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Rr. 288.

baltion u. Sarptegpebition: tegen, Seltersweg 88. Fernsprechanfchink Nr. 362.

Freitag, den 7. Dezember 1906

Gießener

15. Jahrgang

Gratisbellagen: Oberbeffische Familienzeitung( tägltd) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich).

6.

Neueste Nachrichten

( Sichener Tageblaff)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Beklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Belauntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Sessh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.

Politische Rundschau.

Deutfches Relch.

Die beendigten württembergischen Landtagswahlen haben bas Ergebnis gehabt, daß 19 Kandidaten des Zentrums. 7 Kandidaten der Volkspartei, 7 Kandidaten der deutschen Bartet und 7 Kandidaten des Bundes der Landwirte sowie 2 Sozialdemokraten gewählt wurden. Der Bauernbund hat 2 Size, das Zentrum einen Siz gewonnen, die Boltspartei brei Size verloren. Die deutsche Partei hat einen Sitz von ber Sozialdemokratie gewonnen. 27 Nachwahlen müssen noch borgenommen werden.

-

Die Vollversammlung der westpreußischen Land­wirtschaftskammer nahm zur Frage des Landarbeitermangels in Westpreußen eine Resolution an, worin u. a. aus nationalen Gründen die Anwerbung von Chinesen als Landarbeiter als bebauerlich erachtet wird; doch scheine fie unvermeidlich, und der Vorstand werde beauftragt, Vorbereitungen dazu zu treffen.

* Wie in den Wandelgängen des Reichstags mit größter Bestimmtheit verlautete, soll der nachträgliche Ordnungsru fir den Abgeordneten Roeren, den Reichstagspräsident Ballestrem diesem am Tage nach dem Duell Dernburg­Roeren erteilte, nicht ohne Beeinflussung durch die Regierung entstanden sein. Die Regierung habe dem Grafen Ballestrem zweideutig hundgetan, mit dem bisherigen freundschaftlichen Berhältnis habe es ein Ende, wenn eine Zurückweisung der scharfen Aeußerungen Roerens nicht in entschiedener Form erfolge. So meldet unser Berliner CB.- Mitarbeiter.

Die Wahrheit dieser mit großer Sicherheit auftretenden Gerüchte läßt fich natürlich nicht nachprüfen. Jedenfalls scheint der Zusammenstoß zwischen dem stellvertretenden Rolonialdirektor und dem Zentrumsführer noch weitere Folgen zu zeitigen. Man spricht sogar von einem Disziplinar berfahren gegen Herrn Roeren, der bekanntlich Oberlandesa gerichts- Rat in Köln ist. Er hat in der Reichstagssitzung bom lezten Montag von einem jungen grünen Assessor" gesprochen. Der in Frage stehende Beamte soll sich bereits beschwerdeführend an das preußische Justizministerium gewandt

haben.

* Der in Berlin tagende Landeseisenbahnrat hat zur Frage der Fleischtenerung Stellung genommen. Der Landes­effenbahnrat beschloß mit großer Mehrheit, der Vorlage der Staatsregierung über Ermäßigung der Stüdgut- und Wagen­Ja dungs- Fracht für Fleisch von frischgeschlachtetem Vieh zu zustimmen.- Der Bundesrat hat sich entschlossen, die Fleischnot­interpellationen am Mittwoch, den 12. Dezember, im Reichs­tage beantworten zu lassen.

Kleine politifche Nachrichten.

Berlin, 6. Dezember. Das Zentrum beantragt in der Budgetkommission, die Schußtruppe in Südwestafrita um nächsten Etatsjahr auf 2500 Mann herabzusezen.

Dresden, 6. Dezember. Die europäische Fahrplankonferenz Beschloß, die nächste Konferenz am 12. und 13. Juni nächsten Jahres in London stattfinden zu lassen.

Petersburg, 6. Dezember. Eine im russischen Handels­ministerium abgehaltene Konferenz hat sich gegen die Erteilung der Erlaubnis zur Durchfuhr russischen Petroleums aus Bafu über die Wolga nach der Ostsee und über die Weichsel nach Polen ausgesprochen.

London, 6. Dezember. Die Regierung teilt mit, daß die neue Verfassung für Transvaal am nächsten Mittwoch ver­öffentlicht werden soll.

Newyork, 6. Dezember. Roosevelt beabsichtigt, einen neuen Vertrag mit Japan vorzuschlagen, der die Einwanderung japanischer ungelernter Arbeiter ausschließt.

