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tr. 303.

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Donnerstag, den 27. Dezember 1906

Gießener

15. Jahrgang

i.

Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( tägli und die Sießener Setfenblasen( wöchentlich).

Neueste Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberbeffen und die Kreise Marburg und Weklar; Rokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtihon Bedowntmachungen der Grossh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Bolizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.

Die Reichstagswahlen.

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Norddeutschland.

Fulda. Von einer Anzahl liberaler Bürger im Reichstagswahlkreise Fulda- Gersfeld- Schlüchtern ist die Aufstellung eines nationalliberalen Kandidaten beschlohen worden, der aber nicht nur als zählkandidat gelten tann. Es ist dies die erste liberale Standidatur seit 1874.

Rheinprovinz. Der Provinzialvorstand der national­liberalen Partei hat beschlossen, alle rheinischen Reichs­tagswahlfceise aufzufordern, eigene Kandidaten aufzu­stellen.

Breslan. In Breslau wird über ein Zusammen­gehen aller bürgerlichen Parteien einschließlich des Zentrums gegen die Sozialdemokratie verhandelt.

erboten, auf einen eigenen Kandidaten zu verzichten und| eine neutrale Persönlichkeit im Verein mit der Freis. Partei zu wählen z. B. den fretsinnigen Herrn Noack. Ueber alle in den oberhessischen Wahlkreisen Verdiente diese Haltung der stärkeren der beiden liberalen Richtungen nicht Anerkennung? Eine Zu und den benachbarten preußischen Streisen Weglar, Bieden­topf und Marburg stattfindenden Wähler- Ver- ſtimmung zur Kandidatur Korrell im 1. Wahlgan wäre nicht eine billige Abmachung, sondern eine jammlungen sind uns direkte den Tatsachen ent- Demütigung gewesen. Die oben angeführten Schluß­sprechende Berichte willkommen. Auf Wunsch wird folgerungen enthalten statt dessen eine schwere Be­Wenn sich die Natlib. weigerten, Hern Porto sowie Honorar gezahlt. Für eilige Nachrichten leidigung. Pfarrer Korell und Herrn Prof. Harnack zu wählen, so en pfehlen wir telephonische Mitteilung; wir haben wird das jeder ruhig denkende Mann im Hinblick auf Telephon- Anschluß Nr. 362. die früheren erregten Wahlkämpfe in jenem Kreise be­greifen. So viel Menschen und Seelenkenntnis darf man ganz besonders von Männern verlangen, die im öffentlichen Leben eine Rolle spielen wollen. Es scheint aber, als ob nicht die nationale Sache, sondern die Personenfrage bei Festhaltung an der Kadidatur Korell ausschlaggebend gewesen sei. Es läßt sich allerdings begreifen, daß die frets. Partet den begabten und politisch eifrigen Pf. Korell um dessen Persönlichkeit willen so große Kämpfe durchgefochten worden sind, nicht einfach beiseite schieben fonnte. Das hätte als ein Abfall an­gesehen werden können. Aber es gab zwei Auswege: Eine Verabredung im ersten Wahlgang getrennt zu marschieren und in der Stichwahl vereint zu schlagen sozialdemokratischen Abgeordneten hat bisher noch bei jeder und Herr Pfarrer Korell in einem anderen Wahlkreise unterzubringen und

Zur Aufflärung.

Abg. Bassermann wird vielleicht in Rothenburg­Hoyerswerda aufgestellt; der bisherige Vertreter dieses Wahlkreises, Graf Acnim- Muskau, wird nicht wieder kandidieren

Staatsftreich- Phantalien.

