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baltion u. Dumpterebition: teßen, Selters weg 88. Bereprechaufchluk Nr. 382.

Donnerstag, den 13. Dezember 1906

Gießener

15. Jahrgang

Gratisbellagen: Oberbeffische Familienzeitung( täglid) und die Gießener Setfenblasen( wöchentlich).

Neuelle Nachrichten

( Sichener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für berheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle aminou Balantmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.

Relififche Rundschau.

Deutfches Refeb.

Im Intereffe einer glatten bfertigung folle ber Eisenbahn- Tarifreform die Rückfahrkarten im Berkehr mit den beutscher Nord- und Offeebädern beibehalten werden; fie Bürsten voraussichtlich die bisher übliche Geltungsdauer von 45 Eagen erhalten. Ferner if he unverpackte Fahrräder im Falle der Selbstabfertigung eine Sarifherabsetzung geplant. Begenwärtig Find für jedes Fahrrad 50 Pf. zu entrichten, leichviel ob es auf lurzen oder langen Strecken befördert werden foll Künftig wird im Nahverkehr ein niedrigerer Satz en hoben werden. Das Freigepäd fällt fort, die grachtgebühr wird jedoch niedriger als die jetzige Fracht für Hebergewicht.

* Bat der Braunschweigischen Thronfrage verlautet aus Braunschweig, daß der Großherzog von Medlenburg- Schweria In der Angelegenheit einen Brief an Railer Wilhelm gerichtet habe und daß der Maifer umgehend auf das freundlichste ant wortete, allerdings mit der Schlußbemerkung: daß er zurzelt in der Sache wichte tam nne. In Gmunden, dem Wohnfi Bes Herzogs von Gumberland, Endet anfcheinend zu Weih machten ein Familienrat in der Thronfolgefrage flatt. Richt er bie gesamte Sumberlandsche Familie, sondern auch das Schweriner Großherzogspaar und Brinz Mag von Baden mit Gemahlin werden erwartet.

Rureland.

** In Odessa hat ein Streit der Eisenbahnarbeiter be gonnen. Die Berladung von Getreide ist infolgedessen gänzlich eingestellt worden. Die Exporthäuser benachrichtigten ihre Abnehmer im Auslande, daß sie mit Rücksicht auf den Ausstand die Verantwortlichkeit für Nichterfüllung der Kontrakte ablehnen. Der Ausstand der Hafenarbeiter ist beendet worden.

frankreich.

** Neberaus scharfe Formen nimmt der französische Kirchenkampf an. Die Bischofsfite und Seminare in Bordeaux, Mende und Saint- Brieuc find geräumt worden. Auch der Erzbischof Richard von Baris ist aufgefordert worden, das erzbischöfliche Balais zu verlassen. Es heißt, daß die Ratholiken ans Anlaß der Neberfiedelung des siebenundachtzig­jährigen Erzbischofs eine große Straßenkundgebung planen.

Monsignore Montagnini, der Bertreter des päpstlichen Stuhles, ist aus Frankreich ausgewiesen worden. In seiner Wohnung wurde eine Haussuchung abgehalten und zahlreiche Bapiere beschlagnahmt. Der Geldschrank wurde versiegelt. Die im Nuntiaturgebäude vorgenommenen Haussuchungen stehen im Zusammenhang mit Strafverfolgungen, die gegen die Pfarrer der Kirchen Saint Pierre, Gros- Caillon, Saint Augustin und Saint Roch angestrengt find, weil sie die Gläubigen zur Rebellion aufgefordert hätten. Montagnini wurde bis an die französische Grenze von einem Kommissar begleitet.

Alien.

* Die russische Regierung soll sich zu dem akut gewor benen Handels- Zwist zwischen Japan und Rußland entschlossen haben, die Forderungen Japans abzulehnen. Die russische Regierung begründet diefen Schritt damit, daß die Annahme

Die gegenwärtige politische Lage

in Hessen.

( Fortsetzung der Rede des Professor Dr. Biermer.)

