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Abr. 8 Mr. Berb. en, Hamburg 22,

Nr. 4

Escheint täglich außer Sonntags. Bezugspreis: vierteljährlich durch die Träger frei tapaus 1.35 Mt., durch die Post bezogen 150 D.

Expebition: Sicken, Seltersweg 82.

Donnerstag, den 6. Januar 1910

Gießener

20. Jahrgang

Juferate: die 44 mm breite Petitgelte 20 Pfennig, Reklame: 90" 50 Beilagen werden nach Gewicht und Größe berem

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Telephon- Anschluß: Sichen, Rr. 308.

Neuelle Nachrichten

( Steffenter Tageblatt)

Anabhängige Tageszettung

( Gießener Beitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weglar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Lokales und Provinzielles.

* Januar. Der Januar, der den Jahresreigen eröffnet, hat wie die anderen Monate seinen Namen aus dem Lateinischen. Er war dem lateinischen Sonnen­gotte Janus geweiht, der mit zwei Gefichtern dargestellt wurde, das eine vorwärts das andere rückwärts gerichtet. Janua heißt im Lateinischen die Tür. So schaut der 1. Januar am Eingangstor des neuen Jahres rückwärts ins alte und vorwärts ins neue Jahr. Der alte deutsche Name des Monats tst Hartung, der Harte, und in der Tat pflegt auch der Januar der fälteste Monat im Jahre zu sein. Kälte und Schnee wünscht sich auch der Landmann im Monat Januar.

Im Januar muß Winter sein,

So bringt das Jahr uns Korn und Wein, sagt eine alte Bauernregel. Dagegen.

Im Januar viel Regen, wenig Schnee Tut Saaten, Wiesen und Bäumen weh. Die Natur braucht eben ihre Winterruhe, und je dauernder sie geruht hat, desto kräftiger wird sie dann zur rechten Zeit ihre Trtebe entfalten. Weckt aber warme Witterung im Januar das Leben in der Natur zu früh, so droht außerdem die Gefahr, daß spätere Kälte desto größeren Schaden anrichtet. Daher heißt es auch:

Januar warm,

Daß Gott erbarm'! Auch die Menschen wollen für den Januar fein weich­liches Wetter haben, sondern fnisternden Frost und blanken Schnee, der ihnen die Freuden des Wintersports bringt. Mit munterem Schelleugeläute fliegen die Schlitten über das weiße, glitzernde Land, und fröhliche Mienen strahlen auf der spiegelglatten Gisbahn, die ebenso viele Verehrer und Verehrerinnen zählt wie der festlich erleuchtete Ballsaal, und wo trotz oder vielleicht gerade wegen der Kälte die Gesichter der Schlittschuh­läufer glühen und der kleine neckische Gott Amor seine Pfeile mit Erfolg abschießt. So hat auch der Januar seine Poesie und will fein griesgrämiges Stubenbockertum. Lockte doch auch Klopstock, der tiefernste Messias- und Odensänger: Komm aufs Eis, wo des Kristals Ebene dir winkt!" Und warum sollte man daneben nicht den hübschen Reinickschen Kinderreim stellen:

Het, wie der Wind so lustig pfeift, Het, wie er in die Backen kneift!., Bei Eis und Schnee auf glatter Bahn. Da hebt erst recht der Jubel an.

*

Die Wormser Volkszeitung" berichtet über einen merkwürtigen Fall. Nach ihrem Berichte, für den fie den Wahrheitsbeweis vor Gericht erbringen will, sollte ein Lokomotivführer einen Eisenbahnzug mit defekter Lokomotive übernehmen. Der Beamte habe sich der Gefahr halber geweigert, mit der Maschine zu fahren und eine andere vorgespannt. Hierdurch er­litt der Zug eine Verspätung. Zur Strafe für seine Handlungsweise wurde der Lokomotivführer auf einen Monat in den Rangterdienst versetzt mit der Er flärung, er habe nicht das nötige dienstliche Juteresse gezeigt". Die Sache fommt aber noch besser: Der In­spektionsvorstand möchte wissen, wer die Worms. Volks­zeitung" von dem Vorgang unterrichtet hat und ber­

Volkswohlfahrt und Heimatpflege.

( Fortsetzung.)

Mit dem eigentlichen Turnen und Spiel aber ist der Betrieb der Leibesübungen in den Turnvereinen nicht er­schöpft. Fechten und Wandern, die Uebungen des Wassers und die winterlichen Leibesübungen, sie alle haben zahlreiche Anhänger in der Deutschen Turnerschaft gefunden.

