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Vom Weimarer Hof.

Der Beginn des Jahres 1910 hat dem Lande Sachsen­Weimar- Eisenach eine Großherzogin gegeben, und es rüstet sich, ihr einen feierlichen und herzlichen Empfang zu be reiten. Starola Feodora von Sachsen- Meiningen ist die fünfte in der Reihe der Großherzoginnen von Weimar, und unwillkürlich richten sich die Blicke zurück zu der ersten von ihnen, zu der Gemahlin Karl Augusts und der Freun din Goethes. Damals, 1775, als Karl August von Weimar Luise von Darmstadt heimführte, waren die Verhältnisse an den deutschen Höfen viel Kleiner und enger als heutzu tage. Prinzessin Luise von Hessen- Darmstadt, am 30. Jaz nuar 1757 als Tochter des Erbprinzen, späteren Land­grafen Ludwigs IX. und seiner Gemahlin Karoline, einer, Prinzessin von Pfalz- Zweibrücken- Birkenfeld, in Berlin_ge= boren, brachte teine großen Reichtümer mit in die Che. Das im fürstlich hessischen Hause übliche Heiratsgut, nach dessen Auszahlung die Prinzessin auf alle Ansprüche an die hessischen Lande zu verzichten hatte, bestand nur aus 20 000 Gulden, wurde als Fräuleinsteuer vom Lande erhoben, und bavon war ,, bei der großen Gesdklemme" an den, der sie zusammengebracht hatte, noch eine Provision von 400 Gulden zu zahlen. Die standesgemäße Ausstattung an allen zum Trousseau gehörigen Inventar, Kleider Spizen usw. wurde vom Vater der Braut besorgt, der dafür 28000 Gulden bestimmte. Ihrem eigenen Vermögen wurden dazu noch 12 400 Gulden entnommen. Von weimarischer Seite erhielt die Herzogin eine als Leibrente zu betrachtende Morgengabe von 5000 Tafern und außerdem noch 6000 Taler als Hand- und Spielgeld. Bei der Vermählung brachten die einzelnen Stände und Städte dem fürstlichen Paare Ehrengaben dar, so Eisenach Serenissimo 5000 Taler seiner Gemahlin 2000 Taler, die Stadt Jena 2500 Taler bem Herzog und 1000 der Herzogin.- Werfen wir nun noch einen Blick auf den Trousseau. Da fehlt es nicht, so bemerkt Eleonora von Bojanowski in ihrem Buche Louise Großherzogin von Sachsen- Weimar und ihre Beziehungen zu den Zeitgenossen", an ausgesuchten Schmuckstücken, Arm­bändern, Ringen, Knöpfen und Schnallen aus Edelsteinen und Perlen. Auch eine vollständige silberne Toilette fin­den wir in dem Verzeichnis aufgeführt. Unter den aus Marseille für ihre Ausstattung bezogenen Seidenstoffen befanden sich fünfzehn Ellen rosa- brochierter Atlas, die Elle zu 25 Talern, dann auch schwerer Atlas, die Elle zu 36 Talern, reich mit Paramenten verziert, dazu ge­punterter Atlas und andere reichgestickte Stoffe, so daß bie fünf Roben, die daraus gefertigt wurden, die für jene Beit immerhin die ansehnliche Summe von 2293 Talern fosteten, während die Rechnung ür Winterkleider, darunter eins von grünem Samt, 1280 Taler betrug.

Rundschau vom Cage.

Politisches.

Ein Depeschenwechsel zwischen Kaiser Wilhelm und dem Präsidenten Taft. Präsident Taft erhielt vom Kaiser Wil­Helm zum Jahreswechsel folgendes Telegramm: Ihnen und dem amerikanischen Volke meine besten Wünsche für ein glückliches Neujahr! Präsident Taft erwiderte: In voller Würdigung und Erwiderung der mir übermittelten freund­lichen Wünsche Euerer Majestät, wünsche ich Ihnen und dem deutschen Volke für das kommende Jahr Gesundheit und Wohlergehen.

Die mecklenburgische Verfassungsfrage im Bundesrat. Der Verfassungsausschuß des Bundesrats tritt am Don­nerstag den 6. Januar zu einer Sizung zusammen, um sich wegen der Beantwortung der Interpellation über die medlenburgischen Verfassungsfragen zu verständigen.

