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Stationen:

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Gießen

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Nr. 240

Septegpebition: tegen, Seltersweg 88. Berusprechanfchink r. 862.

Freitag, den 12. Oftober 1906

Gießener

15. Jahrgang

Contibelingen: Oberhoffische Samillenzeitung( p und die Gießener Seifenblafon( wöchentlich).

6.

Neueste Nachrichten

( Steßener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Sichener Beitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

* nthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheisen

,, Hie Welf...!"

Aus Braunschweig wird der ,, Deutschen Reform- Korrespon benz" unterm 11. Oftober geschrieben:

Die Veröffentlichung der von dem Herzog von Cumber­land an Kaiser Wilhelm und an den Reichskanzler gerichteten Schreiben und der Antworten des Kaisers und des Reichs­fanzlers hat hier tiefen Eindruck gemacht. Man hatte sich in manchen Kreisen in letzter Zeit wirklich der Erivartung hingegeben, daß der Herzog von Cumberland, wenn schon nicht für sich, so doch für seine Nachkommen Frieden mit dem Reich machen und eine Verständigung ermöglichen werde, auf Grund deren das Braunschweigische Provisorium die Umwand­lung in ein Definitivum erfahren fonnte. Diese Erwartung hat völlig getrogen. Der Herzog von Cumberland zeigt sich in seinem Brief an den Kaiser genau so intransigent, wie er je gewesen. Er erwähnt den Verzicht auf Hannover überhaupt nicht und gibt durch dieses Schweigen zu erkennen, daß er einen Verzicht auf Hannover nicht aussprechen will, daß er für Hannover der Thronforderer bleibt. Unmöglich kann der Herzog von Cumber­land angenommen haben, daß der Kaiser das Verschweigen der hannöverschen Frage nicht merken werde. Er war sich also vollständig bewußt, daß sein Brief unbedingte Ablehnung erfahren müsse. Selbst wenn etwa der Kaiser in über­treibender Nachsicht die Ausschaltung der hannöverschen Frage hätte zugeben und den jüngeren Sohn des Herzogs von Cumberland das braunschweigische Erbe hätte an­treten lassen wollen der Herzog von Cumberland hat dafür Sorge getragen, die Beschreitung dieses Weges auszuschließen, indem er nicht einmal für sich selbst und seinen älteren Sohn endgiltig auf die braun­schweigische Erbfolge verzichtete, sondern verlangte, daß sein Erbrecht wieder auflebe, wenn der jüngere Sohn von der Herrschaft in Braunschweig zurücktrete. Auf den Verzicht des Herzogs von Cumberland und seines ältesten Sohnes brauche also nur der Verzicht des jüngeren Sohnes zu folgen, um den Herzog von Cumberland auf den Thron von Braun­schweig zu rufen und dem Herzog von Cumberland zu ge­statten, als deutscher Reichsfürst Rechtsanspruch auf Hannover zu erheben. Es bedarf keines Nachweises, daß das ein ganz undenkbares Verhältnis wäre. Daraus geht hervor, daß der Herzog von Cumberland den Frieden mit dem Reich nicht gewollt hat, daß er vielmehr auf der vorigen Feindseligkeit beharrt und in diese Feindseligkeit auch die jüngere Generation einbezieht.

