Ausgabe 
30.9.1905 Zweites Blatt
 
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Wert beigelegt. Diese oder jene Sympathiekuren und die Wirkung abergläubischer Gebräuche, die in der Laienheil­funde früher eine so große Rolle spielten und zum Teil noch spielen, werden verständlicher, ohne daß man sich dem Glau­ben an die Einwirkung übernatürlicher Kräfte hinzugeben braucht. Ueber dieses wichtige und vielfach noch wenig ge­klärte Gebiet veröffentlicht der französische Professor Grasset eine interessante Studie, die in mehr wie einer Beziehung zum Nachdenken anregt. Grasset bezeichnet zunächst als eines der in Betracht kommenden Heilmittel die Auf­regung.

Eine junge, Dame, die seit mehreren Jahren vollständig die Stimme verloren hatte, findet sie wieder, als sie sieht, daß ihre Freundin in Gefahr schwebt, von einem heranbrau­senden Eisenbahnzug erfaßt und zermalmt zu werden; sie stößt plötzlich einen Schreckensruf aus und kann von diesem Augenblick an sprechen. Es ist die modernisierte Geschichte von dem Sohne des Krösus, der stumm war und der, als er eines Tages sah, daß ein Feind seinen Vater niederstoßen wollte, plötzlich vor Angst zu sprechen begann, indem er aus­rief: Soldat, schone das Leben des Krösus!" Bei dem Erdbeben von 1855 erlangte in Lyon eine Frau, deren Zunge gelähmt war, die Sprache wieder, als sie ihren Gat­ten um Hilfe anflehen wollte; eine andere Paralysikerin wurde durch die Explosion eines Pulverturmes geheilt.

Als weiteres Heilmittel ist die Ueberredung und Willensstärkung zu erwähnen. Nach Feuchters­leben soll Goethe sich bei Ausbruch eines seuchenartigen Fiebers durch die bloße Einwirkung eines festen Willens" vor Ansteckung bewahrt haben. Ein Psychastheniker mit schwacher Willenskraft läßt sich von allerlei Furchtgefühlen

Furcht vor Mikroben, Furcht vor moralischer Befleckung, Furcht vor Heiligtumsschändung- beherrschen. Der Arzt aber stärkt durch mächtigen und energischen Einfluß den schwachen Willen und gibt dem Kranken das verlorene Selbstvertrauen wieder. Ein anderer Patient leidet an Platfurcht; auch ist er überzeugt, daß er nicht imstande sei, eine Kirche oder ein Theater zu betreten. Der Arzt aber beweist ihm, daß er das alles kann, wenn er nur will, und nun fann er es wirklich. Ein nicht zu unterschätzendes Heil­mittel ist auch die Ablenkung und zerstreuung. Nach Liebeault befreite sich Pascal von einem heftigen Zahn­schmerz, indem er schwierige arithmetische Probleme zu lösen begann; auch Kant, der oft an Herzklopfen und Be­klemmungen litt, kurierte sich, indem er durch angestrengte Kopfarbeit seine Aufmerksamkeit von dem körperlichen Lei­den abzulenken suchte. Padisleau ließ nur dadurch, daß er die Zeiger der Uhr weiterrückte, bei einer Frau ein ein­gebildetes Fieber verschwinden, dessen Anfälle sich stets um vier Uhr nachmittags einzustellen pflegten. Hack Tuke er­zählt, daß er, als er sich einmal einen Zahn ziehen lassen mußte, nicht den geringsten Schmerz verspürte, weil er sich während der Operation lustige Szenen vorzustellen suchte. Ueber die Heilung durch Suggestion braucht wohl kaum etwas gesagt zu werden, da derartige Fälle oft besprochen worden sind. Daher nur ein Beispiel: Eine hysterische Per­son hat eine Lähmung des Armes; der Arzt schläfert die Patientin ein und suggeriert ihr in der Hypnose, daß sie den Arm bewegen kann und daß sie von nun an nie mehr Läh­mungsempfindungen haben wird. Und so ist es in der Tat. Nun noch etwas über die Heilung durch Erziehung. Ein Knabe hat schlechte Eigenschaften; er ist boshaft und faul. Der Lehrer, der Pfarrer, der Arzt suchen seinen mora­lischen Sinn zu entwickeln, zeigen ihm das hohe Ziel, das man im Leben zu erreichen suchen muß, stärken seine höheren psychischen Fähigkeiten und machen schließlich aus ihm einen tohlerzogenen jungen Mann. Ein Trunkenbold oder ein Morphinist wird durch einen klugen und intelligenten Rat­geber gebessert; der Warner sucht ihm nach und nach die Gefahren, die seine lasterhafte Angewohnheit mit sich bringt, begreiflich zu machen und zeigt ihm, wie viel Schöns er noch vollbringen kann, wenn er sich bessert Auch manche der sog. Nerventifs" fönnen auf ähnliche Art geheilt wer­den. Jedenfalls ist die Psychotherapie, unter welchen Be­griff die beschriebenen Heilverfahren fallen, ein wesentliches Hilfsmittel der modernen Medizin geworden.