Von einem namhaften, mit den Abfichten der regierenden Kreise vertrauten Politiker wird der Deutschen Reformt Korrespondenz" geschrieben:

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In dem Abendblatt der Franks. Zeitung" vom 22. Dezember ist ein Artifel enthalten, der das be­dauerliche Scheitern der Verhandlungen zwischen der Freisinnigen Partei und den Nationalliberalen in Darmstadt mitteilt. In diesem Artikel wird ein Punkt verschwiegen, so wird uns geschrieben, der so wesentlich ist, daß bei seiner Angabe alle zu ungunsten der Nationalliberalen gezogenen Schlüsse hinfällig würden. Da die hiesige Parteileitung der Freifinnigen und das übrige Gießener Publikum burch Verbreitung jenes einseitigen Berichtes auf eine falsche Bahn geleitet werden könnten, ist es dringend amgebracht, die Ausführungen der Frankf. Zeitung." richtig zu stellen. Dort heißt es, daß in den Ver­handlungen zwischen Justizrat Gallus( freif.) und Abg. Diann( natlib.), der nationalliberale Vertreter erklärt habe, daß die Natlib. auf Aufstellung einer selbständigen Randidatur zugunsten einer parteilosen Persönlichkeit verzichten wollten, daß sie aber Pfarrer Korell und Prof. Harnad ablehnten. Hier fehlt, daß die Natlib. als Kandidaten den Herrn Landtagsabgeordneten Noack, der der freisinnigen Partet in unserem Landtag angehört, vorgeschlagen haben. Nach dessen Ablehnung wurde Oberl. Kissinger in Darmstadt in Vorschlag gebracht, der ebenfalls Angehöriger der Freis. Partei ist, bezw. der National- Sozialen, die mit den Sache gedient, und darauf kommt es ihnen doch wohl deſſen jetziger Zuſammenſeßung, eine zur Abänderung des

ersteren jetzt berschmolzen sind. Auch dieser wurde abgelehnt.

In dem Artikel der Franff. 8tg." heißt es weiter: Hiernach ist festzustellen, daß die Freifinnigen zu einer Verständigung mit den Natlib. für alle in Betracht fommenden hessischen Wahlkreise bereit waren, daß aber die Natlib. zu einem billigen Abkommen nicht zu haben waren. Sie betrachteten offenbar die ganzen Ver­Handlungen nur unter dem Gesichtspunkt, unter allen Umständen zu verhüten, daß der Wahlkreis Darmstadt­Groß Gerau dem Herrn Pfarrer Korell oder einem anderen ausgesprochen Linksliberalen zufalle. Freifinnigen fönnen in einem solchen Verhalten auch nicht den Schein eines aufrichtigen Willens auf der Seite der Nationalliberalen erblicken, ihnen entgegen­zukommen und sie überlassen damit den Natlib. die bolle Verantwortung für das Scheitern der Verhand­lungen und die sich daraus ergebenden yolgen usw."

Die

Der erwähnte Artikel ist in eine Form gekleidet, die auf einen Eingeweihten als Verfasser schließen läßt. Wir aber fönnen nur sagen: Der Verfasser hat ent­weder nicht gewußt, daß die Natlib. den freisinnigen Abg. Noack usw. vorgeschlagen haben, oder er betrachtet dieses Mitglied der freininnigen Landtagsfraktion nicht als ausgesprochen linksliberal, und setzt ihm also den Stuhl vor die Parteitüre, oder er hat sich einer Sache schuldig gemacht, die man als politische Brunnenber giftung ansehen muß. Anschließend seien noch folgende Tatsachen festgestellt:

Die Vertreter der Freis. Volkspartei und der Natl. Bartei im Reichstag find in Berlin übereingekommen, grundsätzlich sich den gegenwärtigen Besitzstand zu gewähr­leisten. Für Hessen wurde bei der Verabredung betreffs Ausführung dieses Grundsozes nichts bestimmtes fest gesetzt, weil hier die Verhältnisse verworren lägen. Wer hatte hier seine Hand im Spiel? Es wäre interessant, dies zu wissen. Die Freis. Partet besaß in Hessen 1 Mandat: Dieses wurde ihr in Darmstadt auch Bingen- Alzey. wieder zugestanden. In feinem anderen hessischen Wahlkreise war die genannte Partei bei den lezten Wahlen in die Stichwahl gekommen. In Rücksicht auf die gegenwärtige politische Lage haben sich jetzt die Natlib. in Darmstadt, deren Kandidat dem der Freis. Partei um mehrere tausend Stimmen voraus war,

