Ausgabe 
17.11.1906 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt.

Ribattion n. Septexpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Samstag, den 17. November 1906

Gießener

15. Jahrgang

Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich).

6.

Neueste Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Unabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Politifche Rundschau.

Deutiches Reich.

* Der Reichskanzler hat dem Reichstage die Fortsetzung der von dem preußischen Großen Generalstabe ausgearbeiteten Denkschrift über den Verlauf des Aufstandes in Südwest- Afrika zugehen lassen, die eine Darstellung des Verlaufs der Operationen bis Ende August gibt. Der für die Führung des Krieges verantwortliche Truppenbefehlshaber ist der An­ficht, daß der Krieg tatsächlich zu Ende geführt werden könne. Unter starter Sicherung der Transporte und Viehbestände will er Kolonnen bereit stellen, um die umherstreifenden Banden anzugreifen, wo sie sich zeigen, und um sie unablässig zu verfolgen. Auf das Erfordernis der Verlängerung der Bahn von Kubub bis Keetmannshoop wird entschieden hin­gewiesen. Die Verlängerung wird als die wichtigste Be­Dem dingung für die Beendigung des Krieges angesehen. Reichstag ist ferner ein Nachtragsetat für Südwest- Afrika zu­gegangen, der zu Beginn der nächsten Woche zur Debatte gestellt werden soll.

* Der im Reichstag ausgegebene Gesetzentwurf über die Sicherung der Banhandwerker- Forderungen will die Erteilung der Bau- Erlaubnis vereinfachen. Die von dem Gesetzentwurf borgesehenen Beschränkungen der Bautätigkeit können dadurch bermieden werden, daß ein Viertel der voraussichtlichen Bau­fosten hinterlegt wird. Der Entwurf gewährt anderseits den Baugläubigern, wenn keine Sicherheit geleistet wird, eine Sypothet, welcher andere Rechte nur bis zur Höhe des Baus Stellenwertes und des zur Befriedigung von Baugläubigern berwendeten Baugeldes vorgehen können. Der Wortlaut des Gesezes behandelt in sechs Abschnitten: Geltungsbereich des Gesezes, Baubeginn, Baugläubiger, Bauhypothet, Sicherheits­leistung und Schlußbestimmungen.

* Erneute Maßnahmen der preußischen Regierung hat der polnische Schulstreik veranlaßt. Jm Bromberger Bezirke find über 200 Ortsvorsteher und Schöffen abgesetzt worden auf Grund ihrer Propaganda für den Schulstreif. An allen Drten des Bromberger Kreises, wo der Streif im Gange ist, ist den Gastwirten die Polizeistunde auf 8 Uhr abends fest= gelegt worden.

Rufsland.

** Die Regierung hat in einigen Bezirken wiederum stärkere Schutzmaßregeln gegen die Empörer getroffen. In Kronstadt ist der Belagerungszustand durch den Kriegszustand ersetzt und vorübergehend der Posten eines Generalgouverneurs geschaffen worden, dem Stadt und Festung nebst den benach­barten Gewässern und Inseln unterstellt worden sind. In Batu ist eine Präfeftur eingerichtet worden. Stadt und Bezirk Jalta find in den außerordentlichen Verteidigungs­zustand versetzt worden. Ueber die Provinzen Samara, Kurst und Pensa ist der verstärkte Verteidigungszustand verhängt bezw. verlängert worden.

frankreich.

** Bei einer Besprechung der Rede des Reichskanzlers Fürsten Bülow im Deutschen Reichstage sagte Jaurès in der Humanité:

Ich glaube, Frankreich würde einen schweren Fehler be= gehen, wenn es versuchen wollte, Deutschland zu isolieren, um es wirksamer zu bedrohen. Frankreich soll versuchen, zu einem Zustande sicheren und endgiltigen Friedens mit Deutschland zu gelangen. Und wenn Frankreich eine Besserung der Bes ziehungen zwischen England und Deutschland herbeiführen könnte, dann würde Europa vor Stürmen gesichert sein. Be­treffs dieses Wunsches stehe ich in Frankreich nicht allein." Kleine politische Nachrichten.

Berlin, 16. November. Der Ausschuß des Landeseisen­bahnrates ist in Berlin zusammengetreten, um Tarifmaß­regeln zur Verbilligung des Transports frischen Fleisches zu beraten.

