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Der Baurat erbudte in der Uebersendung des vundert­martscheins den Versuch der Bestechung und erstattete An­selge. Die angestellten Ermittelungen ergaben, daß der Hundertmarkschein von der Schwester des Hausbesizers, et­ner schon etwas angejahrten Dame, abgeschickt worden war. In der Voruntersuchung hatte sie angegeben, daß sie nicht die Absicht gehabt hätte, den Baurat zu bestechen, sie habe lediglich erreichen wollen, daß der Baurat die Sache in Güte ordne und ihrem Bruder jede Aufregung erspare. In der Verhandlung kam die offenbar hysterische Angeklag­te mit einer ganz sonderbaren Ausrede. Sie behauptete, fie habe sich dem Baurat durch die Uebersendung des Scheins nur nähern wollen, da sie die Hoffnung gehabt habe, er werde sie dann kennen lernen und eventuell heiraten. Dem Gerichtshof schien das ein etwas merkwürdiger Weg, um mit jemanden bekannt zu werden. Der Verteidiger machte fich die Bettströmung" zunuzze. Er wies darauf hin, daß fich seine Mandantin in dem sogenannten gefährlichen Al­ter" befinde, und daß Frauen in dieser Epoche zu allerlei Der Gerichtshof merkwürdigen Dingen aufgelegt seien.

besaß für die Theorien von Karin Michaelis aber nicht das geringste Verständnis. Er erblickte in dem Vorgehen der Angeklagten den Versuch einer Beamtenbestechung und verurteilte fle zu 100 M Geldstrafe. Außerdem soll der vminöse Hundertmarkschein zugunsten des Fiskus einge­zogen werden.

Vermischtes

Zu einem blutigen Kampfe mit Einbrechern fam es in der Nacht zum Montog zwischen dem Schlächtermeister Vollmann in der Weißenburgerstraße in Berlin und einem Einbrecher. Dieser war mit 5 Genossen in das Geschäfts­lokal des Schlächters gedrungen. Der im Nebenraum schla­fende Schlachtermeister erwachte, als er das Geräusch hörte und ging beherzt in den Laden. Bei seinem Erscheinen ergriffen drei Einbrecher die Flucht. Der vierte wollte mit gezüdtem Messer Vollmann zurüddrängen. Der Schlächter­meister ergriff jedoch ein Beil, um sich des Einbrechers au erwehren, und versetzte ihm mit der unbewaffneten Hand ein paar Faustschläge ins Gesicht. Nun wollte auch die­ser flüchten und versuchte die Scheibe der Ladentür ein­31 schlagen. Dabei verletzte er sich schwer, indem er sich durch die Classcherben die Pulsadern aufschnitt. Inzwi schen war Hilfe herbeigekommen, der Einbrecher wurde festgenommen und auf der Polizeiwache als der unter­funftslose Hermann Pionke festgestellt.

Ein Messerattentat auf ein Kind wurde am Sonn­abendabend in der Hermannstraße in Rirdorf verübt. Eine Frau Gerhardt hatte mit ihrem siebenjährigen Sohn Er­win einige Einfäufe besorgt. Auf dem Nachhausewege traf sie eine Bekannte und plauderte mit ihr, während der Knabe in der Nähe der beiden Frauen stand. Plötz­lich hörte Frau Gerhardt ihr Kind laut aufschreien und sah, wie ein junger Mann, der ein Messer in der Hand trug, davoneilte. Sie wandte sich sofort ihrem Kinde zu, dessen Gesicht vollständig mit Blut bedeckt war. Jm näch­sten Augenblick verlor das Kind die Besinnung. Mehrere Passanten, die den Vorfall beobachtet hatten, waren im ersten Augenblid se bestürzt, daß sie den Messerstecher nicht verfolgten. Der Knabe hatte eine mehrere Zentimeter breite und tiefe Wunde unterhalb des linken Auges und eine zweite Schnittwunde an der Stirn in der Nähe der Schläfe erhalten. Der Knabe erzählte später, daß er von einem jungen Mann aufgefordert worden sei, ihm in den nächsten Hausflur zu folgen. Als er sich weigerte, habe ber Fremde plöhlich ein Messer gezogen und zweimal nach thm gestochen. Dann habe er ihn zu Boden gestoßen und die Flucht ergriffen.

