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Giessen

Donnerstag, den 27. September 1906

Gießener

15. Jahrgang

Gratisbellagen: Oberbeffische Familienzeitung( und bie Gießener Seifenblasen( wöchentlich).

Neuelle Nachrichten

( siehener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wezlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen

Wesentlich erhöht hat sich unsere Auflage

in den letzten 14 Tagen, weil der Inhalt unseres Blattes frei von tendenziösen einseitigen Anschauungen ist und weil wir das Sprichwort:

= Jedem das Seine=

als für die gesamte Bebölferung geltend betrachten. Erfreulicherweise konnten wir auch unseren Abonnenten weiter entgegenkommen und wurde ab 1. Oktober auf

folgte durch den Generalinspefteur der Marine Großadmiral von Koester an Bord des Flaggenschiffs ,, Kaiser Wilhelm II.", woselbst die Admirale und Kommandanten der Flotte sich ver­sammelt hatten. Großadmiral v. Koester hat gestern einen Tagesbefehl erlassen, in welchem er sich von der Flotte ver­abschiedet, der er in Gedanken stets anzugehören gelobt.

* Wie bestimmt verlautet, fehrt der preußische Land­wirtschaftsminister v. Podbielski in nächster Woche aus dem Urlaub zurück und übernimmt seine Amtsgeschäfte wieder.

* Eine scharfe Resolution gegen die Fleischverteuerung nahm der in Küstrin tagende brandenburgische Städtetag an. In der Resolution wird die Staatsregierung ersucht, durch Erleichterung der Vieheinfuhr und des Viehtransports der Fleischteuerung nach Möglichkeit zu steuern. Oesterreich- Ungarn.

** Nachträglich wird bekannt, daß auf den Erzherzog­Thronfolger ein Attentatsversuch gemacht wurde. Am Tage, bevor der Erzherzog- Thronfolger sich zu den dalmatinischen Manövern begab, wurde auf dem Eisenbahnkörper der Staats­

45 Pfennig pro Monat bahn in der Nähe von Pola eine Dynamitombe entdeckt

der Abonnementspreis erniedrigt.

Die Lebren des Breslauer Prozeffes.

Nach fiebentägiger Verhandlung ist der große Aufruhr­prozeß zu Ende geführt worden, der sich auf die Vorgänge rm Striegauer Plaz zu Breslau im April d. J. aufbaute. Das Urteil wurde in später Nachtstunde gesprochen. Es tam u folgenden Resultaten:

Von den 48 Angeklagten wurden 7 völlig freigesprochen, darunter die Frau Feix und der 16 fährige Schlofferlehrling Schimpf. Bezüglich zweier Angeklagten erfolgte Vertagung der Urteilsverkündgung. Von den übrigen 39 erhielten die höchsten Strafen, je 6 Monate Gefängnis, die Angeklagten Schneider und Leuschner; jener soll ein Meffer gegen einen Schußmann gezückt, dieser einen alten Mann ins Gesicht gespuckt haben. Ein Angeklagter befam fünf Monate, vier je drei Monate Gefängnis zudiktiert, darunter der Arbeiter Hoffmann. Die anderen Angeklagten wurden zu zwei Monaten bis herunter zu drei Tagen Gefängnis verurteilt. Die einzige Geldstrafe erhielt die Hebamme Fräulein Haase, 15 Mark. Die Ver­urteilungen erfolgten wegen Koalitionszwanges, Beleidigung, Widerstandes gegen die Staatsgewalt, Nötigung oder Auflaufs. Sämtliche Angeklagten wurden, soweit sie inhaftiert waren, aus der Haft entlassen.

Das Gericht hat die Verfehlungen vergleichsweise milde amgesehen, wie aus den Strafabmessungen zu erkennen ist. Damit soll keineswegs gesagt sein, daß etwa das Gericht milder gewesen wäre, als den Verhältnissen und den nach­gewiesenen Tatsachen entsprach, ebensowenig, daß nicht auch Sas milde Urteil den Einzelnen hart treffen und ihm dem­gemäß hart vorkommen kann. Im großen und ganzen wird man aber überall den Eindruck haben, daß der zuständige Gerichtshof feinen milderndem Umstand übersehen hat und Aber die notwendige Wahrung der Staatsautorität und der bon ihr abhängigen Ordnung nicht hinausgegangen ist.

