Einzelbild herunterladen

Rr. 279.

tabaktion u. Sarp terbebithm: Gießen, Seltersweg 88. Ferusprechenschluß Nr. 362.

Dienstag, den 27. November 1906

Gießener

15. Jahrgang

6.

Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich).

Neueste Nachrichten

( Gießener Tageblaff)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Beifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Das neueste.

Der Seniorenkonvent des Reichstages beschloß den Arbeitsplan über die Behandlung der schwebenden Vorlagen. Der Kultusminister hatte im Auftrage des Ka sers dem Erzbischof Stablewski auf eine Immediatvorstellung die Antwort zugehen lassen die ihn nicht mehr erreichte daß eine enderung im Religionsunterricht nicht erfolgen tann.

-

Der Kampf um die Berufsvereine.

Der Reichstag hat den Gesetzentwurf über die Rechts­fähigkeit der Berufsvereine nach erster Beratung an eine besondere Kommission zur Vorbereitung für die zweite Lesung berwiesen. Die allgemeine Debatte, in der die einzelnen Fraktionen ihre Stellung zu der Vorlage erklärten und be­gründeten, ihre Abänderungswünsche wenigstens in Umrissen ffizzierten, läßt feinen sicheren Schluß auf das Schicksal des Entwurfs zu. Die Redner einzelner Fraktionen sprachen sich bedingungsweise für die Annahme der Vorlage aus, aber eben die Bedingungen, die sie zur Voraussetzung ihrer Zu­stimmung machten, widersprachen einander. Wo der eine Einschränkungen verlangte, da forderte der andere Er­weiterungen, sodaß die Disharmonie der Absichten tatsächlich größer war, als es den Anschein hatte. Vielleicht aber mag gerade hieraus erkannt werden, daß die Verbündeten Res gierungen mit dem, was fie empfehlen, die richtige Mitte ge= funden haben. Einstweilen aber wird das von den Parteien noch nicht zugegeben.

Auf konservativer Seite erblickt man in den Bestimmungen des Entwurfs die äußerste Grenze dessen, was überhaupt zu­gestanden werden darf. Auf sozialdemokratischer Seite wiederum versichert man, daß der Entwurf ein neues Aus. nahmegesetz gegen die Arbeiter sei, daß es die Menschenrechte verlege. Das ist nun unter allen Umständen eine maßlofe Uebertreibung, die durch nichts gerechtfertigt erscheint. Die Berufsvereine können in ihren Rechten durch die Vorlage in

keiner Weise verschlechtert werden, da für sie gar kein Zwang besteht, Rechtsfähigkeit nach den Bestimmungen des geplanten Gesetzes zu verlangen. Indem sie aber auf die Rechtsfähig­keit, die sie ohnehin nicht haben, verzichten, haben die Be­stimmungen des Gesetzes auf fie feine Anwendung, bleibt für sie alles beim alten. Die Sprecher der freisinnigen Fraktionen waren auch der Meinung, daß die Berufsvereine von dem Gesetz und der damit ihnen sich bietenden Rechtsfähigkeit feinen Gebrauch machen würden, weil in den Einzel­bestimmungen der Vorlage so mancherlei Fallen und Fuß­angeln steckten. Wäre das selbst der Fall, so könnte immer

Die Erlangung der Re berein ein großer Vorteil. 60 legitimation, darf Grund.

