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Gießener Zeitung

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nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b. H.

Nr. 128.

Telephon: Nr. 362.

Die Casten der Landesverteidigung in Deutschland und in Frankreich.

Die Landesverteidigung legt dem Deutschen Reiche schwere Opfer auf, und zwar sowohl durch Steuern auf­zubringende Geldopfer in der Form der Ausgaben für Heer und Flotte, als auch persönliche Opfer durch die gesetzlich festgelegte Wehrpflicht. Dieser haben bei uns jährlich weit über 200 000 junge Menschen zu folgen, um in der Armee oder in der Marine 2 bis 3 Jahre dem Vaterlande nur gegen die Gewährung eines gerade ausreichenden Lebensunterhaltes zu dienen. Wenn des­halb aber die Sozialdemokraten immer wieder Klagen gegen den Moloch Militarismus" erheben, so übersehen sie, daß wir einmal infolge unserer Lage in der Mitte von Europa zu großen Aufwendungen für die Landes­verteidigung dringend verpflichtet sind, und zweitens, daß andere Länder, die sich vielfach in günstigerer Lage befinden, trotzdem vor weit größeren Aufwendungen für ihre Weltmachtstellung nicht zurückschrecken.

Das gilt besonders von Frankreich, das sich Ein­schränkungen nach dieser Seite viel eher gestatten könnte, weil es, abgesehen von dem gegenwärtig faum in Be­tracht kommenden Spanien, sich mit seinen Rüstungen eigentlich nur gegen seine Ostgrenze zu wenden hat. Dessen ungeachtet unterhält jedoch Frankreich ein Heer, das sowohl im Frieden wie im Kriege es an Stopfzahl mit dem deutschen aufnehmen kann, obwohl bekanntlich die Bevölkerungszahl Frankreichs andauernd im Rück­gang begriffen ist und gegenwärtig nur etwa zwei Drit­tel der Bevölkerung des deutschen Volkes beträgt. Na­turgemäß ist infolgedessen der auf den Kopf der Be­völkerung entfallende Anteil an den Ausgaben für Heer und Flotte in Frankreich wesentlich höher als in Deutsch­land. Schwerer jedoch noch hat Frankreich an der Ver­pflichtung der Landeskinder zum Heeresdienste zu tra= gen. Es ist gegenwärtig infolge seines andauernden Be­völkerungsrückganges faum mehr imstande, die für den Heeresdienst notwendigen Menschen zu liefern, trotzdem die Bedingungen für den Eintritt in die Armee andau­ernd herabgesetzt worden sind.

Im Gegensatze zu dem geburtenarmen Frankreich ver­fügt Deutschland über einen für kriegerische Zwecke zu­nächst noch unversiegbaren Menschenersatz. Obwohl bei uns die an die körperliche Tauglichkeit gestellten Bedin­gungen wesentlich höher sind als in Frankreich, wird doch fast nur die Hälfte der zum Dienst geeigneten jun­gen Leute tatsächlich in Heer und Flotte eingestellt. Un­ter diesen Umständen kann also keine Rede davon sein, daß Deutschlands Aufwendungen zum Heeresdienste irgendwie das Maß des Gebotenen überschreiten. Viel­mehr wird man sich ernstlich die Frage vorzulegen ha­ben, ob nicht Deutschland, solange Frankreich daran fest­hält, ein ebenso starkes Heer aufzustellen wie Deutsch­land, angesichts seiner bedrohten Lage in Europa ge­nötigt wäre, an eine Verstärkung seiner Truppen zu denken.

