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Nr. 265.

Zweites Blatt.

Samstag, den 10. November 1906

15. Jahrgang

Rebattion u. Saupterpebition: Gießen, Selters weg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich).

Gießener

Neneste Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Beifung)

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Weglar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Neue Aufgaben. [ Politische Wochenschan.]

Jede Zeit hat ihre Aufgaben, und da die Zeit fich fort­während erneut, so wachsen auch immer neue Aufgaben heran, die mahnend sich melden, ehe noch die alten ganz erledigt sind. Der Reichstag, der am Dienstag zusammentritt, ist dafür ein lehrreiches Beispiel. Aus dem vorigen Sessionsabschnitt hat er Reste, zahlreich genug, um eine ganze Tagung zu füllen, und die frische Arbeit, die seiner barrt, ist faum geringer an Gewicht und Umfang. Die Steuern, die er vor den langen Vertagungsferien bewilligt hat, haben ihre Ertragfähigkeit noch nicht dartun können, und schon ist die Notwendigkeit da, abermals frische Einnahmequellen zu erschließen. Die Haupt­aufgabe aber bleibt immer neu: sparsam zu wirtschaften, da­mit feine Steuerüberlastung eintrete. Vor dem Reichstag ist das sogenannte Weinparlament zusammengetreten, das seine besonderen Sorgen hat, obwohl es sich berufsmäßig mit dem allbeliebten Sorgenbrecher" beschäftigt. Ein anderes Barlament, ein internationales, hat seine Tagung eben be­endet. Die Telefunkenkonferenz hat unter ungünstigen Zeichen begonnen, aber ihre endlichen Beschlüsse zeigten erfreuliche Uebereinstimmung. Die große Erfindung, darin tam man überein, soll in der Verwendung nicht durch Sonderinteressen gehemmt werden. Und noch eine Art Parlament oder Barlamentsausschuß hat getagt. Der Vorstand des deutschen Städtetages hat die dringenden Wünsche der Bevölkerung nach Beseitigung der Lebensmittelteuerung formuliert, um sie En einer Petition an den Reichstag zu bringen.

Mittlerweile hat die auswärtige Politik in ihrer wandeln. den Konstellation neue Aufgaben gestellt. Das Dreikaiser­bündnis, das schon einmal da war, scheint wiederkehren zu follen. Bor 23 Jahren war es in Stierniewice geschaffen worden, dann verblaßte es zum Dreifaiserverhältnis, dann machte es anderen Beziehungen Plaz dem mitteleuropäischen Dreibund einerfeits, dem russisch- französischen Bündnis anderer= Seits. Und wiederum bat das wechselnde Geschick die Völker­

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freundschaften durcheinandergeworfelt. Es fügt sich wie von ohngefähr, daß oie Konstellation von ehedem abermals lebendig wird. Der Wechsel ist nicht so groß, wie es den Anschein bat. Den Frieden haben früher alle gewollt, dasselbe wollen fie auch heute. Der Friede ist früher nicht gestört worden nichts läßt befürchten, daß er jetzt leichter gestört werden fönnte. Sind doch die Regierungen ebenso wie die Völker selbst friedlich gesinnt.

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In Desterreich- Ungarn macht die Gewöhnung an politische Lärmszenen solche Fortschritte, daß man in Wien und Budapest fich bald nach neuen Sensationen wird umsehen müssen. Die berufsmäßigen politischen Standalmacher stehen hier vor neuen Aufgaben. Die Wahlreform genügt nicht mehr, die Einholung der Gebeine Rakoczys ist schon vergessen.

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Mit Rußland kann allerdings kaum ein anderes Land Schritt halten in bezug auf überraschende Sensationen. In voriger Woche hat man in Petersburg auf offener Straße einen Geldtransport es handelte fich um fast eine halbe Million Rubel am lichten Tage aufgehoben; in dieser Woche hat man bei Warschau einen Eisenbahnzug überfallen und eine Million Rubel als Beute davongetragen. Wer soll da noch mitkommen! Das fönnen nicht einmal Serbien und Bulgarien mit ihren alltäglichen Ministerkrisen, die kaum noch in der Nähe, geschweige denn in der Ferne Interesse erweden. Man muß schon bis China gehen, um Ereignissen zu begegnen, die abgestumpfte Nerven aufzurütteln angetan find. Wir meinen nicht die Unruhen in der Umgebung von Shanghai, nicht den Ueberfall eines deutschen Konsulats­beamten dort, sondern die Hungersnot, die in mehr als einer chinesischen Provinz wütet und ungezählte Opfer hinrafft. Bei alledem läßt die chinesische Regierung den Mut nicht finken und tritt an neue Aufgaben heran. Auch fie will reformieren, damit die Revolution ihr nicht zuvorkomme. Die russischen Erfahrungen schreden fie. Ob sie den ausdauernden Willen und die ausdauernde Kraft zur Reform haben wird, steht dahin. In Frankreich scheint diese Kraft zur Reform vor­handen zu sein. Herr Clémenceau wenigstens trant fie frb

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zu. Er wird aue seine Klugheit nötig haben, um bei den neuen Aufgaben, die, er sich gestellt hat, nicht zu scheitern.

Die amerikanischen Gouverneurswahlen lassen erkennen, daß die Zahl der republikanischen Stimmen erheblich zurück­gegangen ist. Die Republikaner haben noch immer die Mehrheit, fie fönnten aber eine weitere Abbröckelung nicht bertragen. Neue Ziele werden sie sich stecken, neue Aufgaben fich stellen, neue Arbeit leisten müssen, wenn sie Wert darauf legen, das alte Uebergewicht wiederzugewinnen.

Aus dem Gerichtsfaal.

§ Zum Prozeß Biewald wird vom Verteidiger des Ar beiters Biewald, Justizrat Mamroth mitgeteilt, daf die in mehreren ättern verbreitete Nachricht, daß die Stadi Breslau in dem Entschädigungsprozeß Biewald gegen das Urteil Revision eingelegt habe, unrichtig ist. Das Urteil sel überhaupt der Stadt Breslau noch nicht zugestellt.

§ Ein roher Patron. Die Straffammer in Dortmund verurteilte den Bergmann Marwicke aus Unna zu vier Jahren Gefängnis. Er hatte seine Frau fortgesetzt schwer mißhandelt, bis sie endlich in ihrer Angst aus dem Fenster sprang und an den dabei erlittenen Verlegungen starb.

§ Das Urteil im Münzdiebstahl- Prozeß. Die Verhandlung wider die beiden Angeklagten Ruff und König, die am 21. September d. J. in die Königliche Münze in München einbrachen und 103 030 Mart in Goldstücken entwendeten, nahm nur furze Zeit in Anspruch, da beide Angeklagte in bollem Umfange geständig waren. Das Urteil lautete gegen Ruff wegen Anstiftung zum schweren Diebstahl und einfachen Diebstahls auf vier Jahre sechs Monate Gefängnis, gegen König wegen Einbruchdiebstahls, Münzverbrechens und Hehlerei auf vier Jahre zwei Monate Gefängnis. Beiden Angeklagten wurden die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von fünf Jahren aberkannt

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