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Nr. 23.

Erscheint täglich außer Sonntags. Bezugspreis: vierteljährlich durch die Träger frei las Haus 1.35 M., durch die Post bezogen 150 Mt.

Expebition: Gießen, Seltersweg 82

Freitag, den 28 Januar 1910

Gießener

20. Jahrgang

Juferate: dte 44 mm breite Petitselle 20 fenarig, Reklame:" 90 Beilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet

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Telephon- Anschluß: Sicken, Nr. 369.

Nenelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Beifung)

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Weylar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen

Lokales rr) Provinzielles.

eingehend erwägen. Der Antrag Ulrich erscheine ihm aber zu weitgehend. Geheimer at Wilbrand vertritt nochmals die Auffassung, daß die beschlossene Ver­mehrung der Oberförsterstellen und die Verkleinerung der Forstbezirke eine gute Sache war, die dem Lande zum Vorteil gereichte. Der Ertrag der Forstwirschaft fet seitdem erheblich größer geworden und habe die Richtigkeit dieses Vorgehens bestätigt. Jetzt hier an der Organisation zu sparen, set nicht der richtige Oct. Abg. Brauer regt die Verkürzung resp. die Streichung der Tagegelder für die Oberförster an, sofern sie sich in ihrem Dienstbezirk bewegen. Gegen diesen Vorschlag spricht sich der Negterungsvertreter aus. Mit den Tage: geldern werde ein gewisser Ansporn zur Beaufsichtigung des Waldes gegeben; zudem betrügen diese nur durch­schnittlich 378 Mark pro Person. Abg. Ulrich bean­tragt darauf die Streichung von 3675 Mark für Tage: gelder, wogegen sich Finanzminister Dr. Gnauth aus­spricht, der auch vor dem Vorschlag warnt, nur den wirklichen Aufwand statt der Tagegelder zu bewilligen. Gine längere Debatte entspinnt sich dann noch über die Holzhauerlöhne und namentlich über die Höhe der auf 404 000 Mk. veranschlagten Kulturkosten. Der bom Ausschuß gemachten Anregung, an dieser Summe 50000 Mr. zu streichen, widersprechen der Finanzminister und Geheimerat Wilbrand, die den Vorschlag für bedenk­lich halten, der keinen Kulturbocschritt bedeute. Abg. Dr. Weber meint, daß namentlich an Stoffen für Pflanzgartenanlagen Ersparniffe erztelt werden könnten. Die Beratung wird darauf abgebrochen.

** Die Sitzung des Finanzausschusses am Dienstag fand gemeinschaftlich mit der Regierung statt. die durch die Herren Staatsminister Dr. Ewald, Finanz­minister Dr. Gnauth, Geheimeräte Wilbrand und Fehen. v. Biegel ben und Ministerialcat Süffert vertreten war. Zunächst gab Abg. Molthan eine Erklärung ab, in der er feststellte, daß eine in den Blättern erschienene Mitteilung über seine Stellung zur Landwirtschaft un­richtig aufgefaßt worden set. Er habe keineswegs einem Abstrich an dem Zuschuß des Staates für die Land­wirtschaft das Wort reden wollen. Auf Vorschlag des Abg. Dr. Weber soll in der nächsten Sizung über diese Erklärung weiter gesprochen werden. Zur Be­ratung stand dann der Etat der Kamera l- und Forst domänen und in Verbindung damit die von der Regierung herausgegebene Denkschrift über die Ent­wickelung der hessischen Staatsforstwirtschaft seit dem Jahre 1900. Beim Kapitel Lokalverwaltungskosten" werden im allgemeinen für Gehalte usw. 686 795 Mr. angefordert, darunter für 85 Oberförster an Gehalt und Wohnungsgeldzuschuß 429 599 Mr., für 10 Forstassistenten 26 956 Mt.. für Oberförstereiverwalter und Gehilfen 28000 Mt. Der Ausschuß schlägt vor, 7 Oberförfter­und 5 Forstassistentenstellen nur auf den Inhaber zu bewilligen. Abg. Ulrich beantragt dagegen, 10 Ober­förster und 7 Forstaffiftentenstellen nur auf den Inhaber zu bewilligen. Geheimerat Wilbrand legt das man habe bei der früheren Organisation des Forfiweserot- qe­glaubt, durch selbständige Oberförfiereien eine tru nellere und intensivere Waldwirtschaft erzielen zu können, und das set auch geschehen, was die um rund eine Million höheren Ginnahmen bewiesen. Abg. Molthan stellt als früherer Berichterstatter über die Organisation des Forstwesens fest, daß die Vermehrung der Ober förstereien damals anders beurteilt wurde. Es sei jetzt in Fachkreisen ein Umschwung in der Anschauuug einge­treten und es empfehle sich daher, die Frage einer Reorganisation des Forstwesens zugleich mit der ge­planten Reform der ganzen Staatsverwaltung in Be­tracht zu ziehen. Geheimerat Wilbrand weist darauf hin, daß fürzlich in der Versammlung der deutschen Forftmänner in Düsseldorf festgestellt worden sei, daß sich das Prinzip der erfolgten Reorganisation in Hessen durchaus bewährt habe. Abg. Dr. Gutsletsch erklärt, er halte die jetzige Organisation nach wie vor für zweck­mäßig; er werde aber im übrigen dem Antrag Ulrich auf neue Prüfung der ganzen Frage zustimmen. Abg. Dr. Weber erklärt, daß eine völlige Reorganisation notwendig set und weist u. a. auf die Kleinheit des Wormser Oberförsteretbezirks hin. Es werde aber vielleicht genügen, nur 7 Oberförsterftellen auf den In- Stück wird im Abonnement nicht wiederholt. Lebhaftes haber zu beschränken und an den Assistentenstellen nicht zu rütteln. Finanzminister Dr. Gnauth erklärt, daß die Regierung zu einer Prüfung der gemachten Vor­schläge bereit set; die Regierung sei sich ihrer Verant­wortung voll bewußt und werde die Reformvorschläge

