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Halb offen
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Gießener Zeitung
( Neueste Nachrichten)
Bezugspreis 50 pfg. monatlich Enthält alle amfl. Bekanntmachungen
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vierteljährlich 1,50 M., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweigausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mk. Erscheint jeden Werktag früh. Die„ Humoristischen Blätter" Redaktion: liegen wöchentlich einmal gratis bei. Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin Klein& Otto Fischer.
Nr. 53.
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Telephon: Nr. 362.
Oberlehrer Dr. Werner's Kandidaten- Rede in Giessen
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der Großherzoglichen Bürgermeisterei
( Gießener Tageblatt)
Anzeigenpreis 15 Pfg.
die 44 mm breite Petitzeile oder deren Raum, auswärts 20 Pfg.; die 90 mm breite Petitzeile im Ne flameteil
des Großherzoglichen Polizei- Amtes 50 Pfg., auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit 50% Aufschlag. Behörden Oberhessens Expedition: Seltersweg 83. ( Haus Brüder Schmidt.)
sowie vieler anderer
am gestrigen Abend im Saale des„ Cafe Leib" muß in jeder Beziehung sachlich genannt werden. Die großen vaterländischen Aufgaben jeder politischen Partei nur bei der Sozialdemokratie kennt man solche bekanntlich nicht sollten alle kleinen Parteiinteressen verdrängen. Dr. Werner stellte an Hand verschiedener statistischen Aufzeichnungen fest und führte ganz besonders solche bekannter Sozialdemokraten an, daß die letzte Reichsfinanzreform nicht zum Schaden des Deutschen Reiches gewesen ist. Nachdem die vaterländischen Heffnungen und Wünsche des deutschen Volkes von 1848 und 1870-71 sich in so glänzender Weise erfüllt und wozu der Liberalismus anerkannterweise sein gut Teil mit beigetragen habe, hätte derselbe Liberalismus sich dann auch mehr den sozialen und Wirtschaftsfragen zuwenden sollen. Da habe er, wenn das Vaterland in einer ft bedenklichen Lage gewesen ist, versagt. Auch bei Durchführung der Arbeitergesetze ist er nicht am Platze ge= wesen. Bei den heutigen Verhältnissen des deutschen Reiches ist eine Schutzzoll- und eine Kolonialpolitik unbedingt notwendig. Wir brauchen ein schlagfertiges Heer und eine gute Marine, damit uns der Frieden auch weiter erhalten bleibt, damit unsere Arbeiter, unsere Handwerker Lohn und Brot, sowie die Landwirtschaft gute Absatzgebiete haben. Wenn durch die letzte Reichsfinanzreform so vieles teurer geworden ist, dann ist das in der Hauptsache den Produzenten mit zuzuschreiben, die auf die Steuer nochmals ihren verdoppelten Gewinn draufschlagen. Die jahrzehntelange Sozialpolitik hat für die Arbeiter Gesetze geschaffen, welche in keinem anderen Lande der Erde überragt werden; der Große, der Reiche hilft sich schon selbst, aber der kleine Handwerker, der Mittelstand, ist heute derjenige, dem es am schlechtesten geht. Der Mittelstand leidet unermeßlich unter der Last der Steuern, ihm will die Wirtschaftliche Vereinigung, der er angehöre, Schutz angedeihen lassen.
Von den zahlreich anwesenden Anhängern der Wirtschaftlichen Vereinigung wurde den Ausführungen Dr. Werners begeistert zugestimmt. Viele der anwesenden Gegner, die vom Freisinn und der Sozialdemokratie, natürlich haben durch ihre oft unnoblen Zwischenrufe wieder bewiesen, daß bei vielen Wählern noch die politische Reife fehlt. Der nächste Redner
Stadtverordneter Rippel- Hagen hat diesen Leuten in seinen einleitenden Worten зит Korreferat auch den gebührenden Verweis gegeben. Was Dr. Werner von der praktischen Arbeit der Wirtschaftl. Vereinigung, um seine 1½ stündige Rede nicht noch umfangreicher zu gestalten, unerwähnt gelassen hat, wußte Stadtv. Rippel mit Tatsachen noch so glänzend zu ergänzen, daß selbst viele Gegner zu verschiedenen seinen Worten ihm zuwinkten, darunter auch der sozialdemokratische Herr Krumm!