Galante Abenteuer eines Laufburschen. Vor mehreren Tagen brannte aus Rirdorf der 17jährige Laufbursche Linsenbart mit 800 M durch, die er für seinen Dienstherrn auf die Post bringen sollte. Nachdem er sich neu einge­fleidet hatte, fuhr er 2. Klasse nach Stettin. Dort machte er gleich abends eine Bierreise, auf der er eine 40jährige Dame" fennen lernte, die sich Klara nannte. Das Pärchen begab sich dann nach Berlin, weil Klara sich auch einmal die Reichshauptstadt ansehen wollte. Hier besuchte es so lange Kientöppe, Varietees und Nachtcafees, bis es mit bem Gelde zu Ende war. Dann versetzte" Klara den Jüngling. L. ging jetzt zu einer Tante und beichtete ihr; fte wußt aber schon von seinem Streich und ließ ihn fest­nehmen. Der junge Lebemann besaß gerade noch einen Pfennig.

Menschenschmuggel. Bei der Ankunft des griechischen Dampfers ,, Athenai" in Brooklyn wurden die Offiziere, ein großer Teil der Mannschaft und der Neuyorker Vertreter day Chiffonisgeist unter der Beschuldigung verhaf tet, im vergangenen Jahre zahlreiche Auslander in die Vereinigten Staaten eingeschmuggelt zu haben, die teils als Seeleute verkleidet, teils in den Kohlenbunkern oder sonst versteckt waren, bis die Gefahr der Entdeckung vor­über war. Die Bürgschaftssumme für die 29 Verhafteten beträgt insgesamt 195 000 Dollar. Es verlautet, die ame­rikanische Regierung sei im Besitz der Namen von weite­ren Griechen, die bei der Einschmuggelung beteiligt waren.

Der Pilgerstein der Prinzessin Luise. Die Millionen, welche Prinzessin Luise von Belgien geerbt hat und welche infolge ihrer vielen Schulden langsam aber sicher zerrin­nen, haben eine neue Gattung von Geldforderern gezei­tigt. Es sind dies Konstrukteure von Ansprüchen, die man faum für möglich halten sollte. Kürzlich erschien, wie ein Wiener Blatt mitteilt, bei dem Vertreter einiger Gläu= biger der Prinzessin, dem Wiener Hof- und Gerichtsadvo­faten Rabenlechner, ein Gastwirt und brachte folgendes vor: Er habe der Prinzessin einen Pilgerstein aus dem Jordan, den er zum Geschenke erhalten habe, angeboten. Die Prinzessin habe den geweihten glückbringenden Stein auch angenommen. Die Glüdswirkung habe sich bald da= nach eingestellt, denn es sei der Vater der Prinzessin, Kö­nig Leopold, gestorben, wodurch sie Millionen erbte. Es sei daher recht und billig, daß sie für den Pilgerstein eine anständige Entschädigung bezahle und der Advokat möge bemnach die nötigen Schritte einleiten. Rabenlechner er­widerte selbstverständlich, daß der Tod des Vaters von dessen Tochter doch nicht als Glücksfall betrachtet werden dürfe. Der Gemütsmensch von einem Gastwirte war troh­dem nur schwer davon zu überzeugen, daß er aus dem Pil­gerstein nicht belgisches Erbschaftsgeld schlagen könne.

Ein Dorf, das davonlaufen will. Ein diplomatischer Bwischenfall eigener Art ist zwischen Holland und Belgien aufgetaucht: die Bewohner von Casterle, einer kleinen Drtschaft, die fast auf der Grenze zwischen beiden Län­bern gelegen ist und zu Holland gehört, wollen nicht mehr Niederländer sein. Sie beklagen sich schon seit langer Zeit darüber, daß die Regierung ihres Landes sich um fie nicht im geringsten fümmert und weder für ihre Kir­the noch für ihre Schule, noch für den Straßenbau etwas übrig hat. Wenn es nach der Regierung ginge," sagen fie ,,, würde unser Oertchen bald vollständig in Berfall ge­