Alles also, was in anderen Vereinigungen getrennt betrieben wird, Rasensport, Leichtathletik und wie die an­deren technischen Ausdrücke alle noch heißen mögen, findet sich in den Turnvereinen zu einem gemeinsamen Ganzen vereinigt( und ist ihnen häufig als Einzelteile entnommen worden). Sie also sind die Universalstätten für die leib­liche Erziehung des deutschen Volkes.

Dabei erfüllt das deutsche Turnen eine weitere wichtige Forderung: Eine wahrhast volkstümliche Leibesübung muß möglichst billig sein. Es verschmäht jegliche Art von Wert­preisen, für die viel Geld geopfert wird. Es gleicht darin der alten griechischen Gymnastik, die ihre Krönung in den olympischen Spielen fand. Wie dort der Sieger mit dem Zweige des wilden Delbaumes geschmückt wurde, so ziert den deutschen Turner als höchster Siegespreis der Eichen= franz. Das Geld, das anderweitig für Wertpreise ausge­geben wird, verwendet man in der Deutschen Turnerschaft zur Beschaffung von Pläßen und Hallen für Turnen und Spielen, auf daß diese Leibesübungen überall betrieben werden können. 1083 Vereine besitzen schon eigene Turn­und Spielplätze, 740 Vereine eigene Hallen. Im Mittel= rheinkreis, der hierin die erste bezw. zweite Stelle einnimmt,

langt, daß der Lokomotivführer, den er im Verdacht hat, nachweist, daß er nicht der Ginsender ist. Nicht genug also, daß die größere Gewissenhaftigkeit des Bes amten bestraft wird, soll er auch noch beweisen, daß er etwas nicht getan hat.

b. Gießen.( Kolosseum.) Herr wirektor Rapp: mann hat mit dem 1. Januar den neuen Spielplan für 1910 herausgebracht, eine hübsche Zusammenstellung aus den verschiedensten Gebieten der Vartetekunst. Gr aus den verschiedensten Gebieten der Varietekunst. Er versteht es mit seltenem Scharfsinn allen Wünschen ge­recht zu werden. Die Introduktion des Programmes bildet die Scherzlteder Sängerin Betty Caspart. Mit guter Sopranstimme versehen bringt sie ernste und heitere Gesänge zum Vortrag. Es ist dankbar zu be. grüßen, daß fünstlerische Leistungen dieser Art dem Variete Programm einverleibt werden, denn auf diese Weise wird das fünstlerische Niveau am leichtesten ge­hoben. Mistr. Balduin leistet als Hand- und Kopf Equilibrist auf rotierender Säule verblüffende neue Tricks. Morizo's Bauern: Duett bringt Leben in die Bude", wie der Berliner sagt. Originelle bay­rische Volkstypen, ausgezeichnete Darstellung und durch­aus neue Vorträge sichern ihnen großen Beifall. Ihnen schließt sich die überaus fesche Tanz- Soubrette Betty Ferlau an. Saitham and Hagino verstehen es, dem Kenner nach wie vor durch ihre groß­actig durchdachte und verblüffende Arbeit auf dem Ge­biete der Athletistik neue Retze zu bieten. Es ist ein wahrer Genuß, diese muskulösen Figuren arbeiten zu sehen. Kaufmann's Fontage Theater ist etmas neues für Sießen. Eine Theaterkriíit" erübrigt sich hier bet dieser Piece; nur set erwähnt, daß es der Schlager des Programmes ist, und das sagt wohl ge. Schlager des Programmes ist, und das sagt wohl ge

nug.

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Frl. Groß als Vortrags- Soubrette sichert sich mit guten Vorträgen festen Stand. Das luftige Ehepaar Tenno's sind zwet litebliche Duettisten. Ihre humoristischen Duetts reißen das Publikum geradezu hin. Erwähnt set die" Tanzstunden- Scene", welche zum Beifall herausfordert. Mit dem ersten Blaz behauptet der uns bekannte und gern gesehene Charakter Komiker Gustav Fuhrmann. Neue Darbietungen fordern ihn zu Zugaben heraus, welchen er gerne nach tommt. Die Soubrette Wallt Rose und der Clown Henri bilden den Schluß des überaus reichhaltigen Programms. Letterer arbeitet mit einer Hundenmeute, welche den Winken seiner Dressur aufs sicherste nach kommen. Ein Besuch ist nur zu empfehlen.

