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Erstes Blatt.

baltion n. Sarp terbebition: Gießen, Seltersweg 83.

Fernsprechanichink Nr. 362.

Samstag, den 1. Dezember 1906

Gießener

15. Jahrgang

Gratisbellagen: Oberbeffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich).

Neueste Nachrichten

( Sichener Tageblaff)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Beklar; Lafalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.

Politifche Rundschau.

Deutsches Reich.

* Bur braunschweigischen Frage war gemeldet worden, Jem Regentschaftsrat liege ein Verzicht des Herzogs von Sumberland und seines ältesten Sohnes auf Hannover bor. Maßgebende Stellen in Braunschweig äußerten sich indessen lahin, daß ein solcher Verzicht nicht vorliegt.

* Von vorgeblich zuverlässigster Quelle wird aus Wien berichtet, daß in lezter Beit neue Vereinbarungen über die Fortdauer des Dreibundes getroffen wurden; es scheint, daß die Reisen des Staatssekretärs v. Tschirschky nach Wien und Rom doch diesem Zwecke galten. Ein Zeugnis der neuen Bereinbarungen war auch der Depeschenwechsel der Minister Blehrenthal und Tittoni. Ueber den Inhalt der neuen Ab­machung bewahre man strengstes Geheimnis.

Wie in Württemberg von amtlicher Seite bekannt ge geben wird, soll die Personen- Tarifreform voraussichtlich am Die Kilometer. 1. Mai 1907 zur Einführung gelangen. grundtagen sollen betragen in der 1. Klasse 7 f. pro Kilo. meter, 2. Klasse 4,5 Pf., 3. Klasse 3 Pf., 4. Klasse 2 Pf. Den neuen Fahrkarten wird die für Schnellzugszuschlag und Reisegepäck in Betracht kommende Zone aufgedruckt. Kleine politifche Nachrichten.

Berlin, 30. November. Die Novelle zum Börsengeseg tvom Bundesrat dem Reichstage zugegangen. Sie lehni ich im wesentlichen an die Beschlüsse der Kommission des Meichstags an

Berlin, 30. November. In der Petitionskommission des Meichstags wurde vom Regierungsvertreter die Mitteilung gemacht, daß die Vorlage über die Verbreiterung des Kaiser­Bilhelm- Kanals dem Reichstage noch in dieser Tagung zu­gehen werde.

Berlin, 30. November. Ueber den Stand der Vorarbeiten Für die Strafprozeßreform haben die Nationalliberalen im Reichstage eine Interpellation eingebracht.

Posen, 30. November. Erzbischof von Stablewski hat lettwillig über 3/4 Millionen Mark für polnische Legate und wohltätige Stiftungen hinterlassen.

Posen, 30. November. In der Sitzung des hiesigen Domtapitels wurde zum Verweser der Diözese Posen der Weihbischof Likowski gewählt.

Hamburg, 30. November. Die Reederei Wörmann hat Infolge Lösung ihres mit dem Reiche abgeschlossenen Monopol bertrages den nach Deutsch- Südwestafrika exportierenden Firmen Frachtermäßigungen zugestanden.

Wien, 30. November. Jm Abgeordnetenhause kam es anläßlich der Verhandlung über die Wahlkreis- Einteilung zu einer Rauferei zwischen Tschechen und Deutschen, die zur Unterbrechung der Sizung zwang.

Amfterdam, 30. November. Bei einem Gefecht holländischer Soldaten mit dem Kopfjägerstamm der Alfuren auf Neu­Guinea erlitten die Holländer einen Verlust von acht Toten und fieben Verwundeten.

Rom, 30. November. Das italienische Torpedoboot 137 sant infolge des Sturmes bei Tavignana. Die Besazung tonnte fich retten.

Peking, 30. November. Die chinesische Finanzverwaltung hat die Vorarbeiten für eine Währungsreform begonnen.

Nach der Kataftrophe.

Die Ruhe des Todes lagert über den Trümmerhaufen in Irdey und Annen, weitere Explosionen, die man befürchten u müssen glaubte, find nicht eingetreten. Das Hauptver­hienst, diese drohende Gefahr von Annen abgewandt zu haben, jebührt den Deuter Pionieren, die mit Todesverachtung die letzten Roburitbestände entfernten und aus den Trümmern in Sicherheit brachten.

Mutter Natur leistete auch werftätige Hülfe, reichliche Regenmassen fetten die Unglücksstätte unter Wasser und erstickten die Flammen und verhinderten so deren Weiter­glimmen und eventuelle weitere Explosionen.

Die Ursache der Explosion

ist noch immer nicht genügend geklärt. Man vermutet, daß neben den Roburitbeständen Dynamit und Zündhütchen ge lagert haben, das explodierte und die Roburitmengen mit zur Explosion brachte. Es heißt, man habe auf der Unglücks­stätte Zündschnie gefunden und vermutet deshalb Brands Stiftung, die gerichtliche Untersuchung der Ursache der Kata­strophe ist bereits eingeleitet. In der Nähe der Unglücks­stätte stockt jedes geschäftliche Leben, die Verkaufsläden find geschlossen. Die Familien, die ihr Heim in der Nähe der Fabrik gehabt haben, find vor Schreck noch wie gelähmt. Außerordentlich zahlreich find die Gehörschäden infolge des gewaltigen Luftdrucks. Auf allen Wegen trifft man Personen, denen das Trommelfell zerrissen ist.

