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R. 262.

Rebattien u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Mittwoch, pen 7. November 1906

15. Jahrgang

Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich).

6.

Gießener

Neueste Nachrichten

erste

und

( Gießener Tageblatt)

Unabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Rofalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Clémenceaus Programm.

Die Deputiertentammer und der Senat von Frankreich haben ihre Sigungen aufgenommen. Da in der parlaments­losen Zeit ein Ministerwechsel eingetreten war, Herr Clémenceau bie Stelle des Herrn Sarrien erhalten hatte, auch sonst im Kabinett recht weitgehende Personenänderungen vorgenommen maren, mußte der neue Leiter der Politik Frankreichs jezt ben gefeßgebenden Körperschaften der Republik sein Programm darlegen und für dieses Programm die Zustimmung der Mehrheit gewinnen. Daß dies geschehen würde, war außer Broeifel. Das Kabinett Clémenceau ist so zusammengesetzt, daß es die Mehrheit der Deputiertenkammer selbst darstellt, eine Art Regierungsausschuß dieser Mehrheit ist. In der manzösischen Boltsanschauung und demgemäß in der hanzösischen Volfsvertretung ist im Lauf der Jahre eine starte Verschiebung nach rechts eingetreten. Während der Präsident der britten Republik glauben fonnte sagen durfte: die Republik wird fonfervativ sein oder sie wird nicht sein- hat die Republik in Wirklich­tei während des inzwischen verflossenen Menschenalters ihren Charakter gewandelt und ist mehr und mehr demokratisch ge derden. Den Sieg des demokratischen Prinzips in Frankreich betegelt das Kabinett Clémenceau. Unter dem Marschall­Präsidenten Mac Mahon durften die Nationalisten einen offenen Ansturm gegen die Republik wagen und die Vor­bereitungen zur Rückberufung des Grafen Chambort ohne ben Hehl betreiben. Unter den folgenden Präsidenten mußten sie schon die Verborgenheit aufsuchen und ihre Plane versteden; aber sie hatten immer noch das Heer mit allen böheren Kommandostellen in der Gewalt. Erst jezt ist allen diesen Versuchen ein Ende bereitet, ist die Republik Herrin des Heeres der Republik geworden. Indem Témenceau den erst fürzlich retablierten General Bicquart, der ein Opfer der nation fistischen, republiffeindlichen Generale, zum Kriegs­minister machte, bewies er die Ohnmacht der Nationalisien uno zugleich feinen festen Willen, der ebenso der Wille der Deputiertenfammer ist, nicht ferner einer fleinen Klique das Spielen mit den Interessen des Landes zu gestatten.

Zur

Frankreich ist immer demokratischer geworden. nämlichen Zeit ist es immer friedlicher geworden. Wir be= tonen ausdrücklich den zeitlichen Zusammenhang, der kein ursächlicher zu sein braucht. Demgemäß ist Clémenceaus Brogramm auch ein Friedensprogramm. Daß er nicht den Frieden um jeden Preis, daß er nur einen ehrenvollen Frieden haben will, selbstverständlich. Auch sind mir die letzten, ihm zu verübeln, daß er den Frieden der zivilisierten Welt

auf der Stärke der Heere gegründet sieht. Wir tun es ja auch, und wir sind weit stärker an Zahl. Auf diesem Gebiet hat Frankreich den Wettbewerb längst aufgeien müssen. Freilich machten fich Boulanger und andere Kriegsminister den Scherz, Truppenaushebungen auf dem Papier vornehmen zu lassen, mit Truppenmengen zu paradieren, die nur im Budget standen, ohne wirkliches Leben zu haben. Der Kriegs­minister Clémenceaus, General Picquart, wird die tatsächlichen Aushebungen nicht einschränken, aber auf die Potemkinschen Cadres wird er verzichten. Man darf annehmen, daß er den legten dienstfähigen Mann einstellen wird. Das System der Bevorzugungen bei der Beförderung der Offiziere will ex beseitigen. Auf diesem Gebiet hat er persönlich reiche Er­fahrungen gesammelt. Auf Clémenceaus Rechnung kommt wohl der Gedante, den Dienst im Heere zu einer Art Fort­segung des Schulunterrichts zu machen.