Stadttheater Gießen.

,, Mignon".

Oper in 3 Aften. Musik von Ambroise Thomas. Kennst du das Land, wo die Citronen blüh'n, Im dunklen Laub die Goldorangen glüh'n, Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, Die Myrthe still und hoch der Lorbeer steht? Kennst du es wohl?."

Dieses wunderbare, tieferfaßte, in seiner Einfachheit großartige Lied und einige Momente der Mignon und Harfner Episode sind das Ganze, was die Verfasser des Series Michel Carre und Jules Barbier von Goethes Mei­sterwerk Wilhelm Meisters Lehrjahre" zu retten wußten. Mit Mignon und dem Harfner hatte Goethe die geheimnis­rollen, dem menschlichen Erkennen und Bestimmen entrück­ten Mächte, die in unser Schicksal bedeutungsvoll eingrei fen, in seinen Roman gefügt. Die eine Macht steigt aus uns selbst herauf, sie liegt in den unergründlichen Tiefen unserer eignen Seele sie ist in Mignon verkörpert; die andere liegt außerhalb, in dem Einwirken gottbegnadeter Geister, als deren echtester, höchster Repräsentant der Dichter: der Harsner erscheint. Denn der Harfner ist zugleich Dich­ter seiner Lieder," Sänger" im uralten Sinne."

Was haben daraus die Tertdichter gemacht? Die er­greifende, dichterisch so wunderbar gestalte Geschichte Mig­nons verzerrt in ein romantisches, sentimentales, märchen­hastes Liebesspiel; im poetischen Sinne oft nicht ohne Tri­vialität der Gedanken und Verse. Was der Oper über die Grenzen Frankreichs hinaus so große Bedeutung verliehen hat, ist das Wert des Komponisten Ambroise Thomas. Die einschmeichelnde Musit, die sorgfältige, reiche und feine Behandlung der Arien, überhaupt der Einzelstimmen haben " Mignon" Heimatrecht auf unserer Bühne verliehen. Mig­

* Gießen, 28. Jan. Bei der von uns schon kurz erwähnten gestrigen Para de des Infanterie- Regiments ( Kaiser Wilhelm) hielt der Regimentsbefehlshaber Oberst von Müller eine Ansprache, in welcher er die Solda­ten zur Treue gegen Kaiser und Reich mahnte und auf die

Bedeutung des 27. Januar hinwies. Nach der Paroleaus gabe kehrte die Fahnenkompagnie mit den Feldzeichen unter den Klängen der Regimentsmusik nach dem Hause des Re­gimentsbbersten zurück. Das militärische Schauspiel hatte den Andrang einer großen Zuschauermenge zur Folge. Am Abend veranstalteten die Kompagnien in verschiedenen Lokalen ihre üblichen Kaisergeburtstagsbälle.