Es gibt kein schwierigeres Kapitel für Rechtspflege und Polizei, als das Kapitel, das vom Auflauf handelt. Wo eine Menge zusammengelaufen ist, da ist fast regelmäßig an fich chon die Unordnung gegeben und die Gefahr von Aus­fdbreitungen aller Art ungemein nahe. Das Schlimmste aber fit, daß man nur in den allerseltensten Fällen wissen wird, er den Auflauf verschuldet hat, und wer, nachdem der Auf­lauf einmal entstanden ist, Handlungen begangen hat, die sich alls Gesetzesverlegungen charakterisieren. Beim beginnenden Muflauf ist die Polizei noch nicht da: fie tritt erst in Tätig­fait, fie erscheint erst auf dem Schauplatz, nachdem die Massen Fich zusammengeballt haben. Selbstverständlich ist sie gar nicht in der Lage, sofort zu erfennen, wer den Muflauf verursacht hat. Das ist auch im Grunde leichgültig. Die bloße Tatsache des Auflaufs ist eine Störung, die zu beseitigen die Polizei berufen ist. Die Polizei fann nicht mehr tun, als zunächst die Menge aufzu­fordern, daß fie sich zerstreue. Wer jemals etwas ähnliches erlebt hat, der weiß, daß die Aufforderung in der Regel ver­geblich ist. Es kommen im Gegenteil noch immer mehr Leute 3unicht einmal aus Widerspenstigkeit, nicht einmal immer mus Lust am Standal, sondern in der Hauptsache aus Neugierde. Der gewöhnliche Fortgang ist nun der, daß die in der Mitte beefindlichen der polizeilichen Aufforderung gar nicht mehr Ge­horsam leisten können, auch wenn sie den besten Willen dazu haben.

Ebenso ist es der weitere gewöhnliche Verlauf, daß die Polizei, die für ihre Anordnungen feinen gutwilligen Gehorsam findet, noch verspottet, bedroht und bedrängt wird. Ist das erst geschehen, so ergibt sich beinahe von selbst, daß die Polizei von ihrer Waffe Gebrauch macht, sei es in der Abwehr von Angriffen, jei es zur Aufrechterhaltung von Verhaftungen, die sie vor­genommen hat. Sie wird bei diesen Verhaftungen nicht immer die Rädelsführer herauszugreifen das Glück haben, jondern manches Mal fich an vergleichsweise harmlose Ele= mente halten, die aus bloßer Freude an der Ab­wechselung eines Krafehls einmal besonders laut ge= schrien oder ein Schimpfwort oder Hezwort vernehm­lich ausgestoßen haben. Sie brauchen nicht die Schlimmsten und nicht die Hauptschuldigen zu sein. Es ist eben ihr Pech", daß man fie gefaßt hat, daß man ſie nicht losläßt, und daß man sie verantwortlich macht für das, was in der Hauptsache vielleicht nur in ihrer Gegenwart ge­schehen ist. Das ist für den einzelnen, den es gerade trifft, schlimm und bedauerlich, aber es wird sich nicht ändern lassen. Eine andere Art des Vorgehens, des polizeilichen und gericht­lichen Verfahrens ist nicht möglich. Sonst würde jede Menge, die Unordnung anstiftet oder noch viel schlimmere Dinge be= geht, einfach straflos sein, und darin würde ein arger Anreiz zu Verfehlungen liegen.

Man muß sehr optimistisch sein, um lebhafte Hoffnungen zu haben, daß Erfahrungen, wie die des Breslauer Krawall­prozesses, starte und nachgultige erzieherische Einwirkung aus­üben werden. Aber einige Einwirkung dürfte man doch er­warten. Erwachsene und besonnene Menschen müßten sich jagen, daß es sich für sie nicht schickt, überall hinzuhorchen und dabeizustehen wo etwas los ist", und daß ein solches Verhalten auch mit der öffentlichen Ordnung unvereinbar ist, deren Erhaltung in jedes einzelnen Interesse liegt. Es ist überdies eine grobe Ungehörigkeit, bei jedem Streit sofort und ohne Prüfung Partei zu nehmen; ganz besonders ist es eine grobe Ungehörigkeit, solche Parteinahme unbesehen gegen die Polizei zu richten, die man doch im Falle der eigenen Bedrängnis immer anruft.

