Nr. 230
Detion Subtervebitten: Gießen, Seiterweg 88. Bezxipredanik Nr. 362.
Montag, den 1. Oftober 1906
Gießener
15. Jahrgang
Gusti betlagen: Oberbeffifche Familiengsttung( unb bie Gießener Setfenblasen( wöchentlich).
Neuelle Nachrichten
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( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeifung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wezlar; Rofalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Charbon
Soziale Bauordnungen.
Bauordnungen find Sache der Polizeibehörden und werden für einzelne Ortschaften erlassen. Sie schneiden unter Uriständen recht tief in das Besizrecht ein, indem sie der Ausnutzung des Bodens für Bauzwecke starke Beschränkungen miferlegen. Natürlich geschieht das nur im Gemeininteresse. Die von den Nutzungsbeschränkungen Getroffenen wehklagen in der Regel recht laut. Aber ebenso ist es Regel, daß nach einiger Zeit die Wehklagen verstummen, und daß nach längerer Beit alle Beteiligten herzlich zufrieden sind. In früheren Bei ten hat man hygienische Rücksichten überhaupt wenig gefannt, bei Anlage von Bauten ganz und gar nicht. Jeder baute nadh feinem Gefallen, verbaute dem lieben Nächsten und namentlich sich selbst Licht und Luft. Die Höfe wurden zu bloßen Schächten, fielen zuweilen auch ganz fort. Außerhalb Deutschlands, z. B. in Frankreich, war das noch weit schlimmer als bei uns. Sogar in Paris. Als der vielgenannte Seinerifett Haußmann die Verschönerung der französischen Haupttabt vornahm, legte er durch das Häusergewirr breite Straßen, die nach einiger Zeit seinem Befehl gemäß prächtige Fassaden jeigten. Aber Höfe hatten diese Prunkhäuser nicht. Sie hatten im Innern weder Licht noch Luft. In den deutschen Städten, wenigstens in der Mehrzahl, hatte die Baupolizei besseres hgienisches Verständnis. An vielen Orten bestimmte sie ein Mindestflächenmaß für die Hofräume, ordnete sie auch an, daß bie Häuser eine gewisse Höhe, die sich nach der Breite der anitoßenden Straße richtete, nicht überschritten. In manchen Städten ging die Baupolizei noch viel weiter, indem sie für gamze Zonen die Errichtung von nur villenartigen Bauten oor schrieb. Hier durften die Häuser nicht über zwei Stockwecke haben, zwischen Haus und Haus mußte ein bestimmter 8 ischenraum bleiben. Nach Hunderten von Millionen wurde z. B. in Berlin allein der Schaden berechnet, der den Grundbefizern aus der Baubeschränkung erwachsen sollte. Jest hört man schon lange nichts mehr von dieser Schädigung, und wer freut sich über die Villenviertel, die Besizer nicht am wenigsten.
Die soziale Wirksamkeit und Aufgabe der Baupolizei hat fich aber neuerdings noch sehr erweitert. Es liegt ihr nicht bloß ob, die Städte, wie sie sich tatsächlich entwickelt haben und noch ferner entwickeln, hygienisch zu beeinflussen; sondern hat sich ihr die Möglichkeit eröffnet, der Entwicklung der Städte selbst eine bestimmte Richtung zu geben. Bisher
hat sie dafür sorgen fönnen und in gewissen Grenzen dafür gesorgt, daß da, wo große Fabrifen waren, die Fabrikarbeiter nicht zusammengepfercht wurden. Das war keine leichte Arbeit, denn die Industrien drängten nach den Städten, o sie zum Teil mit dem nahen Absatzmarkt, zum Teil mit den günstigen Verkehrs- und Versendungs- Bedingungen als mit einem beachtenswerten Nutzen rechneten. Sie ließen fich meist an den Peripherien nieder, wo Grund und Boden noch billig waren. Doch die Großstädte mußten über diese früheren Peripherien hinaus, der Bauplatz wurde teurer, es tellten sich noch sonstige Unbequemlichkeiten und Mißstände ein, so daß allmählich die Industrie großstadtmüde wurde und sich in die Mittelstädte zurückzog. Die Abwanderung begann schon vor Jahren und sie hat immer zugenommen. Besent..ch weil der Verkehrsverbindungs- Vorzug der Großsabte aufhörte. Die mittleren und kleinen Städte bieten ihn heutzutage fast ebenso oder können ihn leicht gewinnen; werden ihn sogar ficher gewinnen, sobald die Industrie sich in den Zentren zweiten und dritten Grades angesammelt hat. Wenn hier die Baupolizei mit guten Bauordnungen bei Beiten eingreift, so kann sie zur glücklichen Umgestaltung der Bohnungsverhältnisse beitragen. Sie fann sogar, in gewissen Grenzen, der von den Großstädten abwandernden Industrie Begrichtung und Ziel weisen. Der Vorteil wäre allseitig:
