Ausgabe 
15.12.1906 Erstes Blatt
 
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enoguingen iederwertung des Autrandes der Herero und Hotten: totten für durchaus notwendig erachteten, war die Reichsregierung bor die Frage gestellt, ob sie Südwestafrika, deutsches Land, das an das Reich mit deutschem Blut gefittet ist, aufgeben oder fest­halten solle. Nicht das Interesse der Kolonie allein fam in Betracht; vor allem galt es abzumessen, ob das Deutsche Reich, das von dem Wohlwollen der Welt nicht gerade erdrückt wird, eine solche Ein­buße an nationalem Ansehen, wie es die Aufgabe einer großen und für die Zukunft die besten Aussichten versprechenden Kolonie mit sich bringen mußte, ertragen lönne. Diese Frage war unbedingt zu berneinen, und somit blieb kein anderes Mittel, als der Appell an den gesunden und geraden Sinn des deutschen Volkes. Das all gemeine gleiche und direkte Wahlrecht ist jetzt berufen zu entscheiden, ob auch fernerhin Zentrum Trumpf sein soll in Deutschland und ob in Zukunft der Ultramontanismus, unterſtügt von der Sozial demokratie, die allezeit für alle das Reich zersetzenden Maßnahmen ku haben ist, dem deutschen Volksleben den Fuß in den Naden Pellen darf."

Der Standpunkt des Zentrums.

Me hätte sie diese Darstellung des rheinischen Blatte borausgeahnt, schreibt die Germania", das führende Orga des Zentrums, in ihrer gestrigen Nummer:

Die Politik wird immer Hetner. Die erste Auflösung erfolgte im Jahre 1878 wegen des Sozialistengeseges. Die beiden folgenden, in den Jahren 1887 und 1893, wegen der großen Militär vorlagen. Diesmal wurde aufgelöst wegen ein paar Milliones Mart für Südwestafrita, die abgelehnt wurden, nachdem dieses Unglücksland in den lezten Jahren hunderte von Millionen ber schlungen hat. Das Zentrum wird die Verantwortung für sein Berhalten tragen können. Es hat wahrlich Millionen genug für Südwestafrika bewilligen helfen, und nachdem der Aufstand in der Hauptsache niedergeworfen ist, konnte und mußte es im Interesse der deutschen Steuerzahler und der Söhne des deutschen Volkes, die in der Sandwüste Leben und Gesundheit aufs Spiel segen, ber­langen, daß endlich die Zahl der Truppen auf das unbedingt not wendige Maß herabgesezt werde. Es hat nicht die Kolonie preis­geben wollen, sondern nur darauf bestanden, daß die Regierung endlich den ernsten Willen betätige, der Geld- und Menschen­berschwendung ein Ziel zu sehen Daß die Ablehnung des Nachtragsetats nicht der wahre und eigentliche Grund für die Auf­Töfung ist, darüber dürfte wohl alles einig sein. Man will sich von bem Joche des Zentrums" befreien, und der zentrumsfeindlichen Stimmung, die der Regierung so lästig wird, Rechnung tragen, und sucht eine willfährigere Mehrheit, als sie mit dem Zentrum zu finden war. Für das Zentrum ist uns von vornherein nicht bange. An ihm sind alle denkbaren Wahlparolen schon erprobt worden. Deshalb fürchten wir nichts."

Das in den westlichen Landestellen einflußreichste Bentrumsorgan, die Kölnische Volkszeitung", äußert sich wie folgt:

Die durch die Reichstags- Auflösung eingeleitete Aktion war von langer Hand vorbereitet. Die Scharfmacher gegen das Bentrum hatten an den entscheidenden Stellen Oberwasser erhalten. Man hat offenbar geglaubt, der Augenblick zu einem Vorgehen auf der ganzen Linie gegen das Zentrum sei gekommen, und in diesem Sinne eine Entscheidung des Kaisers herbeigeführt. Wenn es ge lingen würde, das Zentrum wesentlich zu schwächen, so wäre das festeste Bollwerk der Volksrechte, die verfassungsmäßige Stellung des Reichstages und seiner Grundlage, das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht gefallen. Hier Volksrecht und Volkswohl, dort zäsaristischer Absolutismus und Pumpwirtschaft unter diesem Zeichen werde der Wahlkampf stehen."

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daß dieser sozialdemokratische Beigeordnete die Erpedition eines die breite Masse des Volkes beunruhigenden soztaldemokratischen Flugblattes hat?

Rechtsanwalt Kaufmann stellt nachdem fest, daß die Wahl des Abgeordneten Köhler zum 1. Vize­präsidenten nicht von allen nationalliberalen Wählern gut geheißen wurde. Wir hier im Kreise Gießen sind durch den Justizrat Dr. Gutfleisch im Landtag ber­treten, der auch von den Nationalliberalen gewählt wurde. Gutfleisch habe aber doch bekanntlich gegen die Wahl Köhlers gestimmt und da im Wahlkreis ein Wiederspruch zur Abstimmung Gutfleisch nicht erfolgte, ist die Behauptung Dr. Vogts gänzlich unbegründet.