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Die Widerlegungen des Herrn Krumm in der Diskussion waren deshalb auch so lückenhaft und selbst der sozialdemokratische Redakteur Kaul- Offenbach hat zu dem Kern der Werner'schen Rede das ist Schaffung der Arbeitergesetze, Notwendigkeit der Schutzzoll- und Kolonialpolitik, Schutz dem Mittelstand Stichhaltige Gegengründe nicht anführen können. In der Deffentlichkeit, in Versammlungen und beson= ders in der freisinnigen Presse, darunter natürlich auch in der hiesigen„ Guten Abend- Zeitung" hat man dem Dr. Werner im gegenwärtigen Wahlkampf eine unreelle Kampfesweise vorgeworfen. Der dritte Diskussionsredner, ein Herr Baer( Israelit) hat gestern abend aber bewiesen, daß leider viele Männer politisch noch nicht reif sind. Wir leben in einem Staate, wo ein jeder seine eigene politische Meinung haben kann, Niemand hat das Recht den Andersdenkenden persönlich zu beleidigen. Dr. Werner ist von zahlreichen ehrenwerten Männern der deutsch- und christlich- sozialen Partei mit Ueberlegung und Liebe zu ihm als Kandidat proklamiert worden, weil Dr. Werner ein tatsächlich befähigter Politiker ist, und da hat Niemand, auch ein Herr Baer nicht das Recht zu sagen:... Dr. Werner fönne nicht froh sein, das Erbe eines Bickenbachs anzutreten, er möge dieses Bild in seinem Studierzimmer aufhängen aber nicht in die Nähe des Schulmannes Pestalozzi. In welcher Gesellschaft er sich befinde, zeigen die Namen Hammerstein, Alwardt, Pückler, Dr. Böckel, Th. Reuter, Rippel und Hofprediger Stöcker, der es mit dem Eide nicht sehr genau genommen habe. Der Abg. Raab habe im Reichstag vorige Woche eine Schundrede gehalten und Dr. Werner sei vor dem ganzen deut
Freitag den 3. März 1911
schen Volke schon beschmutzt, bevor er in den Reichstag einziehe.
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Fast die ganze Versammlung war natürlich über diese Gemeinheit auf's Höchste empört und hat die sen politischen Fanatiker sofort mit„ Pfui- Rufen" niedergeschriehen. Gemeinheit muß es genannt und kann es nicht anders bezeichnet werden, denn diese dem Herrn Dr. Werner widerfahrene persönliche Beleidigung ist auch eine ebensolche persönliche Beleidigung für die Vertrauensleute Dr. Werners wie für die Anhänger der christlich- und deutsch- sozialen Partei überhaupt. Wer einigermaßen den politischen wie persönlichen Anstand gesichert sehen möchte, der sorge dafür, daß der Fall Baer" sich nicht wiederholt. Herr Krumm erklärte sofort, daß der Vorstand eine große Geduld gegen diesen Redner bewiesen habe, und daß er sich nicht von diesen Leuten diskretieren lasse, die dieser Ausführung zustimmten.
Der umsichtigen Versammlungsleitung durch Oberbibliothekar Dr. Heuser und der Ruhe der Herren Referenten und dem geschickten Schlußwort des Herrn Rippel war es zu danken, daß nach diesem unfeinen Auftreten dieses Herrn Baer die Versammlung mit einem Hoch auf das Vaterland geschlossen wurde.
Oberlehrer Dr. Werner kann aber mit Ruhe dem 10. März entgegensehen. Die gestrige Versammlung hat ihm auch hier in Gießen viele neue Anhänger gebracht.
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Reichstagswahlvorbereitungen.
Eine zweite Wählerversammlung für die Kandidatur Dr. Werner findet am kommenden Sonntag, den 5. März, in Gießen und zwar nachmittags 3 Uhr in Steins Garten" statt. Nach einer Ansprache des Reichstagsabgeordneten Liebermann v. Sonnenberg wird Reichs tagsabgeordneter Amtsgerichtsrat Lattmann einen Vortrag halten. Bei den Vorträgen der bekannten Parlamentarier ist sicher ein starker Besuch in Gie Ben selbst und vom Lande her zu erwarten, sodaß ein frühzeitiges Erscheinen der Wähler am Plaze ist.
