Wie in England gewählt wird.
Das Bild einer englischen Wahl unterscheidet sich wesentlich von einer deutschen. Während bei uns sich die Hauptsächlichste Erregung erst am Tage der Wahl zeigt und die Kampagne vorher sich auf Zeitungsartikel und Versanint= lungen in geschlossenen Räumen beschränkt, pulsiert in England eine aufgeregte Stimmung schon wochenlang vorher in allen Straßen der englischen Städte. Auch die Versammlungen zeigen ein anderes Bild wie in Deutschland, Eine Diskussion, wie wir sie im Anschluß an eine Wahlrede kennen, gibt es in England nicht, an deren Stelle tritt der sogenannte ,, Heckler", ein Zwischenruser, ein Fragesteller und jede Frage muß von dem Kandidaten beantwortet werden. Die Zeitungen zeigen ein ähnliches Bild zur Wahlzeit wie die deutschen, nur daß mit Verminderung der Parteien, von denen in England ia eigentlich nur zwei in Frage kommen, eine Vergrößerung der Einseitigkeit des Standpunktes und der Unwahrhaftigkeit der Argumente Hand in Hand geht, so daß es dem einfachen Manne ungemein schwer gemacht werd, einen richtigen Ueberblick zu gewinnen. Den größten Unterschied zeigt jedoch das Leben auf der Straße. Während in Deutschland alles seinen ruhigen Gang geht, ganz wie gewöhnlich, hat in England die Wahlerregung das ganze öffentliche Straßenbild infiziert. Die Agenten des Kan didaten, und unter ihnen viele Frauen, vor allem die Frauen, Mütter und Schwestern der Bewerber um einen Sitz im Unterhause, gehen von Haus zu Haus und werben um Stimmen; so mag es denn geschehen, daß eine vornehme Baronin an die Türen der ärmsten Bevölkerung klopft, mit ihnen über Politik tiefsinnige Gespräche führt und wohl auch häufig zum Tee eingeladen wird, den sie im Interesse der guten Sache runterschlucken muß. Dem Kandidaten geht es nicht im geringsten besser. Auch er hat dieses Geschäft zu besorgen und außerdem zahllose Reden zu halten, solange es noch hell ist, unter freiem Himmel und abends in geschlossenen Räumen. Dabei ist er nicht nur den Zwischenrufen der Heckler" ausgesetzt, sondern auch sehr oft recht tumultuarischen Szenen.
Eine besondere Spezialität der diesjährigen Wahlkampagne sind die sogenannten ,, Dumping Shops", Läden, in benen die vom Auslande importierten Waren ausgestellt sind. Recht lustig wirkt ein solcher Laden in einer Straße in London. Ueber dem Schaufenster hängt ein langgestrecktes schmales Schild, das den Wähler auffordert, Freihandel und Zolltarifpreise der Artikel mit einander zu vergleichen, darüber aber, in gleicher Länge, aber riesenhoch ein Schild mit der Aufschrift ,, Radikales Geschwäb! Seht Euchs an und lacht!" Die Erklärung für diese seltsame Dissonanz ist, daß das Parterre von der Freihandels- Union, die erste Etage aber von den Tarif- Reformern gemietet worden ist. Denselben Trick wenden übrigens auch die Liberalen an. Welch drollige Szenen sich zuweilen bei der Propaganda von Haus zu Haus ereignen, zeigt der folgende Vorfall. Die Tochter eines radikalen Kandidaten klopft an der Tür eines Hauses in Hampstead an, die aber nur halb geöffnet wurde. Als sie den Zweck ihres Besuches mitteilte, erhielt sie die Antwort, daß die Bewohner einer religiösen Sette angehörten und nichts mit der Wahl zu tun haben wollten. Die Dame war klug genug, sofort einige Bibelstellen zu zitieren, woraufhin sie zum Tee eingeladen wurde und von dem Manne das Versprechen erhielt, für ihren Kandidaten zu stimmen.
Holland abermals in Hoffnung?