Damit sind die Hoffnungen, die man hier gehegt hat, für absehbare Zeit und vermutlich endgiltig begraben. Man darf aber nicht etwa glauben, daß jene Hoffnungen auf einer besonderen Liebe zu der jüngeren, hannöverschen Linie des Welfenhauses beruht hätte. Die hannoversche Welfenlinie ist dem Braunschweiger Land immer fremd gewesen. Das Vor­handensein eines Erbvertrages zwischen Braunschweig und Hannover konnte für sich allein solche Liebe nicht schaffen, und die vorigen Mitglieder des Hauses Hannover so wenig wie die jetzigen Mitglieder des Hauses Cumberland haben sich irgendwelche Mühe gegeben, das Gefühl der Zuneigung inner­halb der Braunschweigischen Bevölkerung hervorzurufen. Lediglich der monarchische Sinn, der an der geordneten Erbfolge nicht gerüttelt sehen mag, fand sich mit dem Gedanken des Einzugs der Cumberlandschen Herrschaften in Braunschweig als mit einem Geschick ab, das man über sich ergehen lassen müsse. Man hätte auch dem neuen Herrscher die schuldigen Gefühle der Ehrerbietung willig entgegengebracht und wäre sicher bereit gewesen, schnell zu ihm ein herzliches Verhältnis zu gewinnen. Doch die Vorausseßung war, daß er seine Herrscherpflichten ausübte, und die vornehmste Herrscherpflicht eines deutschen Fürsten ist es, in unverbrüchlicher Treue zu Kaiser und Reich zu stehen. Wie kann der Herzog von Cumberland für sich bei den Braunschweigern Treue ver­langen, wenn er selbst dem Reiche gegenüber nicht Treue übt! Selbstverständlich wurden derartige Auffassungen nicht laut geäußert. Es war doch immer möglich, daß der Herzog von Cumberland oder einer der Söhne seinen Einzug in Braunschweig hielt, und dann waren zum mindesten schwere Unbequemlichkeiten, wenn nicht direkte Nachteile von dem nachtragenden Geschlecht der Welfen zu besorgen. Es ist begreiflich, daß man sich dem nicht aussehen mochte, und deshalb wartete man in Geduld. Unter der Herrschaft des Prinzregenten Albrecht war man herzlich zufrieden. Nach dem Tode des Prinzen Albrecht hätte man am liebsten gesehen, daß sofort der neue Regent gewählt wurde. Wenn man sich nicht dafür aussprach, so unterblieb das bloß aus den eben erwähnten Besorgnissen. Nun aber ist auch die lange braunschweigische Geduld erschöpft, und man will ein Definitivum haben, ein Definitivum, das nicht cumberlandisch und nicht welfisch ist, sondern deutsch. Die Braunschweiger haben ein Recht darauf, Deutsche zu fein. Sie haben ein Hecht darauf, zwischen sich und das Reich nicht die Ansprüche einer Dynastie geschoben zu sehen, die die Grundlagen des Reiches und feines Bestandes leugnet, leugnet gegen den Wunsch und Willen der eigenen Anhänger!

Von Braunschweig aus wird, abgesehen von einzelnen Bersonen, die von einer liebgewordenen und überliefertex Borstellung fich unter feinen Umständen frei machen können, feine Bitte mehr an das Haus Cumberland gerichtet werden. Der Herzog von Cumberland selbst hat durch seine jüngsten Schreiben seine endgiltige Trennung vom Reich und von Braunschweia au& oribrachen.

Die ruffifche Revolution.

Im Zarenreiche sieht es noch immer gefährlich aus, nur löst sich die große Aktion der Revolutionäre allmählich in eine Reihe lokaler Kämpfe auf und ebenso verzetteln sich die Maßnahmen der Behörden im Kleinkrieg und in inneren Zwistigkeiten.

Stolypin wird gehen.

Das scheint jetzt sicher zu sein. Es sind zwischen ihm und dem Finanzminister Kokowzew wegen der Durchführung der Dumawahlen ernstliche Differenzen ausgebrochen, und zwar darüber, ob sich die Regierung energisch an der Wahl­bewegung beteiligen müsse oder nicht. Kokowzew ist der Ansicht, daß ein solches Vorgehen sehr gefährlich sei. Da man bei Hofe dem Finanzminister Recht gibt, so ist der Rück­tritt Stolypins wahrscheinlich. Zu seinem Nachfolger dürfte der Generalgouverneur von Finland Gerhardt oder Fürst Wassiltschikow ernannt werden. Ob es diesem gelingen wird, das Staatsschiff wieder flott zu machen? Vielleicht erleichtert ihnen die Revolution ihr Amt.

Der Kongreß der Kadetten

hat jedenfalls in Helsingfors einen Beschluß gefaßt, der für die Zukunft dieser Partei und der Revolution überhaupt von weitester Bedeutung werden kann. Der Kongreß nahm mit 84 gegen 44 Stimmen die vom Zentralausschuß eingebrachte Resolution an, die den passiven Widerstand als unmöglich erklärt. Die Resolution der Minderheit, die die Organisation des passiven Widerstandes empfiehlt, wurde mit 88 gegen 53 Stimmen verworfen. Damit stellt sich die Kadettenpartei also auf den Standpunkt, nur Wahlpartei, nicht Kampf­organisation zu sein. Man wird indessen nicht erhoffen dürfen, daß die Revolution nun schon tot ist. Es gibt noch genug Kämpfer und vor allem genug Räuber und Terroristen im Zarenreiche, mit denen die Behörden noch einen schweren Stand haben dürften.

