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Am Strande der Ostsee.

Am Strande der Ostsee.

Streifzüge durch bekannte Ostseebäder.( Zu den Bildern auf Seite 4 und 5.)

Die Zahl der Ostseebäder ist von Jahr zu Jahr gewachsen.

In schneller Entwicklung sind aus weltverlorenen Fischer­dörfern Badeorte geworden, deren Namen im Deutschen Reiche sowie im Auslande einen guten Klang haben. Bei der Länge der deutschen Ostseeküste ist es aber begreiflich, daß die Naturschönheiten ihrer Seebäder mannigfaltig und ihre klimatischen Verschiedenheiten groß sind. Oft nicht näher zu bestimmende Ursachen, die bei der Entwicklung der Orte mitwirkten, haben in dem einen die größte Eleganz modernen Badelebens entstehen lassen, in dem andern da­gegen zwanglos geselligen Verkehr gefördert und wieder andere für den ruhige Erholung suchenden Kranken geeignet gemacht. Aber eines haben alle Ostseebäder gemeinsam: die Seeluft und das Seebad, die beiden Heilmittel, die be­sonders dem überarbeiteten und nervösen Städter so oft zu großem Segen gereichen.

Sobald die schöne Jahreszeit herankommt, beginnt sich in den Ostseebädern ein reges Leben zu entfalten. Die Vor­bereitungen für den Empfang der Sommergäste nehmen ihren Anfang. Die Stettiner Dampfschiffs- Gesellschaft J. F. Braeunlich stellt ihre eleganten Schnelldampfer in Dienst, und die Räumlichkeiten in den Privathäusern und in den großen und kleinen Sotels, in denen während der vorher gehenden Monate ein idyllisches Stilleben" geherrscht hat, er. wachen aus ihrem Winterschlaf und werfen sich in ihr Sommerkleid. Frische Gardinen machen sich an den Fenstern bemerkbar, und plötzlich erscheint auch der bekannte und mehr oder weniger fünstlerisch ausgeführte Zettel, der dem Erholung suchenden Fremden verkündet, daß Familien oder einzelne Personen hier ein behagliches Unterkommen finden können. Aber aller Anfang ist schwer! Das gilt auch von den Bewohnern der Ostseebäder. Denn ehe die Be hausung in Empfangsbereitschaft gesetzt und die nötigen Drums und Drans ihre Erledigung gefunden haben, ist gar mancher Schweißtropfen geflossen. Und dann die Ungewißheit: Wird das Wetter auch schön sein, und werden die" Berliner" in recht stattlicher Zahl kommen? Denn unter diese Kategorie werden in den Ostseebädern alle Sommergäste gezählt, und in den mecklenburgischen Seebädern kann man oft die Frage hören: Jochen, wo sin dien Berliners her? Ut Samborch! Un dien? At Leipzig!

Zu den Ostseebädern, die sich in den letzten Jahren eines regen Besuches zu erfreuen hatten, gehören auch die mecklen burgischen Badeorte. War es doch auch an der mecklen burgischen Küste, an der das erste deutsche Seebad Heiligendamm-von den Mecklenburgern kurzweg " Damm" genannt, entstand.

Im Jahre 1893 konnte Heiligendamm auf sein hundert jähriges Bestehen zurückblicken. Es war der Großherzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg, der im Jahre 1793 dieses Seebad schuf. Der Großherzog gab damals seinem Leibmedikus Vogel den Auftrag, wegen Anlegung eines öffentlichen Seebades bei Doberan die nötigen Unter­suchungen anzustellen und zugleich einen Plan zur bequemen und zweckmäßigen Einrichtung desselben zu überreichen". Das war im Frühling des Jahres 1793, und schon im August war die Anlage fertig. Doch, Deutschlands ältestes See­bad" machte in seinen Kinderjahren einen ganz anderen Ein­druck als heute. Auf den Wogen der Brandung schaukelten zwei ziemlich schwerfällige Badeschiffe", von denen man den Sprung oder die Kletterei auf einer schwankenden Stiege hinab in die grünliche Flut wagen mußte. Nach vier Jahren begann man am Strande mit dem Bau von Hütten, aus denen dann das zuerst allerdings wohl spärliche Säuflein der badenden Gäste" in die Wellen stieg.- Damals gab es natürlich auch noch keine Bahnverbindung zwischen Doberan und Heiligendamm. Wer baden wollte, der kam im Wagen, zu Pferde oder auch auf Schusters Rappen nach dem ,, Seebad Doberan" und kehrte bald wieder nach dem landeinwärts gelegenen Flecken zurück.