Die junge Königin Wilhelmine der Niederlande hat, wie man aus dem Haag berichtet, das Schloß Loo verlassen und bringt, wie alljährlich, die Wintermonate in der Hauptstadt ihres Landes zu. Dort fand vor einigen Tagen ein glänzender Hofball statt, an welchem die Königin teilnahm. Die Königin beteiligte sich indessen nicht am Tanzen und hielt auch nicht Cercle, sondern sah ihren Gästen während des ganzen Abends in einem Lehnstuhle fißend zu. Man nimmt diese Tatsache allgemein für eine Bestätigung des bereits seit mehreren Wochen verbreiteten Gerüchtes, daß die Königin sich von neuem in gesegneten Umständen befindet. Der Geburt eines zweiten Kindes der Königin würde man in dem ganzen Königreiche mit nicht viel geringerer Spannung entgegensehen als der des ersten. Denn wenn dieses zweite Kind ein Sohn ist, so wird es Kronprinz der Niederlande, und sein älteres Schwesterchen, die kleine, im vorigen Jahre geborene Kronprinzessin Juliane, verliert den Titel einer Kronprinzessin und das unmittelbare Recht auf die Thronfolge.
Rundschau vom Cage. Politismes.
Die Budgetfommission des Reichstages genehmigte dte Nachtragsforderungen für Deutsch- Südwestafrika und vertagte die Fortsetzung ihrer Beratungen auf den Dienstag der neuen Woche. In der Debatte trat Staatssekretär Dernburg einem Zentrumsantrage entgegen, wonach BergwerksSonderberechtigungen und Landkonzessionen vor der Verleihung dem Bundesrat und Reichstag zur Genehmigung vorzulegen sind. Der Antrag sei praktisch unausführbar und staatsrechtlich bedenklich. Weiter widerspricht der
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Der Fall Welshofen.
Kriminalroman von M Kossat.
( Nachdruck verboten.) Nun, so antworten Sie doch, Brümmel", sagte der Richter jett ärgerlich, erklären Sie mir, was Sie sich dabei dachten, als Sie die Sasse mit Ihren Reden von bornherein darauf aufmerksam machten, daß es sich um ein Verhör handelte?"
,, Herr Doktor entschuldigen", erwiderte Brümmel bescheiden ,,, aber Herr Doktor irren sich. Ich habe die Sasse nicht von vornherein darauf aufmerksam gemacht, daß es sich um ein Verhör handelte, sondern ganz im Gegenteil hätte ich das getan, wenn ich sofort mit dem Brief her= ausgerückt wäre. Dann hätte sie doch gleich gewußt, was Tos war und wäre auf ihrer Hut gewesen. Ich würde dann nichts von ihr erfahren haben."
Ja, was haben Sie denn erfahren?" erkundigte sich Heilmann mürrisch.
Daß sie nichts, aber auch buchstäblich nichts von der Mordsache weiß und daß es daher ganz verschwendete Mühe wäre, wenn wir in dieser Hinsicht weiter in sie dringen würden und zweitens, daß fie furchtbar eifersüchtig auf die Brusio ist. Alles, was sie sagte, legte von dieser Eifersucht Zeugnis ab. Sie wurde blaß und rot, als ich tat, als wäre ich mir nicht ganz klar darüber, ob sie oder die Brusio mit dem Olfers verlobt sei. Dagegen keine Spur von Besorgnis, daß man den Offers mit der Mordsache in Verbindung bringen könnte. Diese Möglichkeit war thr offenbar noch gar nicht in den Sinn gekommen. Nachdem ich diese Gewißheit gewonnen, kam ich mit dem Brief hervor, denn etwas anderes wollte ich jeßt nicht mehr von ihr erfahren, als die Tatsache, daß er ihn geschrieben."
Der Untersuchungsrichter biß sich in die Lippen, denn Brümmels Ausführungen waren unanfechtbar. Er, er selbst Doktor Heilmann, hatte falsch geurteilt. Da aber kein Vorgesetzter seinem Untergebenen leicht verzeiht, wann lezterer ihm gegenüber recht gehabt hat, so steigerte diese Erfenntnis nur den Groll, den er gegen Brümmel hegte. Wiederholt hatte der scheinbar so demütige Detektiv ihn seine Ueberlegenheit fühlen lassen.,
Staatssekretär dem Antrage, der Kolonialgesellschaft für Deutsch- Südwest bet Verleihung der Abbaurechte größere Lasten aufzuerlegen. Der Gesellschaft kann ihr Bergrecht bet der Erteilung einer Sonderberechtigung zugunsten Dritter nicht genommen werden. Der Zentrumsantrag wurde zurückgezogen, die südwestafrikanischen Einnahmeposten und der Nachtragsetat mit zusammen 5,3 Millionen M wurden genehmigt.
