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Nr. 50.

Jusertionspreis: Die einspaltige Betttzelle für ganz Ober­Beffen, die Kreise Weglar and Marburg 10 Bfg. fenft 15 Bfg. Reklamen die Betitzeile 30 refp. 40 Bfg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Dienstag, den 28. Februar 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberhefftsche Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Beifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Rechte und Pflichten der Eisenbahner.

In Rußland hat der Eisenbahnminister Fürst Chilkow die Beamten seines Ressorts, das die Privatbahnen ebenso wie die Staatsbahnen umfaßt, von den höchsten Betriebs­leitern bis zum Weichensteller unter Ausnahmegejez gestellt. Der Beamte, der seinen Platz ohne Auftrag verläßt, unter­liegt einer Mindeststrafe von drei Monat Gefängnis.

Dieser Ausnahmezustand hat bisher nur für die sibirische Bahn gegolten, die als einzige Zufuhrlinie zum Kriegsschau­plab keinen willkürlichen Störungen ausgesezt sein durfte. Die Ausdehnung auf alle Bahnen( mit Ausnahme einiger unbedeutender Streden in Zentralasien) ist durch den Streik der Eisenbahner im westlichen europäischen Rußland veran­laßt. Bei der Stellung der Eisenbahnbeamten unter Kriegs­gesez hat die Rücksicht auf den Krieg in Ostasien wohl nur mittelbare Einwirkung gehabt. Denn es muß hervorgehoben werden, daß die westrussischen Eisenbahnangestellten auch während ihres Streiks nicht aufgehört hatten, die Militär­züge zu versorgen und für deren Beförderung das nötige zu hum. Immerhin ist der Fall denkbar, daß militärische In­teressen auch durch die Hemmung des sonstigen Verkehrs be­einträchtigt werden können, da doch manche für das Kriegs­heer bestimmte Sendung unter Umständen als gewöhnliches Gut zur Aufgabe gelangt, ehe es in Militärzügen gesam­melt ist.

Bären in Rußland die landesüblichen normalen Ver­hältnisse herrschend, so gäbe es natürlich einen Streif über­haupt nicht, weder bei den Eisenbahnarbeitern, noch bei den Gisenbahnangestellten. Nach russischem Gesez nämlich ist der Streif, auch der rein wirtschaftliche, der vielleicht nur ein halbes Dubend Fabrikbesizer angeht, unter allen Umständen dem Aufruhr gleichgeachtet. Die Arbeiter haben nicht das Recht zu einer Verabredung, nicht das Recht zu gemeinsamer Wahrung ihrer Interessen, und sie erscheinen als Rebellen gegen den Staat, wenn sie korporativ höheren Lohn ver­langen oder gegen eine Fabrikordnung sich auflehnen. Die Streits in Petersburg waren also formal Akte der Rebellion, und diese Rebellion hat in ganz Süd- und Westrußland Nadjahmung gefunden. Der Staat war ratlos. Er wendete seine Machtmittel auf, die Rebellion zu unterdrücken, und er hatte dabei wenig Glück. Bei dem Streit der Eisenbahner tut er genau dasselbe: er greift zu den Gewaltmitteln, zu­nächst zu der Verschärfung der gesetzlichen Strafandrohungen. Ob er damit mehr Glück haben wird, bleibt abzuwarten.

Wäre Rußland nicht Rußland, so würde in diesem Fall die Sympathie wahrscheinlich auf seiten der Regierung sein. Nicht weil man etwa überzeugt wäre, daß die Eisenbahner Unbilliges verlangen, sondern weil ein Eisenbahnerstreik alle Welt direkt belästigt, auch die Kreise, die an der Ent­lehung des Streiks nicht die geringste Schuld tragen und zur Befeitiauna des Streits nichts, absolut nichts tun können.

