Einzelbild herunterladen

Nr. 179

batten u.Haupterpebition: Gießen, Seltersweg 88. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Donnerstag, den 2. August 1906

Gießener

15. Jahrgang

Gratisbeilagen: Oberhoffische Familienzeitung( und die Sießener Seifenblasen( wöchentlich).

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wezlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheisen

Soll man trinken?

Ein Wort an Alkohols Gönner und Gegner. In einer Vorstadt von Petersburg erhebt sich ein über aus stattlicher Bau, der das Volkshaus Kaiser Nikolaus' bes Zweiten" genannt wird. Es ist aus Eisen hergestellt und enthält in seinem Mittelbau eine mächtige Rotunde, in der man alle überlebensgroßen Bildnisse des Kaisers und der Kaiserin erblickt. Tausende können sich darin mit Be­quemlichkeit ergehen. In dem linken Seitengebäude ist ein Operntheater, nicht übermäßig reich, aber schicklich ausge­stattet. Die Aufführungen find recht gut. Der rechte Flügel enthält Säle für Instrumental- und Volksmufit, für Vor­träge usw. Der Eintritt in dieses Volkshaus kostet 10 to­pefen. Für 5 Kopeken erhält der Besucher Tee und Zuder. Es gibt dort weder Bier, noch Wein, noch Branntwein; der Alkohol in jeder Gestalt ist ausgeschlossen. Selbstverständlich reicht das Eintrittsgeld nicht aus, die Unterhaltungskosten des Hauses und die Kosten der musikalischen und sonstigen Vorstellungen zu decken. Der sehr erhebliche Zuschuß zu dem Aufwand des Etablissements, das der Bekämpfung des Al­toholismus zu dienen bestimmt ist, wird aus den Erträgen des Branntweinmonopols entnommen. Derartige Scherze trifft man nur in Rußland, Außerhalb Rußlands, wo die Staatseinnahmen nicht zu einem wesentlichen Teil auf die Erträgnisse der Branntweinbesteuerung angewiesen sind, wird der Alkohol auch bekämpft. Man bemüht sich, das Volk zur Nüchternheit zu erziehen, ohne daß man ihm eine andere Prämie dafür verspricht, als die, die in der Vermeidung der Alkoholpest selbst liegt.

Wir reden hier nicht von der unbedingten Abstinenz, dem völligen Verzicht auf jeden noch so geringen Genuß jedes alkoholischen Getränks, sondern nur von der Mäßig­teitsbewegung. Diese hat schon recht stattliche Fortschritte gemacht und große Erfolge erzielt. Der Spirituskonsum ist bei uns erheblich zurückgegangen. Unsere Branntweinbrenner spüren das. Man kann es auch in der Gesellschaft und in ben besten Gasthäusern wahrnehmen, wo die Mineralwasser­Flasche mehr und mehr die Weinflasche und das Bierglas verdrängt hat und zu verdrängen fortfährt.

Die Gegner des Alkoholgenusses begnügen sich nicht mit diesem Ergebnis eines langsamen erziehlichen Einflusses, wie ihn beispielsweise die Meiningische Regierung durch einen soeben bekannt gewordenen Erlaß anstrebt. Der Erlaß be= stimmt u. a., daß in den obersten Klassen aller Schulen und des Seminars eine Stunde im Monat dem besonderen Unterricht über die Schädlichkeit des Alkoholgenusses mit ein­gehender Begründung aus der Physiologie und Gesundheits­iebre gewidmet werde. Alkoholgegner möchten am liebsten die Gesetzgebung vorspannen. Bei dem jüngsten Kongreß des Zentralverbandes zur Bekämpfung des Alkoholismus wurde nachdrücklich verlangt, es solle gesetzlich bestimmt werden, daß die Trunkenheit nicht mehr als mildernder Umstand zu gelten habe. Die Forderung ist nicht ganz neu, denn im Militär­Strafgesetzbuch hat sie schon längst Geltung erlangt. Wenn ein Soldat in der Trunkenheit irgend ein Vergehen verübt, so wird die Trunfenheit ihm nicht als strafmildernd an­gerechnet. Die Abstinenzler gehen noch etwas weiter; fie wollen die Trunkenheit selbst als ein Vergehen behandelt wissen, sobald sie in der Folge zu einem Verbrechen oder Vergehen führt. Ein solcher Gesezentwurf hat schon einmal unsere Parlamente beschäftigt, wurde aber abgelehnt. wäre unseres Erachtens nicht richtig, wollte man den Ge­danken, die Trunkenheit als Strafinilderungsgrund auszu schließen, ohne weiteres von der Hand weilen. Fürst Bismarck

E3

hat wiederholt darüber geklagt, daß außerordentlich viele Ver­brechen und Verfehlungen begangen würden, zu denen der Betreffende sich vorher ,, mildernde Umstände angetrunken" hätte! Die Tatsache, daß dergleichen häufig vorkommt, läßt sich garnicht in Abrede stellen. Auf dem Kongreß der Alkohol­gegner wurde behauptet, daß der Alkohol jährlich über 180 000 deutsche Individuen vor den Strafrichter führe. Das ist in der Tat eine erschreckende Ziffer.