Ministerpräsident Clémenceau will keine Abenteuerpolitit, nicht nach außen und nicht nach innen. Das hat er der Deputiertenkammer dargelegt, und diese hat ihm mit 395 von 491 Stimmen beigepflichtet. Eine solche Mehrheit von vier Fünfteln hat noch kein Kabinett gehabt. Auch im Innern will fich Clémenceau von jeder Gewaltspolitik fernhalten. Er berspricht bei der Ausführung des Gesetzes über die Trennung von Staat und Kirche jede Mäßigung, und sein bisheriges Auftreten läßt die Erfüllung dieses Versprechens hoffen.

Mit der geplanten Schaffung eines Arbeitsministeriums folgt Clémenceau englischem Beispiel, hinsichtlich der Sozial­gefeggebung hat er sich Deutschland zum Muster genommen. Bunächst ist es die Altersversicherung für Arbeiter, die er auf französische Verhältnisse übertragen will. Auch auf dem Gebiet bes Steuerwesens will Clémenceau deutsches Vorbild nach­ahmen, richtiger: preußisches Vorbild. Die progressive Ein­tommensteuer und die Kapital- oder Vermögenssteuer steht auf seinem Programm. Gerade hier werden seine Bestrebungen vielleicht dem hartnädigsten Widerstand bei seinen Landes­genofjen begegnen. Bisher wenigstens hat die französische Bevölkerung gegen diese Steuerprojefte fich durchaus ablehnend berhalten. Für aussichtslos aber muß Clemenceau ſeinen Finanzplan nicht halten, sonst würde er ihn nicht in sein Programm aufgenommen haben. Die summarische Zustimmung zu seinem Programm gibt ihm einstweilen Recht. Im großen und ganzen dürfen wir mit den Plänen, z denen das Ministerium Clémenceaus sich bekannt hat, wohl zufrieden sein. Man tann damit austommen.

Politifche Rundschau.

Deutsches Reich.

* Ein Gesezentwurf zum Schutz der Heimarbeiter in der Tabakindustrie ist im Reichsamt des Innern fertiggestellt und wird demnächst dem Bundesrat zur Beschlußfassung vorliegen. Der Entwurf bezweckt, die für die Fabriken geltenden Schuß­bestimmungen auch für die Heimarbeiter obligatorisch zu machen, um die in diesem Fabrikationszweig bestehenden Berufskrankheiten, zu denen auch die Lungenschwindsucht zu rechnen ist, nach Möglichkeit zu beschränken. Auch sollen Vor­tehrungen getroffen werden, um die Uebertragung von Krank­heiten an die Konsumenten möglichst zu verhindern.

* In vierstündiger Sigung beriet der Vorstand des deutschen Städtetages zu Berlin in der Hauptsache über die Fleischteuerungsfrage. Der Vorstand fam zu dem Beschluß, eine Gingabe an den Reichskanzler und an den Reichstag zu richten, worin die Deffnung der Grenzen unter gewissen Rautelen und eine Aufhebung der Fleischzölle verlangt wird. Die Einberufung eines außerordentlichen Städtetages, die beantragt war, wurde nicht beschlossen. Die unter Vorsiz des Oberbürgermeisters Gonner in Baden abgehaltene badische Oberbürgermeister- Konferenz faßte folgenden Beschluß: Es werden noch im Laufe dieser Woche durch gemeinschaftliche Petitionen sämtlicher Städte an die badische Landes- und an die Reichsregierung Vorstellungen gemacht werden, in denen der Ernst der Lage nochmals geschildert und mit Nachdruck auf baldige Abhilfe gedrungen wird.

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* Auch in Oberschlefien gewinnt der polnische Schulstreik in Boden. Eine in Beuthen stattgefundene Konferenz zahl­reicher Leiter der oberschlesischen Polenvereine beschloß, die polnischen Eltern Oberschlesiens durch Versammlungen und Flugblätter zum Eintritt in den Schulstreik in Oberschlesien aufzufordern.

* Wenn man Wiener Blättermeldungen glauben darf, ist ein Konflikt zwischen Deutschland und Serbien ausgebrochen. Ein Mitglied der serbischen Geschützkommission habe, als diese in Essen weilte, Kopien von dem Verschluß der Apparate der Kruppschen Modelle verfertigt und sie der Schneiderschen Fabrik in Creuzot gesandt. Die serbische Regierung verlangte nun, daß diese Verschlußcpparate, die patentiertes Eigentum der Kruppschen Fabrik find, an den Schneiderschen Geschüßen angebracht wurden. Die Kruppsche Fabrik wandte sich als Geschädigte an die deutsche Regierung. Verhält sich die Sache so, dann würde das serbische Vorgehen allerdings in eigentümlichstem Lichte erscheinen.

