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Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Donnerstag, den 31. August 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abouuementspreis: abgeholt monatlich 30 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Der Frieden von Portsmouth.

Die Hauptarbeit der Delegierten in Portsmouth ist ge­tan, eine Verständigung zwischen den Regierungen bon Petersburg und Tokio ist erzielt, der Frieden ist gesichert. Was noch aussteht, ist formale Arbeit, die immerhin noch geraume Zeit in Anspruch nehmen kann; aber das Wichtige, das die allgemeine Aufmerksamkeit Fes­selnde ist erledigt. Es muß anerkannt werden, daß die Be­mühungen des Präsidenten Roosevelt zur Erreichung dieses Bieles wesentlich beigetragen haben. Mit lebhaftester Unter­stüßung aller neutralen Mächte, namentlich Deutschlands, ist Präsident Roosevelt darauf bedacht gewesen, die Unter­händler nicht auseinandergehen zu lassen, auch dann nicht, wenn sie sich scheinbar nichts mehr zu sagen hatten. Sie soll­ten durchaus zusammenbleiben und weiter beraten, es sollie nicht zu einem Abbruch kommen. Das wäre vielleicht ohne­hin nicht geschehen; abcz jedenfalls ist es dankenswert, daß man den Delegierten den Entschluß des Ausharrens er­leichtert hat.

Die Friedensbedingungen.

Nach den dreiwöchentlichen Verhandlungen hat Japan schließlich in den wichtigen Fragen nachgegeben, so daß Ruß­Jand, auf dem Schlachtfelde ununterbrochen niedergeworfen, in der Tat einen bedeutenden diplomatischen Sieg errungen hat. Die hauptsächlichsten Friedensbedingungen werden sich, soweit man sie jetzt übersehen kann, folgendermaßen zu­sammensegen:

1. Japan erwirbt die Suprematie über Korca und hat damit festen Fuß auf dem asiatischen Festland gefaßt. 2. Die Mandschurei fällt nominell an China zurüd; im wesentlichen wird sie aber in Zukunft in ihrem süd­lichen Teil unter japanischem, in den nördlichen Ge­bieten unter russischem Einfluß stehen.

3. Rußland tritt die Pachtung der Liautang- Halbinsel mit Port Arthur an Japan ab.

4. Sachalin fällt in seinem südlichen Teile an Japan, die Nordhälfte behält Rußland.

5. Die russische Seemacht erfährt keine Einschränkung. Die chinesische Ostbahn wird bis Kuenshensu an Japan abgetreten.

6. Die in neutralen Häfen liegenden russischen Schiffe fallen an Rusland zurück.

7. Rußland zahlt keine Kriegsentschädigung, nur ein Verpflegungsgeld für die Gefangenen und Kranken. Das Abkommen bezüglich Sachalins verpflichtet Ruß­land wie Japan, die Insel nicht für strategische Zwecke zu befestigen, und verpflichtet ferner Japan, die La Perouse­Straße zwischen Sachalin und Hokkaido nicht zu befestigen. Außerdem ist als wesentlicher Bestandteil der Friedensbe­dingungen noch der Abschluß eines Meistbegünstigungsver­trages zwischen Rußland und Japan in Asien zu erwähnen. Dieser abzuschließende Handelsvertrag wird im Friedenspro­tokoll eine hervorragende Rolle spielen.

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Sieger und Belegte.

Nachwort zum Friedensschluß in Portsmouth.

