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1906.
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eustadt 41.
Nr. 193
Zweites Blatt.
baltion u.Sauptexpedition: Gießen, Seltersweg 88. Fernsprechanschluk Nr. 362.
Samstag, den 18. August 1906
Gießener
15. Jahrgang
Gratiabellagen: Oberbeffifche Familiengsttung( und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich).
Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Beifung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Volizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberbeffen
Jn des Königs Rock.
Heitere Blätter aus der Mappe eines deutschen Soldaten.
Die Rekrutenzeit.
Wieviel hat Reserve noch?" Noch 14 Tage," dam ziehen sie den bunten Rod aus, den fie zwei Jahre lang ge tragen haben. Es geht heim zu„ Muttern" und aus hunderten bon Kehlen schallt es:
"
Drum Brüder, stoßt die Gläser an,
Es lebe der Reservemann!
Wer treu gedient hat seine Zeit, Dem set ein volles Glas geweiht!
Und der Einjährige fingt und zählt mit, obwohl ei eigentlich nicht zu denen gehört, die nach vollbrachter Dienst zeit als Reserve" davonziehen. Man glaube aber nicht, daß dem Einjährigen etwas geschenkt wird. Er muß genau so seinen Dienst verrichten, wie jeder andere Soldat, im Gegen teil, man holt gerade ihn oft genug zu Extradiensten und zieht ihn, der immer durch seine Schnüre auffällt hervor, um die Strafpredigt, die vielleicht ein anderer verdient hat, ihm aufzuhängen. Wenn der Einjährige jetzt, da die Manöverzeit und damit das Ende der Dienstzeit heranrückt, auf ver gangene Tage rüdblickt, so wird er trotzdem das Gefühl haben, daß eine Spanne Zeit voll strenger Arbeit, aber auch voll heiterer Stunden hinter ihm liegt und daß ihm das Soldatenspielen ebensowenig geschadet hat, wie jedem andern, der den Fahneneid geleistet hat.
Mir wenigstens ging es so. Freilich, als wir am ersten Tage unserer Dienstzeit auf dem Regimentsbureau antraten, um den verschiedenen Kompagnieen zugeteilt zu werden, da famen wir uns merkwürdig winzig unter all den Uniformen bor. Unser ganzer Stolz, den wir für diesen Tag auflackiert hatten, verblich, als wir neben einem dazu kommandierten Unteroffizier der Kaserne zugeführt wurden, und nachher bei der ärztlichen Untersuchung und der dann folgenden Einfleidung nebst den sonstigen Formalitäten wurde uns nicht : besser zu Mute. Das Neue, das uns umgab, wirkte nieders schlagend auf uns; es war eine andere Atmosphäre, die wir atmeten, andere Menschen, mit denen wir ein Jahr lang vertehren, oder besser die mit uns verkehren sollten. Indessen die Stimmung löfte fich bald. Als wir uns gegenseitig in den neuen Monturstücken ansahen, blieb, wie der Berliner sagt ,,, teen Doge mehr trocken". Wir konnten uns in den wenig nach Maß gearbeiteten Röcken und Hosen nicht anders ansehen, als mit Lachen, und da dauerte es nicht mehr lange, bis wir uns fühlten". Als wir dann den Fahneneid leisteten, waren wir schon völlig Militärs geworden, zum mindesten äußerlich. Es wurde mir bald flar, daß ich es innerlich noch nicht war. Bisher hatte ich mir, wie jeder Mensch eingebildet, daß ich gehen, laufen und überhaupt meine Beine gebrauchen könnte; meine Hände desgleichen. Der Sergeant, der uns vom zweiten Tage an unter seine erziehende Fuchtel nahm, bewies mir sofort das Gegenteil. Ich lernte jetzt erst laufen und gehen, wie ein Baby, d. h. wie ein militärisches Baby und obwohl ich nach Ansicht meiner früheren Mitmenschen für einen leidlich gerade gewachsenen Mann galt und nach meiner Ansicht gerade, gesunde Knochen hatte, mußte ich meinem Ererziermeister bald glauben, daß ich