Rufeland.

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** Die Behörde geht anscheinend mit energischen Maß­regeln gegen die Unruhestifter vor und macht auch den Ver­such, die Pogroms zu unterdrücken. Wie aus den vorliegenden Meldungen erweislich ist, nehmen aber die Räubereien fein Ende.

Lyskowa, 6. November. Der Gouverneur hat die den Namen ,, weiße Fahne" führende hiesige Abteilung des Verbandes russischer Leute wegen Aufreizung zu Pogroms berboten.

Nikolajem, 5. November. Eine zahlreiche Menge, bestehend aus Mitgliedern des Bundes russischer Leute, begleitete den Archimandriten zum Bahnhof. Auf dem Rückwege vom Bahnhof wurde auf die Menge ein Revolver­schuß abgefeuert, welcher durch zahlreiche Schüsse erwidert wurde. Eine Berson wurde schwer verletzt.

Moskau, 6. November. In der Nacht drang eine mastierte Räuberbande in das Kloster Lufianoff, tötete den Archimandriten, den Prior und einen Mönch und entkam mit einer großen Geldsumme und den Klosterschäßen.

Warschau, 6. November. Ein 78jähriger Bäcker­meister wurde von Räubern ermordet, die mit der Kasse entflohen.

Petersburg, 6. November. Vom 30. Oktober bis 4. November sind 36, seit Bestehen er Feldgerichte im ganzen 278 Personen hingerichtet worden.

frankreich.

** In den französisch- afrikanischen Gehietsteilen fino er. hebliche Unruhen ausgebrochen. Am 25. Oktober fand in Mauretanien zwischen Tidsch- Kidscha und Mondjeria ein heftiger Kampf zwischen französischen Truppen und auf­ständischen Mauren statt. Angeblich fielen auf französischer Seite zwei Leutnants, zwei Unteroffiziere und 40 Senegal­schützen. Die Mauren waren über 500 Mann start und zum größeren Teile mit Repetiergewehren ausgerüstet. Sie hatten starte Verluste an Toten und Verwundeten. Während die von den Mauren angegriffene Abteilung nach dem Posten bon Tidsch- Kidscha, der Fort Coppolani heißt, zurückmarschierte, find 18 Eingeborene verschwunden.

Hlten.

** In der Nähe von Shanghai macht sich wieder eine anfrührerische Stimmung gegen die Fremden bemerkbar, der sogar ein deutscher Konsulatsschutzmann, namens Hiemann, zum Opfer gefallen ist. Hiemann wurde nahe der Stadt von chinesischen Dorfbewohnern überfallen. Die Chinesen fnebelten Hiemann und marsen ihn in einen Teity, wo ihm das Wasser bis an den uls reiste. Hier blieb er eine halbe Stunde

lang. Er versuchte zu entfliehen, wurde aber wieder an­gegriffen. Endlich entfan er.

Kleine politifche Nachrichten.

Dortmund, 6. November. Eine Versammlung der hier tagenden polnischen Sofolvereine wurde polizeilich aufgelöst. Petersburg, 6. November. Der österreichtsch- ungarische Minister des Aeußern, Freiherr von Aehrenthal weilt gegen­wärtig hier.

Amsterdam, 6. November. Dem niederländischen Parla­ment ging eine Buttergejeznobelle zu, durch die eine schärfere Kontrolle der Margarine- und Butterfabrikation ermöglicht wird.

Baris, 6. November. Der Senat ernannte eine Kom­mission, welche über den Vorschlag betreffend Ueberführung der Asche Zolas in das Pantheon beraten soll. Die große Mehrheit ist für den Vorschlag.

Portsmouth, 6. November. Die meuternden Heizer wurden von den übrigen Truppen zur Kapitulation ge­Bei den Kämpfen wurden viele Offiziere und zwungen. Mannschaften ernstlich verlegt.

Christiania, 6. November. Im norwegischen Storthing wurde ein sozialistischer Antrag, der Regierung wegen Beschlagnahme russischer Schriften ein Tadelsvotum zu er­teilen, abgelehnt.

Sanger, 6. November. Eingeborene griffen ein Boot des französischen Kreuzers Galilée" an und eröffneten ein Steinbombardement auf die Besagung. Die Stimmung ist sehr erregt.