Peking, 6. Dezember. Stadt und Bezirk Niutschwang ift offiziell von den Japanern an China zurückgegeben orden.

Tokio, 6. Dezember. Das neue japanische Budget fordert ne Erhöhung der regulären Armee auf 750 000 Mann Dadurch würde die militärische Macht Japans um fünfzig Prozent erhöht.

Konstantinopel, 6. Dezember. Aus Nestüb eingetroffene Boten berichten, daß di Bulgaren im Bezirke Kumanovo eine 200 Mann starte Bande gebildet, einige serbenfreundliche Dörfer überfallen und in einem Dorfe 60 dort angetroffene Soldaten entwaffnet hätten.

Deutscher Reichstag.

( 135. Sigung.)

CB. Berlin, 6. Dezember.

In seiner heutigen Sigung beschäftigte fich der Reichstag juerst mit einer von dem Zentrumsmitgliede Speck eingebrachten Interpellation, die sich darüber beschwert, daß Gerste, die als Suttergerste zu dem niedrigen Sage von 1 M. 30 Pf. zur Berzollung gelangt sei, in großen Mengen als Malzgerste, für die der Zollsazz 4 M. beträgt, verwendet werde. Ab. geo ordneter Sped, der Oberzollrat in München, also Sach­beurständiaer auf diesem Gebiete ist. begründete sehr ausführ

lich die Interpellation, wobei er auf die Entstehung der be­treffenden Bestimmungen im neuen Zolltarif des Näheren einging. Reichsschatzsekretär Freiherr von Stengel antwortete ebenfalls ausführlich, wobei er mitteilte, daß von einer übertriebenen Nachficht der Zollbehörden bei Verzollung der Gerste nicht gesprochen werden könne und daß auch von einer übermäßigen Verwendung von Futtergerste als Malz­oder Braugerste nichts befannt sei. Die Frage, welche Gerste als Malz- oder welche als Futtergerste anzusehen sei, richte fich nach dem Preise. Hochwertige Gerste werde als Malzgerste angesehen, minderwertige als Futtergerste. Zum Schluffe betonte der Reichsschaßsekretär, es liege fein Grund zum Einschreiten vor, die abfällige Kritik des Inter­pellanten sei übertrieben. Auf Antrag des Abgeordneten Dr. Schaedler( Sentrum) fand eine Besprechung der Interpellation statt. Der sozialdemokratische Redner Dr. Südelum hielt die Kritit des Abgeordneten Spec für hinfällig; er habe durch sein Vorgehen nur die Gerstenpreise zum Vorteile der Agrarier in die Höhe getrieben. Der Nationalliberale Dr. Paasche bezeichnet dagegen die Kritik Specs als durchaus berechtigt. Die Erklärung der Regierung stehe im Widerspruch init früheren Erklärungen Seiner Zeit habe die Regierung zugesagt, daß alle Gerste mit 4 Mart verzollt werden sollte und nur diejenige, die ausschließlich als Futtergerste benutzt wurde, zu dem niedrigen Saze von M. 1,30. Heute habe der Reichsschazsekretär etwas ganz anderes vorgetragen. Der preußische Finanzminister, Freiherr v. Rheinbaben erklärte darauf, er habe sich bei der Verzollung nach der Ver­ordnung des Bundesrates gerichtet; diese sei gut und bewährt und verdiene die abfällige Kritit der Interpellation nicht. Wenn Malzgerste zu dem niedrigen Sage für Futtergerste berwandt werde, so müsse die Differenz vergütet werden, aber es sei nicht bekannt, daß dies in größerem Umfange geschehen sei. Der Redner der freisinnigen Volkspartei, 8unz betonte, daß er feine Verschärfung der Zollbehand­lung wünsche; die jetzige verstoße schon gegen die Handels­berträge. Abgeordneter Hufnagel( bayer. Bauernb.) spricht fich im Sinne des Interpellanten aus.

Die Debatte zog sich hierauf noch längere Zeit hin. Abg. Gothein( freis. Verein.) pflichtete dem Abg. Kempf bei. Grade im Interesse der Landwirtschaft müsse die Ein­führung von Gerste wesentlich erleichtert werden. Abg. Staufer( Wirtsch. Bereinig.) verlangte Denaturierung aller Gerste, die zu den niedrigen BoNsäzen eingeführt wird. Abg. Gamp erklärte sich im Sinne der Interpellation. Das Gleiche trat Abg. Pohl vom Zentrum. Mit einer Er­widerung des Reichsschazsekretärs Frhr. v. Stengel, der noch­mals seinen Standpunft betonte, schloß die Debatte.