Vom nördlichen Vogelsberg. Dezember wurde vom Sinken der Schweinepreise berichtet und die Vermutung ausgesprochen, daß der Preisrück­gang bis ins neue Jahr hinein andauern würde. Dies hat sich für unsere Gegend keineswegs bewahrheitet. Heute zahlen die Händler für das Pfund Lebendgewicht 55 bis 56 Pfg. und dieser Preis wird in den ersten Tagen noch steigen. Es herrscht allgemein ein großer Mangel an schlachtreifen Schweinen. Eben ist die Zeit der Hausschlachtungen und jeder Dorfbewohner ist be ftrebt, seine eigene Vorratskammer zu füllen. Da bleibt für die Ausfuhr nicht viel übrig, und durch das ge­ringe Angebot erhöhen sich die Preise.

* Friedberg. Im Hotel Trapp" fand die 9. außerordentliche Generalversammlung der Land­wirtschaftlichen Hauptgenossenschaft für

hat der vierte Teil der Vereine bereits eigene Turn- und Spielpläße, der mehr als siebente Teil auch eigene Hallen. Ansehnliche Vermögenswerte sind dadurch schon trop der geringen Beiträge, die die Turnvereine verlangen, geschaffen worden. Es haben nach der Erhebung im Jahre 1907 die vereinseigenen Turnhallen einen Wert von 23,8 Millionen Mark, die Turn- und Spielplätze einen solchen von 4,3 Millionen Mart. Rechnet man dazu den Wert des Inven tars und das Barvermögen, leßteres in der Höhe von 5,6 Millionen Mart, so ergibt sich eine Summe von 42,7 Mil­lionen Mark. Der Mittelrheinkreis weist bereits ein Ver­mögen im Werte von beinahe 9 Mill. Mart auf. Er ist der reichste Kreis der Deutschen Turnerschaft. Einem Ver­ein trägt es bei ihm im Durchschnitt fast 9000 Mart. Alle diese angelegten und erworbenen Summen kommen der Volks­wohlfahrt und Heimatpflege in weitestgehendem Maße zugute.

Leibesübungen, die der Volkswohlfahrt dienen sollen, müssen alles für die Gesundheit Schädliche vermeiden, sonst bezweckt man das Gegenteil von dem, was man will. Man denke z. B. an das Rodeln, eine der gesündesten win­terlichen Leibesübungen, wenn sie vernünftig betrieben wird. Man schafft aber geradezu gefahrvolle Bahnen, die Gesund­heit und Leben bedrohen. Man erinnere sich an den Ma­rathonlauf bei den internationalen olympischen Spielen, wie ein großer Teil der Läufer, halb tot geheßt, am Ziele an­tommt, und man muß sich fragen: Dienen solche Veran­staltungen wirklich noch der Volkswohlfahrt? Die Deutsche Turnerschaft dagegen ist auf das strengste darauf bedacht, alles Gesundheitsschädliche aus ihrem Uebungsgebiet aus­zuscheiden. Sie vermeidet deshalb auch jeden einseitigen

Oberhessen, G. m. b. H. in Friedberg, statt, unter dem Vorfiz des stellvertretenden Vorsitzenden Reichs­und Landtagsabgeordneten Köhler. Langsdorf in Ver­hinderung des Vorfizenden Geheimerat Haas- Darmstadt. Vertreten waren 47 Genossenschaften. Nach Beratung berschiedener interner Angelegenheiten wurde der Umsatz des abgelaufenen Jahres bekannt gegeben, der sich auf etwa üher 900 000 Mt. beziffert, der höchste, der seit der Gründung der Hauptgenossenschaft erzielt wurde.

* Darmstadt. Als Nachfolger Spemanns, der fich zunächst nach Berlin begeben hat und dann länge­ren Aufenthalt an der Nordküfte Afrikas nehmen will, ist bereits Herr Becker vom Stadttheater in Mainz engagtert.

Aus dem Gerichtssaal.

Straffammer.