für die Industrie, für die industriellen Arbeiter und für die Städte, die sich zu kleinen Industriezentren ausbilden könnten. Die Dezentralisierung der Industrie ist durch ihr Wachstum jur Notwendigkeit geworden. Aber auch bei der natürlichen und gleichsam automatisch sich vollziehenden Dezentralisation it es überaus wünschenswert, nicht erst Verhältnisse eintreten zu lassen, deren nachträgliche Beseitigung vielfachen Schwierigteiten begegnen, große Kosten verursachen und doch niemals bollständig gelingen würde. Wenn durch eine gute Bauordnung vorher das Rechte angeordnet wird, so wachsen die Dinge ganz von selbst ins Gesunde. Es handelt sich nicht um eine Rückwärtsentwickelung, um eine Rückkehr zu überholten Verhältnissen. Nicht die Erneuerung des engen Kleinstadtlebens ist im Werke, sondern die Durchdringung der Kleinftadt mit moderner Regsamkeit.
Politische Rundschau.
Deutsches Reich.
* In den nächsten Tagen wird der Bundesrat seine bährend mehrerer Monate unterbrochenen Arbeiten wieder aufnehmen. Die ersten Aufgaben werden auf dem Gebiet der Berwaltungstätigkeit liegen. Der Reichshaushaltetats- Entbuf für 1907 tommt vorläufig noch nicht zur Beratung, da borcher die Einzeletats im Reichsschazamt fertiggestellt werden mifen. Man erwartet den Beginn der Verhandlungen über bie Reichstagsvorlagen für Ende Oktober.
* Aus dem aufständischen Gebiet in Deutsch- Ostafrika meldet der Gouverneur Freiherr von Rechenberg, daß der Hauptaufwiegler in Ungoni, der Gemeinde- Vorsteher Omari Kuiyalla, von Eingeborenen erschossen worden sei. Sein Sohn und feine Angehörigen wurden in Liwale eingeliefert, ebenso ist die Zauberin Biterika aus Ssongea verhaftet worden. Die Beruhigung der Bevölkerung ist damit ein wesentliches Stück fortgeschritten.
*
Der Herzog von Cumberland soll zur braunschweigischen Thronfolgefrage eine charakteristische Aeußerung getan haben. Auf Beschluß der welfischen Partei war eine Abordnung aus Braunschweig unter Führung des Reichstagsabgeordneten von Damm nach Gmunden zum Herzog von Cumberland entsandt worden.
Die Deputation wurde vom Herzog empfangen, der auf die ihm unterbreitete Bitte, nunmehr die Thronfolgefrage in einem für Braunschweig günstigen Sinne zu lösen, gesagt haben soll: er sei bereit, den Wünschen der braunschweigischen Bevölkerung so weit als möglich entgegenzukommen, befürchte aber, daß man am preußischen Hofe feine Verständigung wünsche. Es muß dahingestellt bleiben, ob die Aeußerung in dieser trassen Form gefallen ist. Nach unseren Informationen würde sie sich mit den wirklich in Berlin herrschenden Auffassungen nicht decken.
* Eine Eingabe der Deutschen Mittelstands- Vereinigung, die Lieferungen für die Kolonialschutztruppen Handwerkerverbänden zu übertragen, war von dem Oberkommando der Schuztruppen abschlägig beschieden worden. Darauf hat sich die Vereinigung an den Reichskanzler und den neuen Leiter des Kolonialamts gewandt. Der stellvertretende Kolonialdirektor antwortete im Namen des Reichskanzlers, es müsse bei der Entscheidung des Oberkommandos bleiben.
* Der Zentralverband deutscher Holzinteressenten, der in Nürnberg seinen Verbandstag abhielt, hat sich einstimmig gegen die Erhebung von Schiffahrtsabgaben auf den natürlichen Wasserstraßen ausgesprochen, jedoch unter Annahme eines Eventualantrages, der für den Fall der Einführung solcher Abgaben die Beteiligung der Industrie und des Handels bei der Fest= segung der Höhe der Abgaben und ihrer Verwendung fordert. Als Ort für den nächsten Verbandstag wurde Mannheim gewählt.
