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g. 1898

Gegründet

Nr. 24.

Jasertionsvrets: Die einspaltige Betttzelle für ganz Ober­tessen, die Reife Weglar and Marburg 10 Bfg. sonft 15 Big. Retlamen bie Petitzeile 30 resp. 40 Bfg.

Redaktion u. Haupterpebition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluß Nr. 362.

Samstag, den 28. Januar 1905.

Gießener

14 Jahrgang.

Abonnement& prete: abgeholt monatlich 50 Big., in's Haus gebracht 60 fg., burch die Poft bezogen vierteljährl. Mt. 1.50. Grattabellagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchen: lid)). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.

Taube Ohren.

[ Politische Wochenschau.]

Die Vertreter der Regierung, die nach dem Ruhrgebiet entsandt worden sind, vermochten bis jetzt den Frieden zwi­schen den Bergwerksbesizern und den Grubenarbeitern noch nicht wiederherzustellen, vornehmlich aus dem Grunde, weil die Unternehmerschaft sich weigert, mit den kontraktbrüchi­gen Arbeitern zu verhandeln. Darin läßt sie sich auch nicht durch die Haltung des Publikums beeinflussen, das einst­meilen mit seinen Sympathien vollständig auf seiten der Ar­beiter steht. Die preußische Regierung ist aber fest ent­schlossen, selbst unter Anwendung eines Druces die Mißver­hältnisse in der Ruhrkohlenindustrie und den Grund des Zwistes vollständig zu beseitigen und sie hat deshalb, nach­dem die Kommissare bei den Zechenbesitzern tauben Ohren gepredigt haben, die Einbringung eines Notberggesetzes be­chlossen. Einzelnen Parteien wäre allerdings eine reichs­gesetzliche Regelung des Berggesezes lieber gewesen, die h indes aus zwei Gründen verbietet: Die ganze jeßige Si­tuation erheischt eine sehr rasche Regelung der Mißverhält= nisse und die ist durch die Reichsgesetzgebung schon deshalb nicht zu erzielen, weil vorher erst die Bestimmungen der ver­schiedenen Rechtsgebiete in Einklang miteinander gebracht merden müßten, was gewiß einen langen Zeitraum erfordern würde. Außerdem aber darf nicht außer Acht gelassen wer­den, daß nach den Protokollen des Westfälischen Friedens das Bergregal zu den Hoheitsrechten der einzelnen Staaten gehört.

Daß dieser gesetzgeberische Plan im Preußischen Landtag eine Mehrheit findet, kann schon jetzt nach der Haltung der einzelnen Parteien als vollständig sicher gelten. In den ver­schiedenen Debatten sowohl wie im Deutschen Reichstage, wie auch im Preußischen Landtage wurde den Zechen­besitzern von seiten des Parlaments deutlich vor Augen ge­führt, daß die Bergarbeit und die Gewinnung des Kohlen­materials. weil die Kohle in unserem modernen Wirtschafts­leben vollständig die gleiche Rolle spielt, wie das in den Adern rollende Blut für den menschlichen Körper, nicht bloß ein Gewerbe, sondern auch ein Amt ist; jedes Anit aber legt Pflichten auf gegen die Allgemeinheit, die den privaten In­teressen vorangehen sollen. Leider haben die Parlamentarier tauben Ohren gepredigt und nun wird den Grubenunter­nehmern durch das Gesez eine Beseitigung der Mißstände auferlegt, zu der sie sich freiwillig nicht entschließen wollen.

Vielleicht bildet das jetzige Notberggeset nur den Anfang einer langen Entwickelungskette, die mit der Verstaatlichung des Bergbaues endigt. Bislang ist zwar die Regierung einem solchen Plane noch wenig zugeneigt, aber wenn etwa durch die Fortdauer schlechter Beziehungen zwischen der Ar­beiterschaft und den Unternehmern unser Wirtschaftskörper weiteren fonstitutionellen Störungen unterworfen werden follte, dann wird schlieblich mit dem Radikalmittel der Ver­