Der Konflikt zwischen den Bischöfen von Mezz und Straßburg und der reichsländischen Regierung besteht unverändert fort. Das zunächst geheim gehaltene, dann aber der Oeffentlichkeit übergebene Schreiben des Statthalters Grafen von Wedel hält lediglich den Einspruch der reichsländischen Regierung gegen das Verhalten der Bischöfe in Sachen des Beitritts katholischer Lehrer zu dem Allgemetnen Deutschen Lehrerverein aufrecht. In ihrer Antwort auf das Schreiben des Statthalters betonen die Bischöfe, daß sie den von ihnen eingenommenen Standpunkt nicht verlaffen könnten.
Pachtsteigerungen auf den preußischen Domänen. Der preußische Landwirtschaftsminister hat dem Landtag eine Uebersicht über die neuen Verpachtungen von preußischen Domänenvorwerfen übersandt. Für 26 Vorwerke, die tm Jahre 1909 pachtfret wurden, ist der Wachtzins von 447,580 auf 491,734 M erhöht worden; für 27 Vorwerke, deren Pacht im Jahre 1910 abläuft, ist der Pachtzins von 531.693 auf 596.462 M gestiegen. Auf den Hektar berechnet, beträgt nunmehr der Pachtzins bet der ersten Serte 50,6 M gegen 44,1 in der letzten Pachtperiode, bei der zweiten Serie 48,9 M negen 43,8 im Durchschnitt der vorigen Pachtzeit und 40,9 bei deren Beginn.
Einen Bericht über die Graebnisse des Betriebes der preußisch- hessischen Staatseisenbahnen im Rechnungsjahre 1908 ist dem Abgeordnetenhause angegangen. Darin wird berichtet. daß die Fahrkartensteuer feinen Einfluß mehr auszuüben scheint denn die 2. Klaffe wird wieder mehr benutzt und die Abwanderung aus der 3. in die 4. Klasse hat aufgehört.
Die Reichsversicherungsordnung ist, wie die„ Neue vol. Korr." hört het der Beratung in den Bundesratsantsimit fen Hinsichtlich des Verfahrens bei der Feststellung der Renten erheblich umgestaltet worden. Diese Feststelluna wurde dem Träger der Versicheruna, d. t. für die Infallversicherung den Berufsgenossenschaften. für die Invalidenversicherung den Landesversicherungsanstalten übertragen. Die Vorbereitung der Entscheidung ist für die Versicherunasameige verschieden geregelt. In der Aratfrage ist eine endgültige Entschließuna des Bundesrats noch nicht gefaßt. Ein Nachspiel aum Gieler Werftnrozek. Der Erfte Staatsanwalt in Kiel, Greffrath, ist nach dem„ Berl. L.-A." zum 1. April nach Neumted( Oberlandesgerichtsbezirf Frankfurt a. M.) verfekt worden. Muker ihm find seine Vertreter, d H sämtliche dret Staatsanmälte, die in dem befannten Werftprozek die Anklane vertraten, von Kiel verfekt worden. Die Verfekung ist wohl auf den unerwarteten Ausgang des Merftnrozesses zurückzuführen.
Itzeipräsidenten zu ersuchen, oorbehaltitch einer späteren gesetzlichen Regelung der Angelegenheit den Grlaß einer Polizeiverordnung zu erwägen, durch welche das Führen von Handfeuerwaffen ohne polizeiliche Erlaubnis verboten wird.
Ein ungetreuer Bankbeamter. Das Verschwinden des Bankbeamten Kurt 8teß aus Charlottenburg, der seit ei nigen Wochen seine Wohnung verlassen hat, wird mit großen Veruntreuungen des Verschwundenen in Verbindung gebracht, die er in einem Zeitraum von 5 Jahren begangen haben soll. Die Höhe der veruntreuten Gelder soll sich auf 500 000 M belaufen.