Zur prenßischen Wahlrechtsreform. Die Tgl. Rdsch." schreibt: Der Reichskanzler hat, wie wir mitteilen können, dem Kaiser über den Stand der preußischen Wahlreform letthin Vortrag gehalten. Die bisherigen Verhandlungen des preußischen Ministerrats, die noch nicht abgeschlossen find, haben das einmütige Festhalten an der öffentlichen Abstimmung ergeben.

Die Teilnehmer an der Postkonferenz. Zu der Kon­ferenz, die am 7. Januar im Reichs- Postamt zur Erörte­rung einer Reihe von schwebenden Fragen des Postver­fehrs stattfindet, sind im ganzen 25 Einladungen ergangen. Eingeladen sind zwölf Mitglieder des Deutschen Handels­tages, ein weiterer Vertreter des Handels, sechs Mitglieder des Deutschen Landwirtschaftsrates und sechs Mitglieder des Deutschen Handwerks- und Gewerbekammertages.

Den Uebergang deutschen Landes in polnische Hände meldet wieder einmal die Schles. 3tg.". Die größte Acker­bürgerwirtschaft in Herrnstadt, Schlesien, etwa 200 Mor­gen groß, ist von einem Deutschen, dem Ackerbürger Karl Rodestock, an einen Polen verkauft worden. Fast die ge­samte Feldmark von Herrnstadt befindet sich nunmehr in den Händen der Polen.

Dentschfeindliche Ausschreitungen in Straßburg meldet die Straßburger Post". In der" Taverne" in Straßburg, die schon früher der Schauplatz deutschfeindlicher Kund­gebungen gewesen ist, wurden drei deutsche Studenten ohne irgendwelche Veranlassung von einem Stammtisch von Alt­elfässern angefallen und verprügelt. Die Angelegenheit ist bei der Universitätsbehörde zur Anzeige gebracht worden,

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Der Fall Welshofen.

Kriminalroman von M. Kossat.

Nachdruck verboten.

Die Züge des jungen Mannes verdüsterten sich beim Anhören des Namens der Italienerin, aber er bezwang sich. Und wenn er's auch nicht tut," fragte er scheinbar gelassen ,,, was dann? Was kümmert's Dich?"

,, Dann bleibt die Anita hier beim Varietee," kam es seufzend aus dem Munde des blonden Kindes.

,, Ach so! Schon wieder mal eifersüchtig!" meinte er. Verlaß Dich aber darauf, Kind, er heiratet sie. Wen Sie einmal gefangen hat, der kommt nicht mehr los von ihr." Er preßte die Lippen zusammen und murmelte mit halb unterdrückter Stimme einen italienischen Fluch.

Frida sah erschrocken zu ihm auf. Der kommt nicht mehr los von ihr?" wiederholte sie angstvoll. ,, Dann dann kommst auch Du nicht"

,, Was geht mich die Anita an?" unterbrach er sie auch. Ist sie meine Braut, meine Frau oder Geliebte? Mag sie des Teufels Frau werden mir einerlei! Der Teufel holt sie doch über lang oder kurz sie und den, welchen fie an sich gefettet hat. Accanita ragazza!"

,, Du hast sie aber doch einmal sehr geliebt, Felir," warf das Mädchen schüchtern ein.

Ich bitte Dich Kind, wenn Du mich lieb hast, rede nicht von der der" Das Wort, welches sich auf seine Lippen drängen wollte und das gewiß keine Schmei chelei für die Italienerin bedeutete, verschluckte er noch rechtzeitig. Somm', set mein vernünftiges Mädchen quäle Dich nicht mit Dummheiten und sei vergnügt. The der Winter zu Ende ist, werden wir beide ein Paar, und dann machen Herr und Frau Olfers gemeinschaftlich Kunstreisen und nehmen viel, viel Geld ein, so viel, daß meine kleine Frida es eben so gut hat, wie abermals wollte ihm das accanita ragazza" über seine Lippen, vor Fridas flehenden Blicken aber unterdrückte er es. Gib mir rasch einen Kuß, Kleine," schloß er, ,, ich muß noch memorieren, denn weiß der Himmel warum ich fühle mich heute nicht sicher genug, um zu improvisieren."

