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Nr. 175.

Jasertionspreis: Die einspaltige Betitzeile für ganz Ober­helen, die Kreise Weglar unb Marburg 10 Bfg. fonft 15 Pfg. Reklamen bie Petitzetle 30 refp. 40 Bfg.

Redaktion u. Haupterpebition: teßen, Gettersweg 88. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Freitag, den 28. Juli 1905.

Gießener

14. Jahrgang

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Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle omtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Das Staatsjubiläum in Belgien. Fünfundsiebenzig Jahre ist der belgische Staat alt. Im Jahre 1830 hat er sich von den Niederlanden losgerissen und Selbständigkeit erlangt. Als Teil der Niederlande fühlten die Belgier sich von den Holländern zurückgesetzt. Sic murrten hiergegen, und da das Murren nicht half, so rebel: lierten sie. Es war im ganzen eine ziemlich gemütliche Re bolution, bei der es nicht allzu heiß herging und die strei tenden Parteien sireng darauf bedacht waren, nicht gegen die oberste bürgerliche Verpflichtung zu verstoßen, die das Mit­tagessen zur rechten Zeit einzunehmen vorschreibt. Da der niederländische Gesamtstaat, wie er vor der Revolution von 1830 gewesen, ein Werk des Wiener Kongresses war- die Arbeit hat nur 15 Jahre gehalten- so hielten sich die Rongreßmächte für zuständig, auch über die belgische Reve lution und deren Ergebnis ihr Urteil abzugeben. Sie taten das mit ebensoviel Vorsicht wie Klugheit. Sie erklär ten: Was geschehen, sei einmal geschehen, und da die Bel. gier sich selbständig gemacht hätten, so sollten sie auch selbst­ständig bleiben. Und sie blieben cs. Auch einen eigenen König wählten sie sich, nachdem sie sich eine Verfassung ge geben, deren parlamentarisches System später vielfach zum Muster genommen worden ist. Bei der Königswahl hatten sie außerordentliches Glück, das sie übrigens verdienten, da sie große Umsicht zeigten. Sie wollten einen Mann auf dem neuen belgischen Thron haben, der klug und fein Streber war. Sie wählten den Prinzen Leopold von Koburg, der fein Streber war, da er schon eine Königsfrone ausge schlagen hatte, und der ein kluger Mann war, da er die griechische Königskrone ausgeschlagen hatte. Prinz Otto von Bayern ging nach Athen; aber er blieb nicht lange dort. Das fonnte man freilich im Jahre 1830 so genau noch nicht wissen. Prinz Leopold von Koburg nahm diz belgische Königswahl an. Weder er, noch die Belgier hatten je Ursache, das zu bedauern.

Belgien wollte mit Vorsicht regiert sein. Nicht etwa des revolutionären Ursprungs wegen, dessen Spuren bemerkbar geblieben wären. Nein, die Belgier waren für die gute Ne­gierung ihres guten Königs Leopold I. von Herzen dank­bar und machten ihm nicht mehr Kummer, als unbedingt er­forderlich. Die Vorsicht war nach Außen nötig. Belgien: war zwar für neutral erklärt und unter den Schutz der Kollektivgarantie der Wiener Vertragsmächte gestellt wor den, aber schon daß diese Garantie für nötig befunden wurde, legt Zeugnis ab für das Vorhandensein einer Bedrohung. Von der Schweiz kam die Bedrohung nicht, auch nicht von Holland oder Dänemark; sie konnte nur von einer Groß­macht ausgehen. Woraus wiederum erhellt, daß unter der großmächtlichen Kollektivgaranten wenigstens einer nicht fehr aufrichtig war. Das wußte König Leopold I., und Kö­nig Leopold II., der ebenso klug ist, wie sein Bater gewesen. erfuhr es noch genauer. Es war im Jahre 1867, als die Luremburger Frage zum Ausgangspunkt eines Streites zwischen dem wieder kaiserlich gewordenen Frankreich und dem Norddeutschen Bund zu werden drohte. Der französi­sche Botschafter Benedetti in Berlin gab dem Reichskanzler Grafen Bismarck schriftlich, daß Frankreich Belgien zu an­neftieren gewillt sei. Diese Offenheit war nicht einmal eina Unvorsichtigkeit. denn Frankreichs Absichten auf Belgien waren längst bekannt. Und Belgien war schutzlos. Die Kol­Icktivgarantie bedeutete meniger, als irgend eine Einzel­garantie bedeutet hätte. Das englische Ministerium, hier­über befragt, gestand ohne weiteres zu, daß eine Kollektiv­garantie zu ihrer Wirksamkeit die Uebereinstimmung aller Garanten erfordere. Da einer der Garanten selbst Belgien verschlucken wollte, war die Uebereinstimmung natürlich ausgeschlossen.