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die Kandidatur Noack oder Kissinger annehmen. Nach der gleichen Nummer der Franff. 3tg," ist aber Herr Pfarrer Korell in einem anderen, der freis. Partei sicheren Wahlkreise ein Mandat angeboten worden. Herr Korell hat abgelehnt. Hätte er, den seinen Anhänger als besonders geeignet für einen Reichstagsabgeordneten ansehen, dort angenommen, dann wäre ja sein eigener Wunsch in Erfüllung ge­gangen und seine Anhänger im Kreise Darmstadt Groß­Gerau hätten an der Wirksamkeit ihres Vertrauens­mannes im Reichstag ihre Freude haben können, einerlei ob er gerade von ihnen gewählt worden war oder in einem anderen Wahlkreise. Dann war der

in erster Linie an, und Darmstadt Groß- Gerau war Herrn Noack, also auch der freis. Partei sicher gewesen. Auch hätte in jenen leidenschaftlich erregten Wähler­freisen wieder Friede und Eintracht zwischen den beiden aufeinander angewiesenen liberalen Par­teien einkehren können, so aber entsteht von neuem Erbitterung und der Wahlkreis bleibt sehr wahrscheinlich in den Händen der Sozialdemokratie, wie auch unser hiesiger Wahlkreis dieser Partei wahrscheinlich anheim­fallen wird, wenn die hiesige Parteileitung aus Ver­drossenheit sich bestimmen läßt, einen eigenen Kandidaten aufzustellen, anstatt unseren bisherigen Reichstagsabge­ordneten, Herrn Kommerztenrat Heyligenstaedt, einiger geringfügiger Ausstellungen, die man an seiner Wirk­samkeit macht, im Interesse des Reiches und des von ihm vertretenen Wahlkreises erfolgreich gearbeitet hat.

Hessen und Hessen- Nassau.

Die Freisinnigen wollen am 2. Januar in Gießen eine Wahlversammlung abhalten und sich dabei über ihren Kandidaten entscheiden.

Bad- Nauheim. Der hiesige freifinnige Verein unter­stützt die Kandidatur des Grafen Oriola( nat.- lib.) nicht, beschloß vielmehr dahin zu wirken, daß ein Freifinniger im Wahlkreis Friedberg- Büdingen aufgestellt wird.

Im Wahlkreise Alsfeld wird der Bauernbund die Kandidatur Ballau unterstützen.

Darmstadt. Die Freisinnigen stellten Pfarrer Korell als Kandidaten auf.

Mainz. Der Ausschuß der demokratischen Partei hat den Beschluß gefaßt, mit der nationalliberalen und deutsch freisinnigen Partei gemeinsam vorzugehen unter der Voraussetzung, daß eine von der demokratischen Partei vorgeschlagene, zweifellos demokratliche Kandidatur von den beiden anderen Parteien acceptiert und tat­fräftig unterstützt wird. Dieser Beschluß wurde den Vorständen der nationalllberalen und deutsch- freisinnigen Partet zugesandt.

Die Zentrumspartei Alzey Bingen stellt feinen Kandidaten auf, wenn der Bauernbund selbständig vor­geht. In Frage kommt Landtags- Abg. Wolf- Stadecken.

Frankfurt. Hier wurde Dr. Quard als sozialdemo­kratischer Reichstagskandidat aufgestellt.

