Ausgabe 
22.12.1906 Erstes Blatt
 
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Rr. 301.

Erites Blatt.

Rebation a. Dauptegpebition: Gießen, Seltersweg 88. Fernsprechenflak Nr. 362.

Samstag, den 22. Dezember 1906

Gießener

15. Jahrgang

6.

Gratisbeilagen: Oberbeffische Familienzeitung( täglich) und die Stekener Seifenblasen( wöchentlich).

Neueste Nachrichten

( Sichener Tageblatt)

Unabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberhelfen und die Kreise Marburg und Weklar; Lekalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amblichen Betamachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Belizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Die Reichstagswahlen.

Das Großherzogtam Heffen,

bas bekanntlich in 9 Wahlkreise zerfällt, war im letzten Meichstage durch 6 Nationalliberale, 2 Sozialdemokraten und 1 Freisinnigen vertreten. Die Nationalliberalen behaupteten 1903 ihre Mandate in Friedberg Büdingen, Bensheim& bach und Worms Heppenheim; fie eroberten von den Antisemiten Gießen und Alsfeld Lauterbach, der Sozialdemokratie Offenbach- Dieburg. Die Sozialdemokratie behauptete Mainz und Darmstadt. Die Freisinnigen wahrten ihren Besißstand in Alzey­Bingen, während die Antisemiten den Rest ihrer Mandate in Oberhessen durch das geschlossene Vorgehen der Liberalen einbüßen mußten Das Zentrum hatte in allen Wahlkreisen Kandidaten aufgestellt; es fam in Worms, Alzch und Mainz in die Stichwahl, in der es aber unterlag. Mit Ausnahme des Darmstädter wurden sämtliche hessischen Reichstagssige rst in der Stichwahl erstritten. Indessen vermochte bekanntlich die Sozial­demofcatie das Darmstädter Mandat bei der Nachwahl 1906 auch in dem zweiten Wahlgange zu behaupten.

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Das Telegramm an den Reichskanzler. Als die bedeutsame Rede des Reichskanzlers Fürst Bülow bekannt wurde, die er vor der Auflösung des Reichstages an die Abgeordneten richtete, durchzog ein Gefühl hoher Begeisterung alle national empfindenden Preise unseres Volkes. Aus allen Teilen des Reiches gingen dem Stanzler patriotische Kundgebungen und Beifallserklärungen zu. Eine Frankfurter Tischgesellschaft, bestehend aus Ingenieuren, Künstlern und Offizieren, beauftragte den Ingenieur und Abteilungschef Kuhn, dem Reichskanzler eine Rundgebung mitzuteilen. Der Reichsfanzler erwiderte darauf:" Für Ihre patriotische Begrüßung bitte ich Sie, hierdurch meinen verbindlichsten Danf entgegenzunehmen. In vielen solchen Kund­gebungen hat der nationale Sinn zu mir gesprochen; möge er bei den Wahlen darnach handeln und Erfolg haben! Bülow."

Hessen und Hessen- Nassau.

Die Reichstagsstichwahlen finden auch im Groß­herzogtum Heffen am 5. februar statt. Friedberg. Der Bund der Landwirte hält am kommenden Sonntag im Hotel zu den drei Schwertern" eine Wahlversammlung ab.

Hanau a. M. Der Bund der Landwirte und die Antisemiten wollen bei der vorstehenden Reichstagswahl von der Aufstellung eines eigenen Kandidaten Abstand nehmen.

Offenbach. Die Stadtverordneten genehmigten gestern zunächst einen Antrag Orb, nach dem jeder ein­getragene Reichstagswähler durch eine Karte benachrichtigt werden soll.

Kassel. Die Landesorganisation der nationalliberalen Partei Kurhessens beschloß einstimmig, den gegenwärtigen Besizstand der liberalen Parteien in feiner Weise zu­gefährden, vielmehr für dessen Ehaltung nach Kräften einzutreten.

Norddeutschland.

Wiesbaden. Wahlbündnis. Die Freisinnige Volks­partei beschloß, mit den Nationalliberalen dahin zu ver­handeln, daß ein von den Freifinnigen aufzustellender Kandidat schon im ersten Wahlgang von den National­libe alen unterstützt wird, weil man es für ausgeschlossen hält, daß ein Nationalliberaler in die Stichwahl kommt. Die Nationalliberalen wollen den seitherigen Abg. Bartling wieder aufstellen.

