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Samstag, den 18. August 1906
Gießener
15. Jahrgang
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Gratisbeilagen: Oberbeffifche Familienzeitung( und die Gießener Setfenblasen( wöchentlich).
Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblaff)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Beifung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wezlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheijen
Heimkehr.
[ Politische Wochenschau.]
Für einen großen Teil des Reichs find die Schulferien borüber, hat die Heimkehr der Reiselustigen begonnen. Die Mitte der großen Gerichtsferien hat die halbe Justizwelt von den Bergen und von der See zurüdberufen. Die Tagesarbeit wird neu aufgenommen, mit hergestellter Arbeitskraft, mit frischer Schaffensfreude. Das ist ein wichtiger Abschnitt im Jahre, auf manchen Gebieten von stärkerem Einfluß, als man glauben möchte. Die Begegnungen, manchmal ganz zu fälliger Art, gaben unerwartete Anregungen und wirken noch lange nach. Man dente nur an die Fürstenbegegnungen, die freilich nicht zufällig find, sondern weit voraus verabredet hönste Wäsche und abgemessen werden. Kaiser Wilhelm und König Eduard, die fich Jahre lang nicht gesehen, haben von der jüngsten Begegnung ficher einen starten Eindruck mitgenommen. Was die Fürsten verabredet haben, ob sie überhaupt zu einer bestimmten Abrede gekommen find, bleibt diplomatisches Geheimnis. Eicher aber ist, daß auch ohne alle Abrede in der vorherigen Spannung zwischen Deutschland und England ein weiteres Nachlassen eingetreten ist. Das ist ein Gewinn,
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dessen sich alle Teile freuen dürfen. Und der Gewinn erstreckt fich auch auf die nicht unmittelbar Beteiligten. Die Befcftigung des Friedensgedankens tommt aller Welt zugute, namentlich Europa. Griechenland und Bulgarien haben davon in erster Reihe Nutzen, vielleicht auch der Sultan, der allem Anschein nach den jüngsten Krankheitsfall gut überftanden hat.
Die Wirkung über Europas Grenzen hinaus ist gering; in unseren Schutzgebieten bleibt fie ganz aus. Die afrikanischen Eingeborenen find nur weniger fernen Vorstellungen zugängig. Doch neigt sich ersichtlich die Aufstandsbewegung ihrem Ende zu. Oberst v. Deimling hat erklärt, daß ihm eigentlich nur Aufräumungsarbeit" übrig bleibe. Major Johannes glaubt, daß die noch zu leistende ,, Kleinarbeit" etwa ein Jahr in Anspruch nehmen werde. Kosten an Blut und Geld wird dieser Rest an Beruhigungstätigkeit noch genug beanspruchen. Inzwischen fehren die Reichsboten, die zu eigener Beobachtung der kolonialen Verhältnisse nach Afrika gegangen find, in die Heimat zurück, mit einer sicheren Unterlage für ihr Urteil und ihre Entschlüsse in folonialen Angelegenheiten ausgerüstet. Auf diesem Gebiet ist so manches aufklärungsbedürftig und vielleicht mehr noch ausbesserungsbedürftig. Der Leiter der Kolonialabteilung, Erbprinz Hohenlohe, will rücksichtslos Ordnung schaffen.
In Rußland dauert der Kampf um die Macht fort. Kein Ulas ist imstande, die Revolution niederzuwerfen, denn der Erfolg des Utas hat zur Vorausseßung, daß der Ukas Gehorsam findet, und das Wesen der Revolution besteht wiederum in der Gehorsamsverweigerung gegenüber den geordneten Gewalten. In Lodz und Warschau hat es einen besonders heftigen Ausbruch gegeben. Die revolutionäre Partei hatte namentlich die Polizeiwachen zum Zielpunkt ihrer mörderischen Angriffe Die Repressalien gemacht. blieben nicht aus und trafen, wie das nicht selten auch sonst geschieht, ganz unbeteiligte und Unschuldige. An einem einzigen Tage sind auf solche Weise 240 Personen getötet worden. Das sagen die amtlichen russischen Berichte, die in solchen Dingen der Uebertreibung nicht verdächtig find. Das kann nicht das Ergebnis eines irgendwie regelrechten Kampfes sein, das ist das Ergebnis eines gegen Wehrlose gerichteten Gemezels.