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Der Vorfall kann, und es sind Erhebungen im Gange. wie die Mülhäuser Affäre, nur zum Schaden der reichs­ländischen Bevölkerung ausschlagen.

Die Beschlagnahme ruffischer Staatsgelder. Dem ehe maligen russischen Ministerpräsidenten Grafen Witte wer­den Aeußerungen über die Beschlagnahme russischer Staats­gelder nachgesagt, die schwer glaubhaft sind. Von einem Petersburger Blatte werden ihm folgende Aeußerungen in den Mund gelegt: Jm äußersten Falle wäre anzunehmen, daß die deutsche Diplomatie Verwicklungen mit Rußland fuchte vor einer Reorganisation der russischen Kräfte; dann wäre diese Affäre durchaus am Plaze. Wenn man aber an friedliebende freundschaftliche Absichten der deutschen Diplomatie glaubt, so ist der ganze Vorfall einfach dumm. Es ist unbegreiflich, warum die deutsche Regierung dte Sache sowett kommen Iteß." Es ist wirklich kaum zu glauben, daß Graf Witte sich so ausgesprochen haben soll. Eine Schweizerreise Fallieres. Wie aus Bern gemeldet wird, erwartet man einen furzen Besuch des Präsidenten der französischen Republik Fallieres in der Schweiz. Der Präsident wird sich in einigen Monaten nach Savoyen zur Feier der 50jährigen Wiederkehr des Tages der Annexion Savoyens an Frankreich begeben. Bei diesem Anlaß wird er einen furzen Ausflug auf schweizerischen Boden machen. Es wird dies der erste Besuch eines französischen Präfi­denten in der Schweiz sein.

Die langandanerude ungarische Krisis geht jetzt ihrer endgültigen Lösung entgegen. Zum neuen ungarischen Ministerpräsidenten ist anstelle Wekerles, der bereits zwet­mal die Demisston seines Kabinetts eingereicht hatte, der frühere langjährige Finanzminister Ladislaus v. Lukacs ernannt worden. Auf welcher Basis eine Einigung über die Fragen der ungarischen Politik zwischen der Krone und dem neuen Ministerpräsidenten erzielt worden ist, ist noch nicht bekannt. Dr. v. Lukacs reiste nach Budapest zurück und wird sich dort mit den Persönlichkeiten in Ver­Bindung setzen, die er zum Eintritt in sein Kabinett be­wegen will.

In der Kretafrage dauert der lebhafte Notenwechsel unter den Schußmächten fort. Wie verlautet, befürwortet Frankreich die schnellste Rückkehr der fremden Garnisonen nach Kreta, da sonst ein militärisches Einschreiten der Türkei zu befürchten sei. Ein unter dem Vorsitze des Sultans abgehaltener türkischer Ministerrat setzte bereits eine Note an die Schutzmächte auf, die jedoch erst nach dem Eintreffen des neuen Großwesirs abgesandt werden soll.

Kleine Nachrichten!

Die Akademie für Luftschiffahrt in Friedrichshafen. Die Gemeindekollegien in Friedrichshafen haben sich bereit erklärt, das für die Gründung einer Versuchsanstalt bezw. einer Akademie für Luftschiffahrt erforderliche Gelände un= entgeltlich zur Verfügung zu stellen. Die Frage der Er­richtung eines der genannten Institute dürfte jetzt bald ihrer Lösung entgegen gehen.

Ein neuer Flugapparat ist von einem Magdeburger Kaufmann, Otto Onigkeit, hergestellt worden. Es ist ein Eindecker, der bei fünfzig Pferdestärken zwei bis drei Per­sonen tragen soll. Die Flugversuche sollen demnächst be­ginnen.

Nachklang zum Kieler Werftprozeß. Der aus dem gro­Ben Kieler Werftprozeß bekannte Magazin direktor und Marine- Rechnungsrat Gustav Heinrich in Kiel, der sich vom 29. Mai 1908 bis zum Ausgang des Prozesses mit furzen Unterbrechungen in Untersuchungshaft befand, ist nunmehr mit der gesetzlichen Pension in den Ruhestand versetzt worden. Nach dem Prozeßausgang konnten die gegen ihn erhobenen Anklagen nicht aufrecht erhalten werden.