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Frankfurt a. O. Wie die Frkf. Oder Zeitung" meldet, stellten die konservativen Parteien im Wahl­freise Frankfut a. D. Lebus den Gutsbesizer Rode­Zechin als eigenen Kandidaten auf. Rechtsanwalt Bassermann lehnte darauf die Wiederkandidatur ab. Beide liberalen Parteien leiteten sofort Verhandlungen ein zur Aufstellung eines anderen nationalliberalen Kandidaten.

Oberhausen. Das Zentralwahlkomitee der national­liberalen und fonservativen Partei des Wahlkreises Duisburg Mühlheim- Oberhausen beschloß, nochmals eine Kommission an den Führer der Nationalliberalen, Bassermann, nach Berlin zu senden, um iha unbedingt zur Annahme der Kandidatur zu bewegen."

Süddeutschland.

Fürth. Die Sozialdemokratie hat für den hiesigen Wahlkreis Segiß aufgestellt.

Karlsruhe. Dem demokratischen Führer Direktor Heimburger ist aus dem 6. badischen Reichstagswahl­freise Ettenheim Lahr- Wolfach die gute Aussicht bietende Man ecwartet, Blockkandidatur angeboten worden. daß Heimburger das Anerbieten annimmt.

Nürnberg. Als Kandidaten im hiesigen Wahlkreis stellten die Freisinnigen den Landtagsabgeordneten Häberlein auf, den die Nationalliberalen und voraus sichtlich auch die Deutsche Volkspartei unterstügen we den.

Prophezeiungen für 1907.

ng. Paris, im Dezember.

Die Zukunft ist dunkel. Was gäbe die Welt, der Einzelne arum, zu wissen, was sich demnächst, im kommenden Jahr oder noch später für Schicksale abwickeln würden. Es wäre o bequem zu leben, wenn man schon beizeiten vorsorgen önnte für alle Eventualitäten. Und nun gar die Politik. Wieviel Aufwand an Scharfsinn und Kombination würde er­part, falls alles genau tabellarisch im voraus festgelegt werden könnte. In vergangenen Jahrhunderten stellten Magier das Horoskop, lasen in den Sternen und prophezeiten nach Kräften darauf los. Wir lachen heute über den Hokus­pokus. Aber Ursache dazu ist gar nicht einmal vorhanden. In der Seinestadt wenigstens genießen Propheten immer noch großes Ansehen. Es gibt Leute genug, die z. B. augenblick= lich auf die politischen Vorhersagen der bekannten Handwahr sagerin und Zeichendeuterin Madame de Thèbes Stein und Bein schwören. Sie sagt eigentlich zwar gar nichts in ihrem Almanach". aber mit Worten läßt sich bekanntlich treff­lich streiten. Daß Deutschland bei Madame de Thèbes nicht besonders gut fortkommt, ist nicht weiter verwunderlich. Wozu wäre die würdige Dame sonst eine Vollblut- Französin? Doch lassen wir ihr selbst das Wort:

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Ich nannte das vorige Jahr ein tolles Jahr; 1907 wird nicht viel besser sein, ich könnte es ein unzusammen­hängendes Jahr" nennen. Die Plöglichkeiten, die Ueber­raschungen, die plöglichen Umschwungsaktionen und Front­änderungen werden einander von Dezember ab mit noch größerer Raschheit folgen als bisher. In Frankreich wird aber, wie ich sagen muß, keine Plage, keine Aufregung von langer Dauer sein; nichts wird uns schließlich absorbieren. Ich glaube nicht an den Krieg mit einem anderen Lande. Wir werden aber der Gefahr, der wir gegenüberstanden, auch im neuen Jahre ins Auge blicken und unter allen Umständen, in den Kolonien wenigstens, das Wort den Soldaten lassen müssen. Die übliche Serie der parlamentarischen und ,, finanziellen" Dramen wird noch sensationeller sein als ge­wöhnlich, und es werden vor allem zwei sehr bekannte Und Persönlichkeiten von der Bildfläche verschwinden. wieviel wieviel Skandale, wieviel häusliches Leid, Liebesdramen wird es 1907 geben! Deutschland sehe ich mehr und mehr beunruhigt, abgeschwächt, bloßgestellt, ge= reizt und aufreizend.(!) Der Kaiser hat die schönsten Lage seiner Regierung hinter sich. Er wird seinem un­erfahrenen Nachfolger eine unentwirrbare Lage hinterlassen. 1907 wird Deutschlands Schwäche(!) nur noch mehr offen­baren. Plötzliche Todesfälle stehen mehreren deutschen Fürsten­familien in Aussicht; die Hofaffären werden reich sein an In Desterreich, Aufsehen erregenden Ueberraschungen. welche Aufregung!... Der alte Kaiser fann durchaus nicht mit Sicherheit darauf rechnen, daß seine Krone dem erwählten Erzherzog zufällt. In England wird sich der Klassenkamps verschärfen. Der Konflikt zwischen den Lords und dem Volke steht beror. Aber der König wird alles wieder ins Lot bringen. Er wird noch einmal dem Alter und der Krankheit ein Schnippchen schlagen. Bon den Vereinigten Staaten fann ich nicht viel Beruhigendes sagen. Feuer, wieder Feuer oder auch Wasser mit drohenden Ueberschwemmungen; und dieselben Gefahren bedrohen auch Südamerika. Fast in allen Staaten wird die Politik 1907 Unheil an: richten und ernste Konflikte herbeiführen. In Spanien hat der König die größten Gefahren seiner Regierung überstanden und wenn 1907 und 1908 ihm Ruhe lassen, darf er sicher sein, ein fönigliches, glückliches Eigen­leben führen zu können. Italien erwacht zu neuem Leben. Ich sehe überhaupt, daß die lateinischen Rassen mehr als je die Welt führen werden: der armselige Triumph des Industrialismus geht seinem Ende entgegen... Ich glaube, daß die Macht des Vatikans größer werden wird, daß vor allem eine moralische Macht eine Kräftigung erfahren wird, wenn die Regierungen sich von dem entfesselten Appetit der in materialistischer Weltanschauung erzogenen Völker bedroht sehen werden. In Belgien ist, wie ich glaube, die Zeit der sozialen Umwälzungen gekommen. Was endlich Rußland betrifft, so ist es ganz unmöglich, etwas flares und ficheres zu unterscheiden. Alles ist Widerspruch. Die Anzeichen ,, individueller" Katastrophen scheinen mir aber seltener zu sein, Dafür dürfte aber in absehbarer Zeit die russische Armee wieder eine Rolle nach außen hin zu spielen haben!...

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Madame de Thèbes operiert sichtlich nach der Art der alten Aiaeunerinnen nichts Bestimmtes. dafür dehnbare

und vieldeutige, eigentlich nichtssagende Redensarten. Aber sie ist eine Prophetin Politiker, vor allen ihr Leute in Deutschland, jeid gefaßt. Ihr wißt, was euch bevorsteht.

Politifche Rundschau.

Deutfches Reich.

* Der braunschweigische Regentschaftsrat hat den Beschluß gefaßt, die Thronfolgefrage vor den Bundesrat zu bringen. Wie man zu wissen glaubt, wird Preußen bei seiner grund­säglichen Stellung verharren, während Bayern, Sachsen und Mecklenburg- Schwerin der Sache des Herzogs von Cumber land sympathischer gegenüberſtänden. Prinz Max von Baden, ein Enfel des Großherzogs, ist mit einer Tochter des Herzogs Ernst August verheiratet. Jedenfalls wird durch die An­rufung des Bundesrats die definitive Lösung der Thronfolge frage noch auf geraume Zeit hinaus verzögert.

* Das Disziplinarverfahren gegen den Major Fischer, dessen finanzielle Beziehungen zu Tippelskirch großes Auf­sehen erregten, ist nach einer Meldung furz vor der parla­mentarischen Besprechung des Nachtragsetats für Südwest­afrika durch den Reichskanzler, als obersten Vorgesezten der Schußtruppenoffiziere, dadurch erledigt worden, daß der an­geschuldigte Major vierzehn Tage Stubenarrest erhielt. Da die Strafe auf dem Disziplinarwege ausgesprochen wurde, konnte eine Kompensierung durch die erlittene Untersuchungs­haft nicht eintreten. Möglicherweise steht aber noch ein ehren­gerichtliches Verfahren in Aussicht.

* Zur bevorstehenden Reichstagswahl find Angaben über die Partei der Nichtwähler besonders interessant. Ein offiziöses Blatt schreibt über die Nichtwähler: 1903 find über 25 Prozent der Wahlberechtigten von der Urne fern geblieben. Die Bartei der Nichtwähler macht also den vierten Teil aller Wähler aus. Sie verfügte über mehr als 3 Millionen Stimmen. Sie war also stärker als die Drei millionenpartei der Sozialdemokratie. Die Partei der Nicht­wähler rekrutiert sich nicht aus der Sozialdemokratie, auch nicht aus dem Zentrum."

