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Gießener Zeitung

( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 50 Pfg. monatlich Enthält alle amfl. Bekanntmachungen

vierteljährlich 1,50 Mk., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig­ausgabestellen vierteljährlich 1,20 wk. Erscheint jeden Werktag früh.- Die Humoristischen Blätter" Redaktion: liegen wöchentlich einmal gratis bei. Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin Klein& Otto Fischer.

Nr. 51.

-

Telephon: Nr. 362.

Aus dem Reichstag. ( Spezialbericht der Gießener Zeitung".) Kaffeepreistreiben.

Den Hausfrauen, die die Kaffeepreissteigerung am meisten zu spüren bekommen, wird es interessieren, et­was genaueres über die eigentlichen Ur­sachen der Kaffeeteuerung zu erfahren. Unwis­sende politische Agitatoren schieben die Schuld einzig und allein auf die relativ unerhebliche Kaffeesteuer und die Reichsfinanzreform. Bei der Besprechung der In­terpellation Kanit betreffend Ueberschwemmung des deut­schen Geldmarktes mit fremden Wertpapieren, sind die eigentlichen Ursachen der Kaffeeteuerung aufgedeckt wor­den. Der Interpellant und der Abg. Raab( Wirtsch. Vereinigung) brachten auch die brasilianische Kaffeevalo­risation zur Sprache. Diese amerikanische Kaffeepreis= treiberei, die auch mit deutschem Geld von deutschen Banken finanziert wurde, ist sehr bezeichnend. Der In­terpellant führte aus:

der Großherzoglichen Bürgermeisterei sowie vieler anderer

des Großherzoglichen Polizei- Amtes

=

Behörden Oberhessens

Expedition: Seltersweg 83. ( Haus Brüder Schmidt.)

Mittwoch den 1. März 1911

Vertreter das Märchen verbreitet hatten, Behrens habe für die Zündholz-, Tabak- und Kaffeesteuer gestimmt. An der Hand der namentlichen Abstimmungen stellte der Redner diese Lügen richtig. In der Diskussion sprach ein freisinniger Lehrer aus dem benachbarten Dorfe Brei­tenbach. Er führte Klage darüber, daß der Referent den Freisinn im hiesigen Kreise so hart mitgenommen habe. Auch behauptete er, daß die Stimmenzahl in der Hoch­burg der christlich- sozialen Partei im Kreise Siegen- Witt­genstein zurückgegangen sei. Das ist jedoch ein recht Gewerkschaftssekretär Schlabach starker Irrtum.

wies dem Herrn( dem wir übrigens empfehlen, sich in politischen Dingen genauer zu informieren, ehe er in öffentlichen Versammlungen auftritt) nach, daß die Stim­menzahl nicht a b, sondern zugenommen habe. Der Lehrer besaß nun den Anstand, den wir bei an­deren Diskussionsrednern meistens vermissen, seine Be­hauptung zurückzunehmen. Schlabach führte weiter aus, daß die Christlich- Sozialen des hiesigen Wahlkreises sich in der Verteidigungsstellung befänden, und daß man den Lügen, die von gegnerischer Seite über den Abge­ordneten Behrens verbreitet worden seien, energisch ent­gegentreten müsse, und das sei auch der Zweck der heu­

dem Freisinn in Kölschhausen gelungen ist, bewies die Tatsache, daß die Mehrheit der Versammlung mit einem Hoch auf den Abgeordneten Behrens quittierte.

aus

-sch Rodheim a. d. Bieber, 1. März. Hier fand gestern abend im Schlierbach'schen Saale eine christlich soziale Versammlung statt. Parteisekretär Rüffer Essen sprach über die politischen Aufgaben der Vergan­genheit und Gegenwart. Dabei stellte er die Lügen richtig, die über den Abgeordneten Behrens verbreitet worden sind. Die Anwesenden spendeten den Ausführ­ungen lebhaften Beifall.

