Ausgabe 
30.12.1905 Zweites Blatt
 
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Nr. 306.

Zweites Blatt.

Sufertionspreis: Die einfpaltige Betttzelle für ganz Ober­ben, bie Streife Weglar und Marburg 10 Bfg. fonft 15 Bfg. Reklamen bie Petitzelle 30 refp. 40 Bfg.

Mebaktion u. Haupterpedition: Gteßen, Seltersweg 88. Fernsprechanfchluk Nr. 362.

Samstag, den 30. Dezember 1905

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfs., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen viertel jährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( tägli und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wezlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Studentenleben.

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- Wie ein Spanier über deutsche Studenten urteilt. Der Besuch des spanischen Königs hat in Spanien das Augenmerk in erhöhtem Maße auf deutsche Verhältnisse hingelenkt und fast täglich beschäftigen sich jeßt die Madrider Beitungen mit Deutschland, das für sie früher ein ziemlich unbekanntes Land war. Neuerdings hat ein in Berlin Studierender Spanier eine Abhandlung veröffentlicht, in der er die deutschen Studenten seinen Landsleuten zu Hause als Muster Hinstellt. Wenn man die Verhältnisse an den südlichen Universitäten berücksichtigt, wo Studentenstreits und Revolten nichts seltenes sind, mag eine solche Ermahnung nicht unan­gebracht sein. Der spanische Student schreibt, daß sich der deutsche Student in erster Reihe dem Studiunt hingibt. Von 100 deutschen Studenten sizen 80 fleißig bei den Büchern, und man fann behaupten, daß 40 ihrer Arbeit mit wirklichem Eifer nachgehen. Aber jene zwanzig, die nicht so fleißig find, finden auch zerstreuungen: zunächst der Sport, sei es Automobil( 1), Ruder-, Turnsport oder Instrumental- und Bofalmusit, dann die Verbindung", die in der Hauptsache aus einigen guten Freunden und einem Tönnchen Bier besteht. Jede Verbindung hat ihr Lokal, ihre Tracht, ihre Farbe, ihr Band, ihre Statuten und ihren Mundschent(!). Man bleibt fundenlang beisammen und leert große Schoppen Pilsener oder Münchner, wobei frisch gesungen wird. Wenn die für einen schönen Schmiß" dem Teufel ihre Seele ver­schreiben würden; trotzdem öffneten alle ihre Mappen und schickten sich an, mit der Feder dem Vortrag des Professors zu folgen, der über die Philosophie des 20. Jahrhunderts von Fichte bis Nietzsche" sprach. Fast alle fönnen steno­graphieren; fie haben es auf dem Gymnasium oder zu Hause gelernt. Zwei nur blieben untätig inmitten dieses Galopps, den die Federn auf dem Papier tanzten: einer von diesen beiden war der spanische Student, der diese Zeilen schreibt und dem niemand Stenographie beigebracht hat; der andere ein fleiner Japaner, der alles, was hier über Schleiermacher vorgebracht wurde, lächelnd über sich chen ließ. Studenten hören täglich sechs bis sieben Vorlesungen und schreiben, wenn sie nach Hause kommen, die stenographierten Notizen ins Reine; dann erst gehen sie in die Verbindungen. Und wenn man in die Universitätsbibliothek oder in die Königliche Bibliothek geht, findet man viele von ihnen mit Haufen von Büchern, die sie in ihrem bescheidenen Zimmer­chen durcharbeiten. Weit intensiver noch als in der Universität wird in den Laboratorien und in den Kliniken gearbeitet. Niemals aber hört man, daß sich die Studenten verbinden oder verbünden, um gegen den Unterricht betreffende An­gelegenheiten zu protestieren, wenn man von den Proteſt­versammlungen in Sachen der konfessionellen Verbindungen obfieht, die ja schließlich ziemlich harmlos verlaufen. Die Verbindungen tragen einen privaten Charakter, außer den Bruder Studio wirklich einmal die Langeweile mit ihrem grauen Flügel berührt, kann er zum Rapier seine Zuflucht nehmen und sich damit vergnügen, daß er einem Kollegen ins Fleisch schneidet. Die Zahl der Verbindungsstudenten ist aber nicht groß. Gewöhnlich ist der Student" wild". Eine Vorlesung in der Universität schildert der Spanier in der