Gleichwohl muß es fraglich erscheinen, ob darum der unbedingte Verzicht auf allen Alkohol geboten wäre. Wenn man schon die Unmäßigkeit verurteilt und sie mit allen Mitteln befämpft, so braucht man deswegen doch nicht gleich zu dem Extrem überzugehen und jeden Alfoholgenuß zu ver­bieten. Die Mäßigkeit würde aufhören, eine Tugend zu fein, wenn man die Unmäßigkeit unmöglich machte. Medicus.

Das Wetterleuchten in finland.

Obwohl die Meuterei in Sveaborg niedergeschlagen worden ist, wollen landkundige Politiker wissen, daß der allgemeine bewaffnete Aufstand, von dem so lange gesprochen wird, in Finland seinen Ausgang nehmen werde. Das Ziel des Aufstandes soll, neben der Revolutionierung des russischen Volkes, die völlige Losreißung Finlands von Rußland sein. Die rote Garde" an der Arbeit.

Ein Aufstand der Finländer wäre, trop der Kleinheit des Großfürstentums, nicht ohne Gefahr. Denn das, was den Russen zu einer erfolgreichen Revolution mangelt, das befizen die Finländer in hohem Grade: Kühnheit und

Intelligenz. Ueber eine neue Tat der roten Garde", der organisierten finländischen Revolutionäre, berichtet der Telegraph aus Helsingfors:

In der Nähe der Bahnstation Richimynki ist eine Brücke gesprengt worden; auch hat die rote Garde die Gleise zwischen zwei weiteren Stationen zerstört. 110 Matrosen und 11 Privatpersonen sind entwaffnet worden. Das Eintreffen anderer Truppen wird erwartet.

In Statudden ist die Ruhe wieder hergestellt. Der Stadt­rat ermahnt in einer Bekanntmachung die Bevölkerung, fich ruhig zu verhalten und die Behörden bei ihren Bemühungen zu unterstützen, die Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten. Und der Bürgerstand des finischen Landtages hat eine Resolution angenommen, nach der es unter den gegenwärtigen ernsten Verhältnissen jedem finischen Bürger zur Pflicht ge= macht wird, sich jeder ungesetzlichen Handlungsweise zu ent= halten, sowie die Behörden bei Aufrechterhaltung und Wah­rung der Ordnung zu unterstüßen. Die übrigen Landtags= stände haben sich der Resolution angeschlossen.

Sveaborg und Skatudden.

Helsingfors, die Hauptstadt des Großfürstentums Finland, liegt an der Südküste des Finischen Meerbusens zwischen drei Buchten auf einer Halbinsel. Die östliche dieser Buchten ist von einer Inseltette umschlossen, und auf diesen liegt die Festung Svea borg. Sie ist eine besonders starke Beste und wird daher auch das ,, Gibraltar des Nordens" genannt. Ihre Werke liegen auf fünf Inseln, die unter einander durch Brücken verbunden sind. In der von der Festung Sveaborg abgeschlossenen Bucht liegen die beiden Häfen von Helsing­fors; der Nordhafen ist für Kriegsschiffe, der Südhafen für Handelsschiffe bestimmt. Mitten dieser Häfen und beide von einander scheidend, liegt der Stadtteil Skattuden, auch Sta­tudden genannt. Es enthält die Kasernen für den größten Teil der Garnison von Helsingfors, während die Magazine, die Zeughäuser und zwei in den Felsen gehauene Docks auf der größten Festungs- Insel Vargö liegen. Den Kern der Festung bildet die südlichste Insel mit dem außerordentlich starten Fort Gustavssvörd.

*

Professor Herzenstein erschossen.

Eine überraschende Nachricht kommt aus dem finländischen Seebade Terijofi:

Dienstag abend 9 hr wurde dort der frühere Abgeordnete Herzenstein, als er mit Frau und Tochter am Meeresstrande spazieren ging, durch zwei aus einem unbewohnten Gebäude abgefeuerte Schüsse getötet. Der Mörder entkam.