Seute gewährt Seiligendamm einen idyllischen Anblick. Ist es doch ganz Badeort ohne Dorf oder Stadt. Auf dem Kurplaze liegt das alte Kurhaus mit seinen Kolonnaden. Weiter östlich zieht sich dann eine Reihe hübscher Villen hin, die sich mit den ihnen vorgelagerten Rasenplägen und dem saftigen Waldesgrün im Hintergrund äußerst roman­tisch ausnehmen. Inmitten eines herrlichen Buchenwaldes befinden sich die großherzoglichen Privatbesiße, die Villa " Krone" und die reizende Marien- Cottage, sowie weiterhin in entzückender Lage die zierliche Alexandrinen- Cottage, in

der die verstorbene Schwester Kaiser Wilhelms I., die Groß­herzogin Alexandrine von Mecklenburg den Sommer zu verbringen pflegte.

Die ursprüngliche Schönheit von Heiligendamm ist auch heute noch geblieben und kommt besonders in seiner prachtvollen Umgebung zum Ausdruck. Die meilenweiten Buchenwaldungen, die selbst bei Sturm einen vollkommenen Windschutz bieten, stehen in ihrer Art einzig da, als sie nebst mehreren tiefklaren und unbeweglichen Seen- den so­genannten Spiegelseen eine Reihe der kuriosesten Baumgestaltungen enthalten, die einem Teil des Waldes zu der Bezeichnung ,, Gespensterwald" verholfen haben.

Von Heiligendamm gelangt man in kürzester Zeit nach dem Städtchen Doberan, das mit dem Seebade in innigem Zusammenhang steht.

Östlich von Heiligendamm liegen noch andere mecklen burgische Seebäder: Brunshaupten, Arendsee und Alt­Gaarz. Letzteres hat sich bis heute seinen stillen und länd­lichen Charakter bewahrt, während Arendsee und Bruns­haupten, besonders das erstere, sich bereits ganz, up to date" entwickelt haben.

Von sämtlichen mecklenburgischen Seebädern ist wohl Warnemünde das bedeutendste. Vor dreißig bis vierzig Jahren noch ein einfaches Fischerdorf mit 1700 Einwohnern, hat sich der Rostockische Flecken seitdem in einen nicht un­bedeutenden Hafenort verwandelt, der in der Verbindung von Safen- und Badeleben einen besonderen Reiz besitzt.

Durch die Anlage der für die Trajekt- Dampffähren nach Dänemark notwendig gewordenen neuen Hafenanlagen hat sich die Physiognomie von Warnemünde ganz be­sonders verändert. Bis zum Jahre 1903 vermittelten noch zwei kleine Dampfer den Verkehr zwischen Warnemünde und dem dänischen Hafenort Gjedser. Heute braucht der nach Kopenhagen eilende Reisende, der von Berlin kommt, seinen Wagen nicht mehr zu verlassen, sondern der ganze Zug wird direkt auf eine der Riesenfähren nach dem auf der Süd. spitze von Falster belegenen Gjedser überführt.

Von Warnemünde gelangt man auf dem Kamme der östlichen Düne entlang nach der Rostocker Heide, eine der schönsten Waldungen von Mecklenburg. Ein rüstiger Fuß­gänger und Waldfreund wird es wohl nie versäumen, auf diesem Wege auch den beiden kleinen, aber freundlichen See­bädern und Waldkurorten Müritz und Graal einen Be­such abzustatten, die kaum eine Viertelstunde voneinander ent­fernt sind.

Der weißsandige Strand von Müritz und Graal wird durch eine Dünenkette vom Lande abgegrenzt und hat an schönen Tagen ein frohes und bewegtes Augenblicksbild auf­zuweisen wie die anderen mecklenburgischen Ostseebäder. Es sind Erholungsplätze, wo der Badegast nicht nur ge­nug Seiluft supen", sondern auch gleichzeitig" Dannen­nadeln freten" tann.

Links und rechts von mecklenburgischen Strande zieht sich eine Reihe anderer größerer oder kleinerer Seebäder hin. Wenden wir uns weiter nach Osten, so gelangen wir zuerst zu den pommerschen Strandplätzen. Wer hat gehört von 3ingst auf der Insel Barth oder von Zinnowiß mit seinem steinfreien Strande, und wer kennt vor allem nicht die See- Mekkas der Berliner: Heringsdorf, Ahlbeck, Swinemünde und Misdroy?

Wem soll man die Palme oder die Strandperle" geben? Seringsdorf, Ahlbeck, Swinemünde oder Mis­droy? Lassen wir die Individualität entscheiden und sagen: chacum à sou- Strand- gout!