Rufeland.

** Als Vorspiel zu den Dumawahlen macht sich eine äußerst strenge Verfolgung der Kadettenpartei bemerkbar; da bie Partei von der Regierung als revolutionär betrachtet wird, find alle Bureaus dieser Partei von der Regierung untersagt worden. Personen, die sich inoffiziell versammeln, werden verhaftet. Die Zugehörigkeit zum ungesetzlichen Ver­band der Kadettenkreise wird als strafbar betrachtet. Ueber diese Maßregel herrschen große Mißstimmung und Nieder­geschlagenheit. Ferner liegen folgende Nachrichten vor:

Radom, 21. Dezember. Der Handelsschüler Werner, der gegen den Chef der Gouvernements gendarmerie eine Bombe schleuderte und ihm schwere Verwundungen bei­brachte, an denen der Oberst inzwischen gestorben ist, wurde vom Feldgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet. Daraufhin wurde von den Arbeitern der Generalausstand für Radom und Umgebung proklamiert.

Petersburg, 21. Dezember. Die Hungersnot hat enorm zugenommen; nach dem Bericht des hiesigen Notstandskomitees haben 60 Millionen Menschen in 30 Gouvernements unter Nahrungsmangel zu leiden.

Riga, 21. Dezember. Das Feldgericht verurteilte zehn Anarchisten zum Tode und sechs zu schwerer Zwangs­arbeit.

Sebastopol, 21. Dezember. Admiral Skrydlow hat angeordnet, daß die Wachtposten im Festungsrayon von 6 Uhr abends bis 7 Uhr morgens auf verdächtige Personen, ohne sie anzurufen, feuern sollen.

Moskau, 21. Dezember. Studenten der hiesigen Universität wollten heute eine Versammlung abhalten, um über die Veranstaltung eines dreitägigen Ausstandes zur Erinnerung an die Ereignisse im Dezember vorigen Jahres zu beraten. Die Universität wurde aber vorher von Polizei umstellt und die Versammlung verboten. Die Studenten gingen ruhig auseinander.

frankreich.

** Der Erzbischof von Paris erließ eine Rundgebung zum Kirchenfamps, nach der als Zeichen der Trauer in allen Pariser Kirchen in der bevorstehenden Weihnachtsnacht die Messen ausfallen. Die englischen, schottischen und amerikanischen Zöglinge des Seminars Saint- Sulpice richteten an den Polizeikommissar einen schriftlichen Protest gegen ihre Aus­weisung, in welchem sie auf die von Frankreich durch das Konfordat übernommene Verpflichtung hinweisen, für ihren Unterricht und Unterhalt zu sorgen.

Kleine politische Nachrichten.

Berlin, 21. Dezember. Der Kaiser wird am Neujahrs­tage um 1134 Uhr mittags die Kommandierenden Generaie und die in Immediatstellen befindlichen Flaggoffiziere im Rittersaale des Königlichen Schlosses empfangen, um von ihnen die Glückwünsche des Heeres entgegenzunehmen, ebenso die Glückwünsche der Flotte durch den Flottenches, Prinz­Admiral Heinrich von Preußen. Um 124 Uhr ist im Zeug­hause Ausgabe der großen Parole.

Berlin, 21. Dezember. In dem Etat des Reichstages für 1907 soll eine bestimmte Summe zu Repräsentations­

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ufficht, so würde sie nimmermehr eine Möglichkeit gefunden Conchita hier in unserm Hause und unter meiner persönlichen Warum schlugft du meine Warnungen in den Wind?

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ergangen wäre." Gleichviel! und ihm jede Möglichkeit abschneidet, fich aus dem Gefängnis Du wirst Sorge tragen, daß man ihn noch heute verhaftet aus bem Wege zu schaffen, so müssen wir uns ihrer bedienen. Morbindung u foton Da es bie einzige Handhabe ist,

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Gelegenheit bieten, bich bieses oder jenes nur hargut on hiele Sielegenheit au benüßen oder Sie auch, drängers auf gute Art zu entledigen. Es kommt bann eben nicht ins Gewicht fällt, so wird sich vielleicht auch für dich Beiten furzen Prozeß mit seinen Widersachern macht unb wenn in solchen Beiten ein Menschenleben mehr oder weniger unbequemen Be

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Warum?" Also, um was handelt es Rich." ,, Vollstänbig richtig, xzellenz." bekommen, und meine Müthe ist vergebens."

Schon zwei Monate bemühe ich mich, das Dokument zu