Eine Arbeiterdenkmüsze wurde auf Veranlassung des französischen Ministers des Auswärtigen für die französischen Arbeiter hergestellt, die am Bau und der Renovierung der Botschafterpaläste in Wien und Berlin be= teiligt waren. Die eine Seite der Medaille trägt das Bild der Wiener Botschaft, resp. etn Porträt des Präsidenten Fallieres, die Gesenseite die Widmung des Ministers Pichon.
Venedigs Kanäle ohne Waffer. Venedig ist seit Freitag in dichten Nebel gehüllt. Gleichzeitig sind die Fluten des Adriatischen Meeres zurückgetreten, so daß eine große Anzahl der Kanäle Venedigs trocken daliegt. Die Dampfer nach Triest konnten nicht auslaufen. Mehrere Kriegsschiffe und transatlantische Dampfer blieben infolge des gesunfenen Wasserspiegels fest liegen.
Ein eigentümliches Säbelduell hat gestern in Genua zwischen einem Professor und einem Doktor stattgefunden. Der Zweif pnpf dauerte zwei Stunden und machte im gauzen 54 Gänge notwendig. Die Gegner mußten, völlig erschöpft, den Kampf aufgeben, und wurden schließlich ohn mächtig.
Ausstand der Pariser Sargträger. Ein neuer Ausstand, der die Pariser bedroht, ist der der Sargträger. In einem Maueranschlag fündigt diese Berufsgruppe an, sie werde, wenn ihre Forderungen nicht bewilligt würden, die teuersten Gefühle der Leidtragenden verleben, da sie keinen anderen Weg hätten, um ihre Forderungen geltend zu machen.
Eine Todeskarawane. Aus Kamtschatka wird gemeldet: Infolge Ausbleibens des Dampfers, der den Verkehr nach dem Süden vermittelt, war ein Trupp von 34 Personen an der Nordküste der Halbinsel lange Zeit dem Frost und Hunger ausgesetzt. Schließlich versuchten die Unglücklicht Petropawlowsk auf dem Landwege zu erreichen. Nur ein Teil von ihnen gelangte jedoch mit erfrorenen Gliedmaßen nach Osernoje. Elf Personen waren unterwegs den Strapazen erlegen.
Vergifteter Apfelkuchen. In Mülhausen im Elsaß wurde die Witwe Raith verhaftet unter dem Verdacht, einer Haushälterin vergifteten Apfelkuchen gegeben zu haben. Die Verhaftete legte ein Geständnis ab. Sie wird auch beschuldigt, ihren vor einigen Jahren plötzlich verstorbenen Mann vergiftet zu haben.
Im Irrsinn versuchte in Berlin in der Nacht zum Freitag der Arbeiter Gericke in der Prinzenallee seinen, 22jährigen Sohn zu ermorden. Er richtete ihn durch Messerstiche fibel zu, wurde aber an der Vollendung seines Vorhabens gehindert. Der alte Gericke war bereits zweimal in der Irrenanstalt Dalldorf.
Ein vierfaches Todesurteil wurde im serbischen Orte Zajetschar vollstreckt. Der Bürgermeister Race in Bodgorina war von seinen Brüdern, in Gesellschaft zweier anderer Genossen ermordet worden. Gestern wurden die 4 Mörder erschossen. der
Franzöfifche Orden für Mitalieder des ReichsfnTonial: amts. Anläklich des Zustandekommen3 der deutsch- franzö fischen Grenzvermessung zwischen Kamerun und FranzöfifchKonov haben Unterstaatssekretär Dr. v. Lindeaufft das Grokoffizierskreuz der französischen Ehrenfeaton. der vortracende Rat und Referent für Kamerun im Reichsfotonialamt, Geheimer Herregierungsrat Dr. Trhr. n. Dant= felmann, das Offiziersfreuz und vler Hauptlente das Ritterfreuz des gleichen franzöfifchen Ordens erhalten. Amerikas Lebensmittelanafuhr. Der Präfident Mennorfer Rentralhahn, Brown, sprach in einem Mortrane die Ansicht aus. daß die Lebensmittelauefuhr merifas nach drei Jahren aufhören werde. da die Produktion hinter dem Der enormen Wachstum der Bevölkerung zurückbleibt. Grund der fekinen gemaltinen Verteuerung der LebensBedürfnisse fet nicht das Anwachsen der Goldproduktion. Wers alaubt.