Bekanntmachung.

Der Abbruch der Gebände in dem früher Schüler'schen Garten, sowie das Fällen von Bäumen und Sträuchern und der Aushub und Transport des Mutterbodens soll im Wege des Angebots ver­geben werden. Nähere Auskunft erteilt das städtische Tiefbauamt.

Schriftliche Angebote, zu welchen Vordrucke auf dem Tiefbauamt erhältlich, find bis zum 5. Oktober, vor­mittags 11 Uhr bei der unterzeichneten Behörde einzu­reichen.

Gießen, den 29. September 1905.

Großh. Bürgermeisterei Gießen.

Mecum.

Bekanntmachung.

Wir machen alle Hausbesitzer darauf aufmerksam, daß wir unser Tiefbauamt angewiesen haben, während der Zeit vom 15. November 1905 bis 15. Februar 1906 teine Hansentwässerungsanschlüsse in den Straßen, bezw. Verbindungen der Grundstücke mit den Straßenkanälen herzustellen.

Gießen, den 28. September 1905. Großh. Bürgermeisterei Gießen. Mecum.

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Die ungarische Frau.

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Betrachtungen über Eigenart und Sitten. Wer kennt die Ungarin? Erziehung. Reisefurcht. Lebensgewohnheiten. Gewappnete Frauen. Berühmte Vorbilder. Hoffnungen für die Zukunft. ( Nachdr. verb.) Budapest, 26. September.