Gewaltakte

find noch immer alltäglich und auch die Marine scheint neuerdings wieder unruhig zu werden. Die folgenden Nach­richten illustrieren die Lage deutlich genug.

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Lodz, 10. Oktober. Eine große Menge versammelte sich heute an einem Orte, an dem 5 Terroristen hingerichtet worden waren. Die Leichen wurden ausgegraben, um sie in Särgen zu begraben. Militär zerstreute die Menge mit der blanken Waffe, dann wurden die Leichen wieder am Hinrichtungsorte begraben.

Warschau, 11. Oktober. In Niffa wurde die Witwe Sawicka in ihrer Wohnung ermordet aufgefunden. Die Barschaft war verschwunden.

Riga, 11. Oktober. Zwei junge Frauen ließen in einem Straßenbahnwagen ein Paket liegen, das sich bei näherer Untersuchung als eine mit Dynamit geladene Höllenmaschine erwies. Durch Anhalten des Uhrwerks wurde eine Explosion verhütet.

Sebastopol, 11. Oktober. Die Gerüchte, daß die Desertion von Matrosen derartige Dimensionen angenommen habe, daß die Schiffe nicht in See gehen können, werden bom Generalstab der Marine für falsch erklärt. Die Fälle, in denen Matrosen freiwillig von ihren Schiffen abwesend find, fönnen nicht als Deſertion angesehen werden.

Wilna, 10. Oktober. Die Polizei hat heute hier das ganze Personal der Vereinigung für die revolutionäre Propaganda in der Armee verhaftet. Unter den Verhafteten, deren Zahl 28 beträgt, befinden sich auch ein Offizier und awei Soldaten

Politische Rundfchau.

Deutfches Reich.

* Der wahre Grund für die Veröffentlichung der Aus­züge aus den Denkwürdigkeiten Hohenlohes, die in der letzten Tagen soviel Staub aufwirbelten und sogar den Kaiser zu einer entschiedenen Meinungsäußerung veranlaßten, scheint jetzt flar zu werden. Sicherlich sind keinerlei politische Beweggründe maßgebend gewesen, wie vielfach vermutet wurde, sondern die Verlagsfirma hat einfach ein Reflamemanöver für das jetzt im Buch­handel erscheinende Buch unternommen. Die Tatsache, daß das Buch unmittelbar nach der Veröffentlichung auf den Markt geworfen wird, muß diese Annahme nahelegen. Und der zum Teil schon bekannt gewordene Inhalt des Buches hat die Nellame notwendig, denn er wirft in keiner Weise be­sonders aufregend. Kleintram ohne Bedeutung die Bismarckdenkwürdigkeiten vielleicht das einzig Interessante. Also viel Lärm um einen- Buchhändlertrick.

* Dem Reichstage wird bereits bei seiner Eröffnung am 13. Rovember der Entwurf betr. die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine vorliegen. Bei der Wichtigkeit des Gesetzes ist anzunehmen, daß der Reichstag die erste Lesung unverzüglich vornehmen wird.

* Infolge der bekannten Kieler Beschlüsse vollzieht fich in Westfalen ein Massenaustritt der Kriegervereine aus dem preußischen Landeskriegerverband. Bisher find im Bereich des westfälischen Kriegerverbandes 145 Kriegervereine mit rund 15 000 Mitgliedern ausgeschieden. Weitere Austritte find zu erwarten.

frankreich.

** Man will in Paris wissen, daß in Anbetracht der im legter Zeit vorgekommenen Ermordungen französischer Beamten in Algier, welche teilweise als die Folge der panislamitischen Agitation sowie der Politik des Maghzens angesehen werden der Generalgouverneur von Algier, Jonnart, auf Wunsch des Ministers des Innern Clemenceau demnächst einem Minister­rat beiwohnen werde. Der Generalgouverneur solle besonders über die Zustände an der algerisch- marokkanischen Grenze Bericht erstatten.

Balkanftaaten.