Bisher konnte man davon Abstand nehmen, weil Frankreich nicht mehr in der Lage war, die auf dem Papier stehenden Truppenmassen aufzubringen. In­folgedessen hatten dort eine Anzahl Regimenter nicht die vorschriftsmäßige Stärke, obwohl man in Frankreich nicht davor zurückschreckt, offenkundige Verbrecher und allerlei Gesindel in die Armee einzustellen. Gegenwärtig denkt man aber in Frankreich daran, die Lücken, die im Heere durch die andauernd zurückgehende Geburtenzahl entstanden sind, durch Kolonialtruppen auszufüllen und sowohl die Eingeborenen in Nordafrika stärker zum Hee­resdienst heranzuziehen, als auch die in Algier stehen­den weißen Truppen allmählich durch Neger aus den westafrikanischen Kolonien zu ersetzen.

Was die Zahl seines friegstüchtigen Nachwuchses be­trifft, so wäre Deutschland mit Leichtigkeit imstande, ein doppelt so starkes Heer aufzustellen wie Frankreich. Wenn Deutschland das bisher nicht getan hat, so ist das der beste Beweis für seine friedliche Gesinnung. Deutschland denkt nicht daran, irgend eine andere Macht in Europa zu bedrohen, will aber andererseits natur­gemäß stark genug sein, um einen möglichen Angriff von anderer Seite abzuwehren. Wenn die Friedensfreunde in Europa es mit ihren Absichten wirklich ehrlich mei­nen, so mögen sie daher bei ihren, Ermahnungen Deutsch­land aus dem Spiele lassen, dessen Rüstungen nur das mindeste dessen darstellen, was Deutschland seiner Lage in der Welt schuldig ist. Viel eher könnte Frankreich den Gedanken einer Rüstungseinschränkung erwägen, da es infolge seiner geographischen Lage und noch mehr in­

der Großherzoglichen Bürgermeisterei sowie vieler anderer

des Großherzoglichen Polizei Amtes

Behörden Oberhessens

Expedition: Seltersweg 83.

( Haus Brüder Schmidt.)

Freitag, den 2. Juni 1911.

folge seiner politischen Bündnisse wahrlich nicht nötig| hat, dieselbe Rüstung zu treiben wie Deutschland. Sitzung der Giessener Stadtverordneten.

Das akademische Viertel war bereits längst über= schritten, als die Versammlung vom Vorsitzenden, Oberbürgermeister Mecum eröffnet wurde. Im Mittel­punkt der Verhandlungen stand der Verkauf der alten Klinit. Das Thema hatte man bereits in der vorletzten Versammlung angeschnitten, jedoch wur­den bindende Beschlüsse damals noch nicht gefaßt.

Neue Gesichtspunkte brachte die gestrige Debatte zwar nicht, wohl zeigte sie aber wieder zur Evidenz, daß ur­sere Stadtväter nicht kleine Interessenpolitik treiben, sen dern das Wohl des großen Ganzen nicht aus dem Auge verlieren, eine Erscheinung, die wir bei der Frage der Frankfurter Universitätsgründung bereits mit Ge­nugtuung fonstatieren konnten.

Wohl erhob sich eine Stimme gegen den durchaus praktischen Vorschlag, der vom Magistratstisch der Ver­sammlung gemacht wurde, aber dieser Rufer im Sireit

es war der Stadtverordnete Löberblieb mit sei­ner Ansicht, die das nackteste Utilitätsprinzip proklamierte, allein auf weiter Flur.

Die von demselben Stadtverordneten vorgetragene verschiedentlich kolportierte Meinung", daß bereits 250 000 Mark für das Gelände geboten seien, wurde in das Reich der Fabel verwiesen.

Was nun den Magistratsvorschlag anlangt, so geht dieser dahin, nicht das ganze Grundstück zu verkaufen, sondern nur das zirka 5000 Quadratmeter umfassende Hintergelände, das Vordergebäude aber als Schmuck­platz der Stadt zu erhalten.

Stadtv. Haubach macht einen Vermittlungs- Vor­schlag. Man solle den Verkauf in zweierlei Form ausschreiben, einmal ohne und das andere Mal mit Ein­beziehung des Vorgartens.