Diesen Kreisen liegt es sehr nahe und ist es beinahe natür­lich, einen Eisenbahnerstreik als ein ihnen persönlich zuge­fügtes Unrecht zu empfinden und danach den Streif zu be urteilen. Doch im vorliegenden Fall hat die russische Re­gierung es verstanden, selbst die natürlichen Sympathien zit berscherzen. Anstatt sofort und mit fester Hand zuzugreifen, auf alle Weise für Erhaltung des Verkehrs und gleichzeitig für die Erfüllung der schnell zu prüfenden und als berechtigt erkannten Forderungen der Arbeiter und Angestellten zu sorgen, hat man nach der schlechtesten Methode gehandelt: zaghaft und widerspruchsvoll. Es gab die in solchen Fällen übliche Reihenfolge: ordre contreordre désordre. Man versprach den Arbeitern, was sie verlangt hatten, man zögerte die Erfüllung hin, und dann kam man mit den Drohungen, von denen man doch weiß, daß sie keine Schrecken mehr haben.

Stalien hat gegenwärtig etwas Aehnliches wie einen Eisenbahnerstreik: eine Eisenbahner- Obstruktion. Die un­teren Angestellten der Eisenbahnen hemmen in ungebühr­licher und unerträglicher Weise den Verkehr, indem sie ihren Dienst nach dem Buchstaben einer von der Praris längst überholten, über fechzig Jahre alten Vorschrift verrichten. Was sonst wenige Minuten beanspruchte, dauert jeẞt Stun­den, jede kleinste Rangierarbeit führt zur Sperrung einer großen Station u. s. w. Das Publikum lachte bei dem felt­samen Schauspiel aber es lachte nicht lange.

Das Publikum ist eben bei einem Eisenbahnerstreik unter allen Umständen der leidende Teil. Ob die Eisenbahnherren der Staat oder Private- Necht haben oder die Eisen­bahner, das geht eigentlich das Publikum nichts an, das die Zeche zu bezahlen hat. Und dabei ist das Publikum zu der Auffassung befugt, daß um seinetwillen die Eisenbahnen und die Eisenbahner da sind. Ohne das Publikum gäbe es keine Eisenbahnen und keine Eisenbahner, könnte es keine geben.

Darum ist ein Eisenbahnerstreit ein Streit ganz eigener Art, nicht mit anderen Streits auf eine Linie zu stellen. Der Eisenbahner hat in seinem Arbeits- oder Anstellungsvertrag einen Mitkontrahenten, er hat aber außerdem noch einen Herrn: das Publikum, dem er dienstpflichtig ist. Wenn der Arbeiter oder Angestellte sonst der Erfüllung seiner Auf­gaben sich entzieht, so leidet ein einzelner darunter, vielleicht sogar eine Vielheit. Tut aber der Eisenbahner dasselbe, so leidet die öffentliche Sicherheit und die öffentliche Ordnung. die beide auf dem ungehemmten Eisenbahnverfehr basieren. Die Eisenbahner haben somit ein gesteigertes Maß von Pflichten und Rücksichten, sie dürfen in dem wirtschaftlichen Kampf nicht die Mittel alle gebrauchen, deren Verwendung anderen freisteht.

Der Krieg in Oftalien.

Daß die letzten erbitterten Kämpfe, die in der Erstür­mung der starken russischen Position auf den Beresnevsk­

Der Eselsmüller und die Falschmünzer.| auf der Bettelfahrt beten oder fingen, haben sie bald

Von Gustav Rohleder, Grünberg i. H.

Alle Rechte vorbehalten.

( Nachdruck verboten.)

Während der Tafel rühmten die Forstbeamten auf Befragen ihres erlauchten Fürsten die Unübertrefflichkeit seiner Forsten. Ste berichteten über den Neichtum an Holz und Wild. Schmunzelnd hört ihnen der Kurfürst zu, ja es schmeichelte seiner Eitelkeit sehr-- Da hritt der Hofnarr ein, verbeugt fich stumm vor dem Kurfürsten und der Gesellschaft und geht ebenso hinaus.