* Gießen, 28. Jan. Im Saale des Gesellschafts­vereins fand gestern ein Fest essen statt, bei welchem der Rektor der Universität Prof. Dr. Strahl das Kai­serhoch ausbrachte.

-tt- Gießen.( Stadttheater.) Die beiden Sonntag- Aufführungen finden wiederum bei kleinen Preisen statt. Bemerkt sei, daß die Aufführung" Der fidele Bauer" am Nachmittag eine der letzten des beliebten Stü des sein wird. Die Sonntag- Abendvorstellung bringt als Wiederholung Karl Niemanns wirkungsvolles historisches der Lustspiel Wie die Alten sungen", das bei Festvorstellung am Donnerstag durch Inhalt, Darstellung und Ausstattung gleicherweise starten Antlang fand. Dieses Interesse gibt sich auch für das Frankfurter Ensemblegast ſpiel am Dienstag fund. Es kommt mit Frau Warrnes Gewerbe" zum ersten Male in unserer Stadt zu Wort, zu dem interpretiert durch 6 erste Kräfte des Frankfurter Schauspielhauses. Es gilt zu dieser Vorstellung der fünfte Abschnitt des Ermäßigungstupons für Abonnenten.

nons Romanze Kennst du das Land", das steyerische Lied­chen im Afte, und ebenda das herrliche Finale Titania ist herabgestiegen" und das Terzett am Schlusse des 3. At­tes werden nie ihre Wirkung einbüßen und mit ihren lock­enden, weichen, sehnenden Tönen in uns wiederklingen, zu mal wenn man sie so vollendet schön hören konnte wie heute abend.

Darum gebührt dem Theaterverein" ganz besonderer Dank, daß er auch in dieser Saison troß der hohen Unto­sten wieder drei Gastspiele des Darmstädter Hoftheaters und der Hofmusik ermöglichte.

Unter Kapellmeister Kittels musikalischer Leitung fügte sich das Ganze zu einer einheitlichen, abgerundeten, in den Uebergängen und im Wechsel der Tempi fein abge­stuften Wiedergabe, die vollstes Lob und uneingeschränkte Bewunderung verdient, Bleinere und wohl kaum bemerkte Unreinheiten im Orchester übergehe ich.

Im Mittelpunkte der Aufführung standen Mignon" ( Frl. 3eiller) und Philine"( Frl. Such a nek), die wohl beide in gleicher Weise für ihre gesanglich wie dar­ſtellerisch prächtige Leistung wohl verdienten, begeisterten und ehrlichen Beifall ernteten. Den Höhepunkt erreichte Frl. Such an ek in dem schon oben erwähnten Gesang Tita­nias; mit bewundernswerter Sicherheit beherrscht die Künst lerin die weite Scala tlangschöner und reiner Töne auch in den obersten Lagen, ohne dabei ein dem Charakter der Rolle angepaẞtes, gewandtes Spiel zu vergessen.

Gleich schön und groß in ihrer dunkeln, heißen Sehn­sucht nach Italien, der erwachten, verzehrenden Liebe zu Wilhelm Meister, der Weichheit zarter, edler Weiblichkeit, der Wildheit ausbrechender Zigeunerlust sang und spielte Frl. 3 eiller. Das besonders Hervorragende in gesang­licher Hinsicht habe ich schon oben erwähnt.

Ihr Partner, Herr Hans Hacker( als Wilhelm Mei­ster) war gesanglich nicht immer von der nötigen Gleich= mäßigkeit, Erattheit des Tones, wenn ich auch nicht leugnen

Aus dem Gerichtssaal.

Straffammer.

Gießen, 25. Jan. 1910. Dem St. in Wieseck ist die Keleidigung eines Richters zur Laft gelegt. Als er dem Anwalt die Ko= sten zu einer Prozeßsache einschickte, bemerkte er auf dem Poftabschnitt, daß außer dem genannten Richter fein anderer des Amtsgerichts Gießen die fragliche Ver­fügung erlassen hätte. Der Richter fühlte sich dadurch beleidigt, weshalb Strafantrag erfolgte. St. wurde zu 50 Mark Geldstrafe verurteilt.