staatlichung dem Zwist ein Ende gemacht werden. Es wäre gewagt, hier prophezeien zu wollen, aber immerhin sollte die rasche und energische Entschlossenheit der Regierung den Zechenbesitzern die Gefahr eines starren Festhaltens an alten Bräuchen und alten Anschauungen deutlich vor Augen füh­ten. Der ganze Kampf im Ruhrgebiet zielt auf die Schaf­fung fonſtitutioneller Verhältnisse im Industrieleben ab. Die Unternehmerschaft in der Ruhrkohlenindustrie muß allmählich mit dem Gedanken befreunden, daß sie in ihrem Beirieke ebensogut die Konstitution an die Stelle des Abso­futismus setzen muß, wie auch die Könige ihre Machtstellung nen befestigten, indem sie den modernen Verhältnissen das Bugeständnis eines geordneten Verfassungsstaates machen. Andererseits aber ist es ja jetzt auch an den Arbeitern, ein Hindernis für die Herstellung des Friedens zu beseitigen, indem sie die Arbeit wieder aufnehmen und dadurch ihren Kontraftbruch gutmachen.

Neben dem gesetzgeberischen Plane des Notberggesetzes nehmen jetzt die Handelsverträge die allgemeine Aufmert­samkeit in Anspruch. Der Vertrag mit Desterreich ist per­feft geworden, und bereits in der nächsten Woche werden wir dem Beginn der parlamentarischen Verhandlungen entgegen­sehen. An der schließlichen Annahme der Vorlage ist in Deutschland nicht zu zweifeln und auch in anderen Staaten werden die Handelsverträge gefahrlos die Beratung pas­sieren mit Ausnahme von Oesterreich- Ungarn. In der österreichischen Reichshälfte tobt schon lustig wieder die Obstruktion. Fünf muntere Czechen machen sich fortdau­ernd den Scherz, die Verhandlung zu stören, indem der eine Schlußanträge einbringt und der andere die Beschlußfähig­feit anzweifelt, der dritte weilt als Reserve für etwaige Zwischenfälle im Saal, während je zrvei in wechselnder Schicht von den Strapazen ausruhen. Aber auch die Deut­schen haben wechselnde Schicht eingeführt, indem sie dafür Sorge tragen, daß stets die beschlußfähige Ziffer im Hause ist. In Desterreich kann übrigens mit Hilfe des§ 14 der Verfassung der Handelsvertrag ohne Mitwirkung des Par­laments seine gesetzliche Gültigkeit finden, während in Un­garn das Parlament seine Sanktion geben muß. Da indes die Opposition bereits angekündigt hat, daß sie auch der neuen Geschäftsordnung einen scharfen Obstruktionswider­stand entgegenschen werde, so ist trotz der Neuwahlen die rechtzeitige Verabschiedung des Handelsvertrags und des Ausgleichs mit Desterreich immerhin zweifelhaft. Vielleicht fann bei dieser Frage das Ministerium Tisza zu Falle kom­men und durch ein Ministerium Andrassy abgelöst werden. Jedenfalls brauchen wir uns die Köpse darüber nicht zu zer­brechen, in welcher Weise die habsburgische Monarchie für die gesetzliche Durchführung der Handelsverträge Maß­nahmen trifft, die für sie abfolut unentbehrlich sind.

Während also die Regierung in Desterreich- Ungarn mit den späten Nachwirkungen der Habsburgischen Heiratspolitik 31 fömbfer kit. Som lichen curäischen Reich

Der Krieg in Oftalien.

Während in den letzten Lagen die Nachrichten vom Kriegsschauplatz äußerst spärlich flossen und schließlid) so gut wie ganz versagten, beginnt es fid) dort wieder zu rühren. Nach einer aus dem japanischen Hauptquartier stammenden Meidung hat ein russischer Borstoß begonnen.

Wenn die Mutmaßungen des englischen Korresponden­ten, der diese Nachricht nach London übermittelt, sich bestä­tigen, so ist eine Schlacht am Schaho bereits im vollen Gange. Er berichtet nämlich vom 26. Ja­

Tuar:

Heftiges Artilleriefener wurde heute während des ganzen Tages ununterbrochen vom Westen her gehört. Eine große Schlacht scheint im Gange zu sein. Nach hier eingegangenen Nachrichten haben die Russen auf dem lin­ken japanischen Flügel den Hunho überschritten. Eine japanische Streitmacht ist zum Angriff vorgegangen. Der Kampf soll besonders heftig im Zentrum sein, die Ver­luste auf beiden Seiten beträchtlich).