Berlin, 16. November. Die Zentrumsfraktion hat im Reichstage einen Antrag Graf v. Hompesch eingebracht: den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, dem Reichstag alljährlich über die internationalen Beziehungen des Deutschen Reiches urkundliches Material zugehen zu lassen.

London, 16. November. Große Unruhen brachen anläßlich einer Wahl zum Unierhause zu Portadorn in Irland aus. Vierhundert Schußleute mußten das Hotel beschützen, um die Angriffe der wütenden Volksmenge auf den Kandidaten Grawf d abzuwehren.

Rio de Janeiro, 16. November. Gestern erfolgte hier unter großen Feierlichkeiten die Uebertragung der Regierungs­gewalt auf den neuen Präsidenten Penna.

Dof und Gefellschaft.

Bei einer fommunalen Versammlung machte der Oberbürgermeister von Köln die Mitteilung, daß der Kaiser r die nächste Zeit einen Besuch der rheinischen Metropole Aussicht gestellt habe.

Nach englischen Nachrichten ist der Schah von Persien ernstlich erkrankt. Die Aerzte hätten nur wenig Hoffmang auf Wiedergenesung.

** Ein naher Verwandter des Kaisers Menelik von Abessinien, Ras Mangascha, ist gestorben. Ras Mangascha war ein Sohn des Negus Johannes, Fürst von Tigré und galt als besonderer Feind des europäischen Ein­Ausses in Abessinien.

Deutfcher Reichstag.

( 119. Sigung.) CB. Berlin, 16. November. Nach dem Ritt ins alte, romantische Land" der aus­wärtigen Politik hat sich der Reichstag wieder eigenen und inneren Angelegenheiten zugewandt. Auch heute beschäftigte sich das Hauts durch geraume Zeit mit Wahlprüfungen. Zu­erst wurden die namentlichen Abstimmungen über die Wahlen der beiden Konservativen Dietrich und Malkewitz vor­genommen. Beide Wahlen wurden für giltig erklärt, aber mit verschiedenen Mehrheiten. Für die Giltigkeit der Dietrich'schen Wahl erklärten fich 202 gegen 117 bei 1 Stimmenthaltung; für Die Giltigkeit der Malkewitz'schen Wahl aber nur 177 gegen 135 bei 9 Stimmenthaltungen. Auf die Bedeutung der Stimmenthaltung hatte Präsident Graf Ballestrem in einer launigen Bemerkung hingewiesen. Diejenigen Mitglieder des Hauses," hatte er gesagt, über deren Wahl abgestimmt wird, dürfen geschäftsordnungsmäßig nicht über ihre eigene Wahl mit entscheiden. Damit sie aber nicht der Diäten verlustig gehen, können sie sich ja der Stimme ent­halten.' Bei der Entscheidung über die Wahl des Abgeordneten Maltewig hat aber nicht nur dieser selbst, sondern auch eine Anzahl anderer Abgeordneter sich weder für Ja noch für Nein erklärt. Die Betreffenden wollten also einer Entscheidung aus dem Wege gehen und doch auch mit Rücksicht auf den Diätenverlust der Abstimmung nicht fernbleiben. Die Ver­fündigung des Ergebnisfes Der Abstimmung über die Maltewig'sche Wahl wurde auf der Linken mit lebhaften Pfui"-Rufen aufgenommen; eine Kundgebung, die den Präsidenten zu einer nachdrücklichen Rüge veranlaßte. Unter dem Beifall der Rechten und begleitet Unruhe auf der Linken betonte Graf Ballestrem, daß es unzulässig sei, einen Beschluß des Hauses mit Pfui- Rufen zu beantworten. Das Haus trat dann in eine Reihe weiterer Wahlprüfungen ein. Ueber die Wahl des Konservativen Porzig wurde Beweiserhebung beschlossen.

von

Zu einer langen, sehr unterhaltenden Debatte tam es über die Wahl des Abgeordneten Wiltberger( Els.), der seiner­zeit gegen den vielgenannten Prinzen Hohenlohe, den Heraus­geber der Memoiren seines Vaters gewählt worden war. Die Redner der Linken, Dr. Müller- Meiningen ( freis. B.) und Blumenthal( südd. Boiksp.) brachten eine große Anzahl, zum Teil höchst ergößliche Wahlbeeinflussungen zur Sprache, die seitens der Geistlichen verübt worden sein sollen. So wird erzählt, ein Geistlicher habe den Kindern in der Schule gesagt: Sagt Euren Eltern, wenn Hohenlohe gewählt wird, gibt es Krieg. Dann müssen alle Katholiken protestantisch werden, sonst weeben ihnen die Köpfe ab­geschnitten." Ein anderer habe in ore Riche gesagt: Die Wahlzettel werden zweimal gezählt, einmal im Wahlbureau und einmal im Himmel." Die Verteidigung der Wahl über­nahm der Zentrumsabgeordnete Groeber.