Die russische Revolution hat eine merkwürdige Wirkung in die Ferne gehabt: fie hat den Schah von Persien bestimmi, feinem Land eine Repräsentativverfassung zu geben. Das persische Parlament dürfte kaum zu höherem Alter fommen, als das Parlament, das vor 30 Jahren Sultan Abdul Hamid berief. Die Paschas wurden damals zur Opposition fommandiert. Doch sie ertrugen lieber stoisch die Bastonade, als daß sie sich zur Opposition bekannten. Die Bastonade ist ja nicht angenehm, aber die feidene Schnur" ist schlimmer, und die Paschas ließen sich nicht ausreden und nicht ausprügeln, daß ein Oppositionsversuch ihnen die seidene Schnur eintragen önnte.
In Desterreich- Ungarn ist eine Art Gottesfrieden eingefehrt. Zwar lärmen die Politiker in beiden Reichshälften wie zuvor; doch die Staatsgeschäfte nehmen ihren Fortgang. Die Bewegung ging eben nicht in die Tiefe. Sie war wohl laut, aber sie hielt sich an der Oberfläche. Das ist nicht gerade heroisch doch läßt sich damit auskommen.
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Politifche Rundschau.
Deutsches Reich.
* Bei einem zu Ehren des amerikanischen Ausstellungspräsidenten David R. Francis im Berliner Landesausstellungspark veranstalteten Festmahl äußerte fich Francis über die Verdienste Kaiser Wilhelms um die Ausstellung in St. Louis. Unterstaatssekretär Wermuth hatte ein Hoch auf den Bräsidenten Roosevelt ausgebracht. In seiner Erwiderung jagte Mr. Francis:
Vor 3/2 Jahren sei er in Berlin vom Kaiser empfangen worden. Es sei zu einem Zeitpunkte gewesen, wo das Fernbleiben Deutschlands von der Ausstelluna deren Fehlschlag be=
deutet haben würde. Nie werde er die ermutigenden Worte ver gessen, die der Kaiser an ihn gerichtet, und nie die Energie, mit der der Monarch für die Beteiligung Deutschlands eingetreten sei. In seinem an Erfahrungen reichen Leben habe er niemals einen Mann getroffen, dessen Persönlichkeit einen so tiefen Ein druck auf ihn gemacht habe wie der Deutsche Kaiser. Jezt hoffe er, zum zweiten Male vor den Kaiser hintreten zu können, um ihm den tiefen Dank der Stadt St. Louis auszusprechen.
* Nach Berichten einiger angeblich eingeweihter Leute sollen Kaiser Wilhelm und König Eduard von England bei ihrer Zusammenkunft auf Schloß Friedrichshof in Anwesenheit des Sekretärs des englischen auswärtigen Amtes, Hardinge, und des Staatssekretärs von Tschirschfy bis zwei Uhr nachts dauernde Besprechungen gehabt haben. Ob und inwieweit diese Nachricht zutrifft, ist unkontrollierbar. Der englische Botschafter Lascelles bezeichnete das Resultat der Monarchenbegegnung in Cronberg im Sinne eines guten Einvernehmens zwischen beiden Völkern als einen bedeutenden Erfolg.
* Wichtige politische Entscheidungen scheinen fich in Wilhelmshöhe vorzubereiten. Reichskanzler Fürst Bülow, der in Wilhelmshöhe eingetroffen ist, hielt dem Kaiser längere Zeit Vortrag. Der Reichskanzler wohnt im Schlosse, hatte eine längere Besprechung mit dem Chef des Civilkabinetts bon Lucanus und empfing den Staatssekretär von Tschirschky und den Chef der Reichskanzlei von Loebell. Fürst Bülow wurde von der Kaiserin in besonderer Audienz empfangen.
* Wegen Verlegung der Amtsverschwiegenheit( Vergehen gegen den sogen. Arnimparagraphen) ist ein Strafverfahren gegen den früheren Kolonialdirektor Dr. Stübel und den Geh. Legationsrat v. König eröffnet worden und zwar weil Dr. Stübel im März d. J. dem Abgeordneten Roeren eine von Herrn v. König verfaßte Aufzeichnung aus den Aften des Auswärtigen Amtes übergeben hat.
Türkei.