Wenn wir nun auch nicht erwarten, daß die menschliche Natur, die einmal Freude am Seltsamen, Auffallenden, Un­gewöhnlichen und Lärmenden hat, von Grund aus sich ändern werde, so find wir doch der Meinung, daß erwachsene Arbeiter, die den Ernst des Lebens kennen gelernt haben, vermeiden werden, ihren Streit auf die Straße zu tragen und mit Ge­walt auszufechten. Der Streit ist ein anerkanntes Mittel im Lohnkampf. Aber wenn es ein Recht ist, zu streiken, so ist es dech zum mindesten ebenso ein Recht, zu arbeiten. Und wen jemand in der Beschränkung des Streifrechts eine Ver­Hrmmerung seines Rechts sehen will, so darf er doch ganz gewiß nicht die Rechtsverkümmerung sich zu Schulden kommen lafen, die darin liegt, daß er einen anderen an der Aus­ibung des Arbeitsrechts hindert.

Politische Rundschau.

Deutsches Reich.

* Die feierliche Uebergabe des Kommandos der aktiven Schlachtflotte an den Prinzen Heinrich ist gestern ( Mittwoch) vormittags in Kiel erfolgt. Die Uebergabe er­

A

Drei Italiener wurden verhaftet.

Balkanftaaten.

** Die Abreise des bisherigen Generalgouverneurs Prinzen Georg führte zu heftigen Zusammenstößen auf Kreta. Bewaffnete Kretenser versuchten, die Abfahrt des Prinzen zu verhindern. Die internationalen Truppen intervenierten und gaben Schüsse ab, welche von den Kretensern erwidert wurden. Zwei Kretenser wurden getötet, mehrere verwundet. Afrika.

** Abermals hat sich ein Zwischenfall in Marokko er eignet. Ein hervorragender Eingeborener, El Kasr, der unter französischem Schutze stand, ist ermordet worden. Seint Gut wurde geplündert. Der Mord dürfte neue Vorstellungen feitens der französischen Legation beim Sultan im Gejolge haben.

hleine politifche Nachrichten.

Dresden, 26. September. Die Generaldirektion der fäch­fischen Staatsbahnen bewilligte eine Million Mart jährlichen Mebraufwand zur Lohnaufbesserung für die gesamte Arbeiter­schaft.

Braunschweig, 26. September. Der Regentschaftsrat be­gab sich heute zur Uebermittelung der Landtagsresolution zum Reichskanzler Fürsten von Bülow nach Homburg.

Toulouse, 26. September. Die hier verhaftete Nihilistin gestand, daß sie von einem in Lausanne tagenden russischen Exekutivkomitee beauftragt sei, den Gouverneur von Jefa­terinoslam zu töten. In Petersburg seien ihr von einem Kosalenoffizier vier Finger zerbrochen worden.

Mailand, 26. September. Der internationale Handels­fammer- Kongreß in Mailand beschloß die Errichtung eines ständigen Ausschusses mit vorläufigem Siz in Brüssel.

Konstantinopel, 26. September. Wie aus Monastir ge­meldet wird, ist nicht der griechische Metropolit von Kastoria, sondern der Metropolit von Koriza im Wilajet Monastir ers

mordet worden.

Washington, 26. September. Das Justizdepartement ent­schied, daß das fürzlich erlassene Fleischbeschaugefeß auf in die Vereinigten Staaten verschiffte ausländische Fleischerzeug-, nisse leine Anwendung findet.

Dof und Gefellschaft.

Die Erkrankung Kaiser Franz Josephs zwingt den greisen Monarchen zu ständigem Zimmeraufenthalt. Die Erkältung dauert fort und der Patient hustet ziemlich häufig. An eine Reise kann gegenwärtig nicht gedacht werden, doch arbeitet der Monarch ganz genau so wie in sonstigen Zeiten. Obschon er den Prinzen Christian zu Schleswig­Holstein empfangen hat, find doch bis auf weiteres alle anderen Audienzen abgesagt.

*

Das Grabdentmal des Papstes Leo XIII. in der Laterankirche wird Ende Dezember erfolgen. Die feierliche Ueberführung der Leiche wird am Tage, nicht wie bei Pius IX. des Nachts vor sich gehen.

Aus Anlaß des 25jährigen Bischofs. jubiläums des Bischofs Korum fand im Dom zu Trier eine kirchliche Feier statt, der zehn Kirchenfürsten, Ober­präsident Freiherr von Schorlemer, Korpstommandeur von Deines und Oberbürgermeister von Bruchhausen beiwohnten. Die Stadt errichtete zu Ehren des Bischofs eine Stiftung im Betrage von 10'000 Mart zum Schug verwahrloster Kinder unter dem Namen Korumsstiftung".

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