Als vor einigen Jahren die brasilianische Provinz Sao Paolo ihr berühmtes Unternehmen der Kaffeevalo­risation ins Leben rief, als sie dazu der Kleinigkeit von 300 Millionen Mark bedurfte, wurde ihr diese gewaltigen Versammlung. Daß diese Aufklärung gegenüber tige Summe von den europäischen Börsen anstandslos zur Verfügung gestellt, obwohl man nicht wissen konnte, ob das Unternehmen reussieren würde oder nicht. Auch der deutsche Markt beteiligte sich daran mit etwa 40 Mil­lionen Mark. Zweck des Unternehmens war die Heb­ung des Kaffeepreises, und das ist ja auch gelungen. Der Kaffee ist um 20 bis 25 Pfennig für das Pfund gestiegen, und die Folge der ganzen Operation ist nun die, daß wir Deutschen jähr lich etwa 80 millionen Mark für Kaffee an das Ausland mehr bezahlen müssen als bisher; denn es werden in Deutschland etwa 4 Millionen Zentner Kaffee verbraucht Deutschland ist bekanntlich der stärkste Kaffeekonsument aller Länder, und da bedeutet eine Steigerung von nur 20 Pfennig pro Pfund eine Summe von 80 Millionen Mark. Also wir bekommen von der Provinz Sao Paolo, resp, von Brasilien die Zinsen für 40 Millionen Mark, schicken dafür aber 80 Millionen Mark mehr an das Ausland als bisher."

-

Abg, Raab tam in seiner vortrefflichen Rede auf die Kaffeevalorisation zu sprechen, indem er ausführte:

Da wurden in Deutschland über 40 Millionen aufgebracht zu welchem Zweck? Damit die bra= silianischen Kaffeepflanzer sieben Millionen Sack Kaf­fee vom Markte fernhalten konnten, um eine künst= liche Preissteigerung des Kaffees her­beizuführen. Diese Preissteigerung macht sich in der Bevölkerung erkenn= bar in der Erhöhung um 30 Pfennig für das Pfund im Kleinhandel. Da ist unsere Konsumtion in der schwersten Weise belastet. Wir haben die Belastung mit finanziert, unsere deutschen Banken haben deutsches Geld dazu aufgebracht, da= mit uns derkaffeegenußerheblich ver­teuert werden könnte.

Es kann nicht schaden, wenn wir uns ein wenig die Namen der Firmen einprägen, die zu diesem Ge­schäft die Hand geboten haben. Es waren die Fir­men: S. Bleichröder, L. Behrens& Söhne, Schrö­der Gebrüder& Co., M. M. Warburg& Co., Ge­brüder Bethmann und Deichmann& Co."

Ueber diese Verteuerung des Kaffees durch die Spe= fulation der Großbanken an der Börse 2c. sagen die Freisinnigen und Sozialdemokraten in der Agitation nichts. Dann schieben sie alle Schuld auf die Wir geringe Steuer. Das ist natürlich nicht richtig. wollen aber daran erinnern, daß die Liberalen sich sehr gegen die Börsensteuern, oder wie sie diesen Teil der Finanzreform nennen Verkehrssteuern"( Ko­tierungssteuer, Effektenstempel, Talonsteuer 2c.). Ist es nicht sehr richtig, daß die genannten Bankhäuser, die den Deutschen das Geld nehmen und dem Ausland geben, um den Deutschen den Kaffee zu verteuern, kräftig mit Börsensteuern belegt werden?

Reichstagswahlvorbereitungen.

am

-sch Kölschhausen, 1. März. Hier fand Montag abend eine stark besuchte christlich- soziale Ver­sammlung statt. Keine Stecknadel konnte zur Erde fal­len, trotzdem die Freisinnigen und Sozialdemokraten die Parole ausgegeben hatten, die Versammlung nicht zu aus Dillenburg besuchen. Parteisekretär Albertsmeier

sprach über die kommenden Reichstagswahlen. Er nahm den Freisinn gehörig unter die Lupe, weil einige seiner

Aus Stadt und Cand

Gießen, den 1. März

( Gießener Tageblatt)

Anzeigenpreis 15 Pfg.

0

die 44 mm breite Petitzeile oder deren Raum, auswärts 20 Pfg.; die 90 mm breite Petitzeile im Re flameteil 50 Pfg., auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit 50% Ausschlag. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungs­zieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Gesamtleitung: Albin Klein.

Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

retei für wenige Stunden die öffentliche Regie hat, sich mit zu amüsieren. Als eine zeitgemäße Maske trat eine solche mit einem Aeroplan auf dem Kopfe auf. Eine Indianergruppe und ein fahrendes Wahlbureau ( ob für Gisevius, Werner, Korell oder Beckmann, wurde nicht verraten) 2c. brachte erhöhte Stimmung in die po­litischen pardon in die Narrenstunden.