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schönmalenden Weise seines vandes: In dem großen un­besetzten Saale mit einer unendlichen Perspektive von Bänken und Schreibpulten herrschte eine Art Dämmerungsstimmung hinter dem Katheder wischte ein Bedell langsam die Er­innerungen an die soeben verflossene Vorlesung von der Tafel. Durch die hohen Fensterscheiben fiel der Blick auf den Universitätsgarten mit den dunklen Bäumen. Inzwischen wurden im Saale die elektrischen Lampen angezündet, und herein strömte eine Schar von Hörern, junge Leute mit roten Gesichtern, mit wirren Haaren, mit ungeschickten Bewegungen; unter dem Arm hatten sie Mappen mit Büchern und Schreib­papier. Sie seßten sich einer nach dem andern auf die Bänke, und ich zählte 322, darunter 40 Damen, fast lauter Russinnen und Schwedinnen. In diesem Augenblicke hörte man ein Geräusch im Saale: die Anwesenden begannen alle mit den Füßen zu trampeln. War das der Beginn einer Protest­fundgebung? Nein, meine Herren, so wird hier der Professor bei seinem Eintritt begrüßt. Sicher gab es unter den Hörern viele von der Sorte, die in der Universitätssprache ,, Bierstudenten" genannt wird, nicht wenige, etwa, daß sie bei öffentlichen Festen oder Aufzügen in ihren Galatrachten erscheinen. Im allgemeinen vereinigen sich die Seutschen Studenten nur, um zu studieren, wenn es auch scheint, als ob unter ihnen der Klassengeist mehr entwickelt ist als anderswo. Das fommt daher, weil der Staat und das Bürgertum dem Studenten mancherlei Privilegien zu­erfennt. Gewöhnlich lebt der deutsche Student allein oder höchstens mit zwei oder drei intimen Freunden, und diese Intimität ist nicht einmal das hingebungsvolle Vertrauen der lateinischen Freundschaft, sondern ein Austausch von Idealen, von Gedanken und von Ansichten über Welt und Leben..." Manche Ansichten des spanischen Beobachter werden nicht unwidersprochen bleiben, besonders scheint er das Verbindungswesen doch etwas zu rosig zu betrachten und gewisse Schäden, die in dem Kneipkomment liegen, über­sehen zu haben. Immerhin verdienen diese Ausführungen Beachtung, wenn es auch faum zu erwarten ist, daß bei dem Volkscharakter des Südländers deutsche Verhältnisse bildend auf Spanien einwirken fönnen. Schon die klimatischen Ver­hältnisse lassen ein so anhaltendes Arbeiten, wie es in Deutschland und andern nördlicheren Gegenden Gebrauch ist, im Süden nicht aufkommen.

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Vermischtes.

Die junge Frau von achtzig Jahren. Der Frau Cornelie Brielle in Budapest ist es nun doch geglückt, über alle Hindernisse hinweg ihren Herzenstraum zu verwirklichen: die achtzigjährige Greisin hat den 34jährigen Koloman Rosznyay, zu dem sie eine schwärmerische Neigung gefaßt hatte, geebelicht. Frau Brielle war vor langen Jahren eine gefeierte Bühnenkünstlerin, und ihr später Herzensroman er­regte das größte Aufsehen in der Gesellschaft, in der sie wohl bekannt und beliebt war. Ihre Verwandten boten alles auf, um die Ehe der Achtzigjährigen zu hindern. Man wollte sie sogar unter Kuratel stellen lassen. Aber mit großer Zähig= feit wußte die Greisin ihren Plan durchzuführen.

