Ausgabe 
22.9.1906 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt.

Bien u.Haupterpsbition: Gießen, Seltersweg 88. Hernsprechanschluk Nr. 362.

Samstag, den 22. September 1906

Gießener

15. Jahrgang

Ovatiobellagen: Oberhefftichs Familienzeitung( und bie Gießener Seifenblasen( wöchentlich).

enelle Nachrichten

( siehener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wezlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberbeffen

Wenn die Blätter fallen.

Politische Wochenschau.]

Herbstwinde haben sich erhoben. Fröstelndes Wehen geht urch die Natur. Die Zeit des Vergehens ist wieder nahe­eridt. Das gibt wechselnde Stimmungen, bald freudigen lang, bald banges Verstummen. Die vergangene Woche hat eides gesehen. An die Tage des Kaisermanövers in Schlesien, as unsere Wehrkraft in blühendem Stande zeigte, knüpften bie Jubiläumsfestlichkeiten in Karlsruhe, wo der älteste eutsche Fürst, des Kaisers Oheim, die Liebe und Verehrung entete, die er ein langes Leben hindurch ausgesät. Und wischen die stolze Wahrnehmung in Schlesiens Gefilden und ie Herzensfreude, die von Badens gesegneten Gauen sich über any Deutschland ausbreitete, schob sich die Totenklage um en Senior aus dem Hause Hohenzollern, um den Prinzen lbrecht von Preußen, Regenten von Braunschweig. Nicht ung, aber doch allzufrüh ist der reckenhafte Prinz Albrecht ur Ewigkeit eingegangen. Und sein Tod gemahnt in betrüb­ichtter Weise, daß im Deutschen Reich eine alte Rechnung noch unbeglichen, ein alter 8miespalt noch offen ist. Herzog von Cumberland, weiland des Königs von Hannover Sohn, steht unversöhnt der Entwicklung gegenüber, die Deutsch­lant zur Erlangung seiner Einigkeit unter Preußens Führung nehmen mußte. Er fönnte auf dem Thron von Braunschweig in der Gemeinschaft der deutschen Fürsten fizzen; aber er ver­schmäht das, weil er auf ein geschichtlich verwirktes, mit dem Bestande des Reiches unvereinbares Recht nicht verzichten wil. Er hätte in der Hauptstadt Badens, mit dessen Herrscher= hams er verschwägert ist, mit dem Deutschen Kaiser zusammen­treffen fönnen und hat vorgezogen, in legter Stunde sein Erscheinen abzusagen.

Der

Einen traurigen Nachhall bedauerlicher Verirrungen bringt der Breslauer Aufruhrprozeß. Der Prozeß knüpft an Streif­Kämpfe an, die längst vergessen wären, hätte nicht übel be­dadhte Gewalttätigkeit jene Kämpfe in üblem Sinne ausge­jeichnet. Der Richter, der hier urteilen soll, hat eine un­gennein schwere Aufgabe. Das Recht ist verletzt, die öffent liche Ordnung ist empfindlich gestört worden; doch menschlich begrenztem Scharfsinn ist es faum möglich, zwischen dem be­mußten Uebeltäter und dem durch einen bösen Zufall in die Berstrickung geratenen harmlosen Zuschauer zu unter­scheiden. Mögen Weisheit und Milde sich zu gerechtem Spruch bereinigen!

Das wirtschaftliche Leben im Reich pulsiert mit wünschens­merter Kraft. Doch die Teuerung, die seither nur auf dem arft der Lebens- und Genußmittel fich fühlbar machte, hat fich auch auf den Geldmarkt ausgedehnt. Das ist hoffentlich nur

Giessener Latern.

Früb morgens, wenn die Hähne kräb'n...

Rings Stille herrscht. Der Tag dämmert... Nur da und dort huschen Gestalten durch den Morgenduft, den wir in Gießen mit dem wenig poetischen, jedoch desto wirkungsvolleren Namen Quotschenewwel" bezeichnen. Da ist es hochinteressant, hinter den Gardinen verborgen am Fensterlein zu lauschen, was alles der kommende Tag bringt.