Wie die bekannt gegebenen Friedensbedingungen zeigen, haben die Japaner ungefähr bezüglich aller strittigen Punkte nachgegeben. Sie haben auf eine Strecke der man dschurischen Bahn verzichtet; sie haben die Forderung, ihnen die in neutralen Häfen internierten russischen Kriegsschiffe auszuliefern, nicht aufrecht erhalten, sie haben sich mit der südlichen Hälfte der Insel Sachalin begnügt, und endlich hcben sie von der Forderung einer Kriegskostenentschädi­gung Abstand nehmen müssen. Die Entscheidung über die schließlich bewiesene Nachgiebigkeit ist in Tokio getroffen worden, wo am Sonntag der Rat der Alten" unter Vorsis des Mikado Sigung hielt. Kein Druck ist von außen auf Japan geübt worden, wie seinerzeit in Shimonosefi_ge= schehen. Ob Japan vielleicht etwas mehr hätte erreichen fönnen, ist eine müßige Frage, die niemand zu beantworten bermag, nicht einmal Herr v. Witte, der jetzt den Inter­viewern erzählt, er habe seinen Ohren nicht trauen wollen, als die Japaner zu allen ihnen angesonnenen Zugeständ­nissen sich bereit erklärten. An Mut und Selbstvertrauen hat es den Japanern gewiß nicht gefehlt. Sie haben diese Tugenden in einem fast zweijährigen Feldzug erprobt. Aber überheblich sind sie dabei nicht geworden. Sie ließen die Wirklichkeiten und realen Möglichkeiten nicht außer Augen. Sie vergaßen nicht, daß Japan ein armes Land ist, dem für weitere finanzielle Anstrengungen leicht der Aten: cusgehen kann. Sie hätten sicher auf einer Kriegskosten­entschadigung bestanden, wenn ihre Finanglage ihnen ge­stattete, zu der bisher aufgewendeten Milliarde en eine zweite aufzuwenden. Das ist nicht der Fall, und so be­schieden sie sich. Bleibt ihnen doch die Aussicht, sich an China zu erholen, dem sie die Mandschurei bestimmt nicht stenlos überlassen werden. Außerdem dürfen sie auf ihren

Fleiß und ihre Gewandtheit bauen, die ignen aus der neu­gewonnenen Lage und namentlich aus dem offenen Tor" Ostasiens reiche materielle Früchte gewinnen wird.

Der Präliminarfrieden, der jetzt abgeschlossen ist und zunächst zu einem Waffenstillstand führen wird danad; erst beginnt die Ausarbeitung des eigentlichen Friedens­instruments, das wochenlange Tätigkeit beansprucht-, hat den Russen mildere Bedingungen gebracht, als sie selbst vorausgesehen haben. Die Ueberraschung, die man hier­über empfand, ist so groß gewesen, daß sie vielfach das Urteil über die Sachlage selbst verwirrt hat. Wenn man manche Beitungen liest, sollte man glauben, die Russen hätten den Feldzug siegreich beendet, die Japaner seien geschlagen und gedemütigt. Das ist doch eine arge Verkehrung der tot­sächlichen Verhältnisse. Die Japaner sind die Sieger, die großen Sieger! Sie haben Rußlands Heere niedergerungen, sie haben Rußlands Schiffe ins Meer versenkt oder genommen, sie haben Rußlands Festungen er­cbert. Das ist im Feld geschehen. Und am Diplomatenti haben sie erreicht, daß Rußland sich darein findet, in Ost­asien eine Macht zweiten Ranges zu sein, die Mandschurei herauszugeben, das kostspielige Port Arthur mitsamt Dalny den Japanern zu überlassen, Japan als Herrn von Korea und damit als ostasiatische Vormacht anzuerkennen und auf jeine ganze bisherige ostasiatische Politik zu verzichten. Dem­gegenüber wiü es wenig bedeuten, daß Rußland die Seriegs­festenzahlung erspart hat. Auf die politische Gesamtsteilung im Osten Asiens wirkt das nicht ein.

Auch in moralischer Hinsicht ist das Uebergewicht und der Vorteil auf der japanischen Seite. Daß die Japaner nicht um Geldes willen den opferreichen Krieg forti, daß sie nicht mit Blut Geld erkaufen mochten, während die Russen bereit waren, abermals zehntausende ihrer Söhne und Brüder hinzuschlachten, um Geld zu sparen, das spricht für die Japaner weit mehr, als für die Russen. Denn daß die Nichtzahlung einer Kriegsfostenentschädigung für Ruß­land ein Ehrenpunkt, ein nationaler Ehrenpunft gewesen wäre, ist eine Redensart ohne Sinn. Rußlands nationale Ehre ist an ganz anderen Stellen und in viel empfindlicherer Weise engagiert gewesen, als durch eine Kostenzahlung ge­schehen konnte. Die Japaner haben eben die Erfahrung machen müssen, daß man einem Lande, das man nicht be setzt hält, keine Kriegskontribution auferlegen kann. Auch war für ihre Nachgiebigkeit vielleicht die Meldung des Feld­marschalls Oyama nach Tokio entscheidend gewesen, daß ran entweder alsbald Frieden schließen oder ihm zu sofor­tigem Vorgehen mit allen verfügbaren Mitteln gegen Lene­witsch Vollmacht geben solle, weil es sonst zum Angriff auf den immer neue Verstärkungen heranziehenden Gegner zu spät würde.