Der Gärtner

Der in der Chamottefabrik bei Bad Nauheim be­schäftigte Taglögner Wilh. Wessel aus Bensberg hat einem Arbeiter seine Schippe verkauft und diese dann wieder geholt. Er gab an, es Itege eine Verwechslung bor, doch stand fest, daß er ste geholt hat um sie zu behalten. Er ist rüdfällig. Urteil: 3 Monate Ge fängnis, abzüglich 2 Wochen Untersuchungshaft.- In Bad Nauheim stand der Bäckergeselle Adolf Goye aus Neustadt unter dem Namen Hemmer in Arbeit. Er verschwand unter Mitnahme von zwei Uhren mit Ketten und eines Portemonnaies mit 22 Mart Inhalt, das seinem Arbeitskollegen gehörte; auch einem Lehrling hat er einen fleinen Geldbetrag gestohlen; weiter wurde eine Krabattennadel und Paptere vermißt, deren Mitnahme er bestritt. Es wurde angenommen, daß er alles ge­stohlen hat, weshalb er unter Einbeziehung von zwet Strafen die er in Baiern erhalten hat, zu einer Gesamt­strafe von 2 Jahren 1 Monat Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverluft verurteilt wurde. Johann Klier aus Karlsbad trieb sich in Friedberg herum, wo er einem Wirt 3 Paar Hosen ftahl. Bet seiner Verhaftung hatte er einen Feldhasen bet sich, den er von einem unbekannten Mann erworben haben wollte. Der Angeklagte wurde wegen Diebstahls und Hehlerei zu 4 Monaten und 4 Tagen Gefängnis, ab­züglich 1 Monat 4 Tage Untersuchungshaft verurteilt. Dem Schuhmacher Ludwig Balser von Burkhardsfelden ging ein Strafbefehl über 2 Mt. zu, weil er auf einen Gemeindeplag Holz gelagert hat, ohne es nachts mit etner brennenden Laternen zu versehen. Gegen das seinen Einspruch zurüchweisende Erkenntnis des Schöffen­gerichts legte er Berufung ein, was zu seiner Fret sprechung führte, da nicht feststand, daß durch das Ver­halten des Angeklagten der freie Verkehr gehindert Troß mehrmaliger Aufforderung hat der wurde. Zimmermann Christian Meusec von Büdingen sein An­wesen nicht an die städtische Stanalisation angeschlossen, weshalb er einen Strafbefehl über 3 Mt. bekam, auf dessen Einspruch das Schöffengericht die Strafe anf 1 Mt. festsett. Er weigerte fich weiter und legte Be­rufung ein. Die Verhandlung führte zur Bestätigung

des Urteils.

Redaktion, Druck und Verlag von Albin Alein.

Gießen.

Betrieb und stellt die allseitige Ausbildung des Körpers in den Vordergrund. Turnen und Spiel werden daher von der ärztlichen Wissenschaft direkt zu Heilzwecken herangezo gen oder als Vorbeugemittel empfohlen. Beide erweisen sich als wichtige Gehilfen bei der Bekämpfung einer der ärgsten Voltsgeiseln, der Tuberkulose. Wenn auch nachge­wiesen ist, daß sich diese nicht vererbt, so muß doch mit einer mehr oder minder großen Aufnahmefähigkeit gerechnet werden. Daher hat bereits Dr. Brehmer, der Begründer der ersten Lungenheilanstalt in Görbersdorf in Schlesien, darauf hingewiesen, daß regelmäßige Leibesübungen zu den besten Vorbeugungsmaßregeln gegen diese Krankheit ge­hören. Dann müssen sie aber nicht nur in der Jugend, sondern auch in den späteren Altern noch betrieben werden, denn gesunde Eltern sind die Vorbedingung für gesunde Kinder. Noch ein anderer Punkt ist hierbei in Betracht zu ziehen. Nicht minder gute Dienste leisten Turnen und Spiel auch im Kampf gegen den übermäßigen Genuß des Alto­hols und gegen mancherlei andere geheime Sünden, die Jugend- und Familienglück zu zerstören im Stande sind.

Hohe Aufgaben der Volkswohlfahrt haben die Turn­vereine von jeher schon erfüllt. Das freiwillige Feuerwehr­wesen ist hauptsächlich durch sie begründet und verbreitet worden und findet jezt noch eine Hauptstüße in ihnen, die Krankenpflege wurde schon sehr frühe von ihnen gefördert und besonders in Kriegszeiten auf das segensreichste aus­geübt. Und überall, wo es jetzt noch gilt, Aufgaben der Volkswohlfahrt und Heimatpflege zu dienen, da versichert man sich in erster Linie der Mithilfe der Turnvereine, da man weiß, daß sie diese gern leihen. ( Schluß folgt.)