Die Gärung in Indien. Die Ausdehnuna des Aufstandsaesekes, das bisher nur in einigen Provinsen zur Anwenduna kam auf aanz Indien Hemeist den Ernst der Page Infolae der letzten polttischen Verbrechen befinden fich Hauptpunkte der revolutionären Bemeauna in Bomban und im Gebiete der Mahoratten. Di Brahminen werden aukerordentlicher revolutionärer Tätiafeit befchurafat. Ge= rüchte besagen, daß der Rizekönig fortaefekt Drohbriefe er= hält und deshalb nur menin in der Deffentlichkeit erscheint.
Kleine Nachrichten.
Gine 200 Berfonen starke Muswandererfamilie. Gestern traf in Fiume eine aus zweihundert Personen bestehende rumänische Auswandererfamilie ein, die sich auf dem Wege nach Vern befindet. Vom Urgroßvater bis zum Säugling waren alle Lebensalter vertreten. Der Urgroßvater ist trok feiner neunzig Jahre der Leiter der seltsamen Karawane, die an ein Familienbild aus biblischer Zeit erinnert.
Bewegung im deutschen Malerverbande. Die Mitglie der der Berliner Zahlstelle des deutschen Malerverbandes haben am Donnerstag in vier aroken Versammlungen mit 1265 ggen 789 Stimmen den Reichstarts abgelehnt. Nun haben die anderen Rahlstellen das Wort.
Gegen die Revolverhelden. Die auffallend vielen blutigen Grzeffe der letzten Tage haben dem preußischen Minister des Innern Beranlassung geschen, den Berliner Bo
,, Und in welcher Richtung gedenken Sie ießt weiter Ihre Nachforschungen zu richten?" fragte Heilmann.
Brümmel überlegte. Er wollte dem Richter nicht deutlich sagen, was er dachte, um besser freien Spielraum für seine Handlungsweise zu behalten. Ich meine, daß es doch gut wäre, sich mit Offers Kollegen in Verbindung zu setzen", äußerte er dann.
,, Wozu? Wollen Sie Leumundszeugnisse über Olfers haben? Damit hat es vorläufig noch Zeit, fürs erste handelt es sich darum, den Spuren zu folgen, die wir haben."
Und die sind nach der Meinung des Herrn Doktor?"
,, Nun, wir wissen, daß der Graf mit Morphium vergiftet ist, also wäre es festzustellen, ob und wo der Olfers das Morphium gekauft hat."
,, Sind der Herr Doktor denn wirklich sicher, daß der Graf an Morphium gestorben ist?" warf Brümmel gleichmütig ein.
Heismann sah überrascht auf. ,, Was? Darüber besteht doch kein Zweifel."
,, Herr Doktor verzeihen, aber die Seftion hat ergeben, daß die Morphiumdosis eine verhältnismäßig kleine war. Der Arzt sagt, laß er kaum begreife, wie diese geringe Menge des Gifts den Tod eines Menschen zur Folge haben konnte. Er meint, es müßten da Komplikationen hinzugetreten sein, die Herzschlag herbeiführten-"
,, Nun also?" unterbrach der Richter den Detektiv. ,, Gewiß ia, aber dennoch meine, ich" Brümmel stockte und sprach nicht aus, was er dachte. ,, Wenn der Herr Doktor wünschen, will ich also wegen des Morphiums nachforschen", fügte er hinzu. Also aus dem Dlfers war nichts herauszubekommen?" fragte er nach einer Weile, während deren Heilmann sich Notizen macht.
Nichts", bestätigte dieser. Ich habe den Grafen nicht ermordet und weiß von nichts", ist alles, was er auf meine Fragen antwortete. Wollte ich wissen, warum er dem Grafen an dem Mordabend nachgefahren ist oder welcher Art die Beziehungen zu der Brusio sind, so verweigerte er die Aussage. Das ist einer von den Menschen, mit denen absolut nichts anzufangen ist ich kenne
Neue Mordtat der Pariser Apachen. Auf Schloß Roussillon bei Chalons sur Saone ist das Ehepaar Morot von drei Burschen im Alter von 18, 20 und 21 Jahren erschlagen worden. Die Mörder wurden verhaftet. Es sind Bariser Apachen.