Es scheint nicht ausgeschlossen, daß der russische Feld­herr zu einem aggressiven Vorgehen veranlaßt ist, weil man die Aufmerksamkeit der Truppen von den Vorgängen in der Heimat ablenken will. Ist doch schon von Meutereien im russischen Heere die Rede gewesen, die durch die immer wachsenden Entbehrungen, die ungenügenden Rationen, die mangelhafte Vefleidung noch verstärkt werden. Dazu kommt, daß nach einer langen Zeit milder Witterung strenge Kälte eingetreten ist. Die Ebene ist mehrere Zoll hoch mit Schnee Ledeckt. Der Boden ist zu hart, als daß man schnell Ver­schanzungen anlegen könnte.

Inzwischen ist Japan weiter eifrig dabei, seine Rüstun­gen zu vervollkommnen. Aus guter Quelle verlautet, daß ein großes japanisches Flottenprogramm bereits aufgestellt ist. Es wird die sofortige Kiellegung cines Linienschiffes von 19 000 Tonnen und 18 Knoten Geschwindigkeit erfolgen. Ferner werden zwei gepanzerte Kreuzer aebaut werden. Der Kiel des einen ist bereits ge­in Rußlandulae der langjährigen Gährung ein ernster akuter Zustand eingetreten. Blutig rot beleuchtet die Fackel der Revolution mit ihrem greffen Schein den Horizont und wenn vielleicht auch das äußere Bild darauf hindeutet, dan die Unruhen schon jetzt im Keime erstickt seien, so wird doch in Wirklichkeit wohl der Konflikt nur vertagt, aber nicht auf­gehoben sein. Die Regierung will nicht erkennen, daß nur durch aufrichtige Konzessionen an die moderne Weltanschau­ung die inneren Unruhen überwunden werden können. Mit diefer Forderung predigt man vorläufig im russischen Staat vorläufig tauben Ohren.

"

Lederstreifen, an welche die Leinwandgamaschen mit Der Eselsmüller und die Falschmünzer. wet Riemchen angebunden wurden. Als Kopfbedeckung meinte der Eſelmüller zwei

Von Gustav Rohleder, Grünberg i. H.

Alle Rechte vorbehalten.

Nachdruck verboten.

Wer von Hüsten nach Neheim geht, findet von der Staatsstraße links abliegend einen Feldweg. Der­felbe führt in einen großen Wald. Mancher Wanderer, der hier feinen Bescheid wußte, hat sich schon darin berirrt.

Mitten zwischen diesem Walde oder Wäldern, denn es grenzen noch mehrere an, finden wir einzelne Viehfamps. Durch dieselben rieselt ein Bächlein, so langsam, als ob es träumte.

Dieses träumeude oder leise murmeln de Bächlein zeigt uns den Weg nach einem kleinen Dörflein. Es ist zwar sehr flein, aber hat ein ausgezeichnetes Gast­haus. Deshalb suchen die Wanderer es auch zu

erreichen.

Es wohnt in diesem Dörflein ein biederes Bölkchen, sowie in der ganzen Gegend. Nur sehr arm war die Gegend zu der Zeit als unsere Geschichte beginnt. Die Ländereien lieferten den Ertrag nicht, welcher erwartet wurde. Deshalb waren die Bewohner froh, als ein Mann allerlei Waren und Vich, auch andere Sachen auffaufte, auch wieder bei ihm abseßte..

Wer er war, wußte eigentlich niemand. Er war einfach der Eselsmüller.

Gerade an dem vorher crwähnten Wege, welcher links in den Wald führt, sehen wir zwei Reiter, Der eine fam aus dem eben beschriebenen Dörflein über Neheim und ritt sein Grautier. Der andere kam von Hüften und saß auf einem Schimmel. Der erste Neiter war bekleidet mit einer blauen Tuchjacke und furzer Manchesterhose. Seine Beine steckten in blauwollenen Strümpfen und schwerbenagelten Lederschuhen, an denen Floßfadern angebracht waren. Dieses waren kleine

diente ihm eine baumwollene weißgestreifte Zipfelmütze, ähnlich derer aus dem Wettergrunde.