Lauterbach. Der von den Nationalliberalen im Wahlkreis Alsfeld- Lauterbach aufgestellte Landwirt Haberkorn, der, obwohl Mitglied des Bundes der Landwirte, von den bündlerischen Vertrauensmännern zuerst in Alsfeld und letzthin auch in Schotten und Lauterbach abgelehnt wurde, hat seine Kandidatur zurückgezogen. Die Bündler beschlossen die Unterstützung des seitherigen Abg. Bindewald( Wirtsch. Vereinigung).
*) Für Wiesbaden hat die christlich- soziale Partei Herrn General Klingen der als Kandidaten für die nächste Reichstagswahl aufgestellt. Derselbe hat die Kandidatur angenommen.
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Kassel. Die deutsch- soziale Partei stellte den seitherigen Abgeordneten für Kassel- Melsungen, Amtsge= richtsrat att mann, für diesen Kreis wieder als Kandidat auf. Der Bund der Landwirte hat die Unterstützung der Lattmannschen Kandidatur beschlossen, ebenfalls der Vorstand der Konservativen. Der Verein selbst allerdings hat sich seither noch nicht darüber schlüssig gemacht. Die Nationalliberalen haben als Reichstagskandidaten den Landtagsabg. Dr. Schröder aufgestellt, sie erhielten die Zusicherung der Unterstützung durch die Fortschrittliche Volkspartei.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 3. März
* Gießen. Der Großherzog hat den Oberstaatsanwalt am Landgericht der Provinz Oberhessen Ludwig Lang zum Oberlandesgerichtsrat bei dem Oberlandesgericht mit Wirkung vom 6. März 1911 und den Landgerichtsrat bei dem Landgericht der Provinz
Startenburg Jakob Hofmann zum Oberstaatsanwalt am Landgericht der Provinz Oberhessen mit Wirkung vom 16. März 1911 ernannt.
* Gießen. Das Museum des Oberh. Geschichtsvereins hat durch Waffen aus den Bauernaufständen, einer Reiterrüstung aus dem 30jährigen Krieg, einem größeren Aquarell( Maskenball 1836 im Gasthaus Zum Einhorn") mit zahlreichen Anspielungen auf Personen und Tages ereignisse, besonders auf die Beendig ung der Lahnkanalisation bis Weilburg( Karikatur), wertvolle Bereicherungen erfahren. Die Totentisten der fränkischen Reihengräber von Leihgestern sind im Saal 1 aufgestellt. Die Särge geben dem Beschauer ein Bild der damaligen reichen Bestattungsweise.
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Gießen. Kommenden Dienstag, nachmittags
4 Uhr, findet in der Klinik für psychische und nervöse Krankheiten eine Versammlung oberhessischer Vertrauens
Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungszieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Gesamtleitung: Albin Klein.
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
männer des Hilfsvereins für Geistestranke Hessens statt. Professor Sommer wird über„ Die Zusammenhänge von Säuglings-, Krüppel- und Jdiotenfürsorge", und Professor Dannemann über„ Die neue Irrenanstalt bei GieBen" sprechen. Gäste haben unter vorheriger Anmeldung bei der Verwaltung der Klinik Zutritt.
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Gießen, 3. März. Der Verband Deutscher Beamtenvereine wird einen nächsten Verbandstag vom 8. bis 12. Juni d. Js. in Dresden abhalten.
-e- Auf Veranlassung der kirchlich- positiven Vereinig= ung wird zu Anfang nächster Woche wieder, wie in früheren Jahren, in Gießen durch hervorragende Univ.Professoren eine Reihe von Vorträgen gehalten werden, an die sich jedesmal freie Diskussion anschließen wird. Montag, den 6. März, abends 8 Uhr, behandelt Konsistorialrat Prof. D. Walther aus Rostock das Thema:„ Hat sich Jesus in die Menschheit eingerechnet oder sich ihr gegenübergestellt?" Dienstag vormittags 10 Uhr spricht Geh. Konsistoriatrat Prof. D. Seeberg aus Berlin über„ Autorität und Freiheit" und an demselben Tage nachmittags 3½ Uhr Geh. Kirchenrat Prof. D. Jh mels aus Leipzig über das Thema: ,, Durch religiöses Erleben zur religiösen Gewtßheit". Die Vorträge, zu denen auch Damen Zutritt haben, finden im Saalbau( Steins Garten) statt und sind öffentlich und unentgeltlich.