Die Zahl der sozialdemokratischen Stimmen und der Reichstagswahl zugenommen. Die Beobachtung dieser Tat­sache hat manchen verleitet, den Zeitpunkt zu berechnen oder doch vorauszusehen, da der Reichstag eine sozialdemokratische Mehrheit haben würde. Man ließ dabei unbeachtet, daß nie und nirgend die Bäume in den Himmel wachsen, daß einer stand ein Rückgang folgt. In der Vorausseßung, daß eine stetigen Zunahme immer ein Stillstand oder auch ohne Stie­einmal eingeschlagene Entwickelungsrichtung immer denselben Weg, vielleicht in wechselndem Tempo, weiter verfolgen müsse, sagte man sich, daß irgendwann, und in nicht sehr ferner Zeit, die Beseitigung des allgemeinen und gleichen geheimen Wahl­rechts notwendig sein würde, um die Ausantwortung des entscheidenden Einflusses auf Gesetzgebung und Verwaltung an die Sozialdemokratie zu verhüten. Man sagte sich weiter, daß es schwer, beinahe unmöglich sein würde, in dem aus allgemeinen Wahlen hervorgehenden Reichstag, namentlich bei

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Wahlsystems bereite Mehrheit zu finden. Und nun war man schnell bei der Hand, im Staatsstreich" den einzig mög lichen Ausweg zu sehen. Von hier aus noch ein Schritt zu der Vermutung und von der Vermutung zu der Versicherung, daß aus solcher Bedrängnis bloß ein Staatsstreich" retten könne. Natürlich müßte der Staats­streich von der Regierung ausgehen. Die Staatsstreich­Phantasten haben ihrer Natur nach die Neigung, sich von der Realität der Dinge zu entfernen und aus ihren Zukunfts­bildern die schwerer berechenbaren Faktoren auszuschalten. Sie denken beispielsweise nicht daran, daß schließlich der deutsche Reichstagswähler feinen Reichstag woften kann, der bloß nein sagt, der das Reich selbst und seine Existenz­bedingungen leugnet; daß der Deutsche wohl leicht zu ver­führen ist, seiner Mißstimmung durch Abgabe eines Stimm­zettels für den Radikalismus Ausdruck zu geben, daß aber Seine Unzufriedenheit nicht bis zur Zerstörungswut geht. Auch der unzufriedene Wähler will den Bestand und die Ehre des Reichs nicht angetastet wissen. Nicht ohne Grund haben felbst die freifinnigsten Verfassungen der Regierung das Recht der die Wählerschaft Parlamentsauflösung, der Berufung an gegeben. Es wäre doch geradezu unsinnig, wollte man glauben, daß unter allen Menschen und unter allen Körper­schaften einzig ein Parlament nicht mißleitet werden und in feinem Urteil fehlgehen könne. Wer das je gedacht hat, den belehrt die Geschichte durch hundert Beispiele eines befferen. Es liegt keine Mißachtung des Volkes darin, daß man seine Boten und Vertreter nach Hause schickt. Es spricht fich im Gegenteil darin das Vertrauen der Regierung zu dem Volfe aus, daß es in kurzer und besonnener Erwägung die rechten Männer in des Parlament schicken merde. Freilich fann auch eine solche außerordentliche Wahl unter Umständen zu dem gewünschten Ziele nicht führen. Dergleichen ist da­gewesen und den Aelteren unter uns aus Preußens parla­mentarischer Geschichte noch in lebendiger Erinnerung. Aber gerade diese Erinnerung zeigt, wie leicht eine populäre Strö­mung, die eine Einzelheit überhoch bewertet, den Weg zu den selbstgesteckten Zielen verfehlen kann. Auch nach der jezigen Reichstagsauflösung haben sich sofort die Staats­streich Phantasten wieder geregt und mit der Sicherheit, die gewohnheitsmäßig mit vollkommener Vorkenntnis der Personen und Verhältnisse Hand in Hand geht, voraus verkündet: wenn die kommenden Neuwahlen einen eben­so ungünstig oder noch ungünstiger zusammengesetten Reichstag bringen, so würden die Verbündeten Regie­rungen sofort eine abermalige Auflösung durch Bundesrat verfügen, und so immer weiter bis ent= weder δας Volk mürbe geworden, nachgeben die Zeit für einen Staatsstreich reif sein würde. Der Staatsstreich steht diesen Phantasie- Politifern immer au Ende jeder Vorstellungsreihe. Tatsächlich spricht fein einziger

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