Nach kurzer Zeit tritt er wieder ein und trägt auf einer silbernen Schüssel einen ziemlich großen Butter­los, wie ihn die Bauern in Hessen zurecht machen. Zuerst geht er zu dem letzten und niedrigsten Forst­beamten. Er bittet, indem er den Butterklos darreicht, derselbe möge sich eine Scheibe abschneiden. So geht er von einem zum andern. Beim Kurfürsten angelangt, urch Platate fenn überreicht er demselben die leere Schüssel. Etwas ver­

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Fohlen, Fahrräder, heute so viel angelogen worden, deshalb habe ich dir

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blüfft fragt ihn derselbe, was dieses bedeuten solle. Der Hofnarr spricht:" Du bist über deine Meldungen diese leere Schüssel vorgehalten, um die Wahrheit an­zuzeigen." Alle hatten nur zu gut den Hofnarren ber­standen. Die Tafel wurde aufgehoben, ohne das dieses Mal ein Orden ausgeteilt wurde und der Kurfürst hatte die Herren nicht in der rosigsten Laune verlassen. Es beim alten Schlendrian.

durch Vorsagen gelernt. Sechs Tage betteln, am siebenten schlafen oder saufen und spielen sie."

" Halt ein", sprach zähneknirschend der Pfarrer, da­bei ward er wie eine Kalfswand. Schurke, ja elender Schurke" murmelte der Pfarrer, du hast mich in deiner Hand. Manchmal möchte ich verzweifeln, doch was tut es. Endlich nimmt alles ein Ende. Den Glauben habe ich doch schon längst verloren."

Der Müller sah zum Fenster hinaus. Er sah oben an der Waldecke einen noch ziemlich jungen Mann rüstig der Mühle zu schreiten. Es ist Mütze", so sprach er

laut, er fingt, das bedeutet gute Botschaft", so wendete

er sich an den Pfarrer.

Einige Minuten später trat ein schöner und kräftiger junger Mann in die Mühle. Er war gekleidet, wie die Handlungsreisenden. Hose und Rock von russisch- grünem " Bochumer" Tuch. Eine feine weiße Weste mit gelben Knöfen, Uhr mit Haarfette, Zylinder auf dem Kopfe und schwarzer Rohrstock in der Hand.

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,, Guten Abend, Vettern", so sprach Müze eintretend. Guten Abend, Müße", erwiderte freundlich der Müller.- ,, Nun wie geht es, mein Junge?" Habe ,, Gut, Vetter Müller, habe alles abgesetzt. Bielefelder Leinen, Damast, Bildweberei und anderes für Rüsseler aus Nuttler gekauft. Fast alles habe ich mit dem Gelde bezahlt und habe es so eingerichtet, daß ich von jedem Bauer gut alt Geld herausbekam. Alles ist fort. Für fünftausend Thaler gekauft, alle Brabanter

Sorto 25 Bfg. mehr. blieb aber, trotz des Hofnarren seiner Wahrheit, alles sind im Umlauf."

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Dommitraße 44

Gegen Abend des anderen Tages war der Pfarrer in die Mühle gekommen. Wo wollte er denn auch noch anders hin? Kaum saß er beim Abendbrot, so frug

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Dem Müller sein Geficht erheiterte sich bei dieser Nachricht immer mehr. Dann sprach er: Jeßt esse und trint, später sprechen wir von deinem Anteil am Ver­dienste Endlich drehte der Müller sein Gesicht ernst

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er Nebenverdienst der Müller: Hast du denn vergangne Nacht über deine dem Pfarrer zu und sprach: Willst du nicht heute Abend eicht verf. Artilel Schäflein nachgedacht? Bettler find's ja allesamt. Lesen nochmal bei Weishaupt am Kohl' nachsehn?"

Jbersgehofen- Erfurt

Der Pfarrer erwiderte kein Wort, sondern stand auf

3ft auch nicht nötig. Die Verse und Lieder, welche sie und ging gute Nacht wünschend dem Kohle" zu.

Hügel durch die Japaner gipfelten, die Einleitung zu einer neuen großen Aktion sein würden, hat sich bestätigt. Nach dem Bericht eines italienischen Kriegskorrespondenten, der sich bei der Armee Okus befindet, erwartet man, daß die be­gonnene Schlacht alles bisher Dagewesene in Schatten stellen werde. Der Korrespondent gebraucht den Ausdruck: Die Schrecken von Port Arthur werden sich in dem verschanzten Lager am Hunho und Schaho erneuern.