Er ritt ganz langsam nach der Gangart seines Esels. Er hatte nichts als seinen derben Knotenstock, dort Prügel genannt.

Es war der Eselsmüller."

Schon von weitem hatte er den Grenzjäger Heiner kommen sehen. Doch dieser Stramme konnte ihm nur ein Lächeln abgewinnen.

Der Eselsmüder hatte dreierlet Gesichter, ein schlaues, ein grundehrliches und ein recht dummes. Nur das erste und letzte pflegte er meistens zu zeigen. Es kam auch vor, daß er das ehrliche zeigte, aber sehr selten.

Der Eselsmüller ritt also in aller Gemütsruhe auf Hüsten los. Was er unterwegs verdient hatte, verstand sein Esel nicht, er selbst aber desto besser. Deshalb famfihm gerade so ein Grünfuchs, wie er die Grenzjäger nannte, recht. In der Nähe des Grenz­jägers augekommen, setzte er sein dummes Gesicht in liebreiche Falten. Er grüßte den Beamten demütiglich, indem er seine Zippelmüße ganz vom Kopfe abzog.

Doch als cr vorbeireiten wollte, rief ihm der Grenz­jäger ein gebirterisches Halt zu.

Der Eselsmüller stellte sich dumm und ritt weiter. ,, Kerl wollt ihr halten," schrie der Beamte. Habt Ihr mich gemeint, Vetter Grenzmeister?" frug der Eselsmüller, sich so recht freundlich- dumm stellend. Kerl, ich heiße nicht Grenzmeister, sondern Grenz fontrolleur, entgegnete der Grenzjäger, dem Lang­ohrritter.

Verzeihung Vetter Kontrolör, ich hab es nicht ge­wußt, wer sie eigentlich sind.

" Sterl, zum Donnerfiel, nicht Vetter Kontrolör, sondern königl. Grenzfontrolleur heiße ich," so schrie der erzürnte Grenzjäger.

,, Gut also, ich bring's aber nicht heraus Vetter," Wer seid Ihr? Wo kommt Ihr her? Was treibt Ihr und wo habt Ihr euere Papiere? fragte im Trab der Beamte.

" Better," sprach recht demütig den Eselsreiter und lächelte so kindlich dabei: Das ist zu viel auf einmal. Seid so gut Vetter und fragt mich ein's nach dem andern, ich vergesse gar zu leicht!

,, Kerl, schrte der Grenzjäger, seit ihr denn des Teufels? Einen föniglichen Beamten Vetter zu nennen?"

,, Nun wie denn? Unseren Pfarrer und Schulmeister nennen wir Vetter. Höheren Standes habe ich noch feine Menschen gesehen. Seit Ihr denn noch mehr? Unser Pfarrer ist der reichste Bauer in N... Hausen. Der Schulmeister ist der zweitreichste, er fährt mit zwei Ochsen," sprach gelassen der Eselsreiter.

Jetzt aber halt's Maul, Kerl, sonst vergesse ich mich" schrie immermehr in Wut geraten der Grenz­jäger. Wo seit Ihr her?"

,, Aus der Eselsmühle" antwortete der Müller.

"

Wo liegt die," frug der Beamte weiter. Ei Vetter, das wißt ihr nicht?" fragte der Esels­müller.

"

,, Sterl, nenne mich nicht mehr Vetter, sonst holle Dich der Teufel," schrie drohend der Beamte.

3st nicht nötig, Grenzbeamter, unser Vetter Pfarrer sagt, der Teufel hole blos die Grenzjäger," so entgegnete der Eselsmüller.

,, Lump von Kerl, du dämlicher, schrie wütend der Beamte. Glaubst Du etwa ich sei dein Narr?"

,, Weiß nicht, rief der Eselsmüller, erst glaubte ich, Ihr hießet Vetter, und nun fragt ihr mich ob ihr mein Narr seid. Ach wäre doch unser Vetter Pfarrer da, der gäbe mir die rechte Antwort."

( Fortsetzung folgt.)