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Ein angenehmer Jugendbildungsverein. In Berlin hatte sich vor kurzem ein Verein von Jünglingen ge

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bildet, dessen Zweck angeblich Pflege der Geselligkeit war. Die Mitglieder dieses Jugendlust" genannten Vereins machten Sonntags Ausflüge in die Vororte, besuchten Tanzver= gnügungen und setzten die Bewohner dieser Orte dadurch in Schrecken, daß fie nachts auf dem Rückwege nach Berlin ,, zur Deckung der entstandenen Unkosten" Schaufästen aufbrachen und ausplünderten. Durch Abfassung des Vorfizenden" ge langte die Polizei in den Besitz der Mitgliederliste, und die saubere Gesellschaft wird demnächst vor Gericht ihre weitere ,, Fortbildung" erleben.

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Photographien auf Fingernägeln. Eine neue Mode kommt aus London: die Photographie auf den Finger­nägeln. Man hat ein neues Verfahren erfunden, durch das man winzige Klischees auf die Fingernägel der Elegants und der Schönen drucken kann. Alle die schönen Damen wollen das Porträt des von ihnen am Meistbegünstigten in dieser Form haben, und ebenso sind die jungen Stutzer darauf erpicht, die Züge der Geliebten auf dem Zeigefinger, dem Ringfinger oder dem kleinen Finger ihrer linken Hand zu tragen.

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Wie man siebzig Jahr alt wird. Der bekannte amerikanische Humorist, Mark Twain, der in diesen Tagen fiebzig Jahr alt geworden ist, hat einem Redakteur gegen­liber folgende interessanten Einzelheiten mitgeteilt, wie er sein Leben eingerichtet hat. Er sagt: Dreißig Jahre lang nahm ich morgens um 8 Uhr Kaffee und Brot und dann keinen Bissen oder Schluck mehr bis 7%, Uhr abends. Ich habe die Regel eingehalten, nie mehr als eine Zigarre zugleich zu rauchen. Im Trinken befolge ich keine Regel; wenn die ' andern trinken, helfe ich gern, sonst aber bleibe ich vorzugs­weise und aus Gewohnheit trocken. Diese Trockenheit schadet mir nichts, aber sie fönnte Ihnen schaden, weil Sie anders angelegt sind: lassen Sie das also sein. Seit meinem siebenten Jahre habe ich selten Arznei genommen und noch seltener welche gebraucht. Aber bis zu meinem siebenten lebte ich ausschließlich von allopathischen Arzneien. Mein Vater hatte nämlich Schulden halber eine Apotheke übernommen, und das machte Lebertran für den Haushalt billiger als andere Frühstücksspeisen. Als dann die Apotheke erschöpft war, war meine Gesundheit dauernd befestigt, und seitdem war ich denn auch nicht krant. Turnerische Uebungen habe ich nie gemacht außer Schlafen und Ausruhen. Turnen ist beschwerlich, auch fann es nicht gut sein, wenn man ermüdet ist, und ich war immer müde. Das Rezept tann also zur Nachahmung em­pfohlen werden.

Markwürdige Heiratswerbungen. Auf Nordborneo herrscht bei dem Stamm der Dajaten die graufige Sitte, daß ein Bräutigam seiner Braut vor der Hochzeit eine Anzahl abgeschnittener Köpfe verehren muß. Ein Dajate war von Missic aren so veit befehrt worden, daß er versprach, feine Feinde mehr umzubringen. Dies führte dazu, daß seine Braut ihn mit Verachtung zurückwies. Sie wollte ihn nur dann erhören, wenn er ihr Köpfe bringe. Der Abgewiesene verschwand für einige Zeit und erschien sodann in der Hütte des Mädchen mit einem Sacke, aus dem er ihr vier Köpfe vor die Füße rollen ließ. Das Mädchen fiel ihm freudig um den Hals, erkannte aber darauf zu ihrem Entsetzen die Köpfe ibrer Eltern, eines Bruders und eines jungen Mannes, der

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