Sollte

Ein altes Sprichwort sagt: Vögel, die zu früh' singen, frist die Kaz." Ich möchte die unumstößliche Richtig­Meit dieses weisen Spruces start in Zweifel ziehen. er volle Giltigkeit haben, so würten alle diejenigen, die den jungen Tag mit Sang und Klang und hoher Lebensfreude begrüßen, elendiglich im Tageslauf zu Grunde gehen, an ein gedeihliches Wirken wäre überhaupt nicht mehr zu denken, denn das oben erwähnte fatale Sprichwort verdirbt ja von bornherein dem Menschen die Lust am Leben, die Freude am Dafen auf dieser schönen Welt.

Anders ist es in der nackten Wirklicht. it. Da singt und klingt und schmeitert es in den grauenden Tag hinein, daß es eine Lust ist. Am frühesten treten die Bäckerschmahd" und der Bäckerschborsch" in die Erscheinung, die erstere still und züchtig, der lettere pfeifend oder singend: Ach, wie ift's möglich dann, Daß ich dich lassen kann, oder:

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eine vorübergehende Erscheinung, die verschwunden sein wird, ehe die Blätter gefallen sind. Doch auch in diesem Fall ver= langt die Erscheinung sorgliche Beachtung, vorbeugende Maß­regeln, denn die Teuerung des Geldes deutet zuweilen auf beginnendes Mißtrauen.

An Kongressen hat es in der vorigen Woche auch nicht gefehlt. Der Naturforschertag in Augsburg hat zwar feine unmittelbare Förderung, aber eine danfenswerte Klärung der Auffassungen auf den Gebiete dieser Wissenschaft gebracht, das man sehr hübsch als das Gebiet der unbegrenzten Möglichkeiten" bezeichnet hat.- Unermüdlichkeit bewies der Kongreß der Friedenssreunde in Mailand, der nicht aufhört, der überzeugten und bei aller theoretischen Friedensliebe in Waffen starrenden Welt das Evangelium des Friedens zu predigen.

Ob in Rußland die Regierung am Anfang ihres Endes, die Revolution am Ende ihres Anfangs steht, wird vielleicht offenbar werden, noch ehe die Blätter fallen. Der Zar und seine Familie sind zur See. Man spricht von einer Flucht. Daß die Seereise des Herrscherhauses eine Flucht darstelle, wird freilich amtlich geleugnet, Doch diese Leugnung hat keine beweisende Kraft, denn das Eingeständnis bedeutete schon einen Regierungsverzicht. Sicher ist nur, daß die Reise des Zaren mit dem entdeckten Plan eines Attentats in Zu­sammenhang gebracht wird, dessen Urheber zu der Umgebung des Zaren gehört haben sollen. Was hier Wahrheit ist, läßt sich aus der Entfernung nicht ergründen, erst der endgültige Ausgang tann zweifelsfreie Erkenntnis schaffen. Inzwischen häufen sich in dem unglücklichen Lande Greueltaten, die die Menschheit schänden. Revolutionäre und sogenannte Stützen der Ordnung wetteifern miteinander in Verbrechen, über die tulturlose Barbaren erröten würden. Der Mord, der öffent­liche Mord ist zu einem Geschäft geworden, das man auf den Straßen, vor den Augen der Behörden und mit Hilfe des Militärs vorbereitet und betreibt.

Für Kuba ist die Intervention der Vereinigten Staaten wahrscheinlich geworden. Wenn die Aufständischen noch in letter Stunde mit der Regierung der Insel ihren Frieden machen, so geschieht es, meil selbst die enragiertesten Empörer lieber die Gewaltherrschaft ihrer Gegner erdulden, als von der Union sich ,, befreien" lassen möchten.