Die bisher vorliegenden Berichte geben dieser Auffassung durchaus recht. Es scheint tatsächlich, als ob

eine Entscheidungsschlacht bereits im Gange ist. Der Reutersche Korrespondent im rus­sischen Hauptquartier berichtet vom 27. d. M.:

In der Front und westlich von Tieling wird der Kampf fortgesetzt. Auf dem äußersten östlichen Flügel haben die Japaner die äußeren russischen Stellungen ge­nommen, sie bedrohen jetzt auch die Hauptverteidigungs­stellungen. Aus der Heftigkeit des Angriffes wird ge­schlossen, daß General Nogi mit der Artillerie von Port Arthur die japanischen Streitkräfte befehligt. 40 Ver­wundete sind in Mukden heute eingetroffen, 400 werden morgen erwartet. Auch andere Zeichen deuten darauf hin, daß ein größerer Kampf im Gange ist. Den ganzen Tag über herrschte ein furchtbarer Schneesturm.

Der japanische Vormarsch gegen den linken russischen Flügel ging in zwei Kolonnen vor sich. Die östliche Abtei­lung ging in der Richtung auf Madsadan gegen den Paß Singolin vor und umging die bei Tsinchechen stehende ruf­sische Abteilung, die sich nach Sanfunio zurüdzog. Die westliche japanische Kolonne eröffnete den Vormarsch auf Nord- Fantagan und versuchte, den Engpaß Gutulin zu um­gehen. Trotz heftigen Schneetreibens wurde der Kampf mit großer Erbitterung geführt; es gelang den russischen Truppen, am Abend die Japaner bei Nord- Jantagan zurück­zuwerfen. Der Kampf um den Gutulinpaß währt an. Eine bisher anderweitig nicht bestätigte Meldung aus London besagt, daß

der linke russische Flügel umgangen sein soll. Londoner Blätter lassen sich aus Sinmingting be richten:

40 000 Mann japanischer Truppen sind in Fakumen angekommen, die über Hügel an der mongolischen Grenze marschierend dorthin gelangt sind. Die ver= meintlichen Tschunſchusenbanden, welche in ein Schar­müßel bei Lichiawu verwickelt wurden, haben sich als ja­panische Truppen in chinesischer Kleidung erwiesen. mie weitere Meldunaen besagen, passierten bereits am

Müße mußte dem Eselsmüller alle seine Kniffe, die er im Münsterlande, seinem eigentlichen Arbeits­gebiete, vollbracht hatte, erzählen. So etwas geftel dem Müller.

Am andern Tage früh eilte Müze, reichlich mit Brabanter versehen, weiter. Dieses Mal ging es in das Ravensbergische. Auch der Eselsmüller wollte fort, aber nicht in die Weite. Er zog Försterkleidung an, hing ein Gewehr über die Schulter und fort ging es in den Hessenwald. Nach kurzer Wanderung am Bergrande sah er einen Sassenburger Mann in der Nuhne fischen. In einiger

Entfernung von demselben lag eine Last guter teurer Weiden, welche wahrscheinlich zum Korbflechten dienen sollten. Er kannte den Mann sehr gut. Wußte auch, daß derselbe weder die Weiden schneiden, noch Fische an dieser Seite des Flusses fangen durfte. Er näherte sich vorsichtig. Dann spannte er den Hahn des Ge­wehres, legte es an die Backe und rief:" Halt, Weiden­und Fischdieb, steh' oder ich schieße dich nieder." Er hatte geglaubt, der Mann würde, seine Beute liegen laffend, zitternd davon eilen. Doch hier hatte er sich getäuscht. Es war ihm ja nur darum zu tun, den Mann zu verscheuchen.

Halt's Maul, Eselsmüller", rief Balzer, so hieß der Fischer, ich kenne dich tot deiner Verkleidung. Ich fange Fische und schneide Weiden aus Armut. Du aber machst Falschgeld. Der Strick ist dir schon nah"".

Hör' mal, Balzer, schweig, oder ich stopfe dir dein loses Maul", rtef erregt der Müller.

Das brauchst du nicht", rief in diesem Augenblicke der Quelshäuser Förster. Ein Griff genügte und der Balzer war in seiner Gewalt. Denselben mit seinen Fäusten fest drückend rief er: Spizbube, dir geh' ich schon lange Zeit nach. Endlich habe ich dich erwischt." ( Fortsetzung folgt.)