* Wiesbaden. Die Handwerkskammer bewilligte 2000 Mark zu den Kosten der Errichtung eines Handwerkersekretariats.
Darmstadt. Geh. Oberbergrat Karl Braun, vortragender Rat im Ministerium der Finanzen, verschied Dienstag abend an Herzschlag.
-e= Mainz. Für den 3. Hess. Handwerkerta g, der Montag, den 13. März 1911, vormittags 11 Uhr im großen Saale des Konzerthauses der Mainzer Liedertafel zu Mainz beginnt, ist folgende Tagesordnung festgestellt: 1. Mitteilungen, 2. Das Verdingungswesen Arbeiterschutz und Unfallverhütung. 3. Die Verleihung von Privilegien an Gewerbeschulen. 4. Das Meisterprüfungswesen. 5. Fürsorge für die gewerbliche Jugend. 6. Anträge. Die Anmeldungen hierzu haben die Zahl von 400 bereits erreicht, sodaß auf einen starken Besuch der Tagung gerechnet werden kann.
* Nieder- Ohmen. Die im Domanialwald der Oberförsterei Nieder- Ohmen zu Grünberg am Donnerstag abgehaltene Holzversteigerung brachte folgende Preise: Für Brennholz pro Rm. in Mark: Buche Sch. 6,98, n. 5,74; Eiche Sch. 3,55, n. 3,18; Kiefer Kn. 3,-; Fichte Sch. 3,20, Kn. 2,50; Hainbuche Sch. 4,54, Kn. 4,26.
Wetzlar, 3. März. Gestern hatten wir das erste Märzgewitter zu verzeichnen. Der Regen rann in Strömen, der Wind, der sich manchmal bis zum Orkan steigerte, pfiff ein schauriges Lied, und gegen 5 Uhr vernahm man verschiedene Male das dumpfe Grollen des Donners.
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Gladenbach. Das hiesige Schieferbergwerk werk hat seinen vor Jahren eingestellten Betrieb wieder aufgenommen und gibt dadurch 40-50 Arbeitern wieder lohnende Beschäftigung in der Heimat.
* Biedenkopf. Der vom Zentralvorstand der Gewerkvereine Nassau an die Spitze seiner gewerblichen Fortbildungsschulen berufene Gewerbeinspektor Kern weilte vorige Woche im hiesigen Kreise, um die Ge= werbeschulen, jetzt 9 an der Zahl, zu besichtigen. Im Regierungsbezirk Wiesbaden bestehen zirka 50 Gewerbeschulen zur Weiterbildung der Jugend und ist der Besuch durch Ortsstatut geregelt. Der Zeichenunterricht wird meistens von Fachleuten erteilt.
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Frankfurt, 2. März. Eine bemerkenswerte Illustration zu dem vorgestrigen Narrentreiben bildete die Tatsache, daß vier Frankfurter an diesem Tage
ihrem Leben selbst ein Ziel gesetzt haben. In der Altstadt arteten die Fastnachtsscherze so aus, daß einige Personen zu Boden geworfen und getreten wurden, sodaß sie gefährliche innere Verletzungen erlitten.
* Mengeringhausen. Die Vorschriften über den Viehverkehr an der Grenze werden gegenwärtig mit besonderer Strenge gehandhabt, um der Seuchengefahr wirksam zu begegnen. Neuerdings geht die Behörde mit empfindlichen Freiheitsstrafen vor. So wurde ein Gutsbesitzer und Ortsrichter in Sachsen wegen Vergehens gegen das Viehseuchengesetzer hatte in mehreren Fällen len Rindvich eingeführt, ohne es vom Bezirksarzt untersuchen zu lassen neben 20 Mt. Geldstrafe zu einer Woche Gefängnis verurteilt. Weiter erhielt ein Gemeindevorstand 5 Tage Gefängnis, weil er es unterlassen hatte, von dem Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in seinem Orte der Behörde rechtzeitig Anzeige zu erstatten.