Aus dieser Gefahr hat Deutschland Belgien gerettet. Ohne die Siege Deutschlands von 1870/71 gäbe es kein Bel­gien mehr. Und daß die Gefahr noch immer nicht völlig borüber ist, hat König Leopold genau erkannt. Er bewies das, indem er Belgien wehrhaft machte, so daß es jedenfalls nicht ohne weiteres überrannt werden kann.

Anläßlich des belgischen Nationaljubiläums hat Kaiser Wilhelm das Panzerschiff Kaiser Karl der Große" nach Antwerpen geschickt. Bei einem Festmahl dort gab der deut­sche Gesandte den Sympathien Deutschlands und seines Kai­fers für den flugen König der Belaier und für Belgien herz­lichen Ausdruck. König Leopold nahm anderen Tages Ge­legenheit zu einer nicht minder herzlichen Antwort, in der er den Wunsch aussprach, das belgische Volk möge den Tra­ditionen des deutschen Volkes folgen.

Seltsamerweise ist man in Belgien lange Zeit nicht deutschfreundlich gewesen, hat man dort besorgtes Miß­rauen gegenüber Deutschland empfunden. Das ist anders geworden. Die Tatsachen haben gar zu laut gesprochen, so daß eine Fortführung der Fälschung nicht möglich war. König Leopold hat, ohne Aufdringlichkeit und in, aller Stille, wesentlich dazu beigetragen, daß bessere Erkenntnis in belgischen Volk Raum gewann. In den Niederlanden ist es ähnlich gegangen. Von interessierter Seite war auch bier die Saat des Mißtrauens gegen Deutschland ausgestreut worden, während zu solchem Mißtrauen nicht der leiſeſte Grund vorlag. Deutschland hat sich den Niederländern

immer freundnachbarlich erwiesen. Die deutschen Siege sind auch für die Niederländer zum Heil gewesen. Die freund= nachbarlichen Beziehungen werden sich schon noch zu freund­schaftlichen Beziehungen umwandeln. Bei Belgien ist das gelungen, bei den Niederlanden wird es gelingen

Der Krieg in Oftafien.

Die Entscheidungsfämpfe zwischen den japanischen und russischen Landheeren scheint begonnen zu haben. Aus Osaba wird gemeldet, daß ein starkes japanisches Heer die russischen Stellungen am Tumenfluß angegriffen habe. Wenn die Japaner imftande sind, die Russen von dem Grenzfluß zwischen Nordkorea und der Mandschurei abzudrängen, wäre

der Weg nach Wladiwostok

offen. Anscheinend steht auch ein Angriff auf die Haupt­macht des Generals Lenewitsch bevor, den die Japaner mit einem Umgehungsmarsch durch die Mongolei nach russischen Quellen vorbereiten sollen. Bereits soll es am Tumen ge­lungen sein, kleinere russische Truppenteile zum Abmarsch nach Norden zu veranlassen.

Die Japaner auf Sachalin

erweitern täglich das Annerionsgebiet. So haben sie eine große Streitmacht bei Alexandrowsk gelandet, nach­dem die Flotte vorher die Küste refognosziert hatte. Die Stadt wurde ohne Kampf besetzt und die japanische Flagge gehißt. Alexandrowsk war der einzige bisher noch den Russen verbliebene Punkt von Bedeutung auf Sachalin.

Die Friedensaussichten

rücken mit der Abreise des russischen Kommissars Witte an Bord des deutschen Lloyddampfers Kaiser Wilhelm" von Cherbourg aus einen Schritt näher. Unterrichtete japanische Kreise sollen sich dahin geäußert haben, daß das Schicksal Wladiwostoks eine wesentliche Rolle bei den Friedensver­handlungen spielen werde. Japan werde wahrscheinlich nicht verlangen, daß die Festung geschleift werde, dagegen auf der Bedingung bestehen, Wladiwostok wieder zu einem Freihafen zu machen. Sachalin werde jedenfalls als Siegesbeute beansprucht werden, während man bezüglich der Mandschurei den Gang der Verhandlungen abwarten. müsse. Jedenfalls hofft man auf baldigen Friedensschluß.