raten." Unter solchen Umständen wollen die von Caster= le nicht länger mehr Holländer sein, sondern sich lieber zu Belgien schlagen; sie schicken eine Petition nach der an deren an die belgische Regierung und bitten inständig, daß der König der Belgier sie unter seinen Schutz nehmen und ihnen die belgische Untertanenschaft zuerkennen möge. Ei­nen Krieg mit Holland, meinen sie, brauchte Belgien des­wegen nicht zu befürchten. Alle Häuser von Casterle sei­en nämlich von Holz und leicht auseinanderzunehmen; man brauchte die Häuser also nur zu zerlegen, um sie jenseits der ein paar pundert Meter entfernten Grenze wieder aufzubauen. Der belgischen Regierung scheint je= doch an diesem Untertanenzuwachs nicht sehr viel gelegen zu sein: sie hat sich wenigstens bis jetzt noch nicht in Un­terhandlungen eingelassen und dürfte es wohl auch fer­nerhin nicht tun.

Wahl der Todesart. Die Kommission zur Revision des Strafgesetes hat beim Parlament des Staates Ne­vada einen Antrag eingebracht, wonach zum Tode verur­teilten Verbrechern fünflighin die Wahl der Todesart frei­stehen soll. Der Verurteilte fann wählen zwischen Erschie= ßen, Erhängen und Vergiften. Das Gift wird ihm zehn Minuten vor dem für die Hinrichtung festgesetzten Zeit­punkt gereicht. Hat er sich in den 10 Minuten nicht ent­schließen können, es zu nehmen, dann wird er gehängt. Wer von der Wahl der Todesart feinen Gebrauch macht, wird gleichfalls durch Erhängen ins Jenseits befördert. Gemütsmenschen, diese Leute aus Nevada.

Von einer bemerkenswerten Operation erzählt eine in Philadelphia erscheinende Zeitung. Eine Jtaltenerin namens Maria de Vita mußte sich vor kurzem im Univer­sitätshospital zu Philadelphia einer schweren Operation unterziehen; sie erlitt hierbei solchen Blutverlust, daß sie dem Tode nahe war, und der behandelnde Arzt erklärte sofort, daß sie nur dann gerettet werden könne, wenn es möglich wäre, in ihren geschwächten Körper mindestens einen Liter gesunden Blutes hinüberzuleiten. Da der Gatte und der Bruder der Patientin nicht so viel Blut hat­ten, daß sie davon noch etwas hätten abgeben können, wandten sich die Chirurgen mit fragendem Blid an ihre Assistenten, lauter fräftig gebaute und ferngesunde junge Studenten. Einer von diesen, Henry P. Brown, ein Sohn reicher Eltern, trat, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, ver und bot freiwillig sein Blut an. Der Ober­arzt jah ihn einen Augenblid lang fest an und schritt dann ohne weiteres zur Bluttransfusion. Eine Blutader des jungen Mannes wurde geöffnet und mit einer Blut­ader der Patientin verbunden. Bald darauf sah man, wie die Frau, an der man kurz vorher kaum noch ein Lebens­zeichen bemerkt hatte, die Farbe wiedererlangte und ins Leben zurüdkehrte, während der junge Mann diese er­freuliche Wandlung, die nur seinem Blutopfer zu verdan­fen war, ruhig und mit sichtlichem Interesse verfolgte. Je­der Schlag seines Herzens gab der Frau neues Leben. Die Transfusion dauerte nur wenige Minuten. Die Frau fiel dann in einen heilsamen Schlaf und die Aerzte verschlos= sen die Blutader des Studenten, der bei dieser Operation etwa einen Liter seines Blutes verloren hatte, ohne daß er irgendwelche Beschwerden empfand. Er ging, nachdem er auf Anordnung des Oberarztes ein wenig geruht hatte, nach Hause, wie wenn nichts geschehen wäre.

Annonce. Der Pedell Schwämmel hat in seiner, im Universitätsgebäude befindlichen Amtswohnung ein flei­nes Zimmer übrig, das er zu vermieten beschließt. Er betritt den nicht mehr ungewöhnlichen Weg de Annonce und läßt ins Tageblatt einrüden: An Studierenden ist ein möbliertes Zimmer zu vermieten; Kost und Universi­tät im Hause.