Soziales Leben.

× Pensionsberechtigung für die staatlichen Arbeiter in Bremen. Die Bürgerschaft in Bremen nahm den Gesetz­entwurf an, welcher den staatlichen Arbeitern und Angestellten bom 1. April 1907 ab Pensionsberechtigung gewährt.

X Außergewöhnliche Zuwendungen für die Beamten bei Krupp. Die Firma Krupp bewilligte ihren sämtlichen Be­amten eine außerordentliche Zuwendung in Höhe eines Monats= gehaltes. Die der Firma hierdurch erwachsende Ausgabe beträgt etwa zwei Millionen Mart.

Eine Bombenfabrik in Hamburg.

§ Hamburg, 6. Dezember. Vor dem hiesigen Landgericht hat heute ein interessanter Prozeß gegen eine Anzahl russischer Revolutionäre begonnen. Angeklagt sind der Maurer Berend Dserwen, der Journalist Karl Sutte, der Maurer Martin Skulte, der Maurer Johann Daufsch, der Zimmermann Robert Graß, der Maurer Karl Grünberg, der Zimmergeselle Johann Witolin, der Zimmerer Peter Graß, der Maurer Jakob Jassis und der Zimmermann Karl Peletais, sämtlich aus Rußland gebürtig. Ihre Ver haftung hat seinerzeit zu dem Gerücht Anlaß gegeben, es sei eine Bombenfabrik entdeckt worden. Tatsächlich scheint es sich nur um einen, allerdings in sehr großem Umfange betriebenen Waffenschmuggel nach den russischen Ostseeprovinzen gehandelt zu haben.

Wie die Ermittelungen ergeben haben, bildeten die An­geklagten zusammen die Abteilung Hamburg der Lettisch­sozialdemokratischen Arbeiterpartei" in Deutschland. In der Nacht vom 26. zum 27. August d. J. wurden Dserwen und Stulte festgenommen, weil sie fich durch den Transport von Waffen und Munition, die sie in großen Paketen versteckt hielten, verdächtig gemacht hatten. Die Pakete enthielten 525 scharfe Patronen im Werte von 88 Mark und 20 Futterale für Mauserpistolen. Am Tage vorher war bereits ein anderer Russe wegen Verdachts anarchistischer Umtriebe verhaftet worden, der sich Favart nannte und im Befize eines ordnungs­mäßigen belgischen Passes befand. Dieser Favart war in Wirklichkeit der Angeklagte Sutte. Ein vierter Russe, namens Tiefenthal, der sich der Festnahme durch die Flucht entzogen hatte, hinterließ in seiner Wohnung eine große Anzahl Lettischer Schriftstücke und Drucksachen, ferner 4750 Browing­und 750 Mauserpatronen, 20 Entladestöde usw.

Wie festgestellt wurde, war die Gründung des Geheim­bundes von einem russischen Revolutionär in Brüssel betrie

ben worden und der Verein stand mit ähnlichen Verbin bungen in Brüssel, Newyork, Boston, London in Beziehungen, bie im wesentlichen auf die Unterstützung der rufischen Revo lution und den Waffenschmuggel nach den Ostseeprovinzen hinausliefen. Der Angeklagte Stulte erscheint auch als Teil nehmer an einer in den Ostseeprovinzen verübten Mord brennerei. Für seine Ergreifung sollen von der ruffichen Regierung 1000 Rubel ausgesetzt sein. Die Angeklagten find der ihnen zur Last gelegten Bergehen im wesentlichen ge ständig. Als Verteidiger der Angeklagten fungieren die Rechts anwälte Dr. Liebknecht- Berlin und Dr. ez- Altona.

Nab und fern.

Ende einer Schwindelbank. Die Bücher des Bant geschäfts Erich Riedel in Leipzig wurden beschlagnahmt und der Proturist Dittmann, ein früherer preußischer Polizei fommissar, wurde verhaftet. Die Firma vermittelte Darlehen. Ihre Tätigkeit, die sich durch Agenten über das ganze Reich erstreckte, bestand aber nur in der Erhebung von Vorschüssen von Darlehnsuchenden.

Begnadigter Mörder. Der im Juli vom Kieler Schwur gericht zum Tode verurteilte Brudermörder Steffen Karstens aus Nefjerdeich bei Lunden( Dithmarschen) ist vom Kaiser zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe begnadigt worden.