frumm wäre, wie überhaupt nur ein Rekrut frumm sein fann. Ich glaubte es ihm auch, denn ich fühlte nach den ersten Stunden Exerzieren meine Knochen überhaupt nicht mehr; ich fand sie erst wieder, als der Dienst an diesem Tage vorbei war, und ich mit den andern Herren Kameraden beim Bier saß. Himmel, was ist an dem Tage geflucht worden. Wenn nur aner unserer Wünsche in Erfüllung gegangen wäre, gäbe es schon längst keine Unteroffiziere, teinen Dienst und keine deutsche Armee mehr. Aber der von uns herbeigefehnte Weltuntergang fam nicht, sondern ein neuer Tag und noch viele gleiche, an denen wir immer tiefer in die Geheimnisse des militärischen Dienstes eins drangen, bis wir schließlich als einigermaßen annehmbare Soldatenschmetterlinge aus der Rekrutenraupenhülle hervors gingen. Wer bei dieser Prozedur am meisten Schweiß vers gossen und am meisten geschimpft hat, wir oder unser Lehrs meister, ist noch nicht festgestellt. Wir hatten jedenfalls vor den zweijährigen Rekruten den Vorzug, daß wir mit dem gröbsten schon durch waren, als fie tamen, und daß es zu unserm Troste somit Leute auf dem Kasernenhofe gab, die noch frummer waren, als mir.
Mit dem Laufen vulgo Marschieren ging es also schon, auch die verschiedenen Honneurs hatten wir ziemlich begriffen. Wir fielen leider öfter dabei aus der Rolle, wenn der Gefreite, der uns bei den Honneurübungen bald als Leutnant, bald als General entgegenkommen sollte, so wenig Generalmäßiges an fich hatte und der Herr Sergeant ihn erst mit einem fräftigen ,, Du bist doch General, Kindvieh," an seine Würde erinnern mußte. Kräftig aber deutlich. Wenigstens ging es uns nicht so, wie dem braven Bielawski aus Bjelanowo, Kreis Wollstein, Provinz Posen, der auch nachher den als Modell dienenden Gefreiten immer noch für einen General ansah, wenn er ihm auf der Straße begegnete. Aber Bielawski ,, verstand sich schlecht Daitsch," vielmehr übers haupt nicht.
Seitdem wir die ,, Knarre" vulgo Schießprügel oder Gewehr in die Hand bekommen hatten, sahen wir uns erst als richtige Vaterlandsverteidiaer an. Ich batte früber stets mit Vorliebe die Schießbuden auf allen Jahrmärkien ausprobiert und für 25 Pfennig sechsmal nach dem brüllenden Löwen oder der trommelnden Tante geschossen.
Aber ein bischen anders ist so ein Militärgewehr doch und ich bin mir in meinem Leben noch nicht so dumm vorgekommen, wie damals, als ich das erste Mal, nachdem wir die Geheimnisse des Zielens begriffen hatten, eine Plazpatrone Losbrannte. Ich sah zwar stolz in das Loch, das ich in die Natur gemacht hatte, aber mein gestrenger Herr Sergeant behauptete, ich hätte gemuckt", meine Flinte hätte gewackelt, wie ein Lämmerschwanz, und ich würde in meinem Leben die Scheibe nicht beschädigen! Das mir! Der ich auf zehn Schritt Entfernung eine Tonpfeife mit der Windbüchse beinahe traf. Aber dem habe ichs gegeben. Das heißt blos und halten", in Gedanken, denn beim Militär heißt's M-
so verlangt es die Disziplin, ohne die unsere Armee nicht bestehen könnte. Ich habe das Schießen trotzdem gelernt und als ich später mit der Kompagnie zum ersten Male zum Scharfschießen antrat, schoß ich zwei Spiegel und einen Strich, daß es nur so rauchte. Da hatte die schöne Rekrutenzeit ein Ende und ich war das Glied einer Kompagnie geworden, in der ich jetzt die höchsten Ehrenstellen erringen konnte, wenn ich den verschiedenen Wenns entsprechen konnte. Die nach uns gekommenen Refruten hatten es auch nicht so gut, die wurden noch gebimmst," wir aber waren schon ausgewachsene Soldaten, alte Leute, die auf die Blausäcke", die Rekruten ftolz herabjahen. Wir hatten es erreicht.