Eine neue Operetten- Verfchwörung. ( Eig. Bericht.) Paris, 27. Juli.

Die Begnadigung, zu der vor vierzehn Tagen Präsident Loubet als zu einem Aushilfsmittel griff, weil das Amnestie­gesetz in der Deputiertenkammer nicht zustande gekommen war, hat sich auch auf die uniformierten Kolonisationsunter­nehmer erstreckt, auf die mit der Dummheit ihrer lieben Landsleute rechnenden Projektenmacher, denen die Phantasie der Pariser Presse unheimliche Verschwörungspläne ange­dichtet hatte. Um je zehntausend bis hunderttausend Francs sollten Offiziere in beträchtlicher Zahl bestochen sein, die Re­publif zu erwürgen und das Kaiserreich unter einem Prin­zen Bonaparte wiederherzustellen. Es war dabei genau so zugegangen, wie bei der Verschwörung des Fiesco zu Genua. Die mißvergnügten Nobili" fehlten nicht, und selbst der zu allen Schandtaten bereite Mohr war wenigstens in einer Andeutung vorhanden. Ein Gelächter ging durch ganz Europa, Frankreich eingeschlossen. Nur der untersuchungs­richter lachte nicht; er mußte von Amts wegen ernst bleiben und die Verschwörungskomödie als eine Kriminaltragödie behandeln. Die Begnadigung befreite ihn von der undank­baren Aufgabe. Unter den Berbreitern des Märchens, das die französische Republik als jedem Handstreich ausgesetzt hinzustellen den Zweck hatte, war der ehrenwerte Gaulois" am eifrigsten gewesen. Natürlich ärgert er sich, daß ihm das Konzept verdorben worden und daß man ihn ausgelacht hat. Er verfährt aber ganz flug: nach dem Beispiel des Alkibiades, der es immer verstand, die ärgerliche Aufmerk­samkeit seiner atheniensischen Landsleute von seinem jüngsten Torenstreich dadurch abzulenken, daß er flugs einen noch größeren Torenstreich vollführte. Freilich hat der Gaulois" weder die Erfindungsgabe noch die Anmut des griechischen Helden; seine Phantasie arbeitet nur im Un­geheuerlichen, ist eintönig und dabei auf Entlehnungen an­gewiesen. Um vergessen zu machen, daß er der Entdecker der französischen Operettenverschwörung gewesen, erzählt ec jcht von einer neuen grausigen Verschwörung, deren Schau­platz er nach Elisabethgrad in Rußland verlegt. In Elisabethgrad, so erzählt der Gaulois", trafen für einen angesehenen Bilderhändler, dessen Namen der Gaulois" in gewohnter Diskretion verschweigt, sieben zusammengerollte Bildwerke ein, die mit dem üblichen Vermerk ,, Vorsicht! Kunstgegenstände!" versehen waren. Die Bahnverwaltung sah, daß die Holzumkleidung zerbrochen, ein Bild tief ein­gerissen war, und übergab, um Entschädigungsansprüchen zuvorzukommen, das Bild einem Künstler, der den Riß bis zur Unmerklichkeit zu verdecken versprach. Der Helfer in der Not löste, wo es ihm für seine Arbeit erforderlich schien, an einer Stelle des Bildes die Farbe ab und fand Druck­

schrift, darunter das Wort Potemfin". Seine Neugierde erwachte. Er fragte weiter und legte eine revolutionäre Proklamation frei, mit Losungsworten, genauen Instruktio­ten, Befehlen, für bestimmte Führer der Bewegung und für Komitees. Natürlich ging der Entdecker nicht zur Eisenbahn­verivaltung, sondern zur Polizei, die solchergestalt zur Kenntnis einer vom Ausland aus geleiteten, auf Ent. thronung des Zaren, Verhafiung der Großfürsten, Ermordung der Polizeimeister in allen größeren Städten des Reiches gerichteten wunderbar organisierten Verschwö rung" fam. Der Kunsthändler aber, den man verhaften wollte, war mit seiner ganzen Familie plötzlich spurlos ver. schavunden, und eine Haussuchung förderte nichts zu Tage. Das ist die neueste Verschwörer- Entdeckung des Gaulois", Die Verlegenheit entschuldigt manches, die Hize entschuldigi riel.

Politifche Rundschau.

Deutsches Reich.