Weiter kommen bei den hinterpommerschen Seebädern Berg Dievenow bei Cammin, das berühmt- historische, bei Kolberg gelegene freundliche Stranddorf Senkenhagen und endlich Kolberg selbst in Betracht. Sehr Ruhebedürftige pflegen auch die stilleren Orte wie Prerow, Neuhof, Spon­dornhagen, Lubmin, Roserow, Dewin, Freest, Carls. hagen, Bensin, Ueckerit, Zemheim, Bauerhusen, Bodenhagen, Ost- und West- Deep, Groß- Moellen, Horst, Leba, Nest, Neuwasser, Ost- Dievenow, Rewahl, Rügenwaldermünde, Sorenbohm und Stolpmünde auf­

zusuchen.

Wir haben aber noch nicht des entzückenden vis- a- vis der pommerschen Küste, der herrlichen Insel Rügen, gedacht. Ihre Kreidewände leuchten fast weißer noch als die Leinwand der Segel auf dem Meere unter dem dunklen Walde hervor, der seinen Scheitel krönt und das einzige Ernste in der lachenden

Am Strande in Norderney.

Borkum, gewissermaßen ein Nebenbuhler Norderneys, ist in ausgeprägter Weise Familienbad und trägt, wenngleich es ihm keineswegs an Komfort und Ele­ganz fehlt, doch einen gut bürgerlichen Charakter zur Schau. Dafür sorgen schon die Kinder, die in der Haupt­saison den Strand bevölkern und mit schöpferischer Phantasie die schwierigsten Sandbauten aufführen, unbekümmert darum, daß die nächste Flut den Fleiß vieler Stunden begräbt. Die Frequenz von Borkum, das auch von Emden mit den Dampfern der Aktiengesellschaft Ems zu erreichen ist, hat

in den letzten Jahren außerordentlich zu­genommen. 1910 wurde die Insel von fast 27000 Gästen besucht.

Wir kehren nun nach Norderney zurück, um von dort in nordöstlicher Richtung nach Helgo­land zu dampfen. Schon nach anderthalb Stunden liegen die wundervollen Umrisse des Felsen­eilands vor unseren Blicken, bald darauf taucht auch die flache Düne aus dem Wasser auf. Es mag einer nach Helgoland kommen, so oft er will: immer wieder entzückt ihn das Einzigartige dieses meerumrauschten Idylls, der reizende Zusammen­flang von See, Feld und Sand, die Zierlichkeit der kleinen Häuschen mit den Blumentöpfen hinter den blanken Scheiben, und nicht zuletzt der weite Blick von der Felsenplatte oben auf das ringsum unbegrenzte Meer. In dieser Hinsicht steht ja Helgoland unter allen Seebädern einzig da, man kann sich hier auf einer weltentlegenen Insel im fernen Ozean wähnen. Und dann die Luft, diese herbe, klare, salzige Luft, in die man sich hinein­beißen möchte! Gleich einem Vakuumreiniger scheint sie alle verderblichen Fremdstoffe, die der staub­geplagte Großstädter in seine Atmungsorgane auf­nehmen mußte, einzuschlürfen und zu verschlucken.

An der Nordsee.

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Wie das wohltut- und Appetit macht! Zum Glück versteht man sich hier darauf, solchen Regungen zart entgegenzukommen; die Einflußzone der Hamburger Küche ist unverkennbar. Nirgends in Europa bekommt man so saftige Summern von so unwahrscheinlicher Größe wie in Helgoland, und auch Schellfisch und andere Fische bestehen glänzend vor der Kritik des Schlemmers.

Eins läßt sich ja nicht bestreiten: Helgoland ist sehr klein und für Amateur­Landbriefträger kein geeignetes Be­tätigungsfeld. Desto mehr aber für Luft­schnapper und Strandkorb Philo­sophen. Es faulenzt sich auf der Badedüne ganz herrlich, und man fängt an zu begreifen, warum die Selgo­länder, wenigstens die Männer, mit so wenig Arbeit auskommen und von früh bis abends malerische Gruppen bilden. Und wen das Faulenzen auf die Dauer zu sehr anstrengt, der läßt sich von Peter oder Klaas oder Jan, oder wie diese Individualitäten mit den Händen in den Sosentaschen sonst heißen mögen, im Segelboot um die Insel fahren. Freunden ernster Naturbetrach tung bietet das ausgezeichnete See­Aquarium, eine Abteilung der Biologischen Anstalt, Gelegen­heit zu anregendem Studium, des­gleichen das Nordsee- Museum, in welchem hauptsächlich die von dem verdienstvollen Vogelwart Gättke an­gelegte Vogelsammlung interessiert.

Eine Herren­bad: Szene.

Die Beförderung von Helgoland nach Westerland, Wyt und Am­rum erfolgt bis Hörum auf Sylt mit Dampfer der Hamburg- Amerita- Linie.

Ein Nordseebad@port.