wird von der persönlichen

noch nicht von einer Schlechterstellung der Berufsvereine die Rede sein; man könnte höchstens sager, daß ihnen ein Vorteil entgeht, den man ihnen gönnt und auf den sie gewissermaßen Anspruch haben. Das war der Standpunkt des national­liberalen Sprechers. Aehnlich Stellung nahmen die Vertreter des Zentrums ein, die Abän träge in größerer Zahl ankündigten. eit ist für einen Berufs­nt dadurch aktive Prozeß­erben, und sein Vorstand ung befreit. Die Vorlage läßt ferner die Frauen zu den Berufsvereinen und zur Beteiligung an sozialpolitischen Bestrebungen zu. Endlich hören damit für die zur Rechtsfähigkeit gelangten Berufs­vereine die vereinsrechtlichen Beschränkungen auf, die in manchen Einzelstaaten noch bestehen. Welche Bedeutung das hat, mag daraus abgemessen werden, daß Staatssekretär Graf Posadowsky in den betreffenden Bestimmungen des Entwurfs schon die Grundlage für ein Reichsvereinsgesetz erblickte. Begreiflicherweise sind gegenüber den erheblichen Vor­teilen, die das Zugeständnis der Rechtsfähigkeit bietet, von denen manche überdies ein ganz neues Gebiet erschließen, regierungsseitig auch gewisse Einschränkungen in Vorschlag gebracht worden, die einen Schutz wider etwaigen Mißbrauch geben sollen. So dürfen nach der Vorlage nur Angehörige desselben und eines verwandten Berufs zu einem Berufs­bereich fammenschließen. Unbillig ist diese Bedingung n die Berufsvereine haben davon ihren Namen. Ein Streit aber, welche Berufe als verwandt, anzusehen sind, ist in der Praxis kaum zu erwarten; und wenn er gleichwohl entsteht, so wird er sich von Fall zu Fall leicht schlichten lassen. Daß der Berufsverein, der Rechtsfähigkeit hat, nur auf die Wahrung und Förderung der mit dem Beruf seiner Mitglieder unmittelbar in Beziehung stehenden gemeinsamen getverblichen Interessen soll bedacht sein dürfen, ist eigentlich selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich ist, daß Verwaltung sowohl wie Mitglieder das Recht haben müssen, einen Be­schluß als statutenwidrig anzufechten. Freilich gibt es hier gewisse flüssige Grenzen, bei denen man es in der Praxis richt so genau 1 8 fich eben eine Ge­pflogenheit hera ergänzt.

-

Etwas oberflächlich ist man vielleicht bei der Bestimmung der Streitklausel gewesen. Doch darf nicht vergessen werden, daß es sich hier um Dinge handelt, deren Bedeutung von Ort zu Ort, von Tag zu Tag verschieden ist, und daß man deshalb im Gesetz auch etwas dehnbarer Bezeichnungen nicht entraten kann. Ob die Staatssicherheit gefährdet wird, ob Menschenleben in Gefahr geraten, ob die Versorgung mit Wasser und Licht unter allen Umständen gleichsam für sacro­sanct gelten muß darüber kann man von Fall zu Fall verschiedener Meinung sein. Ganz sicher aber ist, daß man auf diesem Gebiet zu großer Vorsicht alle Ursache hat. Wenn längere Erfahrung zeigt, daß man die Grenzen ohne Be forgus von Mißbrauch weiter stecken fann umso besser.

-

-

Politifche Rundschau.

Deutfches Reich.

Der Seniorenkonvent des Reichstages hat beschlossen, Immer am Sonnabend und Montag die Sizungen ausfallen zu lassen. Mittwoch soll die Kolonialdebatte beginnen. Eine Vorlage wegen Algeciras wird dem Reichstage auch noch zu­gehen und soll noch vor Weihnachten erledigt werden.

* Von Mitgliedern der Zentrumspartei ist im Reichstage eine Interpellation über die Erzeinfuhr aus Schweden ein­gebracht worden. In der Anfrage an den Reichskanzler wird betont, daß auf der Eisenbahn von den schwedischen Erzgruben nach dem Seehafen Narvik infolge Anordnung der schwedischen Regierung nur eine so geringe Menge Erz jährlich befördert werden darf, daß die Ausfuhr seit 1. November d. J. be= trächtlich eingeschränkt werden mußte. Dieses Vorgehen ver­trage fich nicht mit den Bestimmungen des deutsch- schwedischen Handelsvertrages.

* Am 6. Dezember tritt der Landeseisenbahnrat zu einer Sigung in Berlin zusammen. Auf der Tagesordnung stehen unter anderem Maßnahmen gegen die Fleischteuerung, die Aufnahme von frischem Fleisch in den Spezialtarif für be­stimmte Eilgüter und die Frachtermäßigung für frische Seefische.

Rufsland.

** In einigen Bezirken hat die Hungersnot einen schreu= lichen Umfang angenommen. Die Bauern im Gouvernement Kasan verkaufen aus Verzweiflung ihre eigenen Frauen und Töchter an Sklavenhändler. In einem Dorf wurden acht Mädchen im Alter von zwölf bis achtzehn Jahren für ein­bis zweihundert Mark an solche Händler verkauft.

** Es heißt, daß der Streit mit Japan wegen der Fischereien an der Küste von Sibirien einen ernsten Charakter angenommen hat. Ein zweiter Krieg zwischen Rußland und Japan fönne fich leicht aus der jezigen Lage ergeben. Die Forderungen Japans werden in maßgebenden russischen Kreisen als übertrieben betrachtet und man erklärt, daß Ruß­land durch Nachgibigkeit seine ganze Position an der Küste des Stillen Ozeans opfern würde. Amerika.