-

Der Gesamtschaden

dürfte sich auf etwa zwei Millionen Mark belaufen, das

Hessischer Landtag. Zweite Kammer.

Darmstadt, 29. November.

Die Besprechung des Fall Eißnert.

Nachmittagssigung.

Der Andrang zu den Tribünen ist enorm. Die ältesten Leute im Hause können sich kaum eines solchen großen Tages erinnern. Gleich zu Beginn der Sizung erhält Abg. Reinhart das Wort zur Begründung der Interpellation d. nat.- lib. Partei. Nur von allgemeinen Gesichtspunkten aus, während die Begründung vom juristischen Standpunkt später der Abg. Dr. Glässing übernahm. Der Fall Eißnert set so geartet, daß er zu so großen Meinungsverschieden heiten zwischen dem Ministerium und der national­liberalen Partei geführt habe, wie sie seit Jahrzenten nicht vorgekommen find. Im Interesse der staatser­haltenden Parteien muß die Grenze immer enger ge­zogen werden. Es ist der Fall denkbar, daß der sozial­demokratische Beigeordnete zur Ausübung amtlicher Befugnisse gelangt; der Redner kennt aus Worms eine Reihe von Fällen, in denen der 2. Beigeordnete solche ausgeübt hat. Die nationalliberale Partet erkennt nach wie vor den Grundsaz an, den sie auch in der Interpellation ausgesprochen hat, daß die Parteistellung für die Bestätigung nicht maßgebend sein darf; solange aber die Sozialdemokratie freiwillig eine Ausnahme­stellung einnimmt, liegt die Sache anders. einmal der Zukunftsstaat da sein sollte, die Sozial­demokratie die Macht hat, wird ganz gewiß keiner der unseren ein Amt erhalten.

Wenn

Regierung diese dahin führen wird, Sozialdemo featen in Zukunft nicht wieder zu bestätigen. In dieser Hoffnung ist die& attion bereit und wünscht, mit dem Ministerium die bisherige Zusammenarbeit fortzusehen.

Im Namen der

Zentrumspartei

begründet der Abg. v. Brentano deren Standpunkt, daß ein Staatsbürger nie wegen seiner politischen Weber­zeugung von öffentlichen Aemtern ausgeschlossen werden soll, vorausgesetzt, daß seine Persönlichkeit die Garantie bietet, er werde die Gesetze in dem Sinne ausführen, in dem sie erlassen sind. Diese Garantie fann aber nach der heutigen Stellung der Sozialdemokratie von einem Sozial­demokraten nie gegeben werden. Das hat auch Eisnert durch seine Erklärung bewiesen. Die Antwort der Regierung ist nichts als ein Verlegen­heitslaborat. Es ist sehr wohl möglich, daß ein unbe­foldeter Beigeordneter in einer ernsten politischen Situation eingreifen muß, dann muß er versagen. Redner versteht auch die Sozialdemokraten nicht, daß fie einen so unzuverlässigen Beigeordneten duldete. Die Regierung erklärt mit allen geseglichen Mitteln gegen Eißnert vorgehen zu wollen, wenn er anders als nach den Gesetzen handelt. Damit erkennt sie selbst die große Gefahr an, die vom Redner noch an einigen treffenden Beispielen illustriert wird.

Die Bestätigung ist ein Recht der Krone; dieses fezt eine Information nicht nur über die persönlichen Eigenschaften, sondern auch über die Aussichten voraus, in welcher Weise der dazu bestimmte sein Amt aus­üben wird. Eine Orientierung durch bor­herige Information des Ministeriums bei den Vertretern aller Parteien hätte den schweren Fehler vielleicht vermeiden können.

Aber der Fehler des Ministeriums ist in Aner­fennung der schwierigen Lage nicht so schwer, daß wir es wegen dieses vereinzelten Irrtums stürzen wollen. Die Demission des Ministeriums aus Anlaß der Darmstädter Versammlung, auf der, wie Redner über­zeugt ist, die Reden aus innerer Ueberzeugung gekommen, und mit recht scharfe Vorwürfe gegen das Ministerium erhoben worden sind, ist falsch, denn ein parlamen

Tatsache ist, daß eine große Anzahl von Menschen durch den Fall Eißnert in ihrer Anschauung irre ge­worden ist, da die Regierung selbst Sozialdemokraten in amtliche Stellungen beruft; auch die große Zahl der Staatsarbeiten wird zweifelhaft. Das ist einer der großen Schäden, der offen bekannt werden muß. Wir wünschen die Ordnung, in der wir leben, aufrecht zu erhalten, und deshalb sind wir grundsäßlich dagegen, daß mit amtlichen Stellungen Sozialdemokraten betraut werden. Redner erkennt an die fle ßige positive Mittarisches Ministerium demissioniert nur dann, wenn arbeit der sozialdemokratischen Kammermitglieder in Hessen, aber schon beim Budget versagt die Sozial demokratie wieder.