** Seit dem Ueberfall der griechischen Banden auf Smilewo sind durch bulgarische und griechische Banden weitere Mordtaten im Bezirk Monastir ver.. worden. Das jüngste Resultat der türkischen Recherchen ist die Gefangennahme von 13 Mitgliedern des griechischen Komitees und die Entdeckung einer regelrechten Uniformwerkstätte und von Depots für griechische Banden in Monastir. Die erste Untersuchung über den Massenmord in Vranga- Kaza- Melnik hat erwiesen, daß diese Mordtaten nicht durch Soldaten, sondern durch eine terroristische, bulgarische Bande verübt worden sind.

Türkei.

** Die Kriegsgerüchte haben sich bisher nicht bestätigt. Im Gegenteil ist die Pforte bemüht, jeden Verdacht zu ver­meiden, als habe sie kriegerische Absichten. Die Truppen werden entlassen und vorläufig scheint man an eine Aktion der Pforte gegen Bulgarien nicht zu denken.

Die einberufenen drei Redisdivisionen im Bereich des dritten Armeekorps haben Entlassungsbefehl erhalten, der gleiche Befehl wird an die Division Kirkkilisse in Adrianopel ergehen und somit werden alle 64 Bataillone demobilisiert. Die Nachrichten über die Einberufung der Divisionen Samsun und Brussa bestätigen sich nicht.

Alien.

** Aus Tokio wird gemeldet, Japan verhandle mit Rußland wegen Herstellung einer Ucberland- Postverbindung, durch welche die Dauer der Beförderung von Tokio nach London auf 17 Tage verringert werde.

Kleine politische Nachrichten.

Berlin, 11. Oftober. Der Betrieb der Bahn Lüderiz­bucht- Kubub ist bis zum Militärbahnhof bei Kubub eröffnet. Ursprünglich wurde mit der Fertigstellung erst für November gerechnet.

Weimar, 11. Oktober. Hier droht eine Ministerkrifis auszubrechen, weil der Landtag die von der Regierung geforderte Auflösung der Gerichtsgemeinschaft mit Reuß j. L. wahrscheinlich ablehnen wird.

London, 11. Oktober. Zum provisorischen Präsidenten der Republik Ecuador ist von der gesetzgebenden Versammhmg General Alfaro ernannt worden.

Petersburg, 11. Oktober. Es verlautet, daß in wenigen Tagen ein Gesetz herauskommen wird, wonach jede Ein­schränkung des Verkaufs von Ländereien aufgehoben wird.

Dof und Gesellschaft.

*** Zur Gedächtnisfeier für den Prinzen Louis Ferdinand von Preußen traf das Kaiserpaar von Hubertusstock in Berlin ein. Die Feier fand im Schauspiel­Hause statt.

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Eine Gedenkfeier an das Gefecht bei Saalfeld fand auf dem Schlachtfelde unter Beteiligung zahlreicher Fürstlichkeiten statt. Anwesend waren die Fürstin von Schwarzburg- Rudolstadt, Prinzessin Thekla von Schwarz burg- Rudolstadt, als Vertreter des Kaisers General der Infanterie v. Reffel, als Vertreter des Herzogs von Sachfen= Meiningen Prinz Ernst von Sachsen- Meiningen. General v. Ranke brachte das Hoch auf den Kaiser aus.

Das Befinden des Erzherzogs Otto von Defterreich hat sich derart gebessert, daß die Aerzte e Ueberführung des Patienten nach Wien ernstlich ins Ange gefaßt haben.

Deer und flotte.

Nene Krenzer vom Dreadnought- Typ in der englischen Marine. Auf dem Clyde und in Elswid sollen, einer enga lischen Blättermeldung zufolge drei Panzerkreuzer im Bau sein, die teine Kreuzer im gewöhnlichen Sinne des Mortes find, sondern Schlachtschiffe von gleich schwerem Breitfeiten­feuer als die Dreadnought, aber noch schneller. Jedes wird 8 zwölfzöllige( 30 cm) Geschütze führen und soll 25 Ston Laufen. Die Schiffe werden weniger fewer gepanzert ein, wie die Dreadnought; die hierdurch erzielte Gewichtser wird zugunsten weit gewaltigerer Th

Soziales Leben.

X Die Lohnbewegung im Kohlen- Bergban. Die Siebenec Rommission hat dem Bergbaulichen Verein und den einzelnen Bechenverwaltungen die Forderungen der Bergarbeiter Aber reicht. Berlangt wird eine Erhöhung aller Löhne unter d über Tage um 15 Prozent. ferner daß die vielfach bestebende

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