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Vermischtes.
L. Julius.
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Auch eine postalische Neuerung". In München hat ein findiger Schreibwarenhändler eine Anzahl Päckchen in Briefformat hergestellt, welche den Aufdruck tragen: Briefeinlage für den Ortsverkehr, der neuen Postverordnung ent sprechend, etwa 250 Gramm schwer" und bergen Ziegelstein! Der findige Mann kann in dem stark von Studenten und Kunstjüngern bewohnten Viertel mit dem Proteststein ein gutes Geschäft machen. Dem armen Postboten aber, der im Schweiße seines Angesichts vier und fünf Treppen erklimmen muß mit mehreren solcher liebevollen" Briefein lagen in der Tasche, wird diese postalische Neuerung", dis aus dem Briefträger" einen Steinträger" macht, grimme Wut entlocken.
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Teetrinkende Schutzleute. Um seine Schußmannschaft ,, leistungsfähig" zu erhalten, und zwar durch Enthaltung von Alkohol, hatte der Magistrat zu Nürnberg versuchsweise zum ersten Male in den städtischen Haushaltungsvoranschlag den Betrag von 2200 Mark für unentgeltliche Beschaffung von Tee und Zucker für die im Dienst befindliche Schutz mannschaft vorgesehen. Dieser Versuch, der seit Neujahr ge macht wird, hat sich so gut bewährt, daß vom Magistral jetzt beschlossen worden ist, diese Einrichtung fortbestehen zu lassen.
= Der Sohn der Mörderin. Die wegen Mittäterschaft an der Ermordung und Beraubung des Oberstleutnants Rooß in M.- Gladbach zum Tode verurteilte Ehefrau Adolf Bloemers ist im Derendorfer Zellengefängnis von einem Knaben entbunden worden. Das Kind soll nun acht Wochen bei der Mutter belassen und sodann einem Waisenhause übergeben werden, wo es unter einem anderen Namen die Taufe erhält. Die Meldung, daß ,, unter diesen Umständen die Beanadiauna der Frau Bloemers wahrscheinlich sein werde."
Carl Geißler, Gießen ALMIN
Schriftliche Arbeiten, Vermittelung von Anund Verkäufen, Vermietungen, Aufnahme von Vermögens- Verzeichnissen, Vermögens- und Dachlassverwaltungen, freiwillige Versteigerungen, Tukaffo und Beitreibung von Forderungen, bei mässigem Honorar und fachgemässer Ausführung.
Geschäftsstube: ,, Hotel Einhorn".
Feinste Pflanzenbutter. Zum Kochen, Braten und
Backen
Sürfte jedoch nicht zutreffen. Die Hinrichtung der ebenfall zum Tode verurteilten beiden Gebrüder Wolf und Leonhard Bloemers steht bevor.
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Das schlafende Brantpaar. Kaum glaublich und doch wahr ist ein Geschichtchen, das sich an einem der letzter Sonntage in der Nähe von Stolfen ereignet hat. Dori waren während einer Trauung sowohl der Bräutigam als di Braut fest eingeschlafen! Durch ein tiefes Nicken des Kopfes erwachte die Braut und sah zu ihrem Schrecken der antierenden Pfarrer vor sich. Durch einen gelinden Rippen stoß der Braut wurde schnell der Bräutigam geweckt.
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Mit dem Klüverbaum aufgespießt wurde durch das Hamburger Schiff Agathe" in Elbing ein Ochse. Am Ereideldamm lief das Schiff bei ziemlich starkem Winde in dem Engen Fahrwasser aus dem Steuer und traf einen am Land Ftehenden Ochsen mit dem Klüverbaum. Das Tier mar aut ber Stelle tot und konnte nur mit Mühe vom Klüverbaum Entfernt werden.