Sofia, 6. November. Die Ministerkrisis ist beendet. Bettom übernimmt das Präsidium, Stanciom das Portefeuille bes Aeußern.

Belgrad, 6. November. Die regierungsfreundliche ,, Beogradski Novine" meldet, daß eine Ministerkrise aus­gebrochen sei, die mit dem Rücktritt Baschitsch enden dürfte.

Dof und Gefellschaft.

Die Hafenbehörde in Cowes ist angewiesen worden, etne Boje für die Jachi Hohenzollern" neben der Boje der Königsjacht zu reservieren, da ein Besuch Kaiser Wilhelms in Gomes zu der im nächsten Jahre statt­findenden Regatta zu erwarten ist. In Marinekreisen wird der bevorstehende Kaiserbesuch lebhaft fommentiert.

*** Im Anschluß an den Münchener Aufenthalt wird sich der Kaiser nach Donaueschingen begeben, um dort auf Einladung des Fürsten Max Egon zu Fürstenberg an mehreren Tagen der Jago obzuliegen; die Ankunft daselbst ist auf den 14. d. M. festgesezt, die Abreise wird voraus fichtlich am 17. d. M. erfolgen.

** In Tanger ist der Oheim des Sultans von Marotto, Muley Arafat, der im vorigen Jahre Kaiser Wilhelm in Tanger begrüßte, gestorben.

Deer und flotte.

Wechsel im Kommando der Nordseestation. Vizeadmiral Braf Baudissin, der zurzeit drei Monate beurlaubt worden ist, soll gutem Vernehmen nach als Nachfolger des Admirals bon Bendemann die Leitung der Nordseestation übernehmen.

Meuterei in der englischen Marine. Gestern brach die Meuterei unter den Mannschaften der Kriegsflotte in Ports­mouth von neuem aus. Die meuternden Heizer griffen die Wohnungen der Offiziere an und schlugen sämtliche Fenster ein. Die Marinebehörden entsandten Truppen aus den in der Nähe liegenden Kasernen, um die Heizer zu umzingeln und zu überwältigen. Die Kapitäne der Kriegsschiffe haben Befehl erhalten, Matrosen zu landen, um die Meuterei zu unterdrücken.

Soziales Leben.

× Ausdehnung der Kohlenarbeiter- Bewegung. Die Berg­arbeiterbewegung greift auch auf die Kohlenwerte des Plauenschen Bezirks in Sachsen und auf Dresden über. Eine Bergarbeiterversammlung in Dresden erklärte ihre Zustimmung zum Anschluß an die allgemeine Bewegung.

Ueberfall auf einen Geldbriefträger.

Der Geldbriefträger Hammer des Bostamts 33 in Berlin wurde gestern in der Pfuelstraße Ecke Köpenickerstraße von einem Manne überfallen, schwer verwundet und seiner Geld­tasche, die 1600 Mark enthielt, beraubt. Der Räuber, der mit seiner Beute zu entwischen versuchte, wurde von Bassanten und Schußleuten verfolgt und in dem Augenblick gefaßt, als er fich in einem Schulgebäude verbergen wollte.

Vormittags gegen 10 Uhr fam der Briefträger auf einen Neubau in der Pfuelstraße, um an einen Monteur

33.

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Hatte die Frage getan,

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zu schreiben verstand. Und kein Mensch in der ganzen Stadt haben mußte, der altes Latein zu lesen und neues Deutsch wesen war, daß er einen Helfers helfer, einen Hintermann Regiſtrator gewissermaßen nur der unbewußte Entdecker ge­war ja far, daß der

besessen in die Höhe, stilrzte zur Tür

und

war

einem Be... Am verschwunden. fliegenden Worten: Guten Morgen,

Herr Bürgermeister" eren Mittag bat mich der Herr Registrator auf den mir seine taube Aufwärterin überbrachte, mit ben

( Schluß.)

Erzählung von Paul Bliß.

anfchuldige Liebe.

( Nachdruck verboten).

Es war einer von jenen wunderhellen flaren Tagen, wie

Aber was mu?

Biterst rannte er unausgefeßt roeiter,

bis er

Lauf, denn im Walde wußte er sich sicher. immer querfeldein, über Gräben, Hecken und Biune, den Wald hineinführte. Nun erst hielt er ein in dem rasenden freies Feld vor sich hatte, dann tam er auf den Weg, der in

Er kletterte auf eine tnorrige Eiche und fing an zu übers