Wissenschaft, Kunst und Literatur

Sechs Millionen für die Wissenschaft. Der französischen Wissenschaft ist eine Erbschaft von mehr als sechs Millionen Francs zugefallen: 3% Millionen für die Akademie der Wissenschaften, Millionen für die Universität von Pa­ris, 100 000 Francs für das Institut Pasteur. Der fran­zösische Carnegie ist ein Herr Auguste Loutreul, der vor vierzehn Tagen in der Schweiz verstorben ist. Loutreul ist der Sohn eines Bauern aus der Normandie und hatte sein großes Vermögen durch industrielle Unternehmungen in Rußland erworben.

Das Alter eines Skelettfundes. Einen interessanten Beitrag zu den dunklen Fragen über das Alter des Men­schengeschlechts gab der Londoner Professor Arthur Keith in einem Vortrag, der sich mit dem Skelettfund des soge­nannten Galley Hill- Menschen beschäftigte, Go ganhatt flah um die nochen eines mautatiei aörpers, der im Boden des Themsetals bei Galley Hill gefunden wurde. Die Frage nach der Zeit, in der dieser Mensch lebte, läßt sich nach der Ansicht von Keith auf Grund der Niveauveränderung der Themse bestimmen. Nach der niedrigsten Schäßung muß man annehmen, daß sich das Themsebett um wenigstens 170 Fuß gesenkt hat, seit die Sandschichten, in denen der Fund gemacht wurde, in einer Epoche nach der Eiszeit abgelagert wurden. Bedenkt man nun, wie wenig sich das Niveau und das Aussehen des Themsetals seit der römischen Periode verändert hat, und daß kein Grund vorhanden ist, anzuneh­men, daß Veränderungen des Niveaus oder des Klimas den Flußlauf in früheren Zeiten rascher gesenkt hätten, als heute, so kann man mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß der Fluß für jeden Fuß, den sein Niveau sich senkte, tausend Jahre gebraucht hat. Auf der Grundlage dieser An­nahme läßt sich das Alter des Skelettfundes von Galley Hill auf 170 000 Jahre bestimmen. Der Galley Hill- Mensch ist, wenn auch in einzelnen Zügen verschieden, so doch im wesentlichen dent Typus des modernen Menschen gleich. Dieser Engländer vor 170 000 Jahren" ist der einzige be­fannte Vertreter der Tausende von Generationen, die in der gewaltigen Periode von der Eiszeit bis zur neolithi= schen Epoche in England lebten.

Bedingte Temperenz.

Amerika erlebt gegenwärtig eine Begeisterungswelle der Antialkoholbewegung. In einer Reihe von Staaten ist die Herstellung alkoholischer Getränke verboten, in ande= ren sogar der Verkauf, und die Temperenzler könnten über den Sieg ihrer guten Sache jubeln, wenn nicht die amtliche Statistik bewiese, daß der Alkoholimport und die Alkohol­produktion in Amerika von Jahr zu Jahr größere Fort­schritte machen. Auch die Stadt Neuyork hat ihren Anteil an der Temperenzbewegung, der freilich, wie in den mei­sten Staaten der Union, höchst platonischer Natur ist. In Neuyork, so wird in einem Aufsatz über die amerikanische Temperenzbewegung ausgeführt, müssen am Sonntag alle Bierlokale und Ausschankstellen geschlossen gehalten werden, mit Ausnahme jener Gasthäuser, die zugleich einen Restau­rantbetrieb führen. Ein alkoholisches Getränk am Sonn­tag ist gesetzmäßig, wenn man dazu etwas ißt, und ist ein Vergehen gegen das Gesez, wenn man nicht dazu ißt. Ei­nige schlaue Wirte und Cafetiers haben nun einen billigen Ausweg gefunden: zu jedem Glas Bier werden ein paar Biskuits oder ein wenig Salat serviert der gründlich ae­