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Seine Tochter für 2,50 Mark verkauft hat ein eng lischer Arbeiter in Neath. Das Kind, das von seinem herz: lojen Vater einer Zigeunerbande verkauft worden war, wurde biesen durch die Polizei wieder weggenommen und einer Unstalt überwiefen.
Erleichterungen im Postverkehr. Vom Weltpostkongres Find eine Reihe von Erleichterungen für Postsendungen, be jonders Drucksachen, beschlossen worden, die im nächsten Jahr in Kraft treten sollen. Die Vergünstigung, daß Glück wünsche c. in höchstens fünf Worten oder Buchstaben hand schriftlich auf Karten bei Versendung als Drucksache angegeber werden können, wird auch auf Weihnachts- und Neujahrs tarten ausgedehnt. In den Anzeigen über die Abfahrt voy Schiffen kann fünftig außer der Abgangs- und Ankunftszei auch der Name des Schiffes auf Drucksachen angegeben werden Karten mit der Bezeichnung Postkarte, auch in anderer Sprache werden fünftig gegen die Drucksachentage befördert, wenn fi Ala sonst den Bedingungen für Drucksachen entsprechen. Geschäftspapiere können fünftig auch unverschlossene Brieft und Postkarten älteren Datums verschickt werden, die ihren ursprünglichen 8wed erfüllt haben, ebenso auch unkorrigierte Schülerarbeiten. Besonders wertvoll ist, daß fünftig einzelne Schlüssel als Warenproben verschickt werden können, ebenso abgeschnittene frische Blumen, Tuben mit Serum, sowie pathologische Gegenstände, sofern ihre Zubereitung und Ver packung Gefahren für die Postbeamten ausschließt. Bei den Warenproben, die Gegenstände aus Glas enthalten, ist eine andere Verpackung als Kästchen von Holz oder Metall nicht mehr zulässig.
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Nicht säen und doch ernten, das Kunststüd hat eine Frau in Neustadt( Pr. Hannover) fertig gebracht. Die Witwe hatte auf ihrem kleinen Acker im vorigen Jahre den Roggen sehr spät gemäht, sodaß viel Korn ausfiel. Später ließ fie die Stoppeln flach umpflügen und ließ das Land so liegen. Im Frühjahr ging das ausgefallene Korn auf, die Halme bestockten fich reichlich, und heute ehen 19 Stiegen Roggen auf dem Stücke.
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Der bedeutendste„ Nickelmann st unstreitig die Verwaltung der Großen Berliner Straßenbahn, welche täglich annähernd 32 Zentner Nickelgeld, die von den Schaffnern vereinnahmt werden, in ihre Tresors zu verschließen hat. Zum Transport der Geldrollen von den Straßenbahnhöfen nach der Hauptkasse sind unausgesetzt drei Kassenwagen im Gange.
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Jm Dogenpalast in Venedig wurde bei Reparaturen eine unbekannte Kammer und in derselben eine Falschmünzerwerkstätte entdeckt. Die mysteriöse Geschichte wird in furzem aufgeflärt. Im Jahre 1664 kam ein französischer Soldat, Jean Rebol, der im Türfenfrieg den rechten Arm verloren hatte, nach Venedig. Der Soldat suchte Rosenkränze und Reliquien zu verkaufen, doch war diese Beschäftigung wenig Lohnend. Dann fam ihm in die Quere ein Waffenschmied und ein Mönch, die drei vereinten sich: ersterer schmolz Metalle, letterer bereitete die Säuren, und der Soldat half ihnen mit bestem Willen. Die schönsten, blantsten Zechinen wurden erzeugt, und alle drei erfreuten sich der guten Gewinnste. Als ihr Treiben an den Tag kam, wurde die Fälscherbande in die berüchtigten Kerker der Pozzi eingesperrt, ihre ganze Bude in Beschlag genommen und im Dogenpalast aufbewahrt, wo sie nun nach so langer Zeit zufällig ans Tageslicht gekommen ist.
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