Wie schon erwähnt, wünscht der Stadtv. Löber, daß das ganze Gebäude verkauft wird. Dieser Stadt teil sei so weit auseinander gebaut, daß auch bei einer Bebauung des Vorgartens noch Licht und Luft übrig

bleibe.

Stadtv. Winn ist gegen den Verkauf des Vorge­ländes. Stadtv. Grünewald empfiehlt, dem Be­schluß der Baudeputation beizutreten und sich grund­sätzlich gegen jeden Gedanken auszusprechen, der das Vorgelände der Bebauung erschließen will. Es sei ein Glück für die Stadt, daß sie das Gelände besäße; der Platz mit seinen alten Bäumen müsse der Stadt erhal­ten bleiben." Stadtv. Schäfer schließt sich dem Standpunkt seines Vorredners an. Das schöne Terrain dürfe nicht bebaut werden.

Stadtv. Krumm erklärt sich prinzipiell gegen den Verkauf des Vorgartens. Das Schönheitsinteresse ver­biete eine Bebauung. Uebrigens sei der ganze Ru m- mel gegen die Bürgermeisterei", die wegen dieser Angelegenheit in Szene gesetzt worden sei, zu verurteilen. Es sei verkehrt, einen Stadtteil gegen den anderen auszuspielen."

Stadtv. Eichenauer wünscht aus ästhetischen Rücksichten keine bauliche Ausnutzung des Vorge­ländes. Man solle nicht den gleichen Fehler machen wie in Marburg, wo ein Platz von der Gemeinde ver­äußert und dann durch Bebauung verschandelt sei. Unsere Pflicht und Schuldigkeit ist die Erhaltung des Vorgartens." Sollte sich der Verkauf zerschlagen, so solle man das Gebäude für die Zwecke der Bürgermei­sterei verwenden.

Da sich die Debatte endlos auszudehnen scheint, so wird vom Stadtv. Winn Schluß der Debatte bean­tragt.

Der Antrag der Baudeputation wird angenom­men, der Antrag des Stadtv. Haubach abgelehnt.

Stadtv. Grünewald teilt außerhalb der Tages­ordnung einen Wunsch der Straßenbahnwagenführer mit. Die Schaffner hätten im Vorjahre 10 Tage und in diesem Jahre sogar 14 Tage Urlaub. Die Wagenfüh­rer, deren Arbeit aber weit aufreibender sei und deren Ruhezeit durch die Feiertage keine Einschränkung erhalte, wünschen einen Urlaub von 3-4 Tagen. Der Ober­bürgermeister sagt wohlwollende Erledigung der einzu­reichenden Petition der Wagenführer zu.

Auf die anderen, meist kleinen und wenig bedeu­tenden Vorlagen, nebst einer Reihe von Gesuchen, die keinerlei Anlaß zu Auseinandersetzungen boten, einzu­gehen, erübrigt sich.

( Gießener Tageblatt)

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Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 2. Juni. Verkaufstag der Großherzogin.

Die Vorarbeiten im Steins Garten werden bis Ende der Woche außerhalb des Saales beendet sein, so daß nach den Pfingstfeiertagen mit der Ausschmückung und Einrichtung der Verkaufsstände im Innern des Gebäu­des begonnen werden kann. Schon heute läßt sich er= sehen, daß die Anordnung des Ganzen den größtmög­lichsten Verkehr gestattet und selbst bei starkem Menschen­andrang hinreichende Sicherheit für Aufrechterhaltung der Ordnung vorhanden ist. Mit der Einrichtung der Verkaufsstände sind durchweg hiesige Firmen betraut worden, die in entgegenkommendster Weise sich bereit erklärt haben, ihre Arbeiten zum Selbstkostenpreis aus­zuführen. Um das Reinerträgnis durch die entstehenden Unkosten nicht zu verringern, trägt der Großherzog die Kosten für die Einrichtung und Ausschmückung der gan­zen Verkaufstagsanlage. Ein wirklich hochherziges schö= nes Opfer. Die Stadt Gießen hat die Saalmiete und die Kosten für die Beleuchtung und deren Anlage über­sprechend dem schönen Vorbild des Großherzogspaares nommen. Sämtliche Mitwirkende stiften kostenlos, ent­und aller übrigen Fürstlichkeiten, die Verkaufsgegenstände Es darf darum wohl erwartet werden, daß sich nie­und leisten damit einen sehr anerkennenswerten Beitrag. mand beiseite stellt oder seine Taschen verschließt, sondern jedermann nach Kräften sein Scherflein zum Gelingen des Verkaufstages beiträgt.