Herr von Heyl war lange Zeit ein Gegner des Landwirt­schaftskammergesetzes. Er kannte seine Pappenheimer. Das Gesetz, das jetzt in Kraft getreten ist, eines der vielen Versuchs­gesetze, mit denen man das Land beglückt, wird nach dem Er­gebnis der Wahlen wahrscheinlich nur eine agrarische Neben­regierung zeitigen. Die tüchtigen, rationell und deswegen erfolg= reich wirtschaftenden Landwirte hat man mundtot gemacht und durch Bauernbündler radikalster Färbung ersetzt. Schon jetzt denken die besonnenen und ruhigen Elemente daran, die freien Vereine, die man ohne Not opfern wollte, für den Notfall lebensfähig zu erhalten. Ich kenne die preußische Landwirtschafts­tammerorganisation ziemlich genau, und ich weiß, daß die frühere Vereinsorganisation ohne gesetzliche Grundlage viel mehr geleistet hat, als die neuen Kammern mit ihrem unglaublich teuren Apparat. Denken Sie nur an die westfälischen und rheinischen Bauernvereine und deren imposante Organisation. Herr von Heyl ist bekanntlich selbst Agrarier, also über den Verdacht er­haben, als wollte er den landwirtschaftlichen Interessenvertre­tungen Fesseln anlegen. Also auch in dieser Sache ist Heyl nicht der einzige Kritiker gewesen.

Und nun zum Fall Eißnert. Auch hier soll der Wormser Politiker den Regisseur gespielt haben. Als ob sich Männer wie Reinhart, Osann, Glässing und im Parlamente Brentano, von Heyl Direktiven geben ließen?! Die das behaupten, glauben es selbst nicht. Sie brauchen aber solche Schreckschüsse, um bei der notorischen Unpopularität des etwas gewalsamen und selbstherr­lichen, dabei aber mächtigen und vielbeneideten Gegners, den sie am liebsten in die Verbannung nach Preußen schickten, der Re­gierung, auch wenn sie taktische Fehler begeht, zu Hülfe kommen

ber japanischen Forderungen den russischen Handelsinteressen ungemein schaden würde. Man glaubt, daß die russische Regierung England und die Vereinigten Staaten Amerikas auffordern wird, mit Japan zu vermitteln.

Kleine politifche Nachrichten.

Büdeburg, 12. Dezember. Der Kaiser wurde bei seiner Ankunft von Fürst Georg, dem Erbprinzen und den sonstigen Fürstlichkeiten auf dem Bahnhof, auf den Straßen von einer großen Menschenmenge empfangen.

Berlin, 12. Dezember. In Vertretung des Kaisers wird der Kronprinz der am 16. d. M. in Magdeburg stattfindenden Enthüllung eines Denkmals für Kaiser Friedrich III. und der Einweihung des neuerbauten ,, Kaiser- Friedrich- Museums" bei­wohnen.

Berlin, 12. Dezember. Nach dem Verlaufe der bisherigen Beratung der Budgetkommission darf die Bahn Kubub- Keet manshoop als gesichert betrachtet werden. Für die Bahn werden 8 900 000 Mart gefordert.

Berlin, 12. Dezember. In den nordöstlichen Gebiets. tellen von Deutsch- Südwestafrita find Diamanten gefunden worden.

Berlin, 12. Dezember. Jm neuen Reichshaushalt- Etat wird wieder die Errichtung eines selbständigen Kolonialamts mit einem Staatssekretär an der Spitze und ferner einem Unterstaatssekretär gefordert.

Berlin, 12. Dezember. Eine zweite Lesung des ab gelehnten Kolonialnachtragsetats wird in der Budgetfommission nicht stattfinden, so daß also für die Beratung im Plenum rediglich die Vorlage der Verbündeten Regierungen die Unter­[ age bilden wird.

Dessau, 12. Dezember. Die Landesbehörden find im Auftrage des Herzogs angewiesen worden, angesichts der gegenwärtigen Teuerung bei Besuchen des Herzogs innerhalb des Landesgebietes teinerlei Aufwendungen aus öffentlichen bezw. Kommunalmitteln mehr zuzulassen.

Straßburg, 12. Dezember. In den elsaß- lothringischen Haushaltsetat von 1907 werden 500 000 m. als Teuerungs zulage für die mittleren und Unterbeamten eingesetzt.

Budapest, 12. Dezember. Der Abgeordnete der Meritalen ungarischen Volkspartei, Franz Udvary, der nnlängst in Budapest eine Bentralvoltsspartaffe gründete und fich ver­schiedener unerlaubter Manipulationen schuldig machte, ist Spurlos verschwunden.

Antwerpen, 12. Dezember. Zwischen England und dem Kongostaat find Verhandlungen dem Abschluß nahe wegen Abtretung eines Gebietsstreifens zum Baue der Eisenbahn Rap- Kairo.

Paris, 12. Dezember. Im Senat wurde die Neberführung ber Leiche Zolas aus Pantheon mit erheblicher Majorität angenommen.