* Die Synode für den Kreis Erfurt sprach sich in einer Resolution für die Verleihung des aktiven Wahlrechts in kirchlichen Angelegenheiten an Frauen aus. Es wird den Ges meindefirchenräten warm empfohlen, in die von ihnen für die tirchliche Liebestätigkeit ernannten Kommissionen auch Frauen hineinzuwählen.
* Beratungen über die Reform des deutschen Personenund Gepäcktarifs haben in den letzten Tagen in Gegenwart von Vertretern der Bundesregierungen in Eisenach stattgefunden. Ueber alle wesentlichen Punkte ist ein Einverständnis erzielt, sodaß nunmehr mit Sicherheit auf das Inkrafttreten des Reformtarifes am 1. Mai 1907 gerechnet werden kann.
* Bebel brachte auf dem sozialdemokratischen Parteitage eine Resolution ein, nach welcher der Parteitag ,, seiner freu digen Zustimmung über das größte welthistorische Ereignis der Gegenwart, die russische Revolution, und seiner tiefsten Sympathie und Bewunderung für die Kämpfe der russischen Revolution Ausdruck gibt." Die Resolution fordert moralische und tatkräftige Unterstützung für die kämpfenden Genossen in Rußland und Widerstand gegen jede Einmischung von außen. Bei der Beratung der Maifeier wurde der vorjährige Beschluß wiederholt, der sich für vollständige Arbeitsruhe ausspricht, soweit die Möglichkeit vorhanden ist. Ueber ,, Sozialdemokratie und Volkserziehung" sprachen SchulzBremen und Frau Zetkin aus Stuttgart. Frau Zetkin kann ihre Ausführungen nicht beenden, da sie einen Ohnmachtsanfall erleidet. Es wurde deshalb von einer Diskussion abgesehen, die Bildung einer„ Bildungskommission" beschlossen und dieser sämtliche vorliegenden Anträge überwiesen. Zu dem letzten Hauptpunkt der Tagesordnung erhielt Haase- Königsberg das Referat. Er forderte eine Anzahl Reformen. Von einer Diskussion wurde Abstand genommen. Die Anträge betr. die Jugendorganisation wurden der Bildungskommission überwiesen, weitere Anträge über die Parteiorganisation von der Tagesordnung abgesetzt. Als Ort für den nächsten Parteitag wurde Essen gewählt. Damit sind die Arbeiten der„, roten Woche" beendet.
Rufeland.
** Von Tag zu Tag wird die Lage gefahrdrohender. In Odessa find Mordtaten zu gewöhnlichen Ereignissen geworden. Der Verband russischer Patrioten" führt in der unglücklichen Stadt eine Schreckens herrschaft. Ein Arbeitskomitee aus Vertretern aller Linksparteien, Professionsvereinigungen und Deputierten aller Fabriken hat sich zum Kampfe mit dem Schwarzen Hundert organisiert. Mit der Unterschrift des Arbeitskomitees erschienen 25 000 Proflamationen, in denen erklärt wird, teine Pogrome zuzulassen.
Die Feldfriegsgerichte lassen tagtäglich Hinrichtungen vornehmen. Das Ministerium des Innern will 180 der Unterzeichner des Viborger Manifestes, also Mitglieder der ehe
maligen Duma in Anklagezustand versetzen lassen. Einige der Deputierten sind bereits verhaftet worden.
** Großes Aufsehen rufen die Gerüchte von der bevorstehenden Einsetzung einer Regentschaft hervor. Der Zar soll sich in einem Stadium der Nervosität befinden, die den Wunsch nach einer Stellvertretung nahelege. Die Meldung über die Reise der kaiserlichen Familie nach Kopenhagen wird von amtlicher dänischer Stelle aus dementiert. Frankreich.
** Ein Mitarbeiter des Gaulois" hat eine Unterredung mit dem Papst über das Trennungsgesetz gehabt. Der Papil erklärte, nicht er habe das Gesetz verurteilt, sondern Christus, beffen Stellvertreter nur der Papst sei. Christus aber vers urteilte es, indem er der Kirche eine Verfassung und ein Dogma gab, gegen die fein menschliches Gesetz etwas ver. möge. Wenn ein Gesetz gegen das göttliche Gesetz und die Grundlagen der Kirche verstoße, so sei es für die Kirche nichtig und fein Katholik sei gehalten, ihm zu gehorchen Einem ungerechten Geseze zu gehorchen, sei verboten, und ein ungerechtes Gesetz verpflichte nicht. Wenn die Urheber des Gesezes guten Glaubens gewesen seien und ihren Irrtum einsähen, so würden sie nirgends mehr als in Rom Wünschen nach Versöhnung und Vergessen begegnen. Die radikaler Blätter sagen bei der Besprechung dieser Auslassungen, nun mehr sei jede Möglichkeit der Verständigung zwischen Staal und Kirche geschwunden.