+ Sturm und Erdbeben. Die Elemente befinden sich in Aufruhr; von überall her werden Unwetterschäden gemeldet und auch die Erde bebt wieder. Folgende Nachrichten liegen vor:

Königsberg i. Pr., 5. Dezember. Auf der Klein­bahnstrecke Possindern- Tapiau wurden zwei Eisenbahnzüge umgeweht. Von dem einen Zuge wurden zwischen den Stationen Rachfitten und Bulitten ein leerer Wagen, ein Wagen mit 150 Tonnen Zemert, der Padwagen und ein Personenwagen durch die Gewalt des Sturmes umgeworfen. Das gleiche Schicksal traf einen entgegenkommenden Zug bei Genditten, der vollständig umgedreht wurde.

Rominten, 5. Dezember. J: n kaiserlichen Jagd­revier hat der Sturm unter den Waldbeständen argen Schaden angerichtet. In einzelnen Schußbezirken sind nach oberflächlicher Schäßung 2000 bis 3000 Meter Holz vom Sturme umgeweht, auch die Telegraphen- und Fernsprech leitungen in der ganzen Heide sind unterbrochen.

Bielefeld, 6. Dezember. Im ganzen östlichen Westfalen find große Schneemassen niedergegangen, auf weite Strecken sind die Telephondrähte gerissen, in Herford find zwei Drittel des Stadttelephonnezes zerstört.

Hannover, 6. Dezember. Heute nacht trat hier her erste starke Schneefall ein. Fast alle Drahtleitungen sind zerstört.

onson, 6. Dezember. Ein heftiger Sturm wütet in Nordengland und Schottland und richtet große Ber­brerungen an. In Arghill wurde durch den Sturm die große Station für drahtlose Telegraphie zerstört. Aus Liverpool fonnten selbst große transatlantische Dampfer nicht aus dem Hafen.

Newyork, 6. Dezember. In Kingstow( St. Vincent) hat gestern abend ein Erdbeben stattgefunden, das 30 Sefunden anhielt. Diese beispielslose Dauer sezte die Bevölkerung in Schrecken. Das Erdbeben wurde auch auf Barbados und noch heftiger auf Santa Lucia gespürt. + Kampf in der Luft. Auf dem Flur des zweiten Stockes eines Hauses in Berlin waren die Maurer Maticke und Bader in Streit geraten. Maticke schleuderte seinen Gegner über die Brüstung des Flurfensters in den Hof, Bader faßte aber im letzten Moment nach dem Gegner, und so wurde dieser mit in die Tiefe gerissen. Bader erlitt bei dem Sturz lebens­gefährliche Verlegungen, Matice fam mit leichteren Kontusionen davon, da er auf Bader gefallen war. Es wurde sofort ein Strafverfahren gegen ihn eingeleitet.

Die Auslieferung des Rechtslehrers Karl Hau, der unter dem Verdacht, seine Schwiegermutter in Baden- Baden ermordet zu haben, in London verhaftet wurde, fonnte bisher noch nicht stattfinden, da das jetzt aus Deutschland ein­getroffene Material gegen Hau noch zu unzureichend für eine Auslieferung iſt.

Ueberfall tu der Wohnung. Von der Berliner Kriminal polizei wurde wegen versuchten Mordes die 24 Jahre altı Fabritarbeiterin Emma Holzmann verhaftet. Das Mädchen Hat die Witwe Heischke in der Hussitenstraße überfallen und beraubt. Die Holzmann wurde von den Allgemeinen Elektrizitätswerken, auf denen fie bis dahin arbeitete, entlassen. Da fie nun mittellos war, dachte fie an Frau Heischke, deren Tochter fie tannte. Sie wußte, daß Frau Heischte immer etwas Geld in der Wohnung hatte und kam auf den Ge­danken, fie niederzuschlagen und zu berauben. Diesen Ent. schluß führte sie aus. Die Festgenommene ist geständig.

Mysteriöser Doppelselbstmord. In Spandau wurde der Gemeindeschullehrer Franz Stein und seine Frau tot im Bett ihrer Wohnung gefunden. Beide hatten sich vergiftet. Auf einem Tisch lagen Abschiedsbriefe an die nächsten Ver­wandten. Das Ehepaar hatte in geordneten Verhältnissen gelebt. Der Lehrer war sehr nervös und wahrscheinlich lebensüberdrüffig.

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