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Anstrengung konzentrierte er nach solchen Ab­wegen sein Denken aufs neue auf seine Aufgabe. Defters schon waren ihm die Augen vor Mudig keit zugefallen. Gewaltsam riß er sie wieder auf.. Er mußte ja fertig werden....

Mußte

Eine weitere halbe Stunde verging. Percy Gifford war jetzt fest in seinem Schreibtischsessel eingeschlafen, den Kopf in die Hände gestützt, die auf der Tischplatte ruhten. Er schnarchte, und die lauten rasselnden, sägenden Töne, die bald an schwollen, bald zu einem dumpfen Schnauben sich milderten, brachten in die kleine Gestalt dort hinten auf dem Diwan plötzlich Leben. Vorsichtig richtete sich der Junge erst zu sitzender Stellung auf, glitt dann von seiner Lagerstatt herab und schlich lautlos zu seinen zerlumpten Kleidern, die, in einer Ecke zu einem Haufen geschichtet, unordent­lich dalagen. In wenigen Sekunden hatte er sie übergestreift, ohne das geringste Geräusch zu ver­ursachen. Das vorhin so leidensvoll aussehende Kindergesicht war jetzt vollkommen verändert. In diesen scharfen, spitzen Zügen, um diese fest auf­einandergekniffenen Lippen und in den forschenden, unruhigen Augen, die unermüdlich den Schläfer umspielten, wohnte die ganze frühreife Energie und Verderbtheit des Londoner Gassenbuben.

Langsam schob sich der Junge über den weichen Teppich näher an den Schreibtisch heran, immer näher, bis er dicht neben seinem schlafenden, ahnungslosen Wohltäter stand. Eine schmutzige

Kinderhand griff dann behutsam nach den Zeich nungen, nach den mit Zahlen und Worten dicht bedeckten Zetteln und zusammengefalteten Bogen, nahm sie Stück für Stück an sich, legte sie zu sammen und schob sie trotz des leichten Knitterns gleichmäßig sacht in die lederne Aktentasche. Nur an drei Blätter wagte sich die diebische Hand nicht heran.. Denn auf diesen ruhten fest Percy Giffords Arme.

Bill Sanders der arme, kleine Kerl! hatte sein Werk fast vollendet fast! Noch hieß es, sich mit der Beute auch glücklich und ungesehen aus dem Staube machen. Und das war wohl das Schwerste.... Ruhig eilten jetzt seine Blicke über die Fenstervorhänge hin, prüfend und überlegend. Aber wozu sollte er wohl die schöne goldene Uhr, die da neben dem dicken Portemonnaie auf dem Mitteltische lag, nicht mit gehen heißen? Und Uhr und Geldbörse ver­schwanden gleichfalls lautlos in der Ledertasche.- Dann schlich der Junge zum Fenster und schlug die Stores zurück. Draußen graute bereits der Morgen. Eile tat nun wirklich not. Gewandt wie eine Katze kletterte er auf den Fensterkopf. Mit knirschendem Geräusche dreht sich der Fenster­verschluß, der eine Flügel öffnet sich...

In das stille Zimmer dringt von der Straße her ein dumpfes Aufschlagen, wie von dem Fall eines Körpers auf die Steinplatten des Trottoirs,

darauf ein halb unterdrückter Schmerzensschrei hinein, der bald in wimmerndes Weinen ver­klingt... Klappend stößt die Zugluft den Fenster flügel wieder zu... Aber Percy Gifford er wacht nicht, träumt weiter von zwei roten, weichen Lippen, von Felicia Warrington, von seinem Glück...

Zwei Stunden später findet der alte Diener seinen Herrn noch in derselben Stellung schlafend vor. Und nach weiteren zehn Minuten jagt der völlig ver­zweifelte Hauptmann in einem schnell herbei geholten Wagen dem Hauptquartier der Londoner Polizei in Skotland Yard zu, läßt sich bei dem diensthabenden Inspektor melden und trägt ihm den Fall vor, bittet um schleunige Hülfe, beruft sich auf die Wichtigkeit der gestohlenen Papiere

und erreicht, daß ungesäumt alle verfügbaren Detektivs dem Jungen auf die Spur gehetzt wer­den. Mehr kann Percy Gifford für den Augen­blick nicht tun. Völlig gebrochen kehrt er in seine Wohnung zurück.... Wenn die Dokumente nicht wiedergefunden werden, wenn sie ins Ausland, in die Hände einer fremden Macht gelangen, ist er entehrt für alle Zeiten... Ein Disziplinar­verfahren wird dann gegen ihn eingeleitet, dessen Ausgangschimpfliche Dienstentlassung- kaum zweifelhaft sein kann.... Von ihm, dem gesell­schaftlich Unmöglichen, wird sich jedermann zurück­ziehen, und Felicia muß er unter diesen Um­ständen aufgeben, muß..