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-a- Gießen, 1. März. Alle Räder stehen still, wenn der Karneval es will. Am Montag vor mittag de= peschierte ein hiesiger Geschäftsmann nach Düren( Rhein­land), um schnellste Lieferung einer Ware. Die Send­ung ging aber einen Tag später mit folgendem Ent­schuldigungsschreiben ein:" Ihr w. Telegramm von ge­stern gelangte der Fastnachtstage wegen erst heute in unseren Besitz 2c." Nun soll einer mal sa­gen, wir leben in einer überhafteten Zeit.

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Klein Linden. Zum Besten einer Kranken­schwesterstation halten in der Deutschen Eiche" die Ge­sangvereine Arion"-Klein- Linden, Liederkranz"-Leihge­stern und Konkordia"-Wetzlar- Nieder- Girmes ein Wohl­tätigkeitskonzert, in dem bedeutende Musiker Gießens

mitwirken.

*) Wetzlar. Eine weite Kreise interessierende Ent­scheidung ist von der Regierung in Kassel getroffen wor­den. Für die neu eingerichtete dritte Turnstunde in den Volksschulen sollte eine Stunde vom deutschen Unter= richt wegfallen. Verschiedene Städte wandten sich des­wegen an den Minister mit der Bitte, nicht die Zeit für den deutschen Unterricht, den wichtigsten der Volks­schule, zu kürzen. Daß der Minister diese Einwendun­gen als berechtigt anerkannt hat, scheint das Verhalten der Regierung in Kassel zu bestätigen, die es genehmigte, daß in den Kasseler Mädchenschulen eine der für den Handarbeitsunterricht angesetzten vier Wochenstunden und in den Knabenschulen eine der Stunden für den Schönschreibunterricht als dritte Turnstunde( Spielstunde) vorläufig benutzt werden darf.

-- Garbenheim, 1. März. Durch die leidige Unsitte des Steinwerfens ist hier vorgestern ein bedau­erlicher Unfall hervorgerufen worden. Beim Spielen auf einem der Straße wurde dem Schulknaben G. von Spielgefährten, der seine Schwester werfen wollte, durch einen Steinwurf das linke Auge schwer verletzt. Der so­fort herbeigeholte Arzt ordnete die sofortige Ueberführ­ung des Verletzten in die Augenklinik- Gießen an.

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* Gießen. Kommenden Samstag, vormittags 10 Uhr, wird im Sizungssaal des Regierungsgebäudes eine ordentliche Sitzung des Kreistages stattfinden. Auf der Tagesordnung steht u. a. die Wahl der Mitglieder und Ersatzmänner der Einschätzungskommission für die 1. Abteilung der Einkommensteuer in den Finanzamts= bezirken Gießen, Grünberg, Hungen und Butzbach; u. a. die Ergänzungswahl zum Kreisausschuß; die Wahl von Provinzialtags- Abgeordneten; die Wahl der Mit­glieder der Kreiskörkommission auf 3 Jahre; die Wahl der Mitglieder der Flurschädenabschätzungskommission auf 3 Jahre; die Wahl der Pferdeaushebungskommisi seines Vizepräsidenten Abg. Bähr beschäftigte man ſion auf 6 Jahre; die Wahl der Sachverständigen für die im Kriegsfalle vorzunehmenden Abschätzungen auf 6 Jahre und Kreissatzung betr. Revisionsgebühren für die Baukontrolle.