Der Bock als Gärtner. Die Vormünder des befann­ten Moskauer Millionärs Morossow, der unter Kuratel ge­setzt worden war, brachten in wenigen Monaten die Millio­nen ihres Mündels durch. Die Betrügereien wurden auf= gedeckt; es steht ein Riesenprozeß bevor.

Schwarze Pocken. Ein einjähriges Kind aus der Gas­straße in Duisburg ist an schwarzen Bocken gestorben. Die erforderlichen Schußmaßnahmen sind getroffen.

Ein Opfer des Hausklatsches ist die 28jährige Frau eines in Lichtenberg bei Berlin wohnhaften Herrn gewor­den. Die junge. Hübsche Fraut hatte sich immer von den übrigen Hausbewohnern abgesondert und daher vtel unter dem Gerede der lieben Nachbarn" zu leiden. Als die Frau nun eine unflätige Neujahrskarte erhielt, nahm sie sich dies so zu Herzen, daß sie sich auf dem Boden erhängte.

In den Tod wegen Nahrungssorgen. Der frühere Kaufmann, spätere Privatier Willy Huth in Hamburg und feine Ehefrau haben sich gestern wegen Nahrungssorgen durch Leuchtgas vergiftet. Beide wurden tot aufgefunden.

Ihr Kind und sich selbst getötet hat die Arbeiterin Marie Uhl in Berlin. Als man in ihre Wohnung ein­drang, fand man Mutter und Kind tot auf. Die Uhl hatte das Kind durch Ueberwerfen eines Deckbettes erstickt und dann sich selbst erhängt. Die Unglückliche war zu der schreck­lichen Tat durch völlige Mittellosigkeit und Arbeitslosigkeit getrieben worden.

Ehetragödie. In Pfalzgrafenweiler in Württemberg erschoß der Kaufmann Helber den Schmiedemeister Gottlob Schmied, der die Frau Helber nach einem ehelichen Streit

,, Ich aber weiß es," dachte das Mädchen, nachdem er sie verlassen. Weil heute die Verlobung des Grafen mit der Anita ist.""

Sie seufzte tief auf. Im übrigen blieb ihr keine Zeit, unt lange ihren eifersüchtigen Gedanken nachzuhängen, da Louisons Nummer inzwischen zu Ende gegangen war und der Inspizient sie auf die Bühne rief.

Der Zufall wollte es, daß Louison an diesem Abend eine Einladung mehrerer Herren angenommen hatte, um mit ihnen und einigen ihrer Kolleginnen in einem be­kannten Weinlokal zu soupieren. An solchen Abenden pflegte Felix Offers seine kleine Braut, die sich fürchtete, in der Dunkelheit allein auf der Straße zu gehen, bis vor die Tür ihrer Wohnung zu begleiten. Heute jedoch zeigte er keine Lust dazu.

,, Du darfst mir's nicht über nehmen, Kleine," sagte er, aber ich habe eine Verabredung mit einem Agenten, der mir für die Frühjahrsmonate ein überaus vorteil­haftes Engagement vermitteln will. Den darf ich nicht im Stich lassen." Da er Fridas betrübtes Gesichtchen sah, streichelte er liebkosend ihre Hand. Es lag aber etwas Berstreutes in der Liebkosung, auch erschraf Frida da­rüber, wie fieberheiß seine Finger waren. Es geht wirk­lich nicht anders, Kind," schloß er. Aber warte, ich will Dir eine Droschke besorgen, in der Du nach Hause fahren fannst."

Er begleitete sie vor das Gebäude, wo zahlreiche Fiaker und Autos standen, aber leider waren sie bestellt, und Felix Offers fand sich genötigt, den Portier fortzuschicken, um einen Wagen holen zu lassen. Während die beiden jungen Leute seiner Ankunft harrten, sahen sie, wie ein alter Herr, dessen verlebtes Gesicht einen widerwärtigen Ge­gensatz zu der gesucht jugendlichen Kleidung bildete, aus Sem Portal trat und sich suchend umschaute. Er war auf­fällig dürr und die hellgrauen Beinkleider schlotterten um seine etwas eingefnidten nie, es machte den Eindruck, als wären ihm die sämtlichen Kleider heruntergerutscht oder als wäre er mit seiner Toilette noch nicht recht fertig geworden, bevor er sich zum Ausgehen angeschickt hatte. Doch mochte dieser Effekt wahrscheinlich beabsichtigt sein zugunsten des Stils, der zurzeit unter den alten Wiener Lebemännern Mode war. Auf dem schmalen Kopf trug er

in sein Haus aufgenommen hatte. Helber fluchtete, wurde aber alsbald verhaftet.