Wissenschaft, Kunst und Citeratur.
Die Auffindung von Minneliedern in Münster. Zu dem literarischen Fund im Staatsarchiv zu Münster wird noch gemeldet, daß man jetzt damit beschäftigt ist, die mittelelterlichen Noten zu den aufgefundenen Terten der drei Lieder von Walther von der Vogelweide ins Moderne zu übersetzen, so daß bald Gelegenheit gegeben sein wird, diese Lieder des aroken Sängers in der Originalmelodie erklingen zu hören.
Gine türkische Akademie der Wissenschaften. Ein in Baris lebender, über ein sehr grokes Vermögen gebietender Türke stiftete 2% Millionen Franken zur Gründung einer türkischen Akademie der Wissenschaften deren 72 Mitglieder vornehmlich der Pflege der türkischen, arabischen und serbischen Sprache obliegen sollen. Der Stifter der vorläufig noch ungenannt bleiben will, wird sich nach Vollenduna feiner vorbereitenden Arbeiten in Paris demnächst nach Berlin begeben. Er mill Hei den hervorragendsten Orientalen anfragen, ob sie die Ernennung zu forreivon dierenden Mitaliedern annehmen und bei Organisation der foñemie wittäin fein molen.
Flus den Gerichissälen.
Der Riesendiebstahl auf dem Möllerschacht in Gladbed gelangte gestern vor der Straffammer des Landgerichts Effen zur Verhandlung Angeklagt find: der 43iährige
diese Menschen und kann mich auf meinen Scharfblick verlassen."
Wieder flog unter Brümmels gesenkten Vidern einer seiner raschen, scharfen Blicke zu dem großen Menschenkenner Heilmann empor.
,, Haben Herr Doktor noch einen Auftrag für mich?" fragte der Detektiv.
,, Augenblicklich nicht. Statten Sie mir morgen Rapport ab, ob Sie etwas über das Morphium erfahren haben."
Damit war Brümmel entlassen. Als er auf der Straße stand, veränderte sich der Ausdruck seines Gesichts. Verachtung und Haß leuchteten aus seinen Zügen. Wie oft hatte dieser Richter, über dessen Kurzsichtigkeit in allen kriminellen Fragen der Detektiv nur mitleidig die Achseln zucken konnte, nicht schon seine besten Pläne durchkreuzt Surch seine törichten Anordnungen, wie oft ihn, Brümmel, nicht um den Preis seiner Mühen gebracht!
Ging die Sache dann schief, so hieß es, des Detektivs Ungeschick trüge die Schuld daran. Aber war er nicht zum Teil vielleicht auch verantwortlich an diesem bösen Ausgang? Warum mußte er Heilmann denn immer seine Vermutungen und Absichten auseinandersetzen? Konnte er nicht scheinbar seinen Weisungen nachkommen und zu gleicher Zeit ganz still auf der gefundenen Fährte der Spur nachgehen, um, wenn er an seinem Ziel angelangt war mit fertigen Resultaten hervorzutreten?
Nun, diesmal wollte er nicht wieder so dumm sein, diesmal wollte er seinen Vorteil wahren. Er war es müde, sich Heilmanns törichten Weisungen unterzuordnen. Der Mann verdarb ihm seine Karriere.
Eine Stunde später promenierte vor der Wohnung der Anita Brusio ein Mann vom Ansehen eines Kommis oder fleineren Buchhalters. Seine Kleidung war schon ein wenig abgenußt, aber peinlich sauber und ein wenig stuberhaft.
Der Hut saß ihm keck auf der Seite und in der Rechten schwang er unternehmend ein Spazierstöckchen. Niemand würde in diesem feschen Handlungsbeflissenen, dem man es ansah, welche Mühe er sich gab, fich das AeuBere eines Kavaliers zu verschaffen, den bescheidenen, unterwürfiaen Detektiv Brümmel erkannt haben.( Forts. folgt.)
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