Im Laufe der Debatte, die sich, je länger fie fich hinzog, desto mehr zuspitzte, wurde durch Zuruf von sozial­demokratischer Seite auch der Hauptmann von Köpenick aufs Tapet gebracht. Unter großer Heiterkeit bemerkte dazu der Bräsident: Der Hauptmann von Köpenick hat mit dieser Wahl nichts zu schaffen."

Fischer( Soz.) brachte des weiteren auch die Wahl­beeinflussungen im Großherzogium Baden zur Sprache und berührte dabei den Fall des wegen Verleitung zum Meineid zu einem Jahr Zuchthaus verurteilten Pfarrers Geiſert. Der Zentrumsabg. Fehrenbach unternahm es, diese Angriffe zurückzuweisen und für den Pfarrer Geisert eine Lanze zu brechen. Die weiteren Verhandlungen zogen sich bis in die späten Abendstunden hinein. Die Wahl Wiltbergers wird für gültig erklärt.

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Soziales Leben.

× Folgen der Teuerung. Sämtliche unteren und mitt­leren Beamten des Staates Lübeck richteten an den Senat eine Petition um Teuerungszulage. Die Vorstände der Vereine der Weichensteller und Bahnwärter in den Direktions­bezirken Frankfurt und Mainz hielten in Frankfurt a. M. eine Versammlung ab, in der beschlossen wurde, Eingaben an den Minister der öffentlichen Arbeiten und das Abgeordneten­haus zu richten, in denen dringend um Verbesserung des Einkommens gebeten werden soll.

× Ende des Ausstandes der Getreidearbeiter in Hamburg. In einer zwischen den Vertretern der Arbeitgeber und den Delegierten der Arbeitnehmer stattgehabten gemeinsamen Zu­sammenkunft wurde vereinbart, daß die ausständigen Korn­Akkordschauerleute vom 16. d. M. morgens ab auf allen Schiffen die Arbeit wieder aufnehmen. Die Forderung der Korn- Affordschauerleute auf Erhöhung des Akkordsazes um fünf Pfennig für die Tonne wurde fallen gelaffen, dagegen bewilligten die Arbeitgeber eine geringe Erhöhung des Warte­geldes. Infolge dieser Einigung ist gestern auf allen im Hafen liegenden Getreideschiffen die regelmäßige Arbeit wieder aufgenommen worden.

Nab und Fern.

+ Bom Heurigen. Die ganze Weinernte der Gemarkung Bingen beläuft sich auf etwa 120 bis 130 Stück. Entgegen hrer Gewohnheit, den Wein selbst zu feltern und einzukellern, haben in diesem Jahr wegen der geringen Menge viele Winzer des Rheingaues, hauptsächlich solche, die an einen Winzerverein nicht angeschlossen find, ihre Ernte verkauft, jodaß fie im folgenden Jahre eine Weinversteigerung nicht werden abhalten können.

Der alte Leichtsinn, auf fahrende Straßenbahnwagen aufzuspringen, hat wieder ein Opfer gefordert. Die Tochter bes Geheimen Regierungsrates Brelow in Berlin wollte einen Straßenbahnwagen, der sich in ziemlich schneller Fahrt befand, besteigen. Fräulein B. glitt vom Trittbrett ab und geriet unter die Vorderplattform des Anhängewagens. Mit Hilfe von Passanten konnte sie befreit werden. Sie wurde nach der Charité gebracht, wo durch die Aerzte konstatiert wurde, daß sie bereits den schweren inneren Verlegungen erlegen war.

Jm Graben verhungert. Aus Eisleben war seit An­fang des Monats die fünfjährige Frida Bremer verschwunden. Nunmehr ist das Kind in einem tiefen Graben auf den Bruchwiesen von Steinarbeitern als Leiche aufgefunden worden. Das Mädchen saß aufrecht an der Grabenwand. Die ärztliche Untersuchung ergab, daß an der Kleinen an­scheinend kein Verbrechen verübt worden ist, die Todesursach bielmehr auf verhungern zurückzuführen sein dürfte. Das Kind hatte sich vermutlich beim Spielen von seinen ters genossen getrennt, fich auf den Bruchwiesen verirrt und dort einen schrecklichen Tod gefunden.