** Die Hilfsaktion bei der Erdbebenkatastrophe von San Franzisko findet jezt ihr Nachspiel in einer sensationellen Er­pressungsaffäre, in die der Bürgermeister Schmitz und ein " Boß" von San Franzisko, Mr. Ruef, verwickelt sind. Die besondere Anschuldigung gegen Schmitz ist die, daß er Geld­summen von 4000 bis 6000 Mark von Wirtshausinhabern durch die Drohung erpreßt habe, er würde ihnen sonst die Schanktonzession entziehen. Dies ist jedoch die geringste der Beschuldigungen, die offen gegen die gegenwärtige Verwaltung von San Franzisko erhoben werden. Wenn nur ein Viertel von dem wahr ist, was durchweg in den gesamten Zeitungen der Vereinigten Staaten gedruckt wird, so ist der Zustand in San Franzisto schlimmer, als er je vorher in einer Stadt­berwaltung Amerikas gewesen ist. Schmitz wird bei seinem Eintreffen in San Franzisko- er ist auf der Rückreise von Europa verhaftet werden und man darf auf die Ent­hüllungen, die dieser Prozeß bringen wird, gespannt sein. Jedenfalls ist die Unsicherheit in der Stadt so groß, daß der Aufbau unter solchen Verhältnissen wohl unterbleiben wird.

Afrika.

* Zu den umlaufenden Gerüchten über die zunehmenden Wirren in Marokko hat sich nun auch der vielgenannte Kaisuli geäußert. Sein Vertreter erklärte einem spanischen Journalisten, daß die in Europa umlaufenden pessimistischen Ansichten un­begründet seien. Raisuli rücke nicht gegen Tanger vor; er habe nur 2000 Mann, die er zu Feldarbeiten verwende, und die sich mit den Europäern vollkommen vertrügen. Raijuli werde in Uebereinstimmung mit Mohammed el Torres und dem Sultan die Bildung der Polizeitruppe geschehen lassen, jedoch nicht ohne Protest zu erheben. Kleine politifche Nachrichten.

Berlin, 26. November. in Teil der deutschen Bevon­mächtigten hat, da die Felsvertragsverhandlungen mit Spanien abgebrochen worden sind, Madrid bereits verlassen. Der andere Teil dürfte binnen furzem ebenfalls hierher zurückkehren.

Karlsbad, 26. November. sine Manifestation der Bürger schaft gegen den übermäßigen Steuerdruck sand hier statt. Zehntausend Menschen aller Stände zogen, zur Bezirks­Hauptmannschaft und legten Protest beim Bezirkshaupt mann ein.

Toulon, 26. November. Die Panzerschiffe Suffren", St. Louis" und Charlemagne" halten sich unausgesetzt zuż Abfahrt nach Maroffo bereit.

Rom, 26. November. Eine neue Bombenexplosion setzte die Bevölkerung in Schrecken. Unter großem Lärm platzte eine Petarde bei der St. Andreaskirche. Es wurde niemand berletzt.

Triest, 26. November. Der Stadtrat beschloß mit 22 gegen 21 Stimmen bei zwei Stimmenthaltungen die voll. ständige Trennung der Gemeinde und der Kirche. Sämtliche Kosten des Kultusbudgets sind gestrichen oder herabgesezi worden.

Tanger, 26. November. Die hier zusammengetreten Konferenz der diplomatischen Vertreter der Signatarmächte beschloß, troß der noch ausstehenden Ratifizierung der Alge ciras- Akte über die in Marokko vorzunehmenden Reformer in Besprechungen einzutreten.

**

Dof und Gefellschaft.

"

An Bord des Flottenflaggschiffs Deutschland" in Riel leitete der Kaiser am Sonntag die gottesdienstliche Handlung und sprach selbst die Predigt. Der Kaiser nahm Bezug auf den Totensonntag und betonte besonders, daß Arbeit für den Lebenden das Notwendigste. Das seien die guten Werke, die uns im Tode nachfolgen. Gestern wohnte ber Kaiser Schießübungen auf dem Kreuzer ,, Prinz Adalbert" bei.

* **

Für die nächstjährige Nordlandreise beauftragte der Raiser den bekannten norwegischen Lotsen Nordhus, ihm eine Route auszuarbeiten. Die Reise soll sich bis zum Hafen bon Narvik im Norden Normogens erstrecken.

k **

Der dritte Sohn des Kaiserpaares, Prinz Adalbert von Preußen, ist seit einigen Tagen er­tranft; er hat sich eine leichte Erkältung zugezogen und muß bas Zimmer hüten. Aus diesem Grunde konnte der Prinz an den anläßlich des Kaiserbesuches in Kiel veranstalteten Festlichkeiten nicht teilnehmen.