** Da den Meldungen fiber die wiederhergestellte Ge sundheit des Sultans wenig Glauben beigemessen wird, era hält sich die Frage der Thronfolge andauernd auf der Tagesordnung. Man erwartet ein Frade, durch welches eine endgiltige Entscheidung herbeigeführt wird und glaubt, daß der Sultan zu seinem Nachfolger den 21 jährigen Mehmed Burhan Eddin designieren wird, der gegenwärtig als Leutnant in der Flotte dient und seit langem für den LieblingsSohn des Sultans gilt. Der älteste Sohn des Sultans, Muhammed Selim, der jetzt 36 Jahre alt ist, dürfte für die Thronfolge nicht in Betracht kommen. Die Proflamierung Burhan Eddins würde jedenfalls große innere Verwicklungen im Gefolge haben.
Afrika.
** Zwischen den feindlichen Stämmen Marokkos haben blutige Straßenkämpfe in Tanger stattgefunden. Als dort der neue Pascha der Stadt mit 500 Soldaten eintraf, tamen auch große Trupps Angheraleute, um ihm zu huldigen, zugleich aber auch Anhänger der Sippe Uladschott, die wegen zahl reicher Morde für vogelfrei erklärt ist. Ein Uladschott erschoß einen Soldaten, worauf eine Mezelei zwischen Angheras und Uladschotts begann, der erst die Truppen des Paschas ein Ende machten. Neun Angheras wurden erschossen und ihnen mad Bandessitte der Kopf abgeschnitten; ebenfalls fielen fünf Bobaten Raisulis und zwei Kaids der Paschatruppen. Viele ben verwundet und gefangen. Das energische Vorgehen Paschas stellte die Ruhe wieder her.
Rufsland.
** Die Unruhen in Warschau dauern seit mehreren Tagen an und fordern täglich neue Opfer. Gestern wurde in der Vorstadt Wolowa vor eine Prozession von Pilgern eine Petarde geworfen. Von einer vorbeimarschierenden Militärabteilung wurde hierauf in der Richtung auf die Prozession geschossen, wobei zehn Personen verwundet wurden.
** Wie früher, benutzen die Revolutionäre die Verwirrung im Lande wieder zu Raubzügen und Ueberfällen. In Odessa überfielen sieben Anarchisten den Eisenbahnkassierer und nahmen ihm 5500 Rubel weg. Sie flüchteten dann und warfen unter die sie verfolgenden Polizisten eine Bombe, durch die ein Polizist getötet und ein anderer verwundet wurde. Es gelang jedoch, drei der Anarchisten zu verhaften. Bei Kostroma plünderten Bauern die Sommerwohnungen und mißhandelten die Insassen. Der aus der Schweiz wegen Beraubung der Moskauer Kreditgesellschaft ausgelieferte Bjelenzow sprang auf der Fahrt nach Moskau aus dem Zuge und entfam.
Alien.
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** Die Gewährung der Verfassung für Persien gestaltet fich zu einer anhaltenden Festlichkeit im Lande. Die infolge der eingetretenen Beruhigung nach Teheran zurückkehrende Geistlichkeit wurde mit Jubel empfangen. Die Stadt ist bereits den fünften Tag illuminiert, alle Unzufriedenen haben die englische Gesandtschaft, wo sie sich zwei Wochen aufgehalten haben, verlassen. Der Gesundheitszustand des Schahs hat sich verschlechtert.
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Kleine politifche Nachrichten.
Berlin, 17. August. Reichskanzler Fürst Bülow hat an die Witwe des verstorbenen bayerischen Finanzministers v. Riedel ein herzliches Beileidstelegramm gesandt.
London, 17. August. Im Zusammenhang mit den an gekündigten Reduktionen des Heeresbudgets sollen die Herbst. manöver eingeschränkt werden und mehrere militärische Bildungsanstalten eingehen.
Paris, 17. Auguft. Der französische Botschafter in Petersburg hat eine Studienreise angetreten, um zu beurteilen, inwieweit durch die Ruhestörungen die Interessen der in Rußland ansässigen Franzosen geschädigt worden sind.
Konstantinopel, 17. August. Die Pforte protestiert in einer sehr energischen Note an die Botschafter gegen die bulgarien Greuel und erklärt, daß sie nicht mehr indifferent bleiben und solche Gewalttaten nicht dulden könne.
Konstantinopel, 17. August. Der Sultan ist beim heutigen Selamlik erschienen. Er sah recht leidend aus, sodaß die Befürchtungen wegen des zu erwartenden Thron wechsels noch immer nicht ganz zerstreut sind.