Algier, 12. Dezember. Die französische Regierung läßt ben verstorbenea ehemaligen König von Dahomey in einer bon ihr erioccknen Gruft beiseßen. Die Frauen und Töchter werden nach Dahomey zurückgebracht.

zu können. Wer als Politiker die geraden Wege liebt, der macht so etwas nicht mit. Man kann den Eißnert'schen Fall prinzipiell und nicht prinzipiell auffassen. Beide Auffassungen lassen sich vertreten. Die Darmstädter Protestversammlung hat einmütig das erstere getan. Das Zentrum hat dagegen durch seinen Wort­führer, der ja aus Offenbach stammt und die dortigen Verhält­nisse genau fennt, den Fall mehr lokal aufgefaßt. Ich schließe mich dieser Auffassung durchaus an und kann fast jedes Wort, was Herr von Brentano in der Kammer vor zwei Wochen ge­sagt hat, unterschreiben. Wenn im Gegensatz hierzu der Ab­geordnete von Gießen gemeint hat, das hessische Volk werde dem Großherzog für die Bestätigung Dank wissen, er sei seinem Volke dadurch viel näher gekommen, so habe ich dagegen Zweierlei zu erwidern: Einmal widerstreitet es mir, gerade weil ich kon­stitutionelle Grundsätze habe, die Person des Monarchen ohne Not in die politische Debatte zu ziehen. Sie gehört nicht dahin. Zum Andern bezweifle ich mit guten Gründen, daß die bürger­lichen Parteien des Landes und die gebildete Minorität es wirk­lich mit Freuden begrüßt haben, daß man der nichtsozial­demokratischen Bevölkerung Offenbachs, auf der der Terrorismus eines Ulrichs fast unerträglich lastet, und die bei der letzten Reichstagswahl, wo sie einig war, unter einer maßlosen Ver­hetzung seitens der Gegner gelitten hat, mit der Bestätigung des sozialistischen Agitators als Beigeordneten eine schwere Ent­täuschung bereitet hat. Ich habe grundsätzlich gar nichts dagegen, daß man die Arbeiterpartei, die aber doch nicht identisch ist mit der Sozialdemokratie, gesellschaftlich rezipiert und zur ernſten Mitarbeit auch in der kommunalen Selbstverwaltlung heranzieht. Diesen Standpunkt vertrete ich seit zwei Dezennien in Wort und Schrift. Lesen Sie nur meine sozialpolitischen Aufsätze, die auch im sozialistischen Parteilager und in der demokratischen Presse Anerkennung gefunden haben, nach! Aber da, wo die politische Erregung, wie in Offenbach, den Siedegrad erreicht hat, wo die Herrschsucht der sozialdemokratischen Mehrheit in der Stadt­verordnetenversammlung nicht davor zurückschreckt, einen ver­dienten Oberbürgermeister ohne zwingende sachliche Gründe von

Deutfcher Reichstag.

( 139. Sigung.)

CB. Berlin, 12. Dezember. Die Fortsetzung der Fleischnot- Debatte.

Die Fleischnotdebatten im Reichstage haben, nachdem gestern die Stellung der Verbündeten Regierungen bekannt geworden ist, an Anziehungskraft eingeoüßt. Haus und Tribünen waren heute erheblich schwächer besetzt als gestern und am Ministertische war nur noch der Landwirtschafts­minister von Arnim- Criewen anwesend. Zuerst sprach heute im Namen der Nationalliberalen Professor Dr. Paasche der darauf hinwies, daß die Landwirtschaft stabile Preise haben und der deutsche Viehbestand gegen Seuchengefahr ges schützt werden müffe, der aber auch betonte, daß die Res gierung der Vorwurf treffe, gegen die Fleischteuerung, durch die im Lande die Unzufriedenheit immer mehr wachse, so lange nichts getan zu haben. Warum habe die Regierung nicht schon vor einem Jahre erklärt, was sie gestern erklärt habe: daß die Gebühren für die Untersuchung ausländischen Viehes ermäßigt und die Eisenbahnfrachttarife herabgesetzt werden sollen? Das seien geeignete Mittel, um Abhülfe zu schaffen.

Lärm im Hause.