Stadtverordneter Böhmer- Offenbach protestierte energisch gegen die Bestätigung eines sozialdemokratischen Abgeordneten gerade für Offenbach, wo die dort herr­schende Klique unmöglich etwas unparteiisches schaffen fönne.

Justizrat Met meldete sich nochmals zum Wort. Für ihn sei die Form des Auftretens der Nationalliberalen in der Darmstädter Protestversammlung nicht sympatisch gewesen. Sei es denn nicht praktischer zu beobachten, wie Eißnert sich bewährt?

Dc. Vogt als nächster Redner, stellte seine gänz­lich unangebrachten und unbescheidenen Angriffe gegen Professor Dr. Biermer nunmehr selbst richtig.( Wir hätten es für geschickter gehalten, wenn Dr Vogt sich das erste Mal überhaupt nicht zum Worte gemeldet hätte. D. Red.) und nachdem Stadtverordneter Beer Offenbach das energische Auftreten der Nationalliberalen nochmals begründet an Hand der Offenbacher Verhältnisse, appe­lierte Kommerztenrat Koch, der Präsident unserer Han­delskammer, an die Anhänger beider Parteien, der Nationalliberalen wie der Freisinnigen, doch nicht durch Disharmonien die Arbeiten ernster Politikern( Gutfleisch D. Red.) zu erschweren. Einig wie in den letzten Jahren sollen beide Parteten sein. Zum Schluß sagte Professor Biermer, die Ermahnung des Vorredners, einig zu sein, sei ihm ebenfalls sehr sympathisch zumal jetzt, da Hessen zu weit in ein parlamentarisches System gekommen ſet. Wir müssen eine feste Regierung haben, die nicht immer die Kabinettsfrage stellt; es muß einmal aus. gesprochen werden, daß uns das hessische Parlament schon lange nicht mehr imponiert.

Als hierauf die Versammlung durch den Vorsitzenden, Stadtverordneten Kirch mit einem dreifachen Hoch auf das deutsche Vaterland geschlossen wurde, war die Mitternachtsstunde schon vorüber. Daß die zahlreich Erschienen so lange aushielten, mag ein Beweis sein, wie interessant und ungemein lehrreich die ganze Ver sammlung war. Der Referent hatte seinen großen Tag.

Cokales.

*** Wir befinden uns in der schönen Weihnachts­zeit. Durch unser Leben geht ein geheimnisvolles Raunen und Schaffen. Ungezählte Wünsche werden laut und ungeduldig erwartet das Kinderherz den Hei­ligen Abend, der ihm, um den lichterglänzenden Weth­nachtsbaum eine Zauberwelt aufbaut. Die Erwachsenen sind eif igst beschäftigt, all die Herrlichkeiten herbeizu schaffen; sorgfältig geben sie Obacht, in der Wahl das richtige zu treffen. Der Verkauf geht denn auch ganz flott, besonders der morgige, der sogenannnte Silber. Sonntag, dürfte unserer Stadt einen großen Verkehr von außen bringen.

** Die Reichstagswahlbewegung hat bereits eingesetzt. Der Kampf wird ein kurzer, aber heftiger werden. Der Landes- Ausschuß der nationallibe. calen Partei ist auf Sonntag, den 16. Dezember, nach Darmstadt einberufen worden.

** Reichstagswahl. Von zuständiger Seite wird uns mitgeteilt, daß die Vorbereitungen zur Reichstags­wahl, insbesondere die Aufstellung der Liste der Stimm­berechtigten auch hier bereits eingeleitet sind. Voraus­setzung für die Vollständigkeit und Richtigkeit der Liste ist aber, daß alle Stimmberechtigten polizeilich an­gemeldet sind und, was die Hauptsache ist, mit richtiger Wohnungsangabe. Es ist dies um so unerläßlicher, als die Reichstagswahl bekanntlich nach Wahlbezirken erfolgt. Es liegt daher im eigensten Interesse der Wähler, eine etwa versäumte Meldung unverzüglich nachzuholen, andernfalls sie es sich selbst zuzuschreiben haben, wenn ihnen am Wahltag Weiterungen und Laufereien entstehen, wenn sie ihr Wahlrecht ausüben wollen.

** Der Professer i. P. der Landwirtschaft Geh. Hofrat Albert Thaer Gießen, ist in vorlegter Nacht verstorben.

Nächsten Sonntag, den 16. d. Mts. findet im Gasthause zum Storch" in Frankfurt a. M. der Feuerwehrtag des Verbandes Hess. Freiw. Feuer­wehren statt.

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Krofdorf. 14. Dezember. Durch Erlaß des Ober­präsidenten der Rheinprovinz wurde Bürgermeister Braun aus Langenlonsheim, Kreis Kreuznach, zum Bürgermeister von Krofdorf ernannt. Dienstag fand die Einführung durch Königl. Landrat Dr. Sartorius in Gegenwart des Gesamt Gemeinderats statt. Bürger­meister Lichtentäler wurde in gleicher Eigenschaft nach Langenlonsheim versetzt. Seit 19. Dezember 1903 wurde die hiesige Bürgermeisterei kommissarisch ver­

waltet.