Gießen. Der städtische Voranschlag für 1911 liegt uns vor. Wie daraus zu ersehen ist, schließen wir diesmal mit 5 050 735,15 Mt. ab, gegen 4 904 925,23 Mt. im vorigen Jahre. Auf die Vermö­gensrechnung entfallen 1 903 726,25( 1910: 1 754 986,47 Mark) und auf die Betriebsrechnung 3 147 008,90 Mt. ( 3 149 938,76 Mk.). Der Voranschlag bringt keine Er­höhung der Gemeindeſteuern, nach dem vorjährig. Sazz von 120 Proz. sollen dieselben dieses Jahr 1169 280 ( 1910: 1 063 275,04 m.) einbringen. Von sonstigen größeren Einnahmeposten der Betriebsrechnung führen wir an: 104 845,56( 103 102,95 Mt.) aus Waldungen, 89 400( 87 860 Mt.) aus dem Gaswerk, 109 132 Mt. ( 100 382 Mt.) aus dem Schlachthof und Fleischbeschau. Von größeren Ausgabeposten sind folgende in Erwäg­ung zu bringen: 110 410( 102 282 Mt.) für Schlacht­hof und Fleischbeschau, 37 400( 38 200 Mt. für den Friedhof, 235 407,70( 224 507,96 Mk.) für die Volks­schulen, 103 772,17( 100 244,67 Mk.) für die höhere und erweiterte Mädchenschule, 47 880( 62 499 m.) für Realgymnasium und Oberrealschule, 64 552,58( 54 330 Mt.) für Armenpflege und Wohltätigkeit, 183 500 Mt. ( 155 000 Mt.) für Zwecke des Kreises und der Pro­vinz, 196 926( 187 073 M.) für die allgemeine Ver­waltung, 25 763,20( 25 477,43 Mt.) für Ruhegehalte, Witwen- ind Weisengelder, 323 245( 362 995 Mark) für die Schuldentilgung, 699 066,94( 680 040,06 m.) für Kapitalzinsen.

Gießen, 1. März. Wetter und Stimmung war für den diesjährigen Karnevalsiummel über pari. Der leichte Regenschauer am Morgen machte einem eini­germaßen hellen Himmel Platz und aus allen Gassen und Häusern kamen sehr bald Groß und Klein, mas­fiert und nicht maskiert, hervor, um in den Hauptstra­Ben unserer Stadt, wo wie in früheren Jahren die Nar­

Darmstadt. Der Vorstand der Landwirt= schaftskammer nahm in seiner Samstag- Sitzung zum Be­richt der Rechnungsprüfungskommission Stellung und setzte den Vorschlag pro 1911 und die Tagesordnung für die diesjährige Hauptversammlung fest. Unter Vor­

sich am Montag mit dem Entwurf betr. die Ausführ­ungsbestimmungen zum Reichsviehseuchegesetz, sowie mit dem Entwurf eines Gesetzes betr. die Entschädigung für an Maul- und Klauenseuche gefallenes Vieh. Mit we­nigen Aenderungen wurde den Entwürfen zugestimmt.

Darmstadt. Trotz verschiedener Dementis be­

ge=

stätigt es sich mit ziemlicher Sicherheit, daß der zuerst verstorbene Artillerist Appel an einer Krankheit storben ist, die alle Symtome der Genickstarre trägt. Da­her sind die Stubenkameraden des Verstorbenen noch isoliert und alle weiteren Absperrungsmaßregeln sind auf­recht erhalten. Bei dem verstorbenen Gefreiten Seip liegen die starken Verdachtsmomente nicht vor.

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Darmstadt. Ein hessischer Schlosser= tag findet hier am 26. März statt. Auf ihm wird die Gründung eines hessischen Schlossermeisterverbandes er­folgen, dessen Hauptaufgabe darin bestehen wird, die Interessen des heimischen Handwerks bei Arbeitsvergeb­ungen wahrzunehmen.

Darmstadt. Ein Raubüberfall und Mord­versuch wurde am Montag abend auf die Ehefrau des russischen Studenten Turner in ihrer Wohnung verübt. Ein noch nicht ermittelter Bursche von etwa 35 Jahren versuchte in der im 3. Stock gelegenen Wohnung zu bet­teln, überfiel dann die Frau und brachte ihr mit einem spizzen Instrumente zwei Stiche in die linke Brust bei. Die Frau brach ohnmächtig zusammen, worauf der Tä­ter in der Wohnung einen Geldbetrag von zirka 150 Mark raubte. Angeblich trug der Täter ein graues Cape und einen grauen Filzhut. Bis jetzt hat man von dem= selben noch keine Spur.

Schotten. In Eichelsachsen entstand gelegent­lich eines von einem Missionar in der Kirche veran= stalteten Lichtbildervortrags eine Panik, da der Acety­len- Kessel des Lichtapparates undicht wurde und explo­dierte. Alles drängte erschreckt den Ausgängen zu. Die Galeriebesucher ließen sich zum Teil an den Glockenſeilen herunter. In dem Gedränge wurden viele Personen leicht verletzt.