Schwere Ausschreitungen in Sarajewo. Aus bisher nicht ermittelten Ursachen fam es gestern in Sarajewo zu blutigen Straßenerzeßen. Die Exzedenten gingen mit Messern aufeinander los. Bevor die behördlichen Organe einschreiten konnten, waren vier Personen getötet und meh­rere andere schwer verwundet.

Opfer des Bergbanes in Amerika. Der Sekretär des amerikanischen Minenarbeiterkongreffes stellte fest, daß in 30 Jahren in den Kohlenbergwerken mehr als 30 000 Ar­beiter getötet und mehr als 100 000 verlebt morden sind. Im Jahre 1907 allein verloren über 3000 Menschen thr Leben in den Kohlengruben.

Wissenschaft, Kunst und Literatur.

Das Ende des Märchens vom Mara". Aus London' wird berichtet: Die phantastischen Schilderungen von der lebenden Bewohnern des Mars und ihren gewaltigen Ras nalbauten sind zu Ende: In der letztes Sibung der eng lischen Astronomischen Gesellschaft legte der Leiter des Greenwich- Observatoriums E. W. Maunder die neuen Marsphotographien vor, die der bekannte amerikanisme Astronom Prof. Hale jetzt von seinem Observatorium auf dem Mount Wilson in Kalifornien mit Hilfe seines groken 60zölligen Teleskops gewinnen konnte und auf denen diese Kanäle nicht auftreten. Warum nicht? Well, wie der eng lische Gelehrte trocken bemerkte, das Teleskop zu stark war, um sie wiederzugeben. Die neuen Photographien bedeuten einen gewaltigen Fortschritt gegen alle bisher möglichen Marsaufnahmen, aber von den Kanälen ist nichts geblieben. Sie erklären sich als optische Täuschungen, die dadurch ent­stehen, daß infolge der Konstellation dunkler Flächen auf der Marsoberfläche das Auge Kanäle wahrzunehmen glaubt. Einen wirklichen Grund zu der Annahme, daß diese Er­scheinungen an der Marsoberfläche fünstliche Arbeiten seien, hat es nie gegeben. Nur das Sensationelle des Gedankens konnte es möglich machen, daß dte phantastische Annahme so viel diskutiert wurde. Es ist gut für die Wissenschaft, daß diese Idee nun endgültig beseitigt ist."

Aus den Gerichtssälen.

Bestrafung eines Automobilbesitzers. Der Wollwaren­fabriant Karl Schiedt aus Kirchberg in Sachsen hatte am 22. September vergangenen Jahres auf der Chaussee zwi­schen Espenhain und Rötha den 7jährigen Schulknaben Alwin Messerschmidt mit seinem Kraftwagen überfahren und auf der Stelle getötet. Ohne anzuhalten und sich um das überfahrene Kind zu kümmern, hatte er sich dann in schneller Fahrt entfernt. Vor der vierten Strafkammer des Landgerichts Leipzig hatte Schiedt sich wegen fahrlässi­ger Tötung zu verantworten. Da das Gericht als beson­ders straferschwerend ansah, daß Schiedt weiter gefahren war, ohne sich darum zu kümmern, ob er ein Unheil an­gerichtet habe, verurteilte es ihn zu sechs Monaten Ge­fängnis.

Offizier und Bauer. In der Nähe der Ringwiese, dem Ererzierplatz des Jenaer Bataillons, kam es am 22. Otto­ber 1909 zu einem scharfen Auftritt zwischen einem Ober­leutnant und einem landwirtschaftlichen Arbeiter aus Bur­gau. Der Oberleutnant leitete die Gefechtsübung einer Abteilung Soldaten. Obwohl der Arbeiter dagegen pro­testierte, wurde die Gefechtsübung auf das frisch bestellte Feld ausgedehnt. Der Landmann bezeichnete das Eindrin­gen der Soldaten in Privateigentum als Schweinerei" und rief in seiner Erregung dem Offizier zu: Sie sind düm­mer wie ein Bauer!" Darauf geriet auch dec Offizier in Erregung. Er richtete an den Landmann die Aufforderung, seine Schnauze zu halten und ließ ihn schließlich von den Soldaten mit Gewalt nach der Kaserne bringen. Wegen des Vorfalls hatte sich bereits der Offizier vor dem Kriegs­gericht wegen Freiheitsberaubung und Beleidigung zu ver­antworten; er wurde aber freigesprochen. Gestern wurde dem Landmann vor dem Jenaer Schöffengericht der Pro­zeß gemacht. Während der Amtsanwalt eine Geldstrafe von 75 M oder 15 Tage Gefängnis beantragte, sprach ihn das Schöffengericht unter Berücksichtigung der kriegsgerichtli chen Freisprechung des Oberleutnants gleichfalls frei und betonte ausdrücklich, daß es sich um eine auf der Stelle erwiderte Beleidigung handelte.