Im übrigen können die Japaner wohl zufrieden sein, daß sie Korea bekommen haben, das sie als ihre unentbehr­liche Reiskammer bezeichneten, daß sie die südliche Man­dschurei und das südliche Sachalin gewonnen haben Auch an Geld wird es ihnen nicht fehlen, da in dem von ihnen gewonnenen Lande reiche und leicht erschließbare Boden­schätze stecken. Außerdem haben sie fein Recht, sich etwa zu beklagen, denn niemand hat sich eingemischt. Unter allen Umständen ist es hocherfreulich, daß der Krieg zu Ende geh! und die Friedensarbeit wieder beginnen kann. Die Zahl Der Großmächte hat sich um eine vermehrt; und Japan ist nicht an die letzte Stelle unter ihnen getreten.

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Das Echo.

Was die Welt zum Friedensschluß sagt. In den bedeutenden Preßorganen aller Länder äußeri sich lebhafte Befriedigung über das Zustandekommen des Friedens. Der japanischen Mäßigung wird rückhaltlose Anerkennung gezollt.

In Petersburg

brachte der Friedensschluß in den leitenden Kreisen, sowie in der Bevölkerung eine völlige Ueberraschung. Man wußte, daß der Zar durchaus sich auf keine Kriegsentschädigung einlassen wolle, und man glaubte an feine Nachgiebigkeit der Japaner in diesem Punkte. Dazu kam, daß das An dringen des Generals Lenewitsch eine der Fortsetzung de Krieges günstige Stimmung in den leitenden Kreisen er zeugt hatte, die sich auch auf die breiteren Volksschichter zu übertragen begann, wo ein gesteigertes Nationalgefüh bon einem ,, faulen Frieden" nichts wissen wollte. So is: es zu erklären, daß sich in die Genugtuung darüber, daß das Blutvergießen ein Ende nimmt, und die zur Fahne Aus gehobenen zurückkehren werden, doch auch unzufrieden Stimmen einmischen. Es wird unverhohlen von den Wun den gesprochen, die dem russischen Nationalgefühl und dei Eigenliebe des Volkes, sowie der kriegerischen Würde des Reiches, zugefügt seien, und daraus die Lehre gezogen, daß ein neues Rußland geschaffen werden müsse, dem eine gleich Demütigung in Zukunft erspart bleibe.

Die Stimmung in Japan.

nach Eintreffen der Nachricht von dem Friedensschluß wai geteilt. Die Temperamentvollen, zugleich Unfundigen, wa ren enttäuscht und bestürzt. Die Einsichtigen, zugleich Sach.

kundigen sind zufrieden. Sie meinen, Japan habe den eigentlichen Zweck des Krieges erreicht. Es hat Rußland von der südlichen Mandschurei verdrängt und Korea von dem Einfluß des Zarenreichs befreit. Außerdem entspräche da Verhalten der japanischen Regierung ganz dem Geist des Ritters, der für seine Ehre und sein Vaterland, aber nie­mals für Geld sein Gut und Blut einsetzt. Diese Ansicht wird auch von jedem gebildeten Europäer geteilt.

Die Aufnahme in Deutschland.

Aufrichtig und herzlich wird der Friede begrüßt. m allgemeinen aber blieb die Bevölkerung in den großen Zentren ziemlich kühl, als die Friedensdepeschen in später Abendstunde bekannt wurden. Die ungezählten, sich; stets widersprechenden Nachrichten der letzten Wochen hatten ein Nachlassen der Spannung bewirkt, so daß der tatsächliche Abschluß zwar sehr beifällig besprochen wurde. aber keine große Erregung hervorrief.

Der französische Freund.

In Frankreich loben einige nationalistische Blätter den Kaiser von Rußland in überschwänglicher Weise und schrei­ben seiner Weisheit das günstige Resultat der beendeten Verhandlungen zu. Aber auch Japan wird Anerkennung gezollt, wie man nicht weniger freundlich der Initiative des Präsidenten Roosevelt gedenkt. Von der ehemaligen Russen­schwärmerei ist aber nicht niehr viel zu bemerken; der Zu sammenbruch des Alliierten, von dem man ehemals so viel erhoffte, hat die Einpfindungen für ihn sehr herabgestimmt. Englische Stimmen.