* Langgöns. Dieser Tage wurde hier und in Kirchgöns durch Kreisrat Fey Friedberg eine hübsche Erinnerungsbrosche übrreicht, für die diejenigen, die sich an dem Trachtenfest zu Bußbach beteiligten.

* Hungen, 13. Dezbr. Die Gewerkschaft Elisenburg, hat vor längerer Zeit in unserer Gema: fung mit bestem Efolg nach Eisensteinen geschürft und darauf die Er richtung eines größeren Bergwerfs beschlossen. Die Gebäude sind jezt soweit fertig. Nächstes Jahr soll auch noch eine Eisenerzwäsche angelegt werden. Gine eigene Drahtseilbahn soll diese mit der Bahn Hungen -Friedberg verbinden. Eine andere Gesellschaft hat sett Sommer in der Gemarkung Feldheimer Wald ebenfalls nach Eisensteinen gesucht und günstige

Resultate erzielt, sodaß auch dort ein Bergwerk stehen dürfte.

berordneten- Stichwahlen siegte die * Frankfurt, 13. Dezbr. Bei den gestrigen Ste fratisch- fortschrittlich- sozialdemokratische Liste au ganzen Linie. Es waren 22 Mandate erled 5 demokratische, 5 fortschrittliche, 4 nationalliber 7 Mittelständler damit sind Mittelständler, Zentr evangelische Orthodorie und Antisemiten gemeint. und 1 sozialdemokratisches. Gewähl find: 6 Demok: 7 Fortschrittler, 5 Nationalliberale und 4 Soi demokraten. Die Versammlung der Stadtverordn die 64 Size aufweist, wird fünftig bestehen: 24 Demokraten, 13 Fo tschrittlern, 13 Nationalliberal 8 Mittelständlern und 6 Sozialdemokraten.

* Heiligenstadt. Die Tabafarbeiter un Arbeiterinnen sind in eine Lohnbewegung eing treten. Sie fordern unter Hinweis auf die geftiegen Lebensmittelpreise höhere Lohnsätze. Die Fabritan haben die Forderungen abgelehnt. Daraufhin find Arbeiter und Arbeiterinnen noch einmal zusammen tommen und haben in einer Resolution, die sämtli Fabrikanten unterbreitet werden soll, ihre Forderunge aufrecht erhalten. Falls die Fabrikanten sich weite ablehnend verhalten, wollen die Arbeiter eine gro öffentliche Versammlung abhalten.

Kirchliche Nachrichten für Grünberg. Am 3. Sonntag des Advents, 16. Dezember, predigt:

1. vormittags Pfarrer Schmidt.

Text: Jes. 40, 1-8. Lied: Nr. 18. 2. nachmittags Defan Wagner.

Text: Ap.- Gesch. 3, 19-26. Lied: Nr. 21. Gottesdienst mit Feier des heil. Abendmahls in Hospital vorm. 349 Uhr. Gottesdienst in Stangenrod' nachmittags 1

Marktberichte.

Sicken, 15. Dezbr. Auf bem heutigen Wochenmartt lofteten Butte per Bfb. 1.20-125 M., Sühnereter der Stück 9-10 Pfg., Entene St. 0-0 Pfg., Käse per St. 6-8 Pfg., Kasematte 2 St. 5-6 Erbsen per Pfd. 18-24 Pfg., Linsen per Pfd. 25-40 Bfg., Tauben te Baar 0.80-1.00 Mr., Hühner per Stüd 1.00-1.60 mt., Habna per Stüd 0.80-1.80 m., Enten per Stud 0.00-0.00 mt., Gan ber Pfd. 60-70 Pfg.. Ochsenfleisch per Pfd. 82-88 Pfg., Rins fleisch per Pfd. 80-82 Pfg., Schweinefleisch per Pfd. 86-90 Schweinefleisch gefalzen per Pfd. 94 Pfg., Kalbfleisch ver 80-81 Bfg., Hammelfleisch per Pfd 60-80 Pig., Kartoffeln p 100 Kilo 6.00-7.00 mt., Zwiebeln per Str. 4.00-5.00 Weiskraut 3tr. 2.20-250 Mt., per St 10-30 Pfg., Aepfel Str. 15-24 Mt., Zwetschen per Str. 0.00 0.00 Mt., Birnen per 8-10 Mt., Nüsse 100 St. 40 Pfg. Milch per Liter 20 Pfg. Dan der Marktzeit von 8 Uhr morgens bis 2 Uhr nachmittags. Gege Stände des Wochenmarttverkehrs dürfen bis Beginn der Marte überhaupt nicht und während der ersten drei Stunden der Marti im Umberziehen feilgeboten werden.

Sichener landwirtschaftlicher Wetterdienst. Boraussichtliche Witterung in Hessen für Sonntag den 16. Dezember. Meist heiter, trocken, nachts schwage Frost, am Tage nur wenig fälter, mäßige nördli Winde.

( Näheres durch die Gießener Wetterkarte.)

Berantwortlich für die Politik und des Inseraten zn Gießen. Ibin Klein; für den übrigen Inhalt: Georg Horn, bre

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