England.
** Wie weit die Mißstimmung der Jren gegen die Engländer noch immer geht, zeigen bezeichnende Vorgänge bei der Eröffnung eines öffentlichen Instituts in Dublin. Der Dampfer ,, Shamrock" sollte die Stadtväter zu dem Fest plaze bringen. Einer derselben, Alderman Kelly, sah plötzlich, daß der Dampfer die englische Flagge gehißt hatte, zog sein Taschenmesser und schnitt die Flagge ab. Sie fiel in den Fluß. Bei dem Festessen erregte derselbe Alderman von neuem Anstoß, als der Toost auf den König ausgebracht wurde. Er unterbrach den Ausbringenden mit dem Rufe: Den trinken wir nicht!" und verließ alsdann mit anderen Festteilnehmern protestierend das Festzelt.
Afrika.
** In Natal befürchtet man einen neuen Zulu- Aufstand. Die Zulus in Nordzululand find mit gewissen Verfügunger der englischen Behörden bezüglich der Lokalverwaltung un zufrieden und drohen, ihre Unzufriedenheit durch einen gewalt famen Aufstand zum Ausdruck zu bringen. In der Umgebung bon Noodsburg soll die Gärung unter den Eingeborenen be sonders gefährlich sein.
nieine politische Nachrichten.
Budapest, 30. September. Die ungarische Regierung kündigt an, daß die Aufstellung einer Honvedartillerie, mit welcher eine Erhöhung des Refrutenkontingents und bedeutende Mehrkosten verbunden sein würden, auf ein Jahr verschoben wird.
London, 29. September. Kriegsminister Haldane hielt in Haddington eine Rede, in der er darauf hinwies, daß die militärische Abrüstung in England nicht weiter fortgesezt werden dürfe.
Konstantinopel, 29. September. Der Sultan hat den Forderungen Englands und Aegyptens auf der Halbinsel Sinai nachgegeben; die Grenze ist endgültig abgesteckt, so daß die Grenzkommissare zurückkehren.
Caracas, 29. September. Der amerikanische Gesandte telegraphierte an seine Regierung, Präsident Castro sei sehr frant. Seine Freunde befürchteten, er werde sich nicht wieder erholen.
Newyork, 29. September. Die Bundesregierung bereitete gerichtliche Schritte zur Auflösung der Standard- Delgesell. schaft vor.
Habana, 29. September. Der Präsident und der Vizepräsident von Kuba haben nebst dem Ministerium endgültig ihre Aemter niedergelegt. Mit der Landung von 25 ameritanischen Marinesoldaten hat die amerikanische Intervention tatsächlich begonnen.
*
Dof und Gefellfchaft.
Nach den bisherigen Dispositionen wird das Kaiserpaar mit der Prinzessin Vittoria Luise am Abend des 3. Oktober von Rominten abreisen und sich zu einem zweitägigen Aufenthalte nach Kadinen begeben, wo die An funft am 4. Oktober vormittags erfolgt. Wie verlautet, ge denkt der Kaiser im Anschluß hieran noch einige Tage auf Schloß Hubertusstock Wohnung zu nehmen, um in der SchorfHeide der Jagd obzuliegen. Die Ankunft daselbst wird in der Nacht zum 7. Oftober erwartet.
Das erbliche Mitglied des Preußischen Herrenhauses Herzog Karl von Croy ist plötzlich auf den ungarischen Sagdschloß Karapancsa gestorben.
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Herrn Sohn nein," entgegnete Duprat bescheiden. Eduard?" fragte er nach furzem Schweigen. Von ihrem Chefs zu sein." Etwold nickte beifällig. Nichts neues von Doch wohl nux, Herr Kommerzienrat," erwiderte ex,
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mir nur Schlechtes melden." Ich bin froh, nichts zu hören. „ Son
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Rechts vom Eingang bie Billa" bie ,, Dependance" für den Pächter der einsiedlerischen Obst
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