*

Auf der nach dem Parke zu gelegenen großen Terrasse des Landhauses der Lady Warrington sitzt an demselben Vormittag um die lange Früh­stückstafel eine vergnügte Gesellschaft beisammen

all die Damen und Herren, die der wolken­bruchartige Regen nach dem gestrigen Gartenfest in dem gastfreundlichen Hause zurückgehalten hat. Nur zwei sind darunter, die an der allgemeinen Fröhlichkeit nicht teilnehmen, sondern meist ver­sonnen vor sich hinschauen und zerstreute Ant­worten geben, wenn jemand das Wort an sie richtet, Felicia Warrington und Lord Cowper. Dieser zerbricht sich schon den ganzen Morgen ver­geblich den Kopf darüber, weswegen Felicia ihn plötzlich mit so auffallender Kälte und Reserviert­heit behandelt, wo er sich doch bis jetzt seiner An­sicht nach die größten Hoffnungen machen durfte, baldigst durch die Millionen der Warringtons seine etwas stark in Unordnung geratenen Finanz­verhältnisse für alle Zeiten regeln und dann einem Leben entsagen zu können, das selbst für seine an Aufregungen aller Art gewöhnten Nerven zu hohe Anforderungen an abenteuerlichen Wagemut und leichtsinnige Preisgabe des eigenen werten Ichs stellte. Denn seine vielfachen Verbindungen mit politischen Agenten fremder Mächte, denen er, der in den höchsten Kreisen Zutritt fand, wertvolle Dienste als Spion leistete, konnten nur zu leicht durch einen unglücklichen Zufall verraten werden und ihm eine Deportation nach einer der nicht allzu verlockenden überseeischen Verbrecherkolonien eintragen. Diesen nicht besonders angenehmen Reflexionen hing Lord Cowper mit selbstquälerischer Beharrlichkeit nach, während um ihn her das klingende Lachen der jungen Damen ertönte und seine Bekannten ihn erfolglos wegen seiner Schweigsamkeit immer häufiger mit allerlei Neckereien verfolgten. Man war eben von dem ,, lustigen, schönen Edward" etwas anderes gewöhnt als dieses trübe Vorsichhinstarren und dieses ge­zwungene, geistesabwesende Lächeln...

Unwillkürlich glitten Cowpers Gedanken von der Person Felicia Warringtons zu Percy Gifford hinüber, den seine Rusine gestern ebenso sehr bevor­zugt, wie sie ihn selbst zurückgesetzt hatte. Ein hämisches Grinsen umflog die dünnen Lippen des verkommenen jungen Edelmannes, als er jetzt daran dachte, daß der gefürchtete Nebenbuhler, falls der Diebstahl der Papiere glückte, für immer beseitigt sein würde. Und die Erwartung auf einen erfolgreichen Ausgang dieses gegen den Hauptmann gerichteten Streiches ließ plötzlich all die unerfreulichen Ueberlegungen von ihm abfallen und gab ihm eine beinahe tolle Lustigkeit ein, über­die sich aber bei ihm niemand wunderte, da man an seine wechselnden Launen längst gewöhnt war.

( Schluß folgt.)

und ich suche Sie seit Wochen überall. Von dem Ihnen anvertrauten Hut will ich noch gar nicht reden."

Da schlug die so Angeredete beide Hände vor das Gesicht.

Ein Schluchzen stieß sie unbarmherzig hin und her. Der Hut- der teure Hut"

Miß Howfield zog sie mit sanfter Gewalt näher zu sich heran.

Erzählen Sie uns jetzt alles, Kind! Ihnen soll nichts geschehen. Hören Sie-- weder Strafe noch Ersatzanspruch wird Sie treffen, wenn Sie die volle Wahrheit sprechen!"

Und endlich beichtete das Mariechen.

Durch Sturm und Regen habe sie sich tapfer hindurch­gerungen und sei auch glücklich an die ihr bezeichnete Haltestelle der elektrischen Straßenbahn gelangt, als ein Heftiger Windstoß sie packte ihr die Schachtel entriß und sie pfeilgeschwind entführte. Natürlich stürzte sie ihr sofort nach ja, auch noch ein paar Mitleidige beteiligten sich an der Jagd. Es wäre sicher gelungen, der Schachtel wieder habhaft zu werden, wäre nicht im entscheidenden Augenblick ein Auto über dieselbe dahin gesaust.... Die losen zerbrochenen Pappwände hätte der wilde Sturm sofort entführt. Sie selbst sei vor Schreck und Angst ohnmächtig geworden. Als sie endlich in einem Hausflur umringt von hülfreichen Menschen - zur Besinnung gekommen, wäre der Hut verschwunden Ins Geschäft zurück hätte sie sich nicht mehr gewesen. gewagt, weil ihr die Herrin ja zuvor ausdrücklich ge­sagt, sie hafte für jeden Schaden. Aus diesem Grunde sei sie auch den Ihren ferngeblieben. Auf Schritt und Tritt habe sie gefürchtet, entdeckt und abgeführt zu werden. Darum habe sie sich von ihren Spargroschen, die sie stets um den Hals in einem Beutelchen getragen, einen alten Jungenanzug gekauft und arbeite in dieser Verkleidung seither bei Meister Stichling.