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Die Blicke der Welt lenken sich gegenwärtig in beson­derem Maße auf das Land, in dem das ungarische Element die führende Rolle spielt oder spielen will. Von politischen Erschütterungen durchbebt, befindet sich Ungarn in schwerem Zwiespalt mit der vom Hause Habsburg getragenen Krone, in starken Meinungsverschiedenheiten mit den übrigen Teilen der österreichischen Monarchie. Da ist es gewiß nicht uninteressant, Einblicke zu gewinnen in das Leben der ungarischen Frau. Die Phantasie des gebildeten Mittel­europäers regt sich bei dem Worte. Bücherreminiszenzen erwachen, Erinnerungen an Illustrationen des Familien­blattes, an die Musik der Zigeunerkapellen und die Gedichte Nikolaus Lenaus. Die Pußta, die Zigeuner, der Csardastanz- die feurige Ungarin mit kohlschwarzem Haar und glänzenden Augen das ist so was Erotisches, Romantisches, Unbekanntes. Interessant ist sie, die Unga­rin: denn niemand hat auch nur eine leise Ahnung davon, wie sie eigentlich, als Mensch und als Weib, als Persön­lichkeit und als Rassenindividuum, beschaffen ist. In Deutschland selbst, sowie in allen internationalen Versamm­lungsorten des Auslandes, in allen größeren Städten, Bä­dern u. s. w., Universitätszentren begegnet man heute schon Frauen der verschiedensten Nationalitäten. Nur die Unga­rin fehlt. Im Auslande weiß man nichts von ihr. Es will fast scheinen, als könnte man sie überhaupt nur im eigenen Lande zu Gesicht bekommen. In Wirklichkeit hat die Ungarin sehr wenig Gelegenheit, sich der Außenwelt zu präsentieren. Die alten Prinzipien der Frauenerziehung sind in Ungarn größtenteils noch in voller Geltung: diesen Prinzipien gemäß hat aber jeglich weibliches Wesen an dem Orte, wo es das Schicksal zufällig hingestellt, lebenslänglich in Reglosigkeit und Passivität zu verharren. Die Be­wegungsfreiheit, wie sie zum Beispiel in Holland, in Skan­dinavien, in England, in Deutschland, die Frauen des Mit­telstandes genießen, ist vollkommen unbekannt. Der Magyar, sonst außerordentlich lebhaften und wandlungsfähigen Tem­peramentes, ist in Punkt Reisen von einer ganz altväterischen Schwerfälligkeit. Er reist, um seine Geschäfte zu er­ledigen, wenn es eben unumgänglich nötig geworden: von Südungarn nach dem Norden, oder umgekehrt, oder auch nach Wien. Einer, der in Berlin gewesen, oder gar in Paris, ist ein bereister Weltmann. Unter solchen Umständen kann es gar nicht Wun­der nehmen, daß die Ungarin in einer vollkommenen Unkenntnis der Außenwelt und ihrer Verhältnisse ver­harrt. Von dem Fortschritt ihrer westlichen Schwestern weiß sic herzlich wenig. In Budapest hat sich eine kleine Gruppe fortschrittlicher Frauen herangebildet: das sind die Moder­nen, die sich für die Fragen der Allgemeinheit, für Frauen­frage, für soziale Wohlfahrt usw., interessieren, die allein auf der Straße gehen, die sogar unbegleitet oder wenig­stens ohne männche Begleitung Reisen unternehmen. Das Durchschnittsmädchen aus gutem Bürgerhause geht nie allein auf die Straße: sie läßt sich vom Dienstmädchen be­gleiten, oder, wenn die Familie es irgend erschwingen fann, von einer sogenannten Promeneuse", einer französischen oder englischen Anstandsdame. Man kann sich denken, wie ein junges Mädchen, das nicht selbständig genug ist, um allein über die Straße zu gehen, ihr Leben einrichten wird. Das junge Mädchen aus gutem Hause verbringt seine Zeit in eitlem, durch Kuchenbacken, Staubabwischen, Klavier­spielen und Romanlesen unterbrochenem Müßiggang. Als verheiratete Frau setzt sie dieses Dasein in noch müßigerem Etile fort. Im Gegensatz zu diesem Typus findet man speziell unter den Provinzlerinnen, zumeist im Landadel oder in der adligen Bauernklasse, Frauen von ganz hervor­ragenden Fähigkeiten. Die ganze Eigenart des Volkes, das Urfräftige, Gesunde, Kernige, gelangt in diesen Frauen zu voller Entfaltung. Auch sie haben zumeist nur eine primi­tive Erziehung höchstens die der höheren Tochter