Noch eine andere Insel, Kreta, bedroht den Frieden der Welt. Ein Glück nur, daß die Streter noch heute den Ruf verdienen, den sie bereits in biblischer Zeit hatten, da man fie ,, faule Bäuche" nannte.

Die scherifische Majestät von Marokko hat wenig Freude an der souveränen Selbständigkeit, die das gesamte Europa ihm zuerkannt hat. Die eigenen Lehnsmannen stimmen mit

Freu't euch des Lebens,

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Europa nicht überein und machen ihrem Herrn das Leben sauer, die Krone zu einem unsicheren Besitz, die Selbständigkeit Es kommt vor, daß im Herbst nicht blos die zum Spott. Blätter fallen.

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Braunfchweigs neuer Regent.

Wie unser Berliner CB- Mitarbeiter Freitag Abend von durchaus zuverlässiger Seite erfuhr, ist es fast sicher, daß Brinz Friedrich Wilhelm von Preußen zum Regenten von Braunschweig gewählt wird. Prinz Friedrich Wilhelm ist der jüngste Sohn des verstorbenen Prinzregenten Albrecht und am 12. Juli 1880 geboren, also 26 Jahre alt.

Der außerordentliche Landtag

des Herzogtums Braunschweig, der die Regentschaftsfrage zu lösen hat, wurde durch eine vom Prändenten des Regent= Shaftsrates, Staatsminister Dr. von Otto, verlesene Rede er­öffnet. In dieser Rede wird zunächst dem Schmerz und der Trauer um den heimgegangenen Regenten und dem Dank des Landes für seine 21 Jahre hindurch mit nie ermüdendem Silichtgefühl geführte Regierung Ausdruck gegeben. Treu zu Statser und Reich haltend, habe er, auf dein nie verlassenen Grunde der Verfassung stehend, die Förderung der Wohlfahrt des Landes in echt braunschweigischem Sinne sich stets an­gelegen sein lassen. Als seine Königliche Hoheit am 24. Of­tober 1885 auf Schloß Camenz die braunschweigische Ab­ordnung empfing, die ihm die Wahl zur Regentschaft des Landes antrug, habe der Prinz der Hoffnung Aus­druck gegeben, daß Gott ihm Kraft verleihen werde, des Herzogtums Regierung im Geiste des verstorbenen Herzogs Wilhelm zum Segen des Landes zu führen. Die feierliche Zusage, welche diese Worte brachten, habe er bis zum letzten Atemzuge treu erfüllt. Dann heißt es weiter: Das Herzogtum ist durch das tief beklagte Ableben seines Regenten, ohne daß in der Sache und Rechts­lage, der das Bestehen der Regentschaft entsprang, eine Renderung eingetreten wäre, wiederum verwaist. Auf Grund des Verfassungsgesetzes habe der Regentschaftsrat die pro­visorische Regierung übernommen und die Landesversamm lung einberufen. Eine rechte Entscheidung solle getroffen werden. Möge, was auf dem außerordentlichen Landtage be­schlossen wird, mit Gottes Hilfe dem Lande zum Segen ge­reichen. Nach der feierlichen Eröffnung des Landtags wurde sodann sein bisheriger Präsident wiedergewählt. Eine Kom­mission wurde beauftragt, eine Antwort auf die Eröffnungs­rede zu entwerfen, deren Wortlaut vom Hause selbst sodann festgestellt werden soll.

und doch hat er in seinem Leben noch feinen polnischen Menschen gesehen.

Bisweilen hört man in früher Morgenstunde auch noch alte Liedlein auf der Straße. Das stimmungsvolle Herzliebchen mein, unter'm Rebenbach

Weil noch das Lämpchen glüht, und in rasch wechselnder Stimmung liegen ihm darauf zwei dunkle Augen" im Sinn, die jedoch keinen tieferen Eindruck auf ihn gemacht haben fönnen, denn er stimmt alsbald die wunderbare Weise von dem kleinen Kohn" an, und leitet wechselt ab mit dann hinüber zu dem wehmütigen Volksliede Wilh. Hauffs: Morgenroth, Morgenroth, Leuchtest mir zum frühen Tod.