Das klang so ehrlich und klar, daß die beiden Zu­hörer auch nicht einen Augenblick an der Wahrheit des Erzählten zweifelten.

Wenn nur jenes neue Rätsel, wie die alte Haus­hälterin in den Besitz der Federn gekommen, sich nicht immer drohender und finsterer zusammengeballt hätte!

Meister Stichling gab, nachdem er alles erfahren, dem Lehrling bereitwillig die Erlaubnis zu einigen Freistunden. Nur mit der verlangten und auch in dem nächsten Geschäft sehr schnell bewirkten Verwandlung des Geschlechts zeigte er sich nicht sofort einverstanden. Aber schließlich wußte er sich darein zu finden.

II

Das Mariechen in der Mitte, eilten sie jetzt der Wohnung des Professors entgegen..

Frau Schmidtchen weinte immer noch hinter der ver­schlossenen Tür. Erst die Drohung des Professors, daß er gewaltsam werde öffnen lassen, wenn dies binnen fünf Minuten nicht freiwillig geschehen sei, brachte sie zur Nachgiebigkeit.

Zitternd mit vor Weinen dickgeschwollenem Gesicht stand die brave Alte schließlich vor ihnen.

Der Professor redete ihr sanft und tröstlich zu. " Liebe, alte Schmidtchens, ich weiß ja doch, daß Sie nichts Unrechtes getan haben. Nur Aufklärung sollen Sie uns geben!"

Da stieß sie, von neuem in ein Weinen ausbrechend, angstvoll hervor:

" Doch, Herr Professor, ich habe was Unrechtes getan. Seien Sie nicht so gut mit mir! Ich bin eine ganz schlechte Person... Ich habe die alte, zertretene Kiepe mit den verschmutzten Federschwänzen dran auf dem Spittelmarkt gefunden und mitgenommen."

Aber wozu denn nur? liebste Schmidtchen? Sie tragen doch, solange ich Sie kenne, Ihr Kopftüchlein. Sagen Sie uns in aller Welt, was wollten Sie mit dem Hut?"

Da blinzelte sie ihm beinahe ein bißchen fröhlich aus den verweinten Augen zu und öffnete vollends die Tür der Küche.

In der Nähe des kleinen Herdes, in dem ein ge­mütliches Kohlenfeuer knisterte, in die wärmste und dunkelste Ecke hineingesprengt, stand etwas, das sich bei gründlicher Untersuchung als ein mächtiger, einstmals weiß gewesener Fälbelhut darstellte. Und drinnen quiekten dehnten und reckten sich über- und neben­einander acht allerliebste kleine Miezchen, die die alte treue Katzenmutter in einem ziemlich verspäteten Nach­sommer ihres Lebens der alten Schmidtchen geboren hatte...

Da brachen sie alle in ein helles befreiendes Lachen aus. Als Miß Howfield die Augen hob, um zu er= gründen, was Professor Krüppling wohl in dieser Sekunde denken mochte, stieg ihr eine glühende Röte ins Gesicht....

Seine Augen sprachen eine große, innige Bitte aus zu ihr hinüber.

Und sie wußte plötzlich, daß ihr für den verlorenen Hut etwas anderes ungleich Wertvolleres das ihr weder Sturm noch Regen entreißen sollte, beschert worden war.

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S

üße Milch in meinen Kannen, Aber sauer ist mein Weg; Früh vor Tage durch die Tannen Wandr ich auf dem steilen Steg. Ach, und komm ich an die Schmiede, Wo am Baum die Haseln stehn, Brennt mich was im Augenlide, Muß mich schnell zur Seite drehn. Wohl die Funken seh ich jagen, Und der Hammer dröhnt und schallt Keiner hat so schön geschlagen

Mariele.

Wie mein Schatz, der Schmied im Wald!

Freilich manch ein guter Bolzen

Und es macht ihm ewig Gram Ist ihm auf dem Herd zerschmolzen, Wenn ich just vorüberkam, Reichte kühle Milch dem Heißen, Und er hat sie nicht gespart; Lachend strich er sich die weißen Tropfen aus dem braunen Bart.

Alles hätt ich gern gegeben,

Keiner sprach so schönen Dank. " Grüß dich Gott!" und durch die Reben Ward der Weg dann nimmer lang.

Lange noch auf meiner Wange Feuersglut der Esse lag,

Und gesellig klang noch lange Hinter mir sein Hammerschlag.

Jetzt der Pfirsisch an der Mauer Steht in Blüten rosenrot, Aber mir in meiner Trauer Sind die Blüten taub und tot.

Tropfen sind im Brunnen viele Mancher tut mir freundlich gar Aber niemand ruft Mariele", Wie er rief vor einem Jahr. Aus dem Land ist er gegangen, Uebers Meer, zu Schiffe weit Weiße Milch und weiße Wangen Saurer Weg und saures Leid.

Ilse Frapan.

II

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