* Ueber einen bedauerlichen Zwischenfall an der Grenze von Kamerun werden in der französischen Presse Mitteilun gen gemacht. In Missum- Missum, das an der nicht ganz zweifelsfrei festgestellten Grenze liegt, hatte eine fran­zösische Gesellschaft eine Faktorei errichtet. Nach der fran­zösischen Darstellung soll sich ein deutsches Detachement unter Befehl des Leutnants Schönmann dem dort stationierten Posten der französischen Senegalschüßen genähert haben. Der schwarze Unteroffizier der Franzosen kam ihm allein entgegen. Schönmann befahl ihm, sich von Missum- Missum zurückzuziehen, worauf der Unteroffizier antwortete, er handle nach den ihm gewordenen Anweisungen. Leutnant Schönmann schoß den Unteroffizier nieder, da er glaubte, dieser wolle ihn angreifen. Auf das Gerausch des Schusses liefen die übrigen Senegalschüßen hinzu. Das deutsche Detachement empfing siz, obwohl sie die Gewehre über der Schulter hängen hatten, mit einer Salve und tötete vier, während mehrere andere verwundet wurden. Erst als der Verwalter der französischen Faktorei erschien und den deut schen Offizier über die Grenzverhältnisse aufklärte, zogen sich die Deutschen zurück. Das Ereignis bedarf jedenfall genauer amtlicher Untersuchung und Darstellung von deut scher Seite, ehe man zu einem Urteil kommen kann. Falla auf deutscher Seite eine übereilte Handlung vorgelegen hat, wird sicher die entsprechende Rüge folgen. Eine friedliche Einigung über den peinlichen Vorfall ist sicher, obwohl man wünschen muß, daß er gerade während der Beilegung des Marokkozwistes unterblieben wäre.

* Wie jetzt bekannt wird, hat der Kommandierende dei deutschen Truppen im südwestafrikanischen Aufstandsgebiet, General Trotha, schon im Juni eine Bekanntmachung er. lassen, nach der von den 150 Hottentotten, die Hauptmann Siebert im Gefecht bei Bisseport unter den Augen der eng. lischen Polizei über die Grenze drängte, und die angeb lich durch diese entwaffnet und gefangen gesetzt wurden, nu fieben in Gewahrsam blieben. Den Rest hat die englische Polizei angeblich entlaufen lassen. Von neuem wird be. stätigt, daß Witbois südlich Lehutitu siten und in der Nähe bon Lehutitu durch englische Händler versorgt werden. Die indirekte Unterstützung des Aufstandes durch enalische Händ Yer ist zwar mehrfach abgeleugnet worden, scheint aber dock Tatsache zu sein.

Gin lacherliches Gerücht wird von der deutschfeindlichen Rondoner Zeitung Daily Mail" verbreitet. Die Besteigung des norwegischen Thrones durch einen hohenzollernschen Prinzen soll der deutsche Kaiser beabsichtigt haben, als er mit dem Zaren zusammentraf. Wenn der Kaiser von Rußland jeine Zustimmung zu dem Plane gebe, würde Rußland eine Gebietserweiterung auf Kosten Norwegens und damit zu­gang zum offenen Meer erhalten. Schon aus dem letzten Sat erhellt die ganze Naivetät der Erfindung, denn die Norweger würden sich schwerlich einen König gefallen lassen, der eine Gebietsabtretung als Morgengabe mitbrächte. Der ,, Standard" tritt denn auch der Hetznachricht der Daily Mail" gebührend entgegen.

* Der badische Staat führt die Gleichberechtigung der Abi­turienten praktisch durch. Demnächst erscheint eine Ver ordnung, welche die Gleichberechtigung von Reiseprüflingen der deutschen Gymnasien, Realgymnasien und Oberrcal, schulen hinsichtlich Zulassung zu allen badischen Staats. prüfungen ausspricht. Es fallen also die bisher notwendigen Ergänzungsprüfungen weg, dagegen werden die Prüfungs. ordnungen für den höheren öffentlichen Dienst Bestimmun gen treffen, mie die Kenntnis der alten Sprachen, sowei solche erforderlich ist, zu erwerben und nachzuweisen ist.

Oefterreich- Ungarn

** Der Konflikt zwischen Parlament und Regierung ver schärft sich mit jedem Tage. Der Präsident des Abgeord­netenhauses, Justh erklärte, daß das Abgeordnetenhaus am Schon 15. September unbedingt zusammentreten werde. Die Vertagung am 21. Juli sei ungesetzlich gewesen, und es väre ein Fehler gewesen, daß man dem föniglichen Hand ichreiben loyal Folge geaeben habe. Sollte ein zweitesmal