Als der Redner weiter ausführte, daß die Behauptungen von einer Unterernährung des Volkes übertrieben und die Städte durch ihre Oftrois und Schlachthausgebühren an der Fleischteuerung ebenfalls schuld seien, entstand auf der Linfen Unruhe, die zu Lärn wurde, als der Redner ausrief: ,, Warum soll in solchen Leuerungs- Zeiten nicht auch einmal ein städtisches Schlachthaus mit einer Unterbilang arbeiten?!" Dem Präsidenten Grafen Ballestrem gab dieser Lärm Veran­laffung, an die Linte das mit großer Heiterkeit aufgenommene Ersuchen zu richten, sich zu beruhigen."

Der nächste Redner, der konservative Graf von Schwerin Löwiz, wandte sich gegen ein sozial­demokratisches Flugblatt, das den Junkern vorwarf, das Volk auszuziehen. Mit dem Junker- Popanz sollte man doch endlich einmal aufhören, bemerkte der Redner. Die Vieh­züchter find hauptsächlich in ten Kreisen der kleinen Grund­befizer zu suchen. Der Redner sprach dann dem neuen Landwirtschaftsminister die Anerkennung seiner Fraktion dafür aus, daß er sich зи der einer Deffnung Grenzen nicht habe bereit finden lassen. Zum Schlusse gab Graf Schwerin der Hoffnung Ausdruck, es würde bald die Zeit kommen, in der Deutschland überhaupt tein ausländisches Vieh mehr brauche. Der nächste Redner, der Pole Korfanty, behandelte die Fleischnot vom Stand­punkte Oberschlesiens und seiner Industrie aus. Es gäbe dort hunderte und tausende von Familien, die gegenwärtig auf jeden Fleischgenuß verzichten müßten. Der Redner forderte die un­beschränkte Zulassung von Schweinen aus Rußland. Dieser Forde­rung trat der Abg. Gamp( Reichsp.) entgegen, indem er darauf hinwies, daß bei unbeschränkter Zulassung russischer Schweine die Veterinärmaßregeln erschwert oder unmöglich gemacht würden. Die Löhne der Arbeiter seien derart gestiegen, daß fie sich recht gut den Fleischgenuß gestatten fönnten.

seinem Posten zu verdrängen, und wo jetzt die Führer der Mehr­heit, wie ich höre, auf der Suche nach einem Stadtoberhaupt sind, dem die preußische Regierung die Bestätigung versagt hat, da handle ich, wenn ich als bestätigende Zentralbehörde was zu sagen hätte, nach dem Grundsatze: Haust Du meinen Juden, hau' ich Deinen Juden." Die Bestätigung Eißnerts, der einen Laden hat, dessen Betreten dem Militär verboten ist, war ein bedauerlicher politisch- taktischer Fehler, und die bürgerlichen Parteien haben, solange sie das Heft noch in der Hand haben und das ist vorläufig glücklicherweise noch der Fall ein gutes Recht, sich dagegen zu wehren. Hoffentlich werden sie das auch in ähnlichen Fällen wiederum tun. Ich glaube aber, sie werden sich nicht sobald wiederholen. Wo die Sozialdemokratie bisher am Ruder gewesen ist, hat sie stets rücksichtslose Parteiherrschaft getrieben. Denken Sie nur an unsere Strankenkassen, wo man versucht, einen ehrenwerten und hochangesehenen Stand, der, weiß Gott, nicht auf Rosen gebettet ist und den humansten Pflichtenkreis der Welt hat, systematisch zu Hörigen klassen­befangener Demagogen herabzudrücken.

Vor einigen Wochen war ein Vertreter der freisinnigen Partei bei mir und bat mich um einen Beitrag für das Eugen Richter- Denkmal. Er hat ihn bekommen mit der Begründung, daß ich für die großen und charaktervollen Kämpen der Bis­marckianischen Zeit, auch wenn sie Bismarck- Gegner gewesen sind, gerade in Erinnerung an jene unvergeßliche große Zeit, auch für politische Gegner etwas übrig habe. Und wie hat sich Eugen Richter, der später so oft den Namen Bis­mard mit Bewunderung zitieren mußte, der heutigen Sozial­demokratie gegenüber sich verhalten. Er hat sie bis zu seinem Tode ich bin seit Jahren Abonnent seiner Freijinnigen Zeitung" bis aufs Messer bekämpft. Und das von Rechtswegen. Denn die sogenannte" Mauserung" in der deutschen Sozialdemokratie ist vorläufig purer Schwindel. Ich lese nicht nur die Freisinnige Zeitung, sondern auch sozialistische Blätter, vor allem den Vor­wärts". Ich will natürlich nicht sagen, daß Eugen Richter, wenn er noch lebte, gegen die Eißnert'sche Bestätigung gewesen wäre.

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