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nossen. Auch sie sind in den engen Kreis der Häuslichkeit festgebannt; aber inmitten dieser Häuslichkeit herrschen sie tatkräftig, sicher, klug und mutig, als wahre Wirtschafts­amazonen. Der ungarische Landadel führt durchweg ein leichtes, und oft ein sehr leichtsinniges Leben: es wird viel gespielt, auch viel verspielt. Da gibt es unzählbar viele Familien, wo der Mann Tag für Tag am Kartentisch sizt, während zu Hause Frau Mariska oder Erzsike mit eiserner Hand das Gut verwaltet und die Söhne erzieht. In ihr verkörpert sich die starke Frauenart der guten Magyaren­cosse: sie ist eine ,, kardos menyecske"- ,, eine gewappnete Frau", wie die alte Redensart lautet. Durch die unga­rische Geschichte zieht eine bunte und glänzende Schar solch ..gewappneter Frauen" die Ahnfrauen der Mariskas und Erzsikes. Da ist vor allem die heldenmütige Ilona Zrinyi, einem hochadligen und tapferen Geschlechte entsprungen, die im Jahre 1668 die von der kaiserlichen Armee bedroht Festung Munkacs verteidigte. Sie selbst stand an der Schanze, sie unterwies die Mannschaft, plante die An­griffe ordnete den Schlachtplan. In den Türkenfriegen spielte eine Anzahl tapferer Frauen eine große Rolle. Die Frau des Adligen Rozgonyi, die reizende Cecilie, deren An­mut man heute noch im Liede feiert, zog mit ihrem Gemahl in den Krieg und führte den Mann, als er verwundet ward, bei Nacht und Nebel in einer Barke die Donau hinab, ant feindlichen Lager entlang. Und Maria, Gräfin Szécsi, die auf eigene Faust Kriegsgeschäfte führte, und die kluge Kata Debó, die mit ihren Gespielinnen die Feste Erlau gegen die Türken hielt alle die Vielen, man weiß sie kaum zu nennen, die ernst oder fröhlich, aber immer anmutig und fühn aus Nebelfernen zu uns herüberwinken. Noch ist ihre Art nicht ausgestorben. Noch leben rings im Lande die tapferen Frauen, die jedem Angriff des feindlichen Lebens gewachsen sind, und vielleicht wird im Lichte der modernen Denfungsart, des Freisinnes und der Aufklärung, ein neues Frauen- Geschlecht in Ungarn erwachsen. Kühn und fest, wie die Ahnfrauen, und innerlich vertieft, verfeinert und durchgeistigt, wie es die glücklich entwickelten modernen Menschen sind. E. Neményi.

Vermischtes.

= Ein neuer Verschluß für Bierflaschen. Man hat die Beobachtung gemacht, daß die mechanischen Gummiverschlüsse an den Bierflaschen leicht Unreinlichkeiten aufnehmen und dadurch zu Trägern von Krankheitsstoffen werden. Es kommt dabei in Anbetracht, daß etwa 90 Prozent fämt­licher Flaschen bei Handwerkern und Arbeitern bei der Ar­beit geleert werden, wobei das Bier direkt aus der Flasche getrunken wird. Um hier Wandel zu schaffen, hat man die Verwendung eines einfachen Schraubenverschlusses angeregt, der mit einer Korkscheibe abgedichtet ist und nach einmaligem Gebrauch weggeworfen wird, so daß die Brauereien lediglich die leeren Flaschen zurück erhalten und zum Verschließen stets neue Verschlüsse mit neuen Korfscheiben verwenden.

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Geschwätigkeit im Theater. Im alten Hoftheater zu Darmstadt befanden sich hinten zwei Logen, die eine für die Angehörigen der Hofkapelle, die andere für die des Chor­personals. Bei der Aufführung von Beethovens Fidelio" saßen in der Hofmusik- Loge zwei befreundete Damen zu­sammen, Als in der Leonoren- Ouvertüre" die Musik plöt. lich abbrach und das Trompeten- Solo hinter der Szene ein­sette, hörte das Publikum, wie die eine der von der Pause überraschten Damen zu ihrer Freundin sagte: Ich mach' sie mit Zwiebeln!"

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Einfluß der Musik auf Irre. In einem amerikanischen Irrenhause wurde die beruhigende Wirkung der Musik auf 400 rre erprobt, und zwar mit bestem Erfolge. Viele der Zuhörer gehörten zu den gefährlichen Patienten, aber alle beobachteten während der zwei Stunden, die das Kon zert in Anspruch nahm, die beste Haltung, lauschten den Tönen vom ersten bis zum letzten Stück des Programms mit hingebender Aufmerksamkeit und gaben ihrer Begeiste rung durch häufiges Händeklatschen Ausdruck.

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Samstag, den 30. September

1905.