Vom Schicksal ereilt. Die Danziger Polizei verhaftete eine gefährliche, mit Einbruchswerkzeugen und Revolvern ausgerüstete Einbrecherbande von vier Burschen, die im Alter von 18 bis 20 Jahren stehen. Die Bande hat unter Führung des 20 jährigen Arbeiters Walter Jost in den letzten Monaten mindestens zwanzig schwere Einbrüche in Dirschau, Stolp und Danzig verübt, wobei die Einbrecher in Einzel­fällen Beträge bis über 500 Mart, viele Wertsachen, Fahr­räder usw. erbeuteten.

Er wollte durchaus sterben. In der Absicht, sich über­fahren zu lassen, legte sich ein 70jähriger Mann aus Anna­berg auf die Eisenbahnschienen. Seine Absicht gelang ihm aber nicht, da der Lokomotivführer des fälligen Güterzuges ihn bemerkte, den Zug anhielt und den Lebensmüden seiner Familie wieder zuführen ließ. Hierauf ging der hartnäckige Selbstmordkandidat nach dem Mühlteiche, wo er sich er­

tränkte.

Sicherheit auf der Eisenbahn. In der Nähe des Bahnhofes von Bordeaux wurde auf dem Gleise der Geschäfts­reisende Gallicheau, der Vertreter einer Bariser Seidenfirma, lebensgefährlich verlegt und im Zustande vollständiger Bewußt­lofigkeit aufgefunden. Gallicheau ist zweifellos einem Raub­anfall zum Opfer gefallen. In dem Wagenabteil, in welchem sich seine Koffer befanden, wurden Spuren eines heftigen Kampfes wahrgenommen.

An der Schwelle des Grabes entleibt. Der 82jährige frühere Bantoberbeamte Wilhelm Paubingen in Budapest, der mit seiner 62jährigen Gattin und seinem Sohne zu­sammenwohnte, erschoß seine schlafende Gattin, indem er ihr drei Kugeln in die Schläfe jagte; hierauf entleibte er sich selbst durch einen Schuß. Es wurde feine Aufzeichnung vor­gefunden, welche auf das Motiv der Tat hindeuten würde. Ein Zettel enthält die Bitte um eine möglichst einfache Be­stattung.

In der Wohnung überfallen. Der Major im Garde­Schüßenbataillon Speď von Sternburg, ein Bruder des deutschen Botschafters in Amerifa, wurde in seiner Wohnung in Groß- Lichterfelde von einem unbekannten Individuum über Die herbeis fallen, gewürgt und zu Boden geworfen. tommenden Burschen des Majors verfolgten den flüchtigen Strolch, der gefaßt und der Polizei übergeben wurde.

Schwarz gegen Weiß. Abermals haben sich in Amerika blutige Kämpfe zwischen Weißen und Negern abgespielt. Die Einwohner von Ashville in Kalifornien verfolgten eine Bande Don Negern, die zahlreiche Räubereien begangen und eine wahre Schreckensherrschaft in der Umgebung etabliert hatten. Der Führer der Neger, Harris, fämpfte mit großer Ent­schlossenheit, erschoß fünf weiße Männer und verwundete brei, bevor er selbst erschossen wurde. Im ganzen wurden breißig Reger getötet.

Für 300 000 Gulden falsche Wechsel. In Dedenburg wurde der Gesellschafter der seit einigen Monaten zahlungs­unfähigen Dedenburger Getreidekommissionsfirma Salomon Bischig und Sohn, Heinrich Bischig, wegen Verdachts der Wechselfälschung verhaftet, jedoch später wieder auf freien Fuß gesetzt, da es sich herausstellte, daß die Schuldigen entflohen waren. 54 falsche Wechsel wurden beschlagnahmt; die Höhe der Fälschungen wird auf 600 000 kronen geschätzt. Zwei andere Gesellschafter der Firma, Max und Ferdinand Bischig, find entflohen.

+ Gestohlene Orden. In der vergangenen Nacht wurden aus dem Familien- Museum des Welfenhauses in Herren: hausen etwa 40 Orden und eine große Anzahl meist mil Brillanten besetzter Degengriffe des Königs Ernst August von Hannover gestohlen. Von den Tätern feblt bis jetzt jede Svur,

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