Am Schlusse seiner mit Beifall bei der großen Mehrheit des Hauses aufgenommenen Rede gab Abg. Meinhart eine

Erklärung der nationalliberalen Fraktion dahin ab: Die Fraktion fleht fest auf dem Standpunkt der Interpellation und bedauert die Bestätigung; fie faßt den gestern schon wiedergebenen Schlußsak der Regierungsantwort dahin auf, daß die Vorsicht der Krupp'sche Werk erlitt einen Schaden von 80-100 000 art, das Annener Gußstahlwerk einen solchen von ca. 20 000 Mart. Die Zahl der Toten konnte immer noch nicht endgültig festgestellt werden, das Publikum in Witten ist der bestimmten Meinung, daß mehr als 80 Personen bei der Katastrophe ihren Tod fanden. Diese Zahl dürfte aber noch zu niedrig gegriffen sein; nach den neuesten Feststellungen find 30 Personen tot und 62 schwerverletzt. Im Marienhospital waren 76 Ver­wundete untergebracht, die jedoch bald, nach Anlegung von Verbänden, entlassen werden konnten. 38 Patienten, die mit Schädelbrüchen und schweren inneren Verlegungen dort eingeliefert wurden, sind von den Aerzten aufgegeben worden. Im Diakouissenhause find 20 Tote und 40 Schwerverletzte eingeliefert worden, von denen 5 starben. Etwa 200 Personen find dort verbunden worden. Auch in anderen Hospitälern fordert der Tod täglich neue Opfer und bald wird daher die oben genannte Gesamtsumme der Toten überschritten sein. Uebrigens find noch nicht mal alle Leichen geborgen; es ist festgestellt, daß eine Kutscher- und eine Nachtwächterfamilie, die in der Fabrik wohnten, unter den Trümmern begraben liegen. Die ge­borgenen Leichen sind fast alle in Stücke zerrissen oder halb verfohlt, so daß es nur in wenigen Fällen möglich war, die Persönlichkeit der Getöteten festzustellen.

2000 Obdachlose.

Schwer lösbar ist die Frage der Unterbringung der Obdachlosen. In Witten wie in Annen und Umgegend find sämtliche Schulen geschlossen worden, um Raum für die Obdachlosen zu schaffen, deren Zahl auf 2000 geschätzt wird. Ein jammervolles Bild bietet der Bahnhof in Annen. Hunderte tampieren in den Wartesälen. In alte Lumpen gehüllt, hocken Kinder, Greise und Krante am Boden. Die meisten Bewohner von Annen find leicht verlegt. Hunderte

ihm von der Mehrheit der Volksvertreter das Ver­trauen entzogen worden ist. Gerade in der jetzigen fritischen Zeit ist es Pflicht des Ministeriums auszu­harren und durch fleißige Arbeit die bedeutenden vor­liegenden Gesezentwürfe zu erledigen. Abg. v. Brentano gibt folgende

Erklärnng des Zentrums: Mißbilligung der Bestätiguug, bon der sich die Regierung sagen mußte, daß sie damit unge­heueren Zündstoff ins Land werfe. Aber da es eine Einzelfrage ist, fein Mißtrauensvotum!

Don Familien suchen bet auswärtigen Befannfen und Ver­wandten Zuflucht. Mit jedem Zug werden zahlreiche Kinder befördert, meistens 20 und mehr, unter dem Schutz eines Erwachsenen. Die öffentliche und private Wohltätigkeit regte fich erfreulicherweise sofort nach Bekanntwerden der ganzen Schwere des Unglücs allerorten. In Dortmund konstituierte fich unter Teilnahme der Großindustriellen aus dem Ruhr­gebiet ein Hilfskomitee für die Hinterbliebenen der Opfer der schweren Katastrophe. Bisher find 200 000 m. gezeichnet. Neuere Meldungen:

Berlin, 30. November. Die Kaiserin hat einen größeren Geldbetrag aus ihrer Privatschatulle für die Hinterbliebenen der Opfer von Annen angewiesen.

Dortmund, 30. November. Die Staatsanwaltschaft hat sämtliche Bücher der Noburitfabrik beschlagnahmt, weil an­genommen wird, daß in Ardey noch andere Explosivstoffe als Roburit hergestellt wurden.

Göttingen, 30. November. Die Explosionstatastrophe von Witten wurde von dem Göttinger Seismographen als scharfes Beben registriert. Es erfolgten vier Erderschütterungen von je 15 Sefunden Dauer.

Schilderungen eines Augenzeugen.

V. Dortmund, 30. November. Me in der Nacht zu Donnerstag die Stimme der Dampf firene schauerlich die Stille der Nacht zerriß, ahnte_wohl niemand, welche schreckliche Katastrophe durch jene Alarm­zeichen eingeleitet wurde. Der kleine Brand in der Roburit fabrit Ardey war bald gelöst, schon verliefer sich die Neu­gierigen, die zur Brandstätte geeilt waren, wieder, als aul

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