Ein Frühaufsteher ist unbedingt der Schusterbub", der zu den ersten und humorvollster Gestalten der Straße zählt. Er ist nicht wählerisch in seinem Programm, er bekennt im Liede und durch das Pfeifen alles, was ihm auf der Seele lastet und er macht aus seinem Herzen feine Mörder­grube, sondern schmettert in den taufrischen Morgen hinaus: Mein Herz, das ist ein Bienenhaus, Die Mädchen sind darin die Bienen; in sorgloser Gleichgiltigkeit verläßt er eben das Pfarrhaus, um unmittelbar darauf

G'rad aus dem Wirtshaus Komm ich heraus

"

Das ist der Tag des Herrn

und gebildete Schuster jungen beherrschen die Melodie des Trauermarsches" von Chopin ebenso wie die Donau­walzer" bon Strauß oder den unverwüstlichen Rabezly­Marsch". Der vormalige luftige Ehemann" muß icht be­schämt zur Seite weichen, da der neuere Schlager

Trinfe merr noch e Tröppche,

der gräßlichste aller musikalischen Meuchelmorde, ihm längst den Rang abgelaufen hat. Nun ist das Leben auf der Straße vollständig erwacht. Die Melodieen verstummen. Alles eilt geschäftig her und hin....

Auch meine schöne Nachbarin, eine kleine junge Frau mit wunderbar hübschen Aeuglein und schwarzem Haar hat sich erhoben und waltet ihrer häuslichen Verrichtungen. Dabei tönt unaufhö lich ihr Lied, das wir ja alle in der

zu intonieren und, obwohl es gar nicht seine Absicht ist, Jugendzeit so gerne gesungen: Gießen zu verlassen, so singt er doch:

Muß i denn, muß i denn

Bum Städele hinaus.

Ich möchte behaupten, der Schusterjunge ist ein großer Kunst­kenner. Er zeigt sich bewandert in den klassischen Werken alter Meister, ihm ist das Brautlted aus Lohengrin" eben so geläufig, wie das Lincke'sche Glühwürmchen", obwohl er nur einen sehr minimalen Begriff von Liebe hat, so flingt es doch gefühlvoll aus seiner Kehle:

Du haft mich nie geliebt, und er behauptet fortwährend, daß im Böhmerwald feine Wiege stand, jedoch ist es allezeit nachweislich, daß seine Geburtsstätte das liebliche Dorf Waßenborn ist. In der Vorspiegelung falscher Tatsachen ist auch der in der Ladentüre den Morgen genießende Balwirerschbubb" groß indem er, angeregt durch die musikalischen Darbietungen der frühen Straßenpassanten, einen Hymnus auf die Bolin erschallen läßt: Der Polin Reiz bleibt unerreicht,

Gold'ne Abendsonne, Wie bist du so schön,

Nie fann ohne Wonne Deinen Glanz ich s h'n.

Die Stimme meiner hübschen Nachbarin ist gar nicht übel; ich lausche oft ihrem Gesang- und sie trällert den lieben langen Tag- daß es manchmal ein Freude ist; ihr Repertoir ist ein gewähltes und dazu ein sehr reichhaltiges. Als sie jedo heute Morgen mit einer Ausdauer, die unvergleichlich, phänomenal, großartig, riesig, fabelhaft oder welche andere Bezeichnungen dieselbe noch verdient, die goldene Abendsonne zum vierzigften oder gar fünfundvierzigsten Male preift, da lege ich zerkaischt die Feder aus der Hand, fülpe den Hut auf's Haupt und suche den entlegensten Winfel einer Stätte auf, allwo man einen Guten schenkt", um dort endlich allein den Unmut zu ertränken, den mir die goldene Abendsonne am frühen Morgen bereitet hat.- Württemberger.

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