Vereinzelt wird in Londoner Blättern hervorgehoben, daß die Fortführung des Krieges besser gewesen wäre. Im allgemeinen erflärt man sich aber mit der Herstellung des Friedens einverstanden. Japans Mäßigung wird warm ge. priesen, ebenso Roosevelt als ehrlicher Makler. Im Inter­esse der Erhaltung des europäischen Gleichgewichts hält man es teilweise für recht wünschenswert, daß eine weitere Schwächung Rußlands vermieden wird.

Ein Geheimvertrag?

Weil der Friedensschluß manchen überraschend kam und unerwünscht ist, suchen sie in Mutmaßungen Erklärung und finden in Verdächtigungen Trost. Ein englisches Blatt , erfährt" von einem Mitgliede der japanischen Mission, der geheime Grund für Japans Entgegenkommen liege in der Klausel, betreffend die Zahlung für den Unterhalt der cussischen Gefangenen. Die dafür vereinbarte Summe würde wahrscheinlich ungefähr jenen Betrag erreichen, den Japan ils Entschädigung fordern zu müssen glaubte.

Dank dem Vermittler!

Witte hat dem Präsidenten Roosevelt in einem Tele­gramm zum Ausdruck gebracht, daß die Geschichte ihm den Ruhm des Friedens von Portsmouth zuschreiben und wie aufrichtig seitens Rußlands die Initiative des Präsidenten geschätzt wird. Komura hat zuerst von den Bevollmächtigten den Präsidenten von dem Ausgang der Konferenz in Kennt ris gesetzt, aber er hat sich auf die einfache Tatiache des Uebereinkommens beschränkt. Der Präsident hat daraus an beide Dank- und Glückwunschtelegramme gesandt.

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Die letzte Sitzung. -Intimes von der Friedens- Konferenz.­Fieberhafte Spannung;- das ist der einzige Ausdruck für die Stimmung, die alle Gemüter in dem kleinen, zu einem welthistorischen Plaze gewordenen amerikanischen Hafenstädtchen Portsmouth erfüllte, als die russischen und die japanischen Unterhändler zur legten Sigung zusammen­traten. Denn daß es die lezte sein werde, erklärte Witte sofort beim Zusammentreffen der beiderseitigen Delegierten.

Jezt kann man es ja sagen, und die russischen Friedens­unterhändler machen gar kein Hehl mehr daraus: Sie hat­ten die Koffer gepackt. Sie hielten die Sache für aussichts­los und eine Verständigung für ausgeschlossen. So unüber­brückbar erschienen die Meinungsverschiedenheiten. Starr bestanden die Japaner auf ihren Forderungen: Kriegsent­schädigung, Abtretung von Sachalin event. Rückkauf der nördlichen Hälfte der Insel, Beschränkung der russischen Seemacht in Ostasien, Auslieferung der in fremde Häfen geflüchteten und dort internierten russischen Kriegsschiffe. Mit der gleichen Starrheit lehnten die Russen diese Forde­rungen ab. Hier schien alle Mühe, auch die Anstrengung Roosevelts, vergeblich.

So standen die Dinge, als die letzte Sibung ihren An­fang nahm. Trotz der eisigen Miene, hinter der die ge­schulten Diplomaten ihre Erregung zu verbergen bemüht waren, merkte man auch ihnen an, daß sie von dem Ernst der entscheidungsvollen Stunde erfüllt seien. Nochmals vertraten die Japaner ihren Standpunkt; in geänderter, teilweise gemilderter Form hielt Komura ihre Forderungen aufrecht. Sofort stellte Witte fest, daß der neue Vorschlag der Gegenpartei nur eine Zusammenziehung der vier strit­tigen Punkte bedeute, und daß das ominöse Wort- die darin nicht fehle. Rund und nett Kriegsentschädigung erklärte Witte die Ablehnung dieser Forderungen. Jeßt mußte die Entscheidung fallen, und sie zeitigte eine wahrhaft dramatische jene. Die Erregung hatte die Dele