An der Nachricht selbst wäre ja nichts überraschendes. Wer das Opfer des täglichen Mordes" in Rußland wird, ist ja ziemlich gleichgiltig. Dieser Mord erhält aber den anstrich des Mysteriösen durch eine Mitteilung des Peters­burger Rietsch." Danach hat Dienstag nachmittag 6 Uhr - drei Stunden vor dem Mord in Terijo fil­der in Moskau weilende frühere Abgeordnete Jollos telephonisch bei der Redaktion dieses Blattes angefragt, was mit Herzenstein passiert sei; in Moskau sei das Gerücht ver­breitet, daß er ermordet sei. Wer erklärt diese prophetische Gabe der Moskauer?

Professor Herzenstein galt in Rußland als agrarpolitiche Kapazität. Er war Führer der Bauernpartei in der Duma, ein gefürchteter Debatter und glänzender Redner. Wer sein Mörder ist, weiß man noch nicht. Es wäre falsch, ohne weiteres die Regierung beschuldigen zu wollen, daß sie in Herzenstein einen ihrer gefährlichsten Gegner beseitigt habe. Herzenstein hatte nicht nur in der Regierung, sondern überall da Feinde, wo man noch ein Zusammengehen zwischen Volk und Regierung für möglich hielt und es herbeizuführen be: strebt war. In dem Augenblick, da den hochbegabten Mann die Kugel des Mörders erreichte, trug er sich mit dem Plan eines neuen großen Aufrufes an die bäuerische Bevölkerung Rußlands, den zu redigieren er dieser Tage von seinen Bar­teifreunden beauftragt worden war.

Weitere Meldungen besagen:

Petersburg, 1. August. Der frühere Abgeordnete Solomko, welcher bei Schließung der sozialistischen Zeitung Mysl als Redakteur derselben nicht verhaftet werden konnte, ist bei seiner Rückkehr von Sudscha festgenommen worden.

Petersburg, 31. Juli. Die ehemaligen Dumaabgeordneten der verschiedenen revolutionären Fraktionen erließen gemein­sam mit den außerhalb des Parlaments stehenden revolutionären Organisationen einen Aufruf an die Bauern, in dem sie diese auffordern, sich Land zu nehmen und eine gewaltsame Revo­lution zu beginnen. Der Aufruf zirkuliert bereits hand­schriftlich.

Petersburg, 1. Auguft. Die Razzia auf Sozialrevolutionäre hatte kein nennenswertes Ergebnis. Die Regierung ist weder den Vorbereitungen zum bewaffneten Aufstande noch der militärischen revolutionären Organisation auf die Spur ge­tommen.

Helsingfors, 1. August. Die Schriftseter haben be­schlossen, heute Abend in den Ausstand zu treten.

Politische Rundschau.

Deutsches Reich.

* Wiener Blätter wollen wissen, daß die Begegnung Köni Eduards mit Kaiser Wilhelm im Laufe des Monats Augus bestimmt stattfindet und zwar auf der Fahrt König Eduards von London nach Marienbad. Die Zusammenkunft würde in der Zeit zwischen dem 14. und 16. August in Kronberg er folgen. Dagegen wird versichert, daß die Nachricht von cine: Begegnung Kaiser Wilhelms mit dem Zaren in den fin ländischen Gewässern in der zweiten Hälfte des Augu voll kommen unbegründet ist, und daß der Zar überhaupt dieses Jahr Rußland nicht verlassen werde.

* Infolge Einwirkung des Kaisers ist die Untersuchung in der Affäre Fischer auch anf den unmittelbaren Vorgesetzten des Major Fischer, den Chef des Stabes beim Oberkommanda der Schutztruppen, Oberst Ohnesorg ausgedehnt worden. Dem Obersten wird mangelnde Kontrolle seines Untergebenen, Major Fischer, zum Vorwurf gemacht. Auch die Verhaftung Fischers geschah auf ausdrücklichen Befehl des Kaisers. Es heißt, der oberste Kriegsherr habe hierbei den Ausspruch getan: ,, die ganze Strenge des Gesezes solie auf den Schuldigen angewendet werden." Oberst Ohnesorg hat ein Sanatorium aufgesucht.

* Der preußische Verkehrsminister Breitenbach empfing in Sachen des Vorortverkehrs die Vertreter der Vorortgemeinden, Amtsvorsteher Dieuscht( Brockau), Bürgermeister Kuhr( Burg), Bürgermeister Balleste( Höchst), und lehnte grundsäßlich eine Tarifermäßigung für Vororte ab, da die Voraussegung hier­für die Einrichtung des Vorortsverkehrs auf besonderen Geleisen und Bahnhöfen sei; dies sei aber zu teuer. In Frage komme nur, wo ein besonderes Bedürfnis vorliege, eine Vermehrung der Züge.