**

Unter großer Teilnahme der Bevölkerung hielt das neuvermählte Paar Prinz und Prinzessin Johann Georg von Sachsen seinen Einzug in die Residenzstadt Dresden. Vor dem Rathause begrüßten die Vertreter der Stadt das prinzliche Paar, im Schlosse fand die Bewillkommnung durch den König und die übrigen Mitglieder des föniglichen Hauses statt. Aus Anlaß des Einzuges hat der König etwa 120 Personen, die wegen eines in Not begangenen Vergehens gegen die Vermögensordnung zu Freiheits- oder Geldstrafen berurteilt waren, die Strafen im ganzen oder zum Teil erlassen.

**

* In Posen verschied plöglich am Herzschlag der Erz bischof Florian v. Stablewski im Alter von 65 Jahren. Seine Ernennung zum Erzbischof von Poser und Gnesen und Primas von Polen erfolgte im Jahre 1891,

Florian v. Stablewski war früher Propst in Wreschen Als solcher wurde er 1876 zum Mitglied des preußischer Abgeordnetenhauses gewählt, in dessen polnischer Fraktion e von da an eine führende Rolle spielte. Die Beiseßung finde am Donnerstag in der neurenovierten Gruft der Herz- Jesu tapelle des Domes statt.

*** Der Reichstagsabgeordnete Dreesbach- Mann heim ist gestorben. Er gehörte der sozialdemokratische Partei an und war 62 Jahre alt.

Deer und flotte.

" 1

Ein französisches Torpedoschulschiff durch Feuer zerstört. An Bord des Torpedoschulschiffes Algésiras", das im Hafen bon Toulon lag, brach Sonntag abend ein Großfeuer aus, durch welches das Schiff vollständig zerstört wurde, Von der 500 Mann zählenden Besatzung waren, als das Feuer aus: brach, 321 Mann an Bord. Ueber den Umfang der Katastrophe, die durch eine Pulverexplosion verursacht worden sein soll, fehlen bis jetzt genauere Angaben. Beim Appell fehlten drei Mann, man glaubt jedoch, befürchten zu müssen, daß die Bahl der beim Brande Umgekommenen bedeutend größer ist.

Der neue französische leukbare Luftballon Patrie" unter nahm in Nantes einen Aufstieg von fünfviertelstündiger Dauer; er erhob fich über die Wolken und senfte sich von Beit zu Zeit, um photographische Aufnahmen des Geländes ju machen und Geschosse abzusenden.

Deutfcher Reichstag.

( 126. Sizung.) CB. Berlin, 26. November. Der Reichstag fette heute, nachdem er das Andenken des blößlich gestorbenen sozialdemokratischen Mitgliedes Drees bach in gewohnter Weise geehrt hatte, die erste Lesung des die

33.

1,

EES

st

ex

ent 18

ng

em.

Die barmherzige Schwefter

Laffen;

der Freiherr aber

Keinbes

nieder und nahm

fich neben

ber­

feinen geleden mißgönnen

6. Kapitel.

fieß t gewaltiger Anstrengung seine Bewegung nieder " Ich follte bir zürnen, mein geliebtes Rind?" thre schmale weiße Hand in feine batte Telle bem Bager feines

beiden Bände.

ränipfenb. er,

fagte

mit

Welch eine törichte Sorge ist es, mit der du dich

beinem

gefunden, auf den Wunsch des Dottors im Beisein des Freiherrn statt­Die Unterredung zwischen den beiden Berlobten hatte var nur von sehr kurzer Dauer

und ste

gewefen.

fein,

ba hinter

in ihren Höhlen und um welche ihm

Falten

lag; benn feine Mugen Mundwinfel

feine

tagen tief

hatten sich tiefe

müht gewe graben. Er war augenscheinlich vergeblich be.

als jener bereits mit gerufen hatte, ihm sein Pferd vorzuführen, sprach er eifrig feinen Neffen zu beruhigen, und noch jetzt, rauher Stimme bem Meitknecht zus

jenseits

reube, baB

ber

bie eine

Borberivohiuung

im

Nebenbaufe. Die

Mauer

erblicken

fast gespenstisch vorgekommen. nie ein freundliches Geficht zu sehen

fonnte, nun auch wieder bezogen war; benn es waren beide Grundstilte trennenden

Gardinen angebracht. Die tablen her binter ben fetic

Aber ilber etwas anderes freute , waren ihr immer

0,90

1,20