*

durch einen Teil des Kreises Weylar führt, hat bis jetzt Die Prinz Heinrich Fahrt, die auch in England die gewünschte Anzahl Meldungen für die Prinz Heinrich- Fahrt 1911 noch nicht erhalten, wäh­rend die deutschen Listen längst geschlossen worden sind. In englischen Zeitungen wird der gesellige Charakter der Tour hervorgehoben und das Programm eingehend geschildert, so daß man voraussichtlich die fünfzig Nen­nungen bald erreichen wird.

Ben in Frankfurt, so wird uns geschrieben, wird sich Das große deutsche Bundesschie= über drei Wochen erstrecken und mit besonderem Glanze gefeiert werden. Zur Verschönerung des großzügig an gelegten Festes sind u. a. ein Festspiel, Konzerte, sport­liche Veranstaltungen, größere Schaustellungen 2c. in Vorbereitung.

*

Friedberg, 1. Juni. Die Großh. Direktion der Obstbauschule zu Friedberg hat auch in diesem Jahr wieder einen Kursus für Apfelweinproduzenten einge­richtet, der vom 19. bis 24. Juni in Friedberg stattfin­det. In diesem Kursus wird eingehend die Erzeugung und Pflege eines edlen Apfelweines sowie die Behand lung fehlerhafter Aepfelweine besprochen und im Labo­ratorium die Untersuchung 2c. praktisch geübt.

== Darmstadt, 30. Mai. Gestern tagte hier die Hauptversammlung des Verbandes der hessi= schen Bürgermeister. Der Vorsitzende machte eine Reihe Mitteilungen, insbesondere über die Begebung der Ren­tenquittungen, über die Bestrafung bei Verfehlungen gegen das Personenstandsgesetz, über die Abhaltung und die Stempelabgabe bei Versteigerungen, und erklärte, daß ein neuer Gebührentarif für die Bürger­meister in Aussicht stehe. Oberregierungsrat Graef hielt einen Vortrag über den jetzigen Stand der Fürsorge­kasse für die hessischen Gemeindebeamten, wobei er aus­führte, daß bis jetzt alle an die Kasse geknüpften Hoff­nungen sich voll erfüllt hätten.

)( Dorlar, 2. Juni. Von einer großen Anzahl in Gießen kaufenden Interessenten der Wetzlarer Gegend wird die Einrichtung einer Haltestelle bei Block Dorlar an der Bahnstrecke Gießen- Wetzlar gewünscht. Dorlar sei wohl eine Station der Linie Lollar- Wetzlar, doch sei der Weg über Abendstern oder Wetzlar nach Gießen mit großen Umständlichkeiten verknüpft. Wiewohl die seitherigen Bemühungen in dieser Richtung erfolg­los geblieben sind, beschließt die Handelskammer, im Interesse des Gießener Handelsstandes nochmals bei der Eisenbahnverwaltung vorstellig zu werden.

* Marburg, 31. Mai 1911. Die philosophi­sche Fakultät der hiesigen Universität hat den bekannten Großindustriellen Geheimen Kommerzienrat Wilhelm Kalle aus Biebrich zum Ehrendoktor ernannt.

* Marburg, 2. Juni. Der Gastwirt Johannes Henkel aus Mellnau zog sich bei der Explosion einer Lampe so starke Brandwunden zu, daß er an den Fol­gen verstarb.