Vermischtes

Der Kaiser als Aussteller. An der Internationalen Jagd- Ausstellung, die in Wien im Mai d. J. stattfindet, wird der Kaiser sich als Aussteller beteiligen. Der Mo­narch liebt nicht nur die Jagd leidenschaftlich, sondern ist auch ein genauer Kenner des gesamten Jagdwesens. Aus diesem Grunde bringt er der Wiener Jagd- Ausstellung, an der sich auch Kaiser Franz Josef und andere Fürstlich. feiten beteiligen. lebhaftes Interesse entgegen. Wie ver­lautet, werden in dem sogenannten Fürstenpavillon die schönsten Trophäen der kaiserlichen Jagden in Rominten und Pleß zur Ausstellung gelangen.

Mord im Rheinland. Sonntag nachmittag wurde an dem Gute Pescherhof bei Euskirchen ein Dienstmädchen in Kuhstall von dem auf dem Gute bediensteten Stallschweizer

feinen Hut, und man konnte daher erkennen, wie sorg fältig die wenigen Haare über seine Glaße gekämmt

waren.

,, Gkelhafter Ser!!" murmelte Felix, während er ihn finsteren Auges beobachtete.

Frida war im Grunde ganz seiner Meinung, aber ihr gutes Herz trieb sie dennoch, den alten Aristokraten zu verteidigen. Er ist gewiß schon recht hinfällig und dar­um sieht er so schlottrig aus," meinte sie.

,, Hinfällig?" Felix lachte kurz auf. ,, Um so schlimmer, wenn so'n er stockte, denn aus dem Portal trat eine jugendschöne Gestalt- Anita Brusio in einem langen weiten Sportspaletot, mit einem kleinen Matrosenhut auf dem schwarzen Lockenhaar. Ihre strahlenden Augen glänz ten in der ungewissen Beleuchtung wie Diamanten, und das feine Oval ihres Gesichts hob sich silhouettenartig von dem Hintergrunde der Hausmauer ab. Der alte war auf sie zugekommen, und beide sprachen im Flüsterton zu sammen. Dann war er ihr beim Einsteigen behilflich, schloß den Wagenschlag und winkte ihr, was sie ebenso erwiderte, mit der Hand einen Gruß zu, indes das Ge­fährt sich in Bewegung seßte. Asdann verschwand der Alte im Portal des Hauses. Als er an Felix und Frida vor­überstrich, verspürten beide einen intensiven, eigentümlichen Geruch, der von einem Parfüm herrührte. Es war eine Mischung von Patschuli, Juchtenleder und Stallgeruch Korolopsis nannte man dies von der vornehmen männlichen Lebewelt viel gebrauchte, für die Nase eines nicht daran Gewöhnten nichts weniger als angenehme Atkinsonsche Parfüm.

Fridas Blick suchte angstvoll den ihres Verlobten, der mit haßerfülltem Ausdruck noch immer auf der Stelle ruhte, wo der Alte verschwunden war, aber es gelang ihr nicht, ihn zu fangen. Augenscheinlich hatte er ihre Gegen­wart völlig vergessen. Als Fridas Fiaker endlich vors fuhr, schreckte er wie ein aus schweren Träumen Er wachender empor.

,, Adieu, Kind", sagte er, sie hastig küssend. Dann trieb der Kutscher die Pferde an, und der Wagen fuhr durch die abendlichen Straßen Fridas an der Hauptstraße im dritten, Bezirk liegender Wohnung zu.

( Fortsetzung folgt.).