs die Großherzl. Kabinettsdirektion selbst übernommen.

* Mannheim, 2. Aug. Ein Blumenhändler wollte in seinem Laden einer Dame ein Geldstück, das zu Boden gefallen war, aufheben. Die Dame bückte sich ebenfalls und stach dabei dem Mann mit der Hut­nadel ins Auge, das sofort auslief.

Biedenkopf, 3. Aug. Um festzustellen, ob ein im Mai gestorbener Arbeiter in Berleburg an den Folgen eines Sturzes oder Schlages seinen Tod fand, wurde im Beisein des Gerichts die Leiche wieder aus­Wegen Beteiligung an einer Schlägerei gegraben. wurden im Talsperrengebiet etwa ein Dugend Kroaten verhaftet.

Marburg, 3. Aug. Durch Einwirkung der ungewöhnlichen Hitze von über 40 Grad sieht man in den an Südabhängen gelegenen Gärten vielfach ge= bratene Stachelbeeren. Bis zur Hälfte des Durchmessers sind die Früchte völlig g ef och t" und Beeren. zeigen auch sonst Merkmale und Färbung gekochter