Der Taglöhner Wilhelm Keiling in Büdesheim wurde vom Feldschütz Post beim Acpfelstehlen betroffen; seine Frau bot dem Schüßen 20 Marf an, wenn er die Anzeige unterlasse und Stelling schrieb an das Kreis­Frauen. Die Sache wurde zwecks weiterer Ermittel­amt, der Feldschütz hätte unsittliche Beziehungen zu nngen über ein diesbezügliches Ortsgespräch ausgefeßt.

Der in Büdingen wohnhafte Karl Merzinger aus Wien hat um Weihnachten 1908 zu Eichelsdorf Als Aufträge auf Bilderrahmen entgegengenommen. Wirtschaft zwei Brautfränze, die ihm zum Einrahmen er nach Höchst a. d. Nidder kam, versezte er in einer übergeben worden waren, für seine Zeche. Später wurde von den Auftraggebern die Schuld- bezahlt und ihn wegen Unterschlagung zu zwei Wochen Gefänguts. die Kränze ausgelöst. Das Schöffengericht berurteilte Er berfolgte Berufung und behauptete, die Kränze seten thm gewaltsam zurückbehalten worden. Die als Zeu­gin bernommene Wirtin bestritt dies, was zur Folge hatte, daß seine Berufung verworfen wurde.

In Effolderbach spielte die Bartelleidenschaft eine große Rolle. Die Gegner des jetzt wieder gewähl ten Bürgermeisters Wolf suchten dessen Bestätigung zu bereiteln, indem sie recht alte Sachen hervorkehrten. So hat der Landwirt Heinrich Jakob Spignagel in einer Eingabe an das Kreisamt behauptet, der Bürgermeister habe vor 6 Jahren einen Meineid geschworen. Trotz­dem eine diesbezügliche Anzeige mit Ginstellung des Berfahrens endigte, wollte Spitznagel, der wegen Be leidigung unter Anklage gestellt wurde, den Nachweis erbringen. Es gelang ihm dieses nicht; trotzdem sprach ihn das Schöffengericht frei, da er in Wahrnehmung berechtigter Interessen gehandelt habe. Der Bürger meister echob als Nebenkläger Berufung, doch die Straf­tammer hielt Wahrnehmung berechtigter Interessen für vorliegend und bestätigte das Urteil.

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kann, daß eine vornehme, schwebende Weichheit und ange nehme Fülle des Tones und Festigkeit im Einsatz nicht zu verkennen war. Der Gesamteindruck verdient gewiß fünst lerisch befriedigend genannt zu werden. Offen gestanden, ich habe den Sänger in Darmstadt besser und schöner singen hören.

Die Gestalt des Lothario ist in der dichterischen Con­ception schon falsch und wenig flar gezeichnet; die wenigen bedeutenden musikalischen Momente des verzeichneten Harf­ners gelangen Herrn Drams ch recht gut; am besten ge­fiel mir das Duett im 2. Afte mit Mignon.

zu erwähnen wäre noch der Laertes des Herrn Schwarze, in Spiel wie in Gesang eine einheitliche, auf einen frischen, munteren Ton gestimmte Leistung. Ist dagegen im 3. Atte, wo er Wilhelm Meister die Kunde von Philinens Nähe bringt und ihn warnt, beim Abschied die Bewegung des Kopfes nach dem Zimmer, in dem Mignon ruht, berechtigt?

Vergessen seien nicht Herr de Leeuwe als Friedrich und Herr Ungibauer als Jarno.

Ausgezeichnet war auch der Zigeunertanz im ersten Afte ausgeführt. Die Regie unter Leitung von Herrn Ober­regisseur Valdeck bemühte sich passende und möglichst ge­schmackvolle Bühnenbilder mit Hülfe des vorhandenen Fun dus erstehen zu lassen; doch schien mir die mit Statuen ge­schmückte, italienische Galerie im letzten Afie nicht gerade allzu prächtig. Die grandioseste Leistung dieser Regie habe ich jedenfalls in Darmstadt bei der Aufführung von E. Manns Bonifazius"( vielleicht komme ich hierauf noch aus­führlicher zurück) bewundern können.

Das ausverkaufte Haus spendete bei offener Szene, be sonders aber nach den Aktschlüssen, reichen und lauten Bei­fall, der sich gegen Ende enthusiastisch steigerte. Im ganzen betrachtet, war es ein genußreicher, künstlerischer Abend, für den wir den ausübenden Künstlern des Darmstädter Hoftheaters, ebenso wie dem Gießener Theaterverein herz­lich dankbar bleiben. H. J. O.