* Der Reichsverband der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften hat in Bingen einen deutschen Winzer­genossenschaftstag abgehalten. Dieser endigte mit der An­nahme einer Resolution, in der gefordert wird: Unverzügliche Einführung des Verbotes des Verschnittes von Rotwein. Regelung der Weingesezkontrolle durch Schaffung einer eins heitlichen gleichmäßig durchgeführten Keller- d Buch; fontrolle für das ganze Deutsche Reich( dagegen spricht sich der Winzec­genossenschaftstag entschieden gegen die Aufringung der Kosten dieser Kontrolle durch eine Reichsweinsener as) sowie Verschärfung der Strafbestimmungen gegen die Wein­verfälschung.

Oefterreich- ngarn.

** In dem Streite zwischen Oesterreich und Ungarn haben die Magyaren gesiegt. Ein kaiserliches Handschreiben an den österreichischen Ministerpräsidenten bestimmt, daß die Beitragsleistungen der beiden Staaten zu den ge= meinsamen Ausgaben für ein Jahr mie bisher bestimmt werden. Ungarn zabli dem hältnismäßig tel eine

frankreich.

ein ver

** Zum Altersversorgungsgeset hat, nach Anhörung der Minifter Clémenceau und Poincaré die Budgetkommission den Beschluß gefaßt, in das Budget des Ministeriums des Innern für 1907 diejenigen Kredite aufzunehmen, die notwendig find, um die vollständige Durchführung des Gesetzes zu ermöglichen. England,

** Bet der Beratung des Budgets des Kolonialamts teilte Unterstaatssekretär Churchill den Plan der Regierung bezüglich der neuen Verfassung von Transvaal mit. Die Regierung beabsichtige, in Transvaal eine aus 69 Mitgliedern zusammengesetzte geseggebende Versammlung einzuführen. Ferner solle eine zweite Kammer geschaffen werden, die sich aus 15 ernannten Mitgliedern zusammensezen solle. Die neue Verfassung würde u. a. eine Bestimmung enthalten, die die Arbeit von sflavenartigem Charakter verhindere.

Balkanitaaten.

** Der griechische Geschäftsträger in: Sofia erhob bei der bulgarischen Regierung Protest wegen der griechenfeindlichen Kundgebungen und verlangte für die griechischen Staats­angehörigen, die durch die Ausschre angen Schaden erlitten haben, Schadenersag. Die Regierung hat die strengsten Maj­nahmen getroffen. In den größeren Provinzstädten ist die Ruhe wiederhergestellt, nur in einigen Dörfern danern die griechenfeindlichen Kundgebungen noch fort.

Afrika.

** Oberst Mackenzie, der in Durban eintraf, erklärte, daß der Aufstand in Natal und im Zululande beendet sei. Die Miliz werde in acht Tagen entlassen werden, und man werde die Frregulären in 14 Tagen nach Hause schicken. Es sei trotzdem angebracht, ein Regiment von 500 Köpfen zu= sammenstellen und noch 6 Monate im Felde steben zu lassen. Dinizulus Treue fet groeifcibat

Hof und Gefellschaft.

Der Kaiser gedenkt, im Verein mit der Kaiserin, den Brinzen Ostar und Joachim, sowie der Prinzessin Viktoria i Luise bis Ende dieser Woche noch in Swinemünde zu bleiben und dann nach Potsdam zurückzukehren.

Das

fpiegelungen zu loden. Luise wußte demnach genau, moran Er war zu ehrenhaft, um ein Mädchen burch falsche Vor­fie mit ihm mar, heagh fich aber beswegen teineswegs febweber

hatte nun Döschen in der Tat wiederholt gejagt.

hing sein Blid bangend an den Bippen

seines

Chefs. hatten eintreten hören, bem übermittigen Gebaren Höfchens schoffen, strengen Die beiden Offiziere hatten, ohne daß bie Liebenben sie

are vobis Gelübnte Schulda

mette Nerginis

( Nachbruc verboten.) AUD

ersinnoied Fortsetzung) sid regon Dr. Sans Bie

von ihm gehofft fe hatte thm- bon threr Gellebte falsch fel, immer noch hatte sie auf ein gebenszeichen

Bange, lange hatte ſte es nicht glauben wollen, daß ber

ge

schrieben, aber er batte nichts geantwortet ebook