Washington, 16. Auguft. Die republikanische Partei von Illinois hat den Präsidenten des Repräsentantenhauses Joseph G. Cannon als Kandidaten für die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten aufgestellt.
Newyork, 17. August. In Havanna ist ein Komplott zur Ermordung des Präsidenten Palma von Cuba entdeckt worden. Die Führer der Revolutionspartei werden streng überwacht.
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Dof und Gefellschaft.
Ein Besuch des Königs von Dänemark in Berlin steht bevor. Kaiser Wilhelm soll nach dänischen Blättern den König von Dänemark eingeladen haben, im Laufe des Herbstes nach Deutschland zu kommen. Wie bestimmt verlautet, beabsichtigt König Frederit, dieser Einladung im Oktober Folge zu geben.
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König Haakon von Norwegen wird im September in Berlin zum Besuche Kaiser Wilhelms eintreffen und sich von dort nach London begeben.
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Der in Marienbad eingetroffene König von England erschien[ gestern morgen zum erstenmale auf der Promenade am Kreuzbrunnen. Er sah sehr wohl aus und befundete seine Freude, wieder in Marienbad zu sein.
Deer und flotte.
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Unredlicher Zahlmeister. Eine Untersuchung wegen Unterschlagung von 7000 Mark Schiffsgeldern ist gegen den früheren Oberzahlmeister Linse des Linienschiffs Weißenburg" eingeleitet worden. Der Verhaftete wurde zunächst zur Beobachtung seines Geisteszustandes einer Frrenanstalt überwiesen.
Die Spielhölle in Dieuze.
( Sonder- Bericht.)
§ Landan, den 17. Auguft. Die alte Festungsstadt Landau, die Metropole des pfälzischen Weinhandels, bildet heute den Schauplatz der ersten jener Gerichtsverhandlungen, die im Anschluß adie jüngs durch die deutsche Presse gegangenen Enthüllunge über das Leben und Treiben einer ganzen Anzahl Angehöriger der ersten Kreise Bayerns in München und anderen Städten noch werden verhandelt werden. Die nach Bekanntwerden des Selbst mordversuches des Grafen Preysing angestellten Ermittelungen ergaben, daß Graf Preyfing von dem im 3. Chevaurleger- Regiment in Dieuze stehenden Leutnant Kuri Mühe veranlaßt worden war, fich an einem Quecksilberberg. werk in Toskana zu beteiligen. In München gelangten die Schiebungen des Rittmeisters Frh. v. Horn zur Kenntnis der Deffentlichkeit und die von Landau aus in Dieuze betriebene Untersuchung förderte das Bestehen einer förmlichen Spiel. hölle zu Tage. Dieuze ist ein fleines, etwa 6000 Einwohner zählendes Garnisonstädtchen an der französischen Grenze, nahe bei Avricourt. Viele junge Offiziere wurden Finanziell ruiniert, so auch Kurt Mühe, der dann zu ungesetzlichen Mitteln seine Zuflucht nahm. Unter der Vorspiegelung er habe einen reichen Onkel, der alles bezahlen werde, machte er Spielschulden auf Spielschulden und gewann auch einige Kameraden, die Bürgschaft für ihn leisteten.
Wegen dieser und anderer unlauteren Manöver hat sich nun Leutnant Kurt Mühe vor dem Kriegsgericht der 3. Divis fon zu verantworten.
Die Verhandlung, die heute früh punkt 8 Uhr begann, findet im geräumigen Saale des neuen Bezirks- KommandoGebäudes statt. Den Vorsitz führt Oberstleutnant Fuchs. Verhandlungsführer ist Kriegsgerichtsrat Menschel, während Kriegsgerichtsrat Ott die Anklage vertritt. Dem Angeklagten wurde Rechtsanwalt Haud- Landau als Verteidiger zur Seite gestellt. Leutnant Mühe wurde hurz vor 8 Uhr aus dem ihm in der Kaserne des 18. Infanterieregiments eingecäumten Zimmer in den Sizungssaal geführt. Mühe, der in der schmucken Uniform seines Regiments erscheint, trägt nach moderner Art einen furz geschorenen Schnurrbart, die Figur ist die eines degenerierten Lebemannes. Als militärischer Verteidiger ist Oberleutnant Meuth anwesend. Geladen find 8 Zeugen, darunter die Schwester des Angeklagten und Herzog Ludwig von Bayern, der Sohn des Herzogs Karl Theodor in Bayern. Der Zuhörerraum ist überfüllt.
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