pfeffert ist, um den Durn anzuregen, oder man reicht zum schäumenden Trunke Salzbrezeln. Man ist, um das Gesetz zu erfüllen, und trinkt, weil Salz und Pfeffer be tanntlich Durst machen. Ein noch besseres System, das Ge­setz durch Umgehung zu erfüllen, haben die anderen Bier wirte ersonnen. Wenigstens dreiviertel aller Neuyorker find trotz des gesetzlichen Verbotes am Sonntag geöffnet mi der einzigen Vorsichtsmaßregel, daß die Gäste nicht durch das Hauptportal eintreten; das ist nach allen Regeln der Kunst verrammelt und verriegelt. Der Durstige geht ein­fach durch den Gesindeeingang, der diskret geöffnet ist. Fin det sich ein junger, unerfahrener und eifriger Schutzmann, der diesem gesetzwidrigen Treiben" ein Ende bereiten will, so ist ein Ausweg leicht gefunden. Diese Herren" erklärt der Wirt, die hier bei mir Bier trinken, sind meine Freun de und Verwandten, die ich mir privatim zu Gast geladen habe". Können Sie beweisen, daß jene Herren nicht Freun de oder Verwandte des Wirtes find?" fragt der Richter den Schutzmann. Und der kann es natürlich nicht: der Wirt zieht in Frieden dahin. Oder ein anderer Fall: ein eifern­der Jünger der Hermandad erwischt am Sonntag einen Bürger, wie er, mit einer Bierflasche oder vielleicht mit einem schäumenden Bierkrug in der Hand, ein Restaurant verläßt. Der Verächter des Gesetzes wird festgestellt. Das Nachspiel vor dem Polizeirichter folgt. Können Sie be­weisen, daß die Flüssigkeit in der Flasche wirklich Bier war?" fragt der Richter den Schußmann, haben Sie sich durch eine Probe überzeugt?"" Nein", muß der Schutzmann antworten, denn das Gesetz gibt der Behörde nicht das Recht, einen freien amerikanischen Bürger auf der Straße anzuhalten und zu untersuchen, was er bei sich trägt." So können die Neuyorker auch am Sonntag ihren fühlen Trunk tun und mit schäumenden Bierkrügen über die Straße ziehen, vorbei an den Schuhleuten, die ihnen üb­rigens, wenn sie nicht gerade Neulinge sind, mehr mit Neid als mit pflichtmäßiger Entrüstung nachblicken..

Das letzte Berliner Original.

Die Berliner Originale sterben aus. Die alles gleich­machende Flut des Großstadtlebens begünstigt nicht die Ent­widlung von Persönlichkeiten, die allen Berlinern und dem durchreisenden Fremdenpublikum gleichermaßen vertraut sind. Aus der Zeit des kleineren Berlin vor 1870 hatte sich nur noch der alte Kranzler" in unsere Tage hinüber­gerettet. Mit seinem am Sonntag erfolgten, Tode ist der letzte wirklich volkstümliche Berliner dahingegangen, der gleichsam zu dem Gesamtbilde der Stadt gehörte, wie die Straße Unter den Linden", wo sich seit ungefähr 80 Jahren bis auf den heutigen Tag unverändert die weltberühmte Kranzler- Konditorei" befindet. Sie blieb einfach und schlicht in ihrer alten Gewandung und erzählt uns an je­dem Nachmittag etwas von altpreußischer Sparsamkeit. Es ist ganz klar, daß ein Mann, der im Mittelpunkt des Ber liner Lebens sein Geschäft von Weltruf ohne den modernen Prunk, ohne Musikkapelle und imitierten Glanz erhalten hat, eine eigenartige Persönlichkeit gewesen sein muß. Oft find an den alten Kranzler Anregungen herangetreten, set­ne berühmte und viel besuchte Konditorei auch den soge­nannten modernen Anforderungen anzupassen. Aber alle diese gutgemeinten Wünsche und Geschäftstricks scheiterten an dem eisernen Widerstand dieses Originals, der gleich­fam als Motto oft den Spruch im Munde führte: Moderni­tät ist Mumpit." Er hatte einen feinen ironischen Blick für die Schwächen unserer Zeit, die im Zeichen des Talmi steht. Und gerade dieser Talmiglanz, der heutzutage allen großen weltstädtischen Unternehmungen anhaftet und sie für einen Mann von Geschmack lächerlich macht, war ihm aus fiefstem Herzen verhaßt. Kranzler war der Meinung, daß die Stühle, auf denen Moltke und seine Zeitgenossen ge­seffen haben, daß die Zimmer, in denen sich Mommsen und andere große Gelehrte wie Virchow wohlgefühlt haben, auch noch für die heutige Generation genügen dürften. Aus die= fer Ueberzeugung heraus Iteß er nicht die geringste Aender­ung an seiner Konditorei vornehmen, er ließ die kleine Veranda mit den Eisenstangen, die jeder Besucher Berlins fennt, völlig in der Form, die sie bet der Begründung der Konditorei gehabt hatte. Nur auf eins legte er großen Wert: Auf die Köstlichkeit seiner füßen Erzeugnisse. Kranzler- Torten" und Kranzler- Speisen" sind noch heute für jeden Feinschmecker eine recht angenehme Zugabe zu den Unannehmlichkeiten des Lebens. Auf diesem Gebiete hat er bahnbrechend gewirkt. So sind z. B. die berühmten Wiener Kipferin", die bei Kranzler und im Cafee Baue in unerreichter Schmackhaftigkeit genossen werden können sein ureigenstes Werk, auf das er auch mit Recht stolz war Insofern war Kranzler der letzte Vertreter des schönen Prinzips der Einfachheit und Gediegenheit. Darum hat er für Berlin mehr Bedeutung, als sein Name im allgemeinen zu haben pflegt. Er steht auf der Grenzscheide zwischen zwei verschiedenen Anschauungen und hat bewiesen, daß auch seinem Geschäftsprinzip der Erfolg nicht versagt bleibt.

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Drahtnachrichte

/ und neuestes.

Charlottenburg bleibt bei 100 Prozent.

Berlin, 28. Februar. Die liberale Fraktion der Char­lottenburger Stadtverordnetenversammlung, die über die absolute Mehrheit verfügt, hat beschlossen, die vom Regie­rungspräsidenten für alle Städte um Groß- Berlin ange­regte Erhöhung der Einkommensteuer von 100 auf 110 Pro­zent abzulehnen.

Der neue M 4.

Berlin, 28. Februar. Das neue Militärluftschiff M 4". das auf der Werft des Luftschifferbataillons erbaut worden ist, wird voraussichtlich mit seinen Probefahrten im Laufe dieser Woche beginnen. Der Ballon, der rund 10,000 Subit meter Wasserstoffgas faßt und 96 Meter lang ist, wurde schon gefüllt und mit den Auftakelungsarbeiten ist schon begon nen worden. Das neue Luftschiff übertrifft die anderen unstarren Militärluftschiffe sowohl an Größe als auch an Tragkraft erheblich. Der Auftrieb wird 11,000 Kilogr. be­tragen. Das Luftschiff hat zwei Gondeln und kann 20 Per­sonen fassen.

Dedländerei- Kultur.

Göln, 28. Februar. Die rheinische Provinzialver­waltung beabsichtigt, der Anregung des Kaisers folgend, große Dedländereien zu kultivieren. Zu diesem Zwed haben bereits Vertreter der Regierung und der Provinzial­verwaltung einen großen Landkomplex, mehrere tausend Morgen, in der Umgebung von Malmedy und Montjoie besichtigt. Die Ausführung der Kulturarbeiten foll durch die Gefangenen der Provinzialarbeitsanstalt erfolgen.

Sich selbst gestellt.

Bochum, 28. Februar. Der nach Unterschlagung von 7800 Mark flüchtige Postassistent Midelsdorf hat sich selbst gestellt. Von dem veruntreuten Gelde hatte er vor der Flucht etwa 5000 Mart in seiner Wohnung zurückgelassen. Vei der Verhaftung besaß er noch 902 Mark.

Raubmord auf einem Schiffe.

Dünkirchen, 28. Februar. An Bord des deutschen Fracht­dampfers Cordoba", der aus Bahia Blanca hier eingetrof­fen ist, wurde gestern der 37jährige deutsche Mechaniker Wil­helm Schutt, der sich in Montevideo eingeschifft hatte, auf dem Abort ermordet aufgefunden. Der Leichnam war halb­nackt; der Kopf war mit einem Rasiermesser, das durch den gewaltsamen Schnitt zerbrochen war, halb vom Rumpfe ge­trennt. Es liegt Raubmord vor. Der Mörder ist ein feit Bahia Blanca an Bord befindlicher Passagier, ein etwa 30­jähriger Mann, der